Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 44 (13.11.1908)
- Date
- 1908-11-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite ü. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 44 sie als Faktor im Lande wirken, wenn die innere Zerrissenheit erst behoben wäre. Nichts darf unversucht gelassen werden, um dieses Ziel zu erreichen! Und da dies in dem ureigensten Interesse aller in Palästina lebenden Jude» liegt, fo wird es auch nicht unmöglich sein, es zu erreichen. In Kvnstantinopel ist eine Bereinigung unter dem Namen „A ch w a" gegründet worden, die dieses Ziel der Bereinigung für alle Juden der Türkei anstrebt. Filialen sind in mehreren Städten entstanden oder im Entstehen begriffen. Wenn es im ganzen Lande nottut, in Palästina, wo die Zersplitterung eine noch größere ist, tut eine solche Vereinigung doppelt not. Es ist Aufgabe der Zionisten, der Leitung ' wie der im Lande lebenden Parteimitglieder, ihre ganze Kraft in dieser Richtung aufzubieten, daß der inneren Zerfahrenheit ein Ende gesetzt wird. Und gerade von denjenigen, die die Bedeutung dieser Bestrebungen zu würdigen wissen, muß man erwarten, daß sie diese Einigung nichtnurnicht hindern, sondern sie mit allen Kräften herbeiführen helfen. Unter dem Drucke der oft unerträglichen Habsucht und Willkür der Beamtenschaft haben viele Juden, auch solche, die seit mehreren Generationen im Lande ansässig sind, bei den fremden Konsuln Schutz gesucht und gefunden. Mü der neuen Ordnung der Dinge hat dies keine Berechtigung mehr. Unter den früheren Verhältnissen war es verständlich, denn die türkischen Beamten pflegten vorzugsweise gerade an den türkischen Untertanen ihre Praktiken zu üben, und so kam es, daß nicht imr Juden, sondern auch Araber zu diesem Mittel griffen. Jetzt müssen alle Juden begreifen, daß diese fiktive Untertanschast gegenstandslos geworden ist. Also weg mit diesem Plunder aus trauriger Zeit! Auch diese Arbeit muß sobald als möglich getan werben. Die „Achwa", die eine jüdische Politik vertreten will, alle Juden der Türkei auf nationaler Basis zu vereinigen sucht uitb die Erfüllung jüdisch-nationaler Forderungen, wie Selbstverwaltung und Gleichberechtigung für die hebräische Sprache usw., zu erstreben sich vorgesetzt hat, muß auch in dieser Richtung tätig sein. Mit jedem Juden, der türkischer Untertan wirb, gewinnt sie an Kraft. Die Bahn ist frei!Aussichtsreichen Unternehmungen gewinnbringender kapitalistischer Arbeit, wie auch bedeutenden kulturellen Schöpfungen steht nichts mehr im Wege! Im Gegentell: man sieht es gern, wenn wir wiederkommen, um aufs Neue von dem Lande unserer Väter Besitz zu ergreifen. An unserer Loyalität wird nicht bezweifelt, wie an unserer Fähigkeit, ein nützliches Glied unter den Völkern des Ottvmlüienreiches zu werden! Wir glauben, wenn dieses Land, wo uns wahres Menschenrecht und echte Menschenwürde winkt, nicht das von uns mit so vielen Tränen beweinte Lmü> der Sehnsucht unseres Volkes wäre, wenn es ein Land wäre, das nicht viel besser ist als eine Steinwüste: das jüdische Volk, das allerorten auf der bewohnten Erde an Seele und Körper blutig mißhandelt wird, in langen Zügen, die erst dann aufhören, wenn kein einziger Jude mehr zu finden ist im Bereiche der rohen Füße, mit denen wir in den Staub getreten werden, müßte es dorthin ziehen, und je eher, desto besser, seine Rückwanderung beginnen und — vollenden! Wahrhaftig, es scheint, die Juden wollen es noch nicht Llauben, daß es ein Land gibt, wo sie als erwünschte Gäste hinkommen könnten. Me Sache ist ja auch tatsächlich zu neu! Palästina aber werden diejenigen besitzen, die die Arbeit leisten, das Land zu neuer Blüte zu erwecken! Aus «Iler Mett. Deutsches Reich. Berlin. Der „N. I. St.' teilt ein Mitarbeiter folgendes Reiseerlebnis in Schweden mit: »Ich fuhr den Jndals-Elfo, einen großen schwedischen Strom, hinunter, und wir näherten uns seiner Mündung, der Stadt Sundsvall, die einen bedeutenden Holzhandel betreibt. Der Kapitän, ein dicker, blonder, blauäugiger Schwede, sprach mich an und erzählte dies und jenes. An irgend etwas anknüpfenb fiagte er plötzlich, ob ich — — Katholik sei. „Nein, ich bin Jude." „So? Na, mein Schwager ist auch Jude!" „??... Ist Ihre Schwester Jüdin geworden?" „Nein! Aber mein Schwager ist Vorsteher der jüdischen Genieinde in Sundsvall.... Uebrigens sagen wir hier nicht „Juden", sondern „israelitischen Glaubens" — — „Juden" sind nur die, die auf dem Lande herumgehen und Sachen verkaufen. ." Wie klein 'ist doch die Welt! Als wir bei den Strahlen der untergehenden Sonne in den Hafen von Sundsvall einfuhren, war mir's, als wehte Berliner Lust herüber . . . ." Berlin. Für die anläßlich des 25 jährigen Jubiläums des Ordens „Benai Brith" zu Ehren dessen Großpräsidenten Justizrat Timendorfer begründete Timendorfer-Stiftung ist jetzt das Kuratorium gebildet worden; es besteht aus den Herren Professor Philippson, Dozent Dr. Elbogen -Berlin, Geheimrat Dr. Cohen- Marburg und Rabb. Dr. M. Horovitz-Frankfurt. Der Zweck der Stiftung ist wie folgt bestimmt worden: „Zweck der Stiftung ist die Förderung wissenschaftlicher Fortbildung. Sie soll jüdischen Akademikern, die durch wissenschaftliche Prüfungen Begabung und Tüchtigkeit auf ihren Gebieten bereits nachgcwiesen haben, die Mittel gewähren, deren sie bedürfen, um sich in ein Spezialfach zu vertiefen und darin die Lehrtätigkeit an einer Hochschule zu übernehmen. Bevorzugt werden solche Gelehrte, welche an einer Universität Wissenschaft des Judentums zu lehren bereit sind. Unter den Bewerbern sollen in erster Reihe Brüder oder Söhne von Brüdern berücksichtigt werden, welche die Wissenschaft des Judentums an staatlichen deutschen Hochschulen lehren. Die einzelne Unterstützungsratc soll nicht weniger als 1000 M. betragen." Berlin. Im Strafgefängnis Plötzensee ist eine Anstaltssynagoge eingeweiht worden. Mehrere höhere Justizbeamte wohnten der' Feier, bei der Rabbiner Dr. Maybaum die Rede hielt, bei. Karlsruhe. Die .Deutsche Handelswacht", das offizielle Organ des 'Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes, brachte in der Nummer vom 1. Mai folgende Notiz: „Die jüdische Firma B., Eisenwarenhandlung, Karlsruhe, hat bereits mehrere Angestellte vor die Wahl gestellt, aus unserem Verband auszutreten oder die Stellung zu verlassen. Unsere Mitglieder haben mit Vergnügen die Stellung aufgegeben. Firmen, die auf diese Weise gegen die guten Sitten verstoßen, sind meistens auch in anderen Beziehungen nicht zu empfehlen." Durch diese Notiz, besonders durch die Behauptung, die Forderung, aus dem Verbände auszutreten oder die Stellung aufzugeben, verstoße gegen die guten Sitten, fühlte sich der hiesige Kaufmann Bähr beleidigt und stellte Strafantrag gegen das deutschnationale Handlungsgehilfenorgan, der vorige Woche vor dem Schöffengericht in Hamburg verhandelt wurde. Das Gericht erkannte nach längerer Verhandlung auf Freisprechung und legte dem Kläger die Kosten des Verfahrens auf. In der Notiz sei eine strafbare Beleidigung nicht zu finden; anderseits habe der Arbeitgeber das Recht, Leute, die ihm unsympathisch seien, zu entlassen. In der Gegenwart werde von den Arbeitnehmern manches, was ihnen bei den Arbeitgebern häßlich erscheine, als Verstoß gegen die guten Sitten bezeichnet. Ist es schon verwunderlich, daß das Hamburger Schöffengericht sich hier ohne weiteres Auffassungen zu eigen macht und als richtig anerkennt, die angeblich in den Kreisen der Angestellten gegen die Arbeitgeber kursieren, so muß man noch mehr darüber erstaunen, daß das Gericht den entscheidenden Gesichtspunkt in seinem Urteilsspruch offenbar gar nicht gewürdigt hat, nämlich den Verstoß gegen die guten Sitten, dessen sich die beiden deutsch-nationalen Handlungsgehilfen schuldig gemacht haben, die trotz ihrer Mitgliedschaft bei einer notorisch und satzungsgemäß antisemitischen Organisation sich einem jüdischen Chef verpflichtet haben. Wer ein prinzipieller Gegner der Juden ist, sollte auch soviel Ueberzeugnngstreue und soviel Ehrgefühl besitzen, Geschäften, deren Inhaber Juden sind, fernzubleiben. Von einer wirklichen inneren Anteilnahme an dem Prosperieren des Geschäftes, wie sie mit fortschreitender Kultur in den Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern als selbstverständlich vorausgesetzt werden darf, kann. unter diesen Umständen natürlich nicht die Rede sein. Die Revisionsinstanz, die vom Kläger, wie wir annehmen, angerufen werden wird, wird diesen primären Verstoß der antisemitischen Handlungsgehilfen gegen die guten Sitten hoffentlich entsprechend würdigen. Hamburg. Mit dem Dampfer Portia trafen von London 20 mittellose Rückwanderer hier ein. Das israelitische Hilfskomitee hat für ihre vorläufige Unterkunft Sorge getragen. lll) Posen. Rentier Gustav Kronth al hat seiner Spende von 18000 M. zur Errichtung eines Monumentalbrunnens gegenüber der Hauptpost noch 5000 Mark hinzugefügt. — Am 6. dss. fand in der großen Synagoge die Vorvercidigungsfeier der jüdischen Rekruten statt. Rabbiner Dr. Feilchenfeld hielt die Ansprache. Oesterreich-Ungaru. Wien. Der zionistische Reichsratsabgeordnete Dr. Gabel hat der Regierung einen neuerlichen Fall der gewaltsamen Entführung undZwaugstaufe eines Judenkindes zur Kenntnis gebracht. Es handelt sich um die 13jährige Hinke Wieseltier, die während ihre Eltern in der Synagoge weilten, gewaltsam entführt, in das berüchtigte Franziskanerinnenkloster nach Krakau gebracht und dort zwangsweise getauft wurde.. Die Beschwerde bei der Regierung wird auch diesmal nichts helfen, denn diese wird auch diesmal vor den Klostermauern respektvoll halt machen. Also ein zivilisierter Staat, der die kleinste Uebertretung rücksichtslos bestraft, läßt eines der größten Verbrechen, den Menschenraub, straffrei geschehen! — Während in Wien Kultusvorsteher die hebräische Sprache als alten Plunder betrachten, gründen die Kultusvorsteher von Czernowitz eine hebräische Musterschule. In der zu diesem Behufe einberufenen Versammlung bezeichnete Dr. Kinsbrunner die Errichtung dieser Kurse als das vorzüglichste Mittel zur Wiederbelebung des Hebräischen und Beseitigung des unnatürlichen Zustandes, daß die Juden fremde Kulturen in fremden Sprachen ausnehmen. Die Schule mit hebräischer Unterrichtssprache sei als Musterschule projektiert und hätte die Aufgabe, sowohl die anderen Schulen, umzumodeln, als auch den Boden für die Einführung des Hebräischen als Unterrichtssprache in den Schulen der Kultusgemeinden und in den Volks- sowie sonstigen Schulen bet Errichtung der nationalen Schulen vorzübereiten und so unsere National- und Kultursprache zur Umgangssprache zu machen. Wie«. In der »Jüb. Ztg." lesen wir in einem Artikel über Die Juden in Bosnien: „In Bosnien leben zirka 10000 Juden, davmc zirka 7000 Spaniolen und 3000 aus Oesterreich- Ungarn. Genaue Daten liegen nicht vor, da seit dem Jahre 1895 keine Volkszählung stattgefunden hat. Die Spaniolen, Abkömmlinge der vor mehr" als 400 Jahren aus Spanien vertriebenen Juden, haben in Bosnien eine gastliche Heimat gefunden. Sie hatten weder religiöse, noch nationale Verfolgungen zu erdulden. Der Türke, der bis vor der Okkupation unbeschränkter Herr im Lande war, hat sich den Juden gegenüber immer duldsam bewiesen. Für Westeuropa ist es gewiß eine merkwürdige Tatsache, daß die Spaniolen, trotzdem sie nicht als Juden verfolgt wurden, trotzdem sie nicht im Ghetto eingesperrt waren, nie und niemals die Neigung zeigten, sich zu assimilieren, Wortführer und Verfechter des türkischen Volkes zu werden. Sie haben sich beharrlich national als Juden gefühlt und gegeben und daher allerseits Achtung und Duldung gefunden. Die .Barbaren" ließen den Juden das Leben und die Freiheit; sie verlangten weder den religiösen Uebertritt noch die Assimilation, sie übten keinen Druck aus, so daß sich die Juden in gesunder natürlicher Lage entwickeln konnten." Also bis jetzt hatten es die Juden Bosniens gut! Ob nach der Annexion ihre Lage die gleich günstige bleiben wird? Wir möchten es bezweifeln. Die Juden waren es, die Oesterreichs Einfluß in Bosnien begründet und stetig gefestigt haben; zahlreich gingen jüdische Beamte, denen in Oesterreich das Avancement erschwert war, nach dem fernen Bosnien und arbeiteten dort für Oesterreichs Politik. Ein ungünstiges Omen für die Juden Bosniens ist bereits vorhanden. Sie hatten als selbstverständlich erachtet, daß die Zusicherung des kaiserlichen Manifestes, daß in das künftige bosnische Parlament alle Kpnsessionen ihre Vertreter entsenden, auch sie einschließe, — nach neuerlichen Erklärungen der Regierung werden jedoch sie einzig und allein von dieser Bestimmung ausgeschlossen.