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Neue jüdische Presse · 1908-11-13 · Heft 44 (13.11.1908) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 44 (13.11.1908)
Date
1908-11-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ilraitkfitrter Istutlitimes fanilienblatt. < Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro VierteljahrIn Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschlarch und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— I „ —. - — , ' Frankfurt a. m.. vilbelerstraße 4/6, (Sie Bleichstraße ‘Setefon 10507. Hsrausgev-P: Kols .; Infertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25Pfg. Die Reklamezeile. ioo .. Platz» und Daten-Borschrrft ohne Verbindlichkeit. Bellagen: Preis nach Urbereirckunft. ■ Freitag, de« 19. 5669 (13. November 1908). 6. Jahrgang. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Lage des Zionismus in der neuen Türkei. — Aus aller Welt. — Aus der zioni st ischenBewegung. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Feuilleton: Eine versunkene Welt. — Woch en-Ka lend er. — Familien» ach richten. Die Lage des Zionismus in der neuen Türkei. Von Dr. L. M., Jaffa. Die Freundschafts-Versicherungen, von denen das moderne Europa überfloß, mußte jeden, der Sinn für Humor besitzt, geradezu ergötzen. Und wenn die Türkei selbst in der Freude des Genesens vielleicht geneigt sein nwchte, diesen Versicherungen der enttäuschten Erben mehr Glauben zu schenken, als sie es tatsächlich oerdienten, so wurde sie nur allzu bald von diesem Irrtum geheilt. Denn sobald die Erben erkannten, daß die Besserung im Befinden des Erblassers eine dauernde zu werden verspricht, dehnten sie ihre Souveränität über das aus, was sie in Erwartung der nahen Auflösung von dem Besitz des nun zum neuen Leben Erwachten sich angeeignet haben. Die Eile aber, mit der dies geschah, ist ein deutlicher Beweis dafür, daß die lieben Erben es mit der Angst zu tun bekamen, daß der Kranke gesund und stark werden könnte und dann eine „Annexion" keine so ganz einfache Sache mehr wäre. .... Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, sind die letzten Ereignisse für die junge Türkei von keiner schlimmen Vorbedeutung: eher umgekehrt. Wenn nicht unerwartete Ereignisse eintrcten, d. h. wenn die Friedensliebe der Mächte auf etwas festeren Füßen steht als ihre Freundschaft, ist zu erwarten, daß auch diese Krise von der Türkei überwunden wird. Der Schwerpunkt der Situation liegt im Lande selbst und in den inneren Verhältnissen. Es ist verständlich, daß die neuen Männer des neuen Regimes von einem türkisch-nationalen Zuge getragen werden. Aber dieser Zug, der naturgemäß von den letzten Ereignissen noch verstärkt wurde, schien von Anbeginn an die Neigung zu haben, ins Chauvinistische Überzug e h e n. Wer offenen Auges all das betrachtet, was in Kvnstantinopel, insbesondere in den Zirkeln der Jung-Türken, vor sich geht und die Aeußerungen chrer Presse mit Aufmerksamkeit verfolgt, kann das tägliche Wachsen dieser Strömung beobachten. Man spürt überall das Bestreben, eine Diktatur geltend zu machen, die siegessicher alles Widerstrebenden gewaltsam Herr zu werden sucht. Doch es ist anz»nehmen, daß diese unliebsame Erscheinung nur vorübergehender Natur ist, da sie nicht stabil werden darf, wenn die Herren der Lage die Herren bleiben wollen. Die Parole: „Freiherr, Gleichheit und Brüderlichkeit", der alle Völker des ottomanischen Reiches mit so großer Begeisterung zugejubelt haben, kann nur die Bedeutung einer Freiheit für alle Völker des Reiches haben. Bisher haben die neuen Machthaber Klugheit und Besonnenheit gezeigt, und sie werden daher sicherlich nicht verkennen, daß, wenn in der neuen Türkei nicht die alten Zustände, die die Ursache chrer inneren Ohnmacht ivaren, wiederkehren sollen, die Völker des Reiches so gestellt werden müssen, daß sie voll und ganz, national und kulturell sich ausleben können. Da dies eine conditio sine qua non für das Gedeihen des türkischen Staates, der aus so zahlreichen wie verschiedenen Völkerschaften zusammengesetzt ist, so müssen sich Wege finden, die Selbständigkeit der Teile ohne Schaden für das Ganze zu verwirklichen. Auch die Araber, an deren Loyalität und Rcichstreue die Jung-Türken wohl keine Ursache zu zweifeln haben, werden im Parlament mit diesen Forderungen hervortreten. Schon jetzt sprechen sie es mit aller Deutlichkeit aus, daß sie sich nicht beruhigen werden, bis ihre gesamte» nationalen Forderungen erfüllt sind. Sie verlangen die Gleichberechtigung . der arabischen Sprache neben dem Türkischen und Griechischen und die volle Autonomie für ihr Heimatland. Die Aussichten für die Gesamt-Türkei und ihre einzelnen Völker sind demnach, wenn chncn nur einigermaßen ein günstiger Stern leuchtet, hoffnungsreiche. Nicht also steht es leider mit unserem Volke in Palästina, unserem Stammlande. Nicht nur, weil wir da in geringer Zahl, sondern — leider muß es gesagt werden! — auch in geringer Qualität Vertreter! sind. Werden die Juden Palästinas doch dank ihrer Uneinigkeit nicht einen Vertreter im Parlament haben; während es bei einigem Zu->- sammenhalten ein Leichtes gewesen wäre, mehrere zu delegieren! Es kann uns das wenig Trost bieten, daß außerhalb Palästinas die Wahl von Juden gesichert ist. Wer an dieser unheilvollen Zersplitterung die fast nicht zu sühnende Schuld trägt, ist hier nicht zu untersuchen; sie ist auch gar mannigfacher Natur; Goluth-Entartung ist ihr gemeinsamer Name! Allerdings, wenn wir die überwiegende Majorität im Lande wären, hätte uns der beiderseitige Fanatismus, der für beide Seiten ein untrügliches Zeichen der Unkultur ist, und der Eigennutz der Angehörigen der verschiedenen „Kaulelim" weniger geschadet. Aber auch bei den alten Zuständen und bei der alten Mißwirtschaft hätte schon manche bessere Arbeit, die unterlassen worden ist, getan sein können. So Latte unser Besitzstand in Palästina ein weit ansehnlicherer sein müssen und wäre es bereits, wenn nur Mittel und Wege ausfindig ge¬ No. 44. macht worden wären, den Rückwandererstrom aller derer, die schon im Lande waren und nach Hunderten und tausenden dem Lande den Rücken kehren mußten, zu hemmen. * Jetzt aber sind alle Hindernisse geschwunden, nichts steht unserem Ziele entgegen, in unserem Lande unter Oberhoheit der Türkei eine mit der weitesten Autonomie ausgestattete öffentlich-rechtliche Heimat zu finden! Reale und wohlerwogene Interessen sind cs, die zu unseren Gunsten sprechen, daß man hier endlich Gewicht legt auch auf das, was wir bieten können und daher nicht mit Mißgunst sieht auf das, was wir empfangen sollen! Hier Mißtrauen walten zu lassen, wäre wirklich, an der Unrechten Stelle. Zwei Momente möchten wir an dieser Stelle hervorheben, die immer wieder nachdrücklichst betont werden sollen. Erstens, daß bei uyserer Einwanderung in Palästina es sich im eigentlichen Sinne des Wortes um eine Rückwanderung handelt. Niemals hat die große Mehrheit des jüdischen Volkes auf das Land seiner Väter Verzicht geleistet. Nur die rohe. Gewalt hat uns von dort entfernt und uns auch von dorten serngehallen. Zuletzt war sie in der Form der Mißwirtschaft des alten Regimes und der Korruption seiner Beamten in dieser Richtung tätig. Jetzt, nachdem unsere alte, geheiligte Heimat, von der jeder fußbreft Boden ein Gedenkstein unserer großen Geschichte ist, uns offen steht auf dem Wege des Rechtes, kann uns nichts hindern, dorthin wieder einzuziehen. Zweitens muß nachdrücklichst betont werde»,, und soll von autoritativer zionistischer Seite mit aller Deutlichkeit erführt werden, daß die Forderung der Garantie der Mächte nur gegen die llnzuverläfsigkeit des verrotteten alten Regimes' eine Notwendigkeit war. Unter den jetzigen Verhältnissen ist sie überflüssig. Was wir erreichen wollen, ist ein volles Einvernehmen mit dem türkischen Volke. Dazu haben wir das Wohlwollen der Mächte nötig, aber keineswegs ist eine Garantie von ihnen zu erstreben. Nichts, was wir erstreben, ist gegen die Interessen der Türkei gerichtet; darum wird eine Verständigung möglich sein, ohne daß die Eigenliebe und der Stolz der türkischen Regierung unnötiger Weise verletzt werden. Unnötiger Weise, denn unter allen Regierungen ist die türkische uns am geneigtesten. Unter allen Arbeiten, die der zionistischen Leitung und — wie wir, trotz aller bellagenswerten Anzeichen, daß die Bemühungen zum Zusammenschluß der Kräfte auf Widerstand von gewisser Seite stoßen, hoffen wollen — auch der Gesamtjudenheit in solcher übergroßen Fülle erwachsen, ist die nicht die letzte, daß man allseits bestrebt sein muß, die Juden Palästinas zu organisieren. Schon jetzt könnten

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