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Neue jüdische Presse · 1908-11-06 · Heft 43 (6.11.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 43 (6.11.1908)
Date
1908-11-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. Nr. 43 QtmUfuutt QjlNinWV TVNM8VNNL. „Deutsche Israel. Gemeindebund" mit der Errichtung der Erzichlmgsanstalt einem dringenden Bedürfnis entgegengekomiüen. Es verdient notiert zu werden, daß bei der Einweihungsfeier Dr. Fe i l ch e n f e l d als „Vertreter der Berliner indischen Gemeinde" erklärte, er sei im allgenieinen ein „Gegner gesonderter konfessioneller Erziehungsanstalten"; er stellte es daher auch als selbstverständlich hin, daß die Anstalt auch Kinder anderer Konfessionen anfnehme. Berlin. Der Vorsitzende des Hllfsvereins der Deutschen Juden, Herr James Simon, hat infolge von aus Rumänien an den Hilssverein ergangenen Anregungen an die Reichsregiernng die Frage gerichtet, ob sie geneigt sein würde, auf der bevorstehenden Konferenz das Verhalten der rumänischen Regierung in Bezug auf die laut Z 44 des Berliner Verträges übernommenen Verpflichtungen zur Sprache zu bringen. Das Auswärtige Amt hat daraufhin seinen vorläufig ablehnenden Standpunkt in folgender Weise motivirt: So weit sich übersehen läßt, besteht bei allen Signaturmächten deZ Berliner Vertrages der Wunsch, das Programm einer eventuellen Konferenz auf diejenigen Fragen zu beschränken, die durch die politischen Vorgänge auf dem Balkan akut geworden sind, Artikel 44 des Berliner Vertrags ist durch diese Vorgänge nicht berührt worden. Es muß ferner berücksichtigt werden, daß man deutscherseits jede Initiative bei Aufstellung des Progrannns für eine eventuelle Konferenz vermieden, dagegen über bei den bisherigen Erörterungen aus schwerwiegenden politischen Erwägungen nachdrücklich den oben angedeuteten Standpunkt der Einschränkung des Konferenz-Programms vertreten hat. Deutschland würde daher gänzlich aus seiner Rolle .fallen, wenn es jetzt eine Diskussion des Artikels 44 verlangen wolle. Berlin. Welch' großen Wert der leider mit jüdischer Hilfe gewählte Abgeordnete Mugdan darauf legt, nicht als „I u d e" bezeichnet zu werden, zeigt folgende Berichtigung in der „Görlitz. Volksztg.": „Auf Grund des § 41 des Gesetzes über die Presse ersuche ich Sie, in der nächstfolgenden Nummer der Görlitzer Volkszeitunq die Angaben über meine Person in Nr. 42 und 43 dieser Zeitung dahin zu berichtigen, daß ich seit dem Jahre 4893 evangelisch bin. Hochachtungsvoll D r. M u g d a n." Berlin. Am 31. März betrug der Bestand der Bibliothek der jüdischen Gemeinde 16 851 Bände, wobei die Dubletten und die Wolf'sche Sammlung nicht mitgecechnet sind. Aus dem der Bibliothek-Kommission zur Verfügung stehenden Dr. H. Meyer Cohn'schrn Legat wurden bis jetzt erworben: die Complnlensische Bibelpolygotte, Ulcala 1514—17 und das große Qnellenwerk der Monumenta Germaniae historica. Hamburg. Der Sitzung der Repräsentanten der Deutsch-Israelit. Gemeinde lag eine Interpellation über solgeuden skandalösen Vorfall vor: Erew-Jomkippur begaben sich zwei arme jüd. Durchreisende nach Ohlsdorf, um, wie an diesem Tage üblich, von den Besuchern ves Friedhofes milde Gaben in Empfang ju nehmen. Sie stellten sich zunächst auf dem Friedhofe aus, wurden aber von der Frau des Friedhofsinspektors weggewiescn und begaben sich auf die vor dem Friedhose gelegene Straße. Nach Verlauf einiger Zeit kam der Friedhofinspektor und ersuchte die Armen, auch von dort fortzugehen, andernfalls er polizeiliche Hilfe requirieren werde. Die beiden Männer leisteten auch dieser Aufforderung Folge, kehrten jedoch wieder um, als eine größere 'Anzahl von Friedhofsbesuchern der Straßenbahn entstieg und einige Personen ihnen Geld reichten. Als der Inspektor dies wahrnahm, telephonierte er an die Polizeiwache, es erschien ein Kriminalbeamter, und da er gerade in dem Augenblicke eintraf, als den Leuten eine Gabe gereicht wurde, mußte er zur Verhaftung der beiden Durchreisenden schreiten. Sie mußten über den Jomkippur hinaus in Haft bleiben, der eine von ihnen wurde am Tage nach Jomkippur, der andere erst nach 10 Tagen entlassen. Die Interpellation hatte in der Repräsentantensitzung eine erregte Diskussion zur Folge und endigte schließlich mit der 'Annahme der folgenden Resolution: „Nach eingehender Beratung der Interpellation Alexander Levy und Genossen über den Vorfall am 4. Oktober auf dem Ohlsdorfer Friedhofe spricht das Nepräsentanten-Kollegium der deutsch-israelitischen Gemeinde seine Entrüstung über die Handlungsweise des Friedhofinspektor Müller aus und bittet die Mitglieder der Friedhofskommission, Maßnahmen zu treffen, die eine Gewähr dafür bieten, daß sich gleichartige oder ghnliche Vorkommnisse nicht wiederholen." Hamburg. 45 Personen bewohnten 1907 daS Altenhaus der Deutsch-Jsr. Gemeinde, das damit an die Grenze seiner Besetzungsmöglichkeit gelangt ist und die Frage nach einem Erweiterungsbau zu einer brennenden macht. Die Anstalt, die betagten Gemeindeinitgliedern unentgeltlich Wohnung und Verpflegung gewährt, verausgabte 1907 pro Pflegling 651,43 JL Nürnberg. Die Israel. Kultusgemeinde richtete wegen Erweiterung des Friedhofes ein Gesuch an die Stadt, ihr zu diesem Zwecke drei Tagwerk städtischen Geländes gegen entsprechenden Kaufpreis zu überlassen. Trotzdem der jüdische Friedhof eine Ersparnis auf Konto des allgemeinen Friedhofes bedeutet, hat die Stadt das Gesuch abgelehnt. Bedenkt man ferner, daß zur städtischen Armenpflege im Betrage von über eine Million Mark, auf die durch die besondere jüdische Armenpflege Juden kein Anspruch erheben, die jüdischen Steuerzahler 30°,ö beisteuern, so kann der. Beschluß des Magistrats nur als ein Akt ausgesprochener Unfreundlichkeit aufgefaßt werden, was auch der Verlauf der Magistratssitzung vom 23. Oktober bestätigt hat. — Jetzt liegt das Gesuch der israel. Kultusgemeinde bei der Regierung in Ansbach. Kamberg. Landrat Büchting besichtigte dieser Tage unter Führung unseres Vorstehers Ferdinand Landau die Synagoge, sprach über den eventuellen N e u b a u der Synagoge und bemerkte, daß er in nächster Zeit vom Vorstande nähere Erkundigungen einziehen werde über die Gemeindeverwaltung re., um auch in der hiesigen israelitischen Gemeinde die weitestgehenden Ordnungen zu schaffen und der Gemeinde mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Lehrer Reichenberg hielt alsdann einen Vortrag über den Glaubenssatz der Gemeinde, die heilige Lade, die Gebräuche, sowie die Predigten,: die: gehalten werden. Nachdem der Landrat so einen. Einblick in die Verhältnisse der hiesigen Gemeinde erhalten, drückte er den anwesenden Herren seinen Dank aus. Mannheim. Außer der gesamten Gemeinde haben dem 200 jährigen Jubiläum der orthodoxen Klausgemeinde in der festlich geschmückten Synagoge Geh. Regierungsrat Clenun als Vertreter des großherzoglichen Bezirksamtes, Geheimer Oberregierungsrat Dr. Mayer als Delegierter des Oberrats, Rabbiner Dr. Appel-Karlsruhe, der frühere Klausrabbiner Dr. Cohn-Ansbach und die Vertreter der jüdischen Gemeinde Mannheims beigewohnt. Nach dem Matauwu- Gesang durch den Synagogenchor und dem Mincha- Gebet hielt Rabbiner Dr. Unna die Festpredigt, in der er die Geschichte der Klaus, ihre Entwickelung und derzeitige Ausgestaltung schilderte, wie sie heute die Form einer hebräischen Schule und der Pflege des Gottesdienstes angenommen. Nach dem Vortrag mehrerer Psalmen, schloß sich das Maariw-Gebet an, und nach dem Gesang einiger weiterer Psalmen durch den Shnagogenchor schloß die gottesdienstliche Feier. — Am Abend fand ein Festbankett statt. Oesterreich-Ungarn. Wien. Endlich ist dem Vizepräsidenten der Israelit. - thcolog. Lehranstalt, Theodor Ritter von Taussig, für seine Tätigkeit als Bankier des Czaren und Luegers der wohlverdiente Lohn geworden: er ist vom Kaiser zum Gouverneur der Oestcrr. Bodenkredit-Anstalt, di» er seit dem Tode des Gouverneurs Baron Bczecerz vor 4 Jahren als Gouverneur-Stellvertreter leitete, ernannt worden. Keinen besseren Beweis für die Lethargie der Wiener Juden gibt es als dieser Ritter von Taussig, der zu ihren Führern gehört, trotzdem er die Skrupellosigkeit hatte, russische und städtische Wiener Anleihen zu übernehmen. Czernawitz. In dem Wahlreformen t w u r f e, der dem Bukowinaer Landtag vom Obmanne des Reformausschusses Dr. Onciul vorgelegt wurde, werden den Juden als einer nationalen Gruppe 8 Mandate eingeräumt, und zwar in der Großbesitzerkurie 2, Handelskammer 2 und in der allgemeinen Städtekurie 4. Rußland. Petersburg. Mit lebhaftem Bedauern muß ich Ihnen mitteilen, daß „Der Fraind", das älteste und beste Jargon-Tagblatt Rußlands, sein Erscheinen eingestellt hat. Finanzielle Schwierigkeiten und die Schikanen der Regierung haben die Herausgeber zu diesem Schritte gezwungen. — Es sind bereits Bemühungen im Gange, das Erscheinen der Zeitung wieder zu ermöglichen. Petersburg. Der Odessaer Duma-Abgeordnete A. Nikolski berichtet in der „Retsch" über das tragische Schicksal eines jüdischen Jünglings, da« ob' der im Hintergrund« wirkenden russischen BrutalitätSgesetz« aus dem Persönlichen ins Nllgemeine übergreift. Der junge Manu, Fich mit Namen» fchnd nach glänzender Absolvierung einer Realschule Und nach ebenso glänzend bestandener Konkursprüfung am Kiewer Polytechnikum Aufnahme. Nach zweijährigen Studien machte er das lateinische Ergänzungs- Examen und wollte sich seinen Anlagen gemäß in der Universität immatrikulieren lassen. Trotz seiner ausgezeichneten Zeugnisse war er jedoch dessen nicht sicher, ob ihm dies Glück so bald beschießen werden würde. Darum suchte er, sich für jeden Fall als Einjährig-Freiwilliger eine Vakanz in irgend einem Regiment zu besorgen. Da er nunmehr keine Gefahr mehr zu laufen glaubte.daß er als einfacher Soldat zum langwierigen und peinvollen Militärdienst herangezogen. werden würde, begann er, seine Aufnahme in die Universität zu betreiben. Er lief zum Kurator des Odessaer Lehrbezirkes, lief zum neugewählten Rektor der Odessaer Universität und hatte mit seinen Bemühungen wirklich „Glück". Der Kurator erklärte, daß man mit solchen Zeugnissen nicht zurückgewiesen werden könne, der Rektor Lewaschow. obwohl ein Judenfeind, gab seine Zustimmung und ließ den Glücklichen seine ersten Kollegiengelder entrichten. Nun verzichtete Fich zu Gunsten eines Mtbewerbers auf die Vakanz als Einjährig-Freiwilliger. Zwei freudige Tage vergingen. 'Als jedoch der angehende Student nach der Universitätskanzlei kam, um die Erkcnnungskarte abzuholen, da bekam er statt deren seine 25 Rubel zurück und den Bescheid, daß seine 'Aufnahme nicht erfolgt sei. Denn die Baronin Kaulbars, die Frau des Odessaer Militärkommandierenden, hatte kurz nach Fich den Rektor besucht und ihren jüdischen Kandidaten empfohlen, der zwar nicht über solche Zeugnisse, aber über gute Beziehungen verfügt. In Odessa gilt es nämlich als Regel, daß Juden auch in den Grenzen der Prozentnorm nur vermittelst der Protektiosj. der Behörden ausgenommen werden. Fich sollte infolgedessen einfacher Soldat werden. Dies bedeutete für ihn als verheirateten Mann und Vater eines Kindes außerordentliche Not und eine wahrhaft tragische Wendung. Mit dem Sturz von allen Hoffnungen verlor er auch sein seelisches Gleichgewicht und machte seinem Leben ein Ende. Als Leiche kam Fich in das gerichtlich-medizinische Kabinett der Universität zwecks Obduktion. In dieser Form könnte die Universität Odessa dem Juden Fich die Auftrahme schließlich nicht mehr versagen. Palästina. Haifa. Unsere Stadt, die nach dem Bau des Hafens und der Eröffnung der Hedschasbahn und der Eisenbahnlinie Haifa-Jerusalem einer großen Zukunft entgegengeht, ist vom „Hilfsverein der Deutschen Juden" nicht umsonst zum Sitze des von diesem geplanten Technikums gewählt worden: sie ist nämlich die einzige Stadt Palästinas, in der Aschkenasim und Sefardim eine gemeinsame Gemeinde bilden. Unter den 18000 Einwohnern Haifas — 1905 hatte Haifa erst 15000 Einwohner — bilden die Juden noch nicht das dominierende Element. Der Haupthandelszweig, Getreide, liegt fast nur in christlichen Händen. Die Juden betreiben den Kleinhandel in Kolonial-, Manufaktur- und Kurzwaren oder ernähren sich kümmerlich als Schuster, Schneider und Matratzenmacher. Eine Agentur der Anglo Palestine Comp, ist hier dieser Tage eröffnet worden; hoffentlich hebt sie die wirtschaftliche Lage der hiesigen Juden und der benachbarten jüdischen Kolonien. Jaffa. Während des letzten Laubhüttenfestes fand das Fest der Gründung der neuen Kolonie „A i n - G a n i m" (Gartenquelle) statt. Diese Kolonie grenzt au die Kolonie Pethach-Tikwah, von der sie nur 20 Minuten entfernt ist, und stellt einen neuen Typus unter den jüdischen Kolonien dar. Begründet wurde Ain-Ganim vom Odessaer Komitee mit Hilfe einer Anleihe vom Jüdischen Nationalsond aus Anregung einer Gruppe von Arbeitern als Arbeiterkolonie, deren Mitglieder durch Arbeit auf fremdem Boden (in Pethach-Tikwah) und Bewirtschaftung ihres eigenen kleinen Grundstückes ihren Lebensunterhalt finden sollen. Der Besitz eines jeden einzelnen beträgt 15 Dunam (1 Dunam — 9Vs Ar), von denen vier für Straßen, Wege und gemeinsame Kolonieplätze abgehen, ein Dunam für das Haus und 10 Dunam am Hause zum Anbau von Gemüse dienen sollen. Der Boden wird in 18 Jahren abgezahlt werden; für Errichtung eines Hauses hatte jeder Arbeiter aus eigenen Mitteln zu sorgen. Der Brunnen (von 19 Mt. Tiefe) ist vor einigen Wochen fertig geworden; durch einen Motor wird das Wasser in ein hochgelegenes, großes Bassin geleitet und soll später, wenn eine Wasserleitung angelegt sein wird, von dort aus durch Röhren in die Häuser geführt werden. Die Kolonie liegt auf einer Anhöhe mit einer hübschen Aussicht auf di« Berge Judas und Ephraim«.

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