Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 45 (20.11.1908)
- Date
- 1908-11-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 45 länd, in Deutschland usw." geschehen. Man sicht: die Schwierigkeiten sind nicht leicht zu überwinden, aber solange die Vorarbeiten zu "einer großen jüdischen Nationalgeschichte nicht gemacht sind, haben wir 'keine jüdische 'Geschichte, sondern jüdische Geschichten. Allein, damit ist noch nicht alles gesagt, was über die Voraussetzungen zu einer jüdischen Nationalgcschichte zu sagen ist. Jeder Historiker sieht die Dinge durch das Prisma seiner Zeit und seiner Ueberzcuguugen, womöglich noch ini Lichte seiner Partei. D i c s e T a t s a che s ch l i e ß t a u s, daß ein Nichtjudc eine ganze jüdische Nationalgeschichte schreibt. Denn unsere Geschichte ist neben anderen eine Geschichte von Tränen und von Blut, von Wunden und von Pogromen, von Hoffnungen und Enttäuschungen. Und unsere Wunde kann kein anderer fühlen, auch nicht nachfühlcn. Der jüdische Historiker muß ein Jude, ein Vollblutjudc sein! Ist er konfessionell angekränkelt, dann schreibt er die Geschichte einer Konfession, aber nicht die Geschichte der jüdischen Nation, und wenn er Mystiker ist, wird er nur Schatten an die Wand malen, aber keine jüdische Geschichte schreiben. Weder die jüdische Konfession noch ein dekadenter Mystizismus rechtfertigen unser zweitausendjähriges Verbluten, und mit solchen Waffen des Geistes ausgerüstet, kann man kein nationales Werk schmieden. Aber, noch weniger ist ein trockener Rationalist für diesen Beruf auserkoren. Ein trockener Rationalist kann unmöglich die Periode Sabbatai Zewi oder gar den Chassidismus darstellen, ohne lächerlich zu wirken. Ein Historiker muß nicht nur die Vernunstwerke der Geschichte verstehen, er muß nicht nur die teleologischen Momente herausarbeiten, sondern er muß auch das dichterische, nicht auf Teleologie abgesehene Schassen, das immer in Form einer Reaktion auftritt, verstehen. Werden wir je ein solches Nationalwerk bekommen? Ja, wenn unsere Reichen, anstatt für Kirchen und Denkmäler chr Geld zu geben, die Wissenschaft des Judentums fördern, und historische Vorarbeiten über Wasser halten, wenn unsere Rabbinen, speziell in den kleinen Gemeinden, statt so viel zu predigen oder ihre Predigten vor dem Spiegel vorzubcreiten, sich auf den genannten wissenschaftlichen Gebieten betätigen und gründliche Vorstudien dem Historiker in die Hand geben, und, wenn, wir, statt unsere großen Männer und Köpfe aus unserer Mitte hcrauszuekeln, sie bei uns behalten, ja — wenn — eine alte Klage, die immer, neu und immer berechtigt ist. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Die Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland ist gegenwärtig auf 4000 Mitglieder angewachsen. Berlin. Hier wird gegenwärtig ein Koniitee gebildet für die Einberufung eines Kongresses für hebräische Sprache und Kultur. Dieser Kongreß soll ebenso Fragen der Propaganda, die Errichtung von Sprachkursen, Abhaltung von Vorlesungen über allgemeine Wissensgebiete in hebräischer Sprache behandeln wie die Begründung von Fachkommissionen für die Erweiterung der neuhebräischen Sprache, Begründung eines Verbandes hebräischer Schriftsteller, Kommissionen für die Herausgabe einer Enzyklopädie, sowie für die Herausgabe von Lehrbüchern, Wörterbüchern usw. Ferner soll eine ständige pädagogische Kommission, die sich mit allen Fragen der Erziehung zu befassen hat, gewählt werden. Die bestehenden hebräischen Verlagsanstalten sollen unterstützt, und neue event. begründet werden. Es sollen sodann Mittel gesucht werden, um das Hebräische als Umgangssprache in möglichst weiten jüdischen Kreisen einzuführen. Auf dem Kongreß soll gleichzeitig der Grundstein gelegt werden für einen Kulturfonds, der die materielle Unterlage der Organisationsarbciten bilden und die Mittel liefern wirb für die Herausgabe von Zeitschriften rc. in hebräischer Sprache. An die Spitze dieser Einzelkoimnissionen soll ein Zentralkomitee gesetzt werden, das die Gesamtarbeiten der Organisation zu beaufsichtigen und zu leiten hat. Die Adresse des vorbereitenden Komitees lautet: Joseph Lin, Berlin N. 24, Oranienburgerstr. 58. Breslau. Für die Repräsentanten-Wahlen haben sich Konservative und Liberale ans einen K o m p r o m i ß geeinigt. Die Liberalen besetzen die vakanten sechs Stellvertreter-Stellen: die Konservativen behalten ihren bisherigen Vertreter, Prosessor B a d t, und erhalten noch einen Kandidaten, Rechtsanwalt H i r s ch b e r g. — Der Verband der S y n a g o g e n - G ein c i n d e n des N e g i c r u n g s b e z i r k e s Oppeln, dem sämtliche jüdische Gemeinden Oberschlesieus angchörcn, hielt unter dem Vorsitz Kommerzienrats G r ü n s e l d - Beutheu seine Generalversammlung ab. Es wurde u. a. beschlossen, ein Museum für jüdische Altertümer anzulcgcn, bei dem „Verbände der Deutschen Juden" dahin zu wirken, daß im Falle der Einführung der allgemeinen Sonntagsruhe denjenigen jüdischen Angestellten, die den Samstag halten, eine zweistündige Tätigkeit am Sonntag gestattet werde, und bei der Regierung dahin vorstellig zu werden, daß die Kosten für den jüdischen Religionsunterricht an höheren Lehranstalten vom Staate vollständig übernommen werden. Oesterreich-Ungar». Wien. Die jüd -nationale Studentenschaft hat dem Rektor der Universität folgenden P r o t e st überreicht: „Die jüdisch-nationale Studentenschaft protestiert ans das entschiedenste gegen das Vorgehen der dcutschuationalen Studenten während der letzten Tage. In brutalster Weise wurden einige Jüdischnationale abgesangen und wenn sie auf die Frage, ob sie Juden seien, mutig ihre Nationalität bekannten, niißhandelt. Den Anlaß für dieses pöbelhafte Betragen der Blüte der deutschen Kulturträger bot ein alter, tiefer Gegensatz, der seit der Zeit des sogenannten „Weidhofener Beschlusses" datiert. Seit mehr als 12 Jahren wird den Juden zufolge dieses Beschlusses die Ehre abgcsprochcn, werden sie allen anderen Nationalitäten gegenüber für unfair und satisfaktionsunsähig erklärt. Die jüdischen Akademiker haben damals die ganze Zeit hindurch verachtungsvoll geschwiegen. Nur wenn der Gegner in seinem Uebermute und im Gesühle seiner Ueberzahl sie provozierte, haben sie den Weg der Ehrennotwehr betreten und alle diejenigen gezüchtigt, die frech ihre Ehre antasteten. Sie haben es hierbei ängstlich verniieden, den Kampf auf die Alma mater zu tragen, und niemand kann ihnen den Vorwurf machen, daß sie den heiligen Ernst des Studiums und des akademischen Betriebes jemals gestört haben. Doch der Uebcrmut der „Kulturträger" empfand schon diese Regungen der Notwehr als Anmaßung. Die vielen Fälle von Züchtigungen der Beleidiger, die in der letzten Zeit vorkanren, wurden dem Eigendünkel der dcutschnationalcn Studenten unerträglich. Auch in deni konkreten Falle „Allemania" kontra „Kadimah" und in anderen Fällen schaffte» sich jüdischnationale Studenten die entsprechende und einzig mögliche Genugtuung a u h c rhalb des akademischen Bodens. Die G e g ne r aber überfielen mit Mannesmut und Manu es stolz in Horden einzelne, ahnungslose, ans den Vorlesungen kommende jüdische Studenten und mißhandelten dieselben, bis sic blutüberströmt am Boden liegen blieben. Und dies alles geschah auf einem Boden, der, wie zahlreiche Relegationen in früheren Jahren beweisen, seit jeher als akad e in i s ch e r g i l t. Montag, den 9. November, hat Herr Kanzleidirektor Dr. v. Blumauer, der selbst einer Verbindung angehört, die Juden keine Satisfaktion gibt, diesen Boden für nicht akademisch erklärt. Nach seiner Auffassung ist jener Boden, auf welchem Juden durch Dcutschnationale täglich mißhandelt werden, nicht akademisch. Die Polizei hingegen verweigerte ein Einschreiten, mit der Begründung, daß der Ort akademischen Charakter trage. Die jüdischen Studenten wurden also von beiden Seiten für vogelfrei erklärt, eine Behörde hat der anderen die Verpflichtung zum Schutze zugeschoben. Die einzige Maßregel, die getroffen wurde, war ein Farben verbot für die akademische Verbindung „K a d i m a h". Sollte uns der Schutz der akademischen Behörden in unserer gerechten Sache nicht in wirkungsvoller Weise zuteil werden, so sind wir zu einem Schritte gedrängt, den wir zwar sonst p erhör r c s z i e r e n, zu dem wir aber in der Not, in welcher sich allenthaben unser jüdisches Volk und seine 'Akademiker befinden, gezwungen sind: zur Selb st wehr der Desperado s," Wie«. Der Kaiser empfing eine aus 31 Herren bestehende . Deputats o ii der i s r. K u l t u s g e m e i n d e n Bosniens und der Herzegowina, die die Aufgabe hatte, dem Kaiser die Gefühle der Loyalität der Juden auszusprechen. Die Audienz währte eine halbe Stunde. — Der Führer der Deputation, der greise Präsident der Kultusgemeinde Serajewo, Gemeinderat Salomo» Efendi S a l o m, sprach an der Spitze einer kleinen Deputation auch beim Sektionsches Baron Kutsch er a im gemeinsamen Finanzministerium vor, um ihm die Bitte um eine Vertretung der bosnischen Juden im kommenden Landtag vorzutragen. Baron Kutschera besprach mit Salom Efendi sehr eingehend diese Frage. Bei dem Umstand, baß in Bosnien und der Herzegowina, nur zirka 8000 voraussichtlich wahlberechtigte Juden leben, sei eine solche Vertretung nicht ohne weiteres d n r ch z u f ü h r e n, der bosnisch-herzegowinische Landtag müßte eine Unzahl von Deputierten erhalten, soll schon auf 8000 Wähler ein Deputierter entfallen. Uebrigens würden Juden voraussichtlich in den Landtag kommen, und zwar im Wege der Handels- und der Advokatenkammer. Immerhin werde im gemeinsamen Finanzministerinm noch gesucht werden, wie man den Wünschen der Juden entgegenkommeii könne. Wien. Ueber die in der vorigen Woche hier stattgehabten Studenten Prügeleien — wir gaben bereits in der vorigen Nummer ausführlichen Bericht — sei noch die Darstellung des Korrespondenten der „N. I. K." hier wiedergegeben: Ein deutschnationaler Couleurstudent rempelt einen Zionisten, ein Mitglied der Verbindung „Kadimah", roh an. Der Kadimahncr verlangt Satisfaktion und erhält die bekannte Antwort: „E i u echter t e u t s ch e r Mann gibt „S a u j n d e n" keine G e u u g t u u u g." Nun erteilt der beleidigte Jude seinerseits die einzig richtige Antwort, indem er den brutalen Feigling ohrfeigt. Die beteiligten Gruppen sind ungefähr gleich stark — und' deshalb entsernen.sich die Dentschuationalen sang- und klanglos, ihre tatkräftige Entrüstung für eine günstigere Gelegenheit sparend. Die Gelegenheit ist bald geschaffen. Am Montag sammeln sich die Deutschnationalen, durch Christlichsoziale verstärkt, zirka 1000 Mann stark, vor der Universität, und überfallen einzelne aus den Vorlesungen kommende, ahnungslose jüdische Hörer. Auch zwei jüdische Studentinnen werden von der Horde attackiert, geschlagen und gröblich beschimpft. Damit nicht zufrieden, verteilen sich die „Helden" in den umliegenden Gassen und fangen ganz nach russischer Pogrommanier, jüdische Passanten, darunter alte Männer, ab und prügeln sie, bis Blut fließt. Jetzt sieht sich der U n i v e r s i t ä t s s e n a t veranlaßt, einzuschreiten und verhängt — über die „Kadimah" das Verbot des Farbcntragcns! Um sich vor den feigen Massenangriffen zu schützen, besetzen am Dienstag die Jüdischnationalen die Universitätsrampe. Eine zehnfache antisemitischeUebermacht umlagert sie. Die Angreifer werfen, wie es sich für ritterliche Akademiker ziemt, Steine und Stinkbomben und spritzen mit Schwefelsäure. (!) Die Juden harren mutig und ruhig aus. Auf Zureden und Versprechungen des Vertreters der akademischen Behörde, des Kanzleidirektors Blumauer, geben sie endlich ihre Position auf und wollen abziehen. Diesen Augenblick nützen die Deutschnationalen feig aus und stürmen die gelösten Reihen. Zum Unglücke bricht das massive steinerne Rampengeländer und die jüdischen Studenten fallen in die Tiefe. Auf die unter schweren Trümmern begrabenen wehrlosen Juden drischt nun der Pöbel barbarisch los, so daß der Platz bald mit Verletzten bedeckt ist. Die Polizei wahrt „wohlwollende" Neutralität. Die Deutschnationalen und Christlichsozialen besetzen triumphierend den Kampfplatz und verkünden, daß sie auch in Zukunft den deutschen Boden der Alma mater vor fremdeni Volke „schützen" werden! So hat sich der aufsehenerregende Vorfall abgespielt. Die Wiener Tagesblätter konnten nicht umhin, ihn in gleicher Weise zu schildern und der Empörung über die feige Roheit der deutschen Akademiker lebhaften Ausdruck z» verleihen. Budapest, 15. November. Wieder haben die Juden Oesterreich-Ungarns einen Erfolg auf dem Gebiete der nationalen Autonomie , zu verzeichnen.' Auf eine Anfrage hat nämlich Minister Graf Andrassy erklärt, daß die Kenntnis der hebräischen Sprache in Wort und Schrift das Wahlrecht verleihe. (Bekanntlich sind nach dem neuen Wahlgesetzentwurf Analphabeten voni Wahlrecht ausgeschlossen.) Frankreich. Paris. N a r c i i s e L e v e n, der Präsident der „Alliance Jsraelite Universelle", empfing folgendes Schreiben des Großwesirs von Marokko: „Ich habe die Ehre, den Empfang Ihres Schreibens vom 16. d. M. zu bestätigen, daß Sie mir durch Vermittlung unseres treuen Freundes Herrn Josuö Corcos geschickt haben. -