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Neue jüdische Presse · 1908-11-20 · Heft 45 (20.11.1908) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 45 (20.11.1908)
Date
1908-11-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Israrrkfirrter ZstxelilislljkS Iniuilifiililatl Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementSpreiS pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins HauS. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn M. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— HedaKktoil und chefchäfksstelks: Frankfurt a. m.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße G-refo« 10507. r ■ Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petttzeile. 25 Psg. Die Rellamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Bellagen: Preis nach Nebereinkunft. - .. ' 6. Jahrgang. Freitag, den 26. 6ti686li>vuii 5669 (26. November 1968). Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Ueber jüdische Geschichtschreibung. — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Eine versunkene Welt. — Bereins- Kalender. — Wochen -Kalender. — Briefkasten. — Familiennachrichten. Ueber jüdische Geschichtschreibung. Bon Maxime Le Maitre -Gießen. Im Lichte der Gegenwart betrachtet der Mensch seine Vergangenheit. Das gilt noch mehr vom Volk, als von dem Einzelindividuum. Ein Historiker des zwanzigsten Jahrhunderts sieht die Ereignisse vergangener Zeiten durch das Prisma seines Zeitalters. Und da jedes Zeitalter von gewissen Ideen, Ueberzeugungen und Anschauungen beherrscht wird, urteilt der Historiker des betreffenden Zeitalters nach dem Schema seiner Ueberzeugungen und Anschauungen. So entstchen die großen historischen Tableaus und die Schilderungen der Vergangenheit als die Objektivationen und Manifestationen des temporösen Jndividualgeistes. Und diese Erzeugnisse des temporösen Jndividualgeistes wirken weiter bestimmend auf die Urteile und Ueberzeugungen der Masse, des Volkes — der Partei. Jedes Volk hat seine Geschichte, aber auch jede Genieinschast, die auf eine gewisse politische oder soziale Doktrin schwört. Der konservative Teil des deutschen Volkes verehrt in Treitschke seinen Historiker, das liberale Deutschland hat einst Schlosser zugejubelt. So hat jede Partei neben ihren Philosophen und Theoretikern auch ihre Historiker. Und jedesmal, wenn ein großangelegtes Geschichtswerk von eigenem Schnitt erscheint, entsteht eine großee Preßpolemik. Denn, was der einen Partei recht, ist der andern gar nicht billig. Noch zahlreicher sind aber die Schwierigkeiten, die sich dem jüdischen Geschichtsschreiber auf dem Wege seines Schaffens bieten. Denn je komplizierter das historische Gebilde eines Volkes ist, desto schwieriger ist die möglichst objektive Darstellung seines Werdeganges. Und da wir es beim jüdischen Volk mit den merkwürdigsten und eigenartigsten historischen Gebilden zu tun haben, so wird die Darstellung seines historischen Werdeganges zu einem fast unlösbaren Problem. Von all den jüdischen Historikern, die im letzten Jahrhundert es versucht haben, die Geschichte oder nur Teile der Geschichte ihres Volkes darzustellen, hat nicht nur kein einziger seine Aufgabe nur annähernd gelöst, sondern jeder — so hat es den Anschein — war bemüht, darzutun, daß die Aufgabe unlösbar ist. In den letzten zwei Dezennien sind zwei große Mische Geschichtswerke entstanden, und das Erscheinen eines jeden dieser Werke war das Signal M einer Polemik, zu einem Parteikrieg. AIS das stark rationalistisch-kritisch angelegte Werk von dem Wiener Historiker Weiß, „Dor Wedorschow" erschien, entstand eine Erregung und eine Erbitterung in den Kreisen der gesetzestreuen Juden, speziell der in Deutschland. Und als vor einigen Jahren der konservative H a l e v y mit seinen! „Doroth-Horischonim" auftrat, waren die liberalen Juden ganz außer Fassung, denn nicht nur erblickten sie in dem Werke selbst eine „theologische Verhunzung" der Geschichte, sondern sie mußten als gebildete Männer einsehen, daß die konservative Idee im Judentum noch eine Macht ist. Und die Macht einer Partei äußert sich immer in großen intellektuellen Schöpfungen. Haben auch alle liberalen Juden, soweit sie sich für solche Fragen überhaupt interessieren, das „Doroth Horischonim" nicht als eine große intellektuelle Schöpfung angesehen, so mußten sie sich doch sagen, daß schon das mögliche Erscheinen eines solchen Werkes einen Kontigent von Lesern dieses Werkes zur Voraussetzung hat, was natürlich ihren Traum von einem „konservativen Ueberbleibsel" zerstören mußte. Allein auch nicht bei allen konservativen Juden hat dieses hier erwähnte Werk uneingeschränktes Lob gefunden. Einer der Besten unseres Volkes, . ein Vollblut-Jude seiner jüdischnationalen Gesinnung, seiner Intelligenz und seinem Wissen nach, Ahron Mar cns, hat „das" Geschichtswerk der jüdischen Orthodoxie in Deutschland einer Kritik unterzogen und sowohl methodologische als sachliche Mängel herausgefunden, für die ihm der Verfasser Dank wissen, kann. Und vor ganz kurzer Zeit hat. ein sonst verdienstvoller Historiker, Prof. Philippson, ein Buch über die Geschichte der Juden in der neueren Zeit erscheinen lassen, das nicht ganz mit Unrecht in der konservativ-jüdischen Presse scharf mitgenommen wurde. Ja, kurz nach dem Erscheinen dieses Werkes hat,fkf) sogar die Alliance Jjraelite Universelle ^veranlaßt gesehen, mit einer „Richtigstellung" hervorzutreten, da Philippson den Mut hatte, die Alliance und ihre Tätigkeit in das richtige Licht zu rücken. Aeltere Historiker, wie Jost und H e r z - feld, sind schon heute ganz vergessen, und der Historiker, der sich am längsten erhalten hat und dessen Werke in fast allen Kultursprachen erschienen sind, in hebräischer Sprache von dem bekannten hebräischen Historiker S. P. Rabbino w i tz (Schefher), Prof. G r ä tz, dürfte sich gleichfalls allmählich diesem Geschicke nähern. Grätz, der von Historikern wie Ranke und Schlosser beeinflußt war, hat eine Geschichte der jüd. großen Männer und der herrschenden Ideen im Judentum geliefert, aber keine Geschichte des jüd. Volkes. Volksgeschichte resp. Nationalgeschichte ist mehr, als die Geschichte von Ideen und Personen. Die Geschichte eines Volkes, resp. einer Nation muß auch die Geschichte seines Rechts, seiner Wirtschaft, seiner Sitten, kurzum alle diejenigen großen Momente umfassen, ohne die kein historisches Nationalleben möglich ist. Weiß und Halevy haben nur — jeder nach seiner Grundüberzeugung — Teile, zumeist die kulturellen No. 45. Momente unserer Geschichte bearbeitet und dargestellt und ihre Arbeiten können schon aus diesem Grunde nicht als nationale Geschichtswcrke betrachtet werden. Wollte heute ein Historiker von Begabung und Fleiß der Darstellung der jüdischen Geschichte sein Leben widmen, er würde über die knappsten Vorarbeiten nicht hinauskommen, denn die drei Gebiete, die er bearbeitet vorfinden inuß, Rechts-, Wirtschafts- und Sittengeschichte, sind als vergilbte Blätter oder als Papierfetzen in den Archiven und Bibliotheken zerstreut, und bis jetzt hat sich weder ein jüdischer Rechtshistoriker noch ein jüdischer WirtschaftsHistoriker gefunden, der sich die Darstellung der jüdischen Rechts¬ oder Wirtschaftsgeschichte zur Lebensaufgabe gemacht hätte. Und auch diese Vorarbeiten verlangen ganze Leben und ganze Männer. Dabei müssen die in Betracht kommenden Vorarbeiter Juden sein, die auf allen Gebieten des jüdischen Schrifttums und der hebräischen Literatur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart zu Hause sind. Nur dieser Umstand allein ist daran schuld, daß sich bis jetzt keine christlichen Männer gefunden, die diese Arbeit gemacht haben. Ist ein christlicher Gelehrter im jüdischen Schrifttum bewandert, so ist er in der Regel weder Jurist noch Nationalökonom noch Sittenhistoriker, sondern Theologe. — Und wo christliche Theologen in ihren Forschungen auf große jüdische Erscheinungen gestoßen sind, haben sie auch Großes geleistet. Ich kenne nur ein gut bearbeitetes Kapitel aus der Mischen Geschichte, das ist: „Geschichte des jüdischen Volkes zur Zeit Christi" von Professor Schierer. Der Verfasser dieses ausgezeichneten Buches ist christlicher Theologe. Man sieht, welchen Schwierigkeiten die jüdische Historiographie begegnet. Sie erfordert und verlangt viel, ein vielfaches, reiches Wissen, das kein Historiker irgend eines Mderen Volkes haben muß. Denn unsere Geschichte steht doch immer in einem gewissen Verhältnis zu der Geschichte unserer Wirtsvölker. Und da das jüdische Volk seit zwei Jahrtausenden in der Zerstreuung lebt, so muß der jüdische Historiker mannigfachen Windungen und Kreuzungen der allgemeinen Menschheitsgeschichte nachgehen, die Geschichte jedes Volkes speziell studieren und diese schwierigen, verwickelten Studien für die Darstellung der jüdischen Geschichte verwerten. Zum Beispiel beim Kapitel „Die Juden in Italien im Mittelalter" muß er, um eine ganze Arbeit zu tun. Recht, Wirtschaft und Sitten der Juden in Italien im Mittelalter berücksichtigen. Das ist aber total unmöglich ohne die genaue Kenntnis der Rechts-, Wirtschasts- und Sittengeschichte der Italiener, wie sie sich in den verschiedenen Phasen der italienischen Geschichte widerspiegelt. Und so muß es mit dem Kapitel „Die Juden sin Frankreich, in Eng-

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