Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 45 (20.11.1908)
- Date
- 1908-11-20
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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SeÜe 4 FrmrMrter AfwÄWM FamüieMaü. Nr. 45. Am Schabbos wurde Salomon Basel zur Thora aufgerufen, und er schnoberte, wie es einem reichen Manne znkam. Aber er fand nach dem Gottesdienst leine Balbatim, die sich ihm auf dem Heimweg anschlossen. Nur der Schneider Gumpel reichte ihm die Hand und wünschte ihm gut Schabbos. Sonntag morgen, gleich nach dem Gottesdienst, ging er zu Bär Kuchenheim. „Reb Bär, ich habe geschäftlich mit Euch zu reden, habt Ihr jetzt Zeit?" Sie waren unweit der Wohnung Bär's, und der lud ihn ein, bei ihm einzutreten. Salomon ließ sich gewichtig auf einen Stuhl nieder. „Bär, jetzt ist ja alles jn Ordnung, und nun können wir von Geschäften neben." „Was wollt Ihr denn, Reb Salomon?" „Ich soll dem Erzbischof zweihundert Mark Gold leihen und habe die Summe nicht ganz zur Hand. Bevor ich mir das Geld von Mainz kommen lasse, wollte ich mit Euch sprechen, ob wir das Geschäft zusammen machen wollen. Der Herr verpfändet uns den Beuelshof.mit seinen großen Einkünften dafür. Es ist ein Stück Gold daran zu verdienen." Bär war sofort entschlossen, mit dem moralisch noch immer Gebannten nichts gemeinsam zu unter-, nehmen, wollte ihn jedoch sich und der Gemeinde nicht zum offenen Feind machen und sagte: „Ich habe auch jetzt keine hundert Mark Gold da. Aber ich werde mit meinem Schwager Moses Ems reden, wenn der mit teilnehmen kann oder will, bin ich einverstanden." „Das ist recht, Reb Bär. Ich weiß, Ihr seid geachtet und angesehen beim Rat und seid der Bevollmächtigte der Judenschaft, der am meisten Gewicht hat, aber ich habe auch meine Freunde in der Sippe der Vornehmen. Wie ich Euch schon früher einmal gesagt habe, wir zwei können etwas ausrichten." „Gut Reb Salomon. Aber folgt mir und macht Frieden mit der Gemeinde. Gebt jetzt freiwillig, was Ihr von Pflichtwegen nicht zu zahlen braucht." Salomon stand auf. „Darüber wollen wir in fünf Jahren einmal sprechen. Nun überlegt mit Eurem Schwager, und dann gebt mir Bescheid." Er nickte vertraulich und entfernte sich, Bär in übler Laune zurücklassend. Es erfüllte den aufrichtigen Bär mit- Ingrimm, daß er Salomon Basel nicht so verächtlich behandeln durfte, wie es ihm gebührte. Aber der Beste hatte die Feindschaft des Schlechten zu fürchten, jede Verleumdung konnte die schwersten Folgen nach sich ziehen, und daß Salomon und besonders sein Sohn Joseph ohne Rücksicht auf das Wohl anderer vorgingen, hatten sie bewiesen. Bär mußte deshalb schweren Herzens den Verkehr mit beiden weiter pflegen, wenn er ihn auch auf das Nötigste beschränkte, denn seine Schuld durste es nicht sein, wenn sic sich ihm und der Gemeinde zu offenen Feinden erklärten. — Moses Ems war sonder Fährnis tviedcr in Köln angelangt und begab sich ohne Aufschub zu Herrn Peter Overstolz. Der schritt ihm bis an die Tür entgegen und rief: „Willkommen Moses, ist es Dir gelungen?" „Gnädiger Herr, Ihr werdet zufrieden sein." Er berichtete getreulich und schloß mit den Worten: „Der Schreiber Nikolaus Eberlein tvird in einigen Tagen bei Euch eintreffen und Euch helfen, daß Ihr zu Eurem Rechte kommt." Overstolz sagte, ihm einen Beutel überreichend: „Moses, ich danke Dir, hier ein iveniges für Deine Mühe." Dieser wehrte bescheiden ab. „Das ist für die kleine Arbeit zu viel. Ich hatte ja nicht die geringste Mühe, ein Kind hätte ebenso gut Bote sein können." Overstolz steckte ihm den Beutel in die Tasche. „Ich bezahle Dir ja nicht die Arbeit, sondern zolle einen Dank für die Treue und Verschwiegenheit." Moses rief: „Herr, irärcn alle Christen wie Ihr, wahrlich, die Welt wäre ein Himmelreich.' Overstolz lachte in bester Stimmung. ,^eute ist die Welt noch ein Jammertal." Moses sagte: „Gnädiger Herr, jetzt braucht Ihr mich in dieser Angelegenheit nicht mehr. Ich bitte Euch herzlich, verschweigt die Dienste, die ich Euch darin getan und sorgt, daß Nikolaus Eberlein nichts von mir ausplandcrt. Der Herr Erzbischof könnte es an allen Juden heiinsuchen, daß Einer gegen Ihn gearbeitet hat." _ Overstolz entgcgnete ernst: „Lei unbesorgt. Ich habe Dir versprochen, zu schweigen und übernehme den Schreiber; ich habe ein Mttcl, ihm den Mund zu stopfen." Er nickte Moses freundlich zu, und dieser entfernte sich mit ehrerbietigem Gruß. Als Moses an der Marspforte anlaugte, schritt ein hochgewachsener Mann in langem Mantel und mit einem Barett auf dem Kopfe vor ihm her. Ein armseliges Wägelchen, mit einem Plantuch überspannt und von einem struppigen Gaul gezogen, rollte vor ihnen des Wegs. Einige halbtrunkene Burschen kamen daher. Sie zerrten und stießen sich johlend, einer stolperte und tat, als ob er gegen den Wagen stürzte. Er rief! „Verfluchte Juden, wollt Ihr ehrliche Christenmenschen totsahren", hob einen Stein auf und warf ihn mit aller Kraft gegen den Wagenlenker. Ein lauter Weheruf ertönte, und ein alter, dürftig gekleideter Jude, der das Pferd am Zügel geführt hatte, stürzte zu Boden. Die Kerle faßten sich an der Hand und sprangen brüllend um den Wagen herum. Aber plötzlich war der Fremde bei ihnen, faßte zwei am Nacken und schleuderte sie rechts und links auf den Boden. Dann kreuzte er die Arme rnrd warf den Halbtrunkenen einen so furchtbaren Blick zu, daß diese, rasch ernüchtert, fortschlichen. Inzwischen war Moses zu dem Ueberfallencn geeilt, der sich noch schreiend auf dem Boden wälzte. Er erkannte einen armen, verwitweten Schlächter aus Neuwied, der in den Dörfern seinen Beruf ausübte und vorhatte, nach Köln überzusiedeln. Moses rief ihm ermunternd zu: „Sender, steht aus. Wo hat Euch der Stein getroffen?" Sender wimmerte: „Das ist mein Tod. Er hat mir den Kopf eingeschlagen." Der Fremde, der dazugetreten war, sagte mit tiefer, gütiger (Stimme: „Laßt mich einmal sehen, ich bin Arzt." Während er sich zu dem Verunglückten beugte, blickte ihn Moses an. Er war ein junger Mann, gegen dreißig Jahre alt, mit blassen, geistreichen Zügen. Die Gruppe war jetzt von hinzugekommenen Volks - Weibern mit steife», weißen Hauben, Männern in ihren Werktagskleidern — uinstanden, die mit stumpfer Neugier zuschauten. Der Arzt hatte den stöhnenden Sender untersucht und fragte: „Wo hat Euch denn der Stein getroffen, ich sehe keine Wunde upd keine Beule." „Oh, Oh, mein Kopf ist zerbrochen, ich habe den Stein — er war so groß wie ein Haus — sausen hören." Der Arzt richtete sich lächelnd auf und sagte zu Moses: „Der Stein ist an ihm vorbei geflogen, es ist ihm nichts geschehen, nur der Schrecken hat ihn mächtig gepackt. Wir wollen sorgen, daß er von der Gasse kommt." Und in ernstem Ton sprach er zu Sender, der noch immer leise jammerte, „Steht auf und kommt in die Judenstadt, der Stein hat Euch nicht getroffen. Macht Euch nicht zum Gespött auf der Straße." Er hob ihn auf und faßte ihn unter den Arm. Moses nahm die Zügel des Gauls, und so ging die sonderbare Karawane in die Judcngasse. Moses sagte dem Fremden, der den Sender noch inimer stützte, „Herr, jetzt kann ich den Mann allein geleiten, wir sind unweit des Unterkunfts- Hauses. Nehmt meinen herzlichen Dank für Eure Güte." „Ich werde den Mann in's Hekdesch bringen und ihn untersuchen, der Schreck hat ihn doch mitgenommen." Moses war betroffen, daß der Arzt das jüdische Wort kannte. „Gott segne Euch für Eure Freundlichkeit gegen den armen Juden. Wenn Ihr es wünscht, soll Eure ärztliche Kunst würdigen Lohn finden." Ein Lächeln erhellte einen Augenblick die ernsten Züge des Arztes. „Macht nicht so viele Worte, auch ich bin Jude. Eben bin ich mit dem Schiff angekomnien." Moses betrachtete staunend die hohe Gestalt, den aufrechten Gang des Fremden, der halb ritterliche, halb Gelehrtenkleidung trug. Unterdessen waren sie am Hekdesch angclangt, das nicht nur als Hospital diente, sondern auch einheimischen und fremden armen Inden Aufenthalt bot. ' Sender wurde ins Bett gebracht, und die Untersuchung bestätigte, das; dem Alten nichts als der Schrecken in die Glieder gefahren war und er nur der Ruhe bedurfte. Er rief ängstlich: „Mein Wagen und mein Pferd." (Fortsetzuitg folgt.) Sec Menschheit Wohltäter Odivin Weltmundwasser. W* Ueberall erhältlich. Preis der Retorte-Flasche Kk. 1.25. SPRACHEN jMF.PBFGy Biirslnstltut [ Kaisentrasse 81. — Nationale Lehrkräfte. — JSngliaah, JVaiutifaoä eto Bereius-Kaleuder. Verein Mekor-Chajim. Samstag, 21. Novbr., nachm. 3*/» Uhr, Schützenstraße 2: Mikro-Vortrag des Herrn Fritz Wohlfarth. Sonntag, 22. Novbr., nachm. 6 Uhr im früheren Saale des Kaufm. Vereins Langestr. 28: Vortrag des Herrn Dr. Raphael Breuer über: „Die vier schönsten Frauen der Welt. Eine talmudische Allegorie." Jüdischer Frauenverei« E. B. Mittwoch, 25. Novbr., abends 9 Uhr in der Realschule der Israel. Rcligionsgesellschaft, Am Tiergarten: Herr Direktor Dr. Lange: Lektüre und Erläuterung deD Buches Hiob. Centralverein israel. Gemeindemitglieder. Montag, 23. Nov., abends Uhr, im Saale des alten Kaufmännischen Vereinshauses, Langestraßc 26: Herr Dr. Arthur Kahn, Berlin: Die jüdische Religion und die moderne Wissenschaft. Verein „Rachlatz Zwi". Mittwoch, 25. Novbr., abends 9 Uhr, im Vereinslokale Schützenstr. 2: Betrachtungen zum Wochenabschnitt Tauldaus. Referent: Herr Emil Gottlieb. Dozent: Herr Prof. A.. Wehl. Samstag, 21. Novbr., fällt wegen der Predigt des Herrn Rabbiner Dr. Breuer der Lektüre-Kursus aus. „Moutefiore"-Berei». Mittwoch, den 25. November, abends 9 Uhr: Herr Dr. jur. Siegfried 'Schwarzschild': Juden und Judentum in der gegenwärtigen deutschen und preußischen Gesetzgebung. Verein Tiferes Bachurim. Sonntag, den 22. November, abends 81/2 Uhr, Hermesweg 25/27: Diskussionsabend mit einleitendem Referate: Außerbiblische soziale Einrichtungen im Judentum. Gäste sind willkommen. Chewras „Liwjas Chan". Jeden Montag und Mittwoch, abends 7 Uhr, Schützenstr. 14: Tefillo mit Dinim. Jeden Samstag, direkt nach Minchoh, Friedbcrger Anlage 5: Midrasch. Dozent: Professor Dr. A. Sulzbach. Barmizwohs. Ohne redaktwnelle Verantwortlichkeit. Wir bitten um gefl. Mitteilung der Barmizwohs; die Aufnahme geschieht kostmlos). Paul, Sohn des Herrn Leopold Speier, Am Tiergarten 38 in der Synagoge Börneplatz; Julius, Sohn des Herrn Ferdinand Ehrmann, Röderbergweg 36 und Sally, Sohn des Herrn Josef Horngrad, Langestr. 63 in der Synagoge Friedberger- Anlage. Herrmann, .Sohn des Herrn Simon Jeidel, Sandweg 30 Il.j in der Synagoge Hermesweg. Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. M. - Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt. Wohack Holier, Hof Juwelier, KUseratr.l, Frankfurt a. M. Inhaber: M. WaXZaiZ. Perlen? Juwelen? Gold waren,; Auf Wunsch Auswahlsendungen. ■' Wocheu-Salerrder. (Zeitangaben nach dem Luach.) Samstag, den 21. November (= 27. Cheschwan): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr 05 Min. Sabvat-AuSgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 25 Min. in Berlin 4 Uhr 50 Min. Wochenabschuitt: C h a j e - S o r o. — Der Tod Saras, die 127 Jahre alt wurde. Der Kauf der Höhle Machpcla Abraham erwirbt diese Höhle von den Chitern. 400 Schekel zahlt er dem Efraun, der sich anfangs den Anschein gab, als wollte er die Höhle schenken. Die Höhle wird Familiengruft Abrahams. Sie befindet sich zu Hebron. (Die Türken bewachen sie heute noch als Heiligtum.) — Jsaks Heirat. Nicht von den heidnischen Mitbürgern Kanaans soll Jsaks Frau sein. Um in Abrahanls Familie zu passen, soll sie an ihrer Gastfreundschaft erkannt werden. Abrahams Knecht Elieser zieht mit zehn Kamelen, beladen mit kostbarem Gut, nach Mesopotamien. Seine Sendung ist beglückt in jeder Art. Er betet und Gott schickt ihm Rebekka zu, die Tochter Betuels, eines . Ber-