Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 43 (6.11.1908)
- Date
- 1908-11-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Gerte ä. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 43. Jetzt stehen wir vor einem großen Moment, im Osten geht daS Licht auf. Werden sich endlich unsere Justiz- und Kommerzienräte aufraffen, um nicht später vor dem Weltgericht der Weltgeschichte als kleines Geschlecht oder gar als verbrecherische Volksverräter dazustechen? Von slavischchristlicher Nächstenliebe haben wir nichts — höchstens Abschlachtung unserer Söhne und Schändung unserer Töchter — zu erwarten. Aber im Osten, der noch von christlicher Nächstenliebe nicht durchtränkt ist, lächelt uns die Sonne zu. Werden wir es jetzt verstehen, die Fesseln unseres Joches zu sprengen — werden wir nicht über den Judentümern das Judentum und seine Zukunft vergessen? M. Konstituierung der Allgem. Jüdischen Kolonisatious-Organtsalion. Das von der Konferenz jüdischer Notablen am 20. September eingesetzte Permanente Vorbereitende Komitee hat im Laufe der letzten Wochen an eine Reihe hervorragender Glaubensgenossen ein Schreiben gerichtet, den: wir nachfolgende Stellen entnehmen: „In Ausführung der ihm von der Konferenz jüdischer Notablen tun 20. September zu Berlin erteilten Aufträge hat das tinterzeichncte Kcmitee die beiden H a u p t g e g e n st ä n d e der Konferenz: die Bildung ein e s ständigen Ausschusses jüdischer O r g a n i s a t i o n e n und die Gründung der Allgemeinen jüdischen Kolonisations-Organisation einer eingehenden Erwägung unterworfen. Es ist hierbei zu einem Ergebnisse gelangt, das sich wohl den meisten, wenn nicht allen Teilnehmern an den zwei Berliner Konferenzen aufgedrängl haben wird: daß nämlich der gedeihliche Fortgang der beiden erwähnten Aktionen, denen unbedingt eine gleiche Wichtigkeit und Aktualität zuerkannt werden muß, in dem gegenwärtigen Stadium außerordentlich gefördert werden würde, wenn sie nicht mehr gelegentlich derselben Veranstaltungen zur Diskussion gestellt wären, wem jede von ihnen gesondert behandelt und jeder die Fürsorge eines speziellen Komitees zuteil werden würde. Das Komitee erachtet es daher als seine erste und dringendste Aufgabe, die erforderlichen organisatorischen Maßregeln zu treffen, damit beide Werke, so innig auch ihr ideeller Zusammenhang ist, formell zunächst getrennt von eiuander weitergeführt werden könneir und zwar bis zum Ausbau der beiden in Aussicht genommenen Körperschaften, d. i. des gemeinsamen Ausschusses der Organisationen und der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation. Es sollen demnach zwei von einander unabhängige vorbereitende Komitees geschaffen werdet!. Gemäß dem Beschlüsse der Konferenz vom 20. September wird das Komitee für die Bildung eines ständigen Ausschusses der Organisationen in der Weise zusammengesetzt, daß diejenigen Organisationen, welche der Idee der Kooperation auf Grund des Antrages der Berliner Konferenz im Prinzip zugeftimmt haben, aufgefordert werden, in das Unterzeichnete permanente vorbereitende Komitee ihre Vertreter zu entsenden. Gleichzeitig wird ein gesondertes erweitertes Komitee für die vorbereitenden Arbeiten der Allgemeinen jüdischen Kolonisations-Organisation in der Weise ins Leben gerufen, daß angesehene Glaubensgenossen aus allen Ländern, die ihre Sympathien für das geplante Werk bereits bekundet haben oder bei denen lebhafteres Interesse hierfür vorausgesetzt werden darf, zum Eintritt in dasselbe eingeladen werden. Das permanente Komitee hat alle in Betracht kommenden Verhältnisse einer sorgfältigen Prüfung unterworfen und ist zu der Ueberzengung gelangt, daß die Lage der jüdischen Bevölkerung im Osten die Schaffung der geplanten Organisation heute dringend verlange, daß in den finanziell l e i st u n g s f ä h i g e u Kreisen unserer GlaubeuLgenos sengege nwärtigaußerordentlich viel Stimmung für das Kolo n i s a t i o n s w e r k vorhanden sei und daß die Umwälzung in der Türkei nicht nur eine tatkräftige Förderung dieses Werkes im Orient begünstige, sondern seine baldigste E rö f f n u n g uns zur Pflicht mache. Wir zweifeln nicht daran, daß Sie gleich vielen anderen hervorragenden Glaubensgenossen die ganze gemeinnützige Tragweite und den zeitgemäßen Eharakter dieses Unternehmens anerkennen werden. Es gereicht uns zur Genugtuung, Ihnen Mitteilen zu können, daß Herr (Geheimer Regie r u n g s r a t Professor Tr. H. A r o n ans unser Ersuchen sich bereit gezeigt hat, die bis zur ersten Generalversammlung der Organisation erforderlichen Schritte, mit Unterstützung des Initiators der A. I. K. O., D r. Alfred N o ss i g , zu leiten. Obwohl die kolonisatorische Tätigkeit der A. I. K. O. von den parallellaufenden, auf die Bildung eines ständigen Ausschusses der Organisaticncn gerichteten Bestrebungen für die nächste Zeit formell getrennt sein soll, möchten ivir doch nicht umhin, zu betonen, daß nach den uns zw gegangenen Informationen die baldigste Konstituierung einer ivirklieh leistungsfähigen, weltumspannenden jüdischen Kvlonisations Gesellschaft auch für die tvirksame Förderung des Zusammenschlusses der Organisationen unerläßlich ist, da erst auf dieser Grundlage der von der Konferenz vom 20. September 1908 in Aussicht genommene Weg mit Aussicht auf ivirklichen Erfolg betreten werden kann/' Kurz nach der Versendung obigen Schreibens erging an die für das Komitee der A. I. K. O. in Aussicht genommenen Personen ein vom Geh Reg.-Rat Prof. Dr. H. Aron und Dr. Alfred Nossig Unterzeichneter Brief, in dem das nächste Aktionsprogramm skizziert und die unmittelbarbevorstehende formelle Konstituierung der neuen Organisation angekündigt war. Dienstag, den 27. Oktober fand die Konstituierende Versammlung der A. I. K. O. statt. Als Zweck der Organisation w u r d e f e st - gesetzt: Die A. I. ,Yt. O. erstrebt die Förder u n g der dauernden, g e s ch t o s s en e n A n s i e d l u n g , besonders im Orient, jener I u d e n, die durch die Verhältnisse in ihren H e i m a t s l ä n d e r n zur Auswanderung g e z iv ungen sind. Tie A. I. K. O. verfolgt lediglich humanit ä r e Ziel e. Nach Annahme provisorischer Satzungen, deren endgiltige Redaktion einer Kommission anvertraut lvurde, schritt mau zu den Wahlen. An der Spitze der A. I. K. O. lvird ein Präsidium stehen, in dem die einzelnen Länder vertreten sein sollen. Zum g e s ch ä f t s f ü h r e n - den Präsidenten der A. I. K. O. und zum Vorsitzenden des Vorstandes wurde Geh. Reg.- Rat Prof. Dr. Aron gewählt. In den Vorstand ivurden gewählt: Justizrat Dr. Edmund F r i e d e m a n n als Schriftführer, Prof. Dr. Ferdinand B l u m e n t h a l als stellvertretender Schriftführer, Eugen P a n o f s k y (i. Fa. Jacquier & Securius) als Schatzmeister. Als Beisitzer: Siegmund Bergel, Geh. Sanitätsrat Tr. B l u m e n t h a l, Siegfried Brün n, Kommerzienrat Heinrich E i s n e r , Dr. Isidor G i n s b e r g , Tr. Hirsch Hildesheimer, Berthold Israel, Alois M a r c u s;'t. Fa. Veit, Selberg L Co.), O. L. Netter, Manuel S ch w a r z, Generaldirektor Konsul S e g a l l. Außerdem wurde ein A u s f ü h r en d es Komi t e e unter dem Vorsitz von Dr. A l f r e d N o ss i g gewählt. Die A. I. K. O. hat ihre Tätigkeit bereits nach verschiedenen Richtungen begonnen. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Immer wieder zeigt es sich, daß sck gewisse Kreise bemühen, gegen den H i l f s v e r e i n der deutscher I ndcn zu intrigiere n. So enthielt die letzte Nummer der Londoner „Jewish Chronicle" eine sehr gehässige Korrespondenz. Der Hilfsverein hat der Zeitung sofort eine Berichtigung eingesnndt und darin festgestelln „1) Es ist unrichtig, das; der Hilfsverein jemals die Absicht hatte, seine Fürsorgetätigkeit für die Auswanderer einzuftellcn, geschweige denn, st jemals eingestellt hat; im Gegenteil ist der Hilst verein im Verein mit der Großloge für Deutschlant zur Zeit dabei, gemäß dem ihm Übertrags Mandat der Frankfurter Konferenz vom 4. 5. Dezember 1904 die Organisation für die Mst Wanderer weiter auszubauen. Die Mittel für ftfj bcitcn, die vom Hilfsverein als notwendig Mkannt und in Angriff genommen worden sind, twi, der Verein auch ohne Schwierigkeit jederzeit tillff bringen können. 2) Es entfallen demnach die gehässigen Bemerkungen der Korrespondenz iiber die Niederkegnng der Arbeit, srnvie iiber die Vorgänge, die zur Wiederaufnahme gefiihrt hätten. Andere eie sachliche Gründe sind für den Hilssverein in seina Tätigtest siir die Ausivandernng niemals mes; gebend gewesen, und nur trauen auch anderer Organisationen trotz den enrgegenstchenden Angaben der Korrespondenz keine anderen Motive in ihrem Verhallen zur jüdischen Ausivandernng zu Es entfallen ferner die nicht minder geyässigen Bemerkungen über die Motive, die da Hilssverein angeblich für die Niederlegung der Ar beit angegeben haben soll; daß er nämlich mit „Rußland und Amerika verhandelt habe und Rußland keine Auswanderung und Amerika keine Ein Wanderung wolle." 4) Wahr ist nur, daß eine Besprechung da Vertretung der Gemeinde, der Alliance und da- Hilfsvereins in Berlin unter dem Vorsitz da Herrn Justizrat Lachmann skatkgefnnden hat. D Herr Jnstizrat Lachmaun zur Zeit in Egypten weilt, so ist es uns nicht möglich, von ihm eim Aenßerung zu Provozieren; wir behalten uns aber vor, dies noch später zu tun. Einstweilen st festgestellt, daß der Vorsitzende und die andern Vertreter des Hilfsvcreins in dieser Besprechung die Prinzipien dargelegt haben, nach denen angesichts der jetzigen Gesamtkage der Auswandernngsverhültnisse die Tätigkeit für die Aukwanderuug fürderhin ansgeübt werden müsse. Sir Vertreter des Hilfsvercins erklärten, daß sie silt iiber ihr Vorgehen fortlaufend mit den jüdischen. Institutionen und Persönlichkeiten in Dcutschlaw und Amerika, sowie auch in England verständigen Von einenr diplomatischen Verhandeln mit Ameriie. und Rußland ivar keine Rede. Wir müssen uns um so inehr ivnndern iiba die Darstellung und die Schlußfolgerungen da Korrespondenz, als svivohl der Vertreter der Alt ance als auch der Vertreter der jüdischen E ineinde Herr Justizrat Lachmann, den dargelegier Prinzipien des Hilfsvcreins vollinhaltlich zn stimmten. Herr Jnstizrat Lachmann, der dem Kvnseil der Jka angehört, hob außerden! noch hervor daß auch die Jka denselben Standpunkt eiuuchme Härten bei der Einzelbcsörderung — auch darin herrschte Uebereinstiinmung -- sollten vermiede Bcn der dargelegten 'llebereinstnnmnng alia Beteiligten sind die Angaben der Korrespoudeiu unerklärlich. Schließlich ivird in der Korrespondenz noch einmal der Versuch wiederholt, die finanzieller Leistungen des Hilfsvereins für Ansnmnderung-r zwecke herabznmindern. Dieser Versuch ist bereuvor Monaten in der breitesten Oessentlichkeit gebührend zurückgewiescn worden. Es sei dm erneuten Versuch gegenüber daraus hingewiesen, daß seit dem Ende des Jahres 1904, seitdm also die große Ausivandernngsbelvegung einstm und der Hilssverein sich ihrer Regulierung an nahm, durch uns bis znin l. Oktober Ziest Jahres im ganzen Jk 1,3:17,087 verausgabt ivurden Davon zahlte die Jka einen Zuschuß von Jk 362,749 (inkl. einer noch nicht eingegaugenen Zahlung), die Alliance einen solchen von M. 40,787. sodaß der Hilssverein allein .st 927,444 ausbringe Ueber diese Tatsachen geben auch unst. Jahresberichte offene und erschöpfende Austünn Berlin. Die vorige Woche cingeweihte I s r a e l. E r z! e 1) u n g s a n st alt f ü r g e i si - - z n r ü ck gebliebene K i n d e r in Beelitz lieg! herrlich mitten im märkischen Tast und beherbergt bereits l9 Knaben und 11 Mädwc- Es werden nur Kinder anfgenoinmen, die zw.r geistig zurückgeblieben, aber noch entwickruugssäbn l sind. Da eine 1904/04 vom „Deutsch - Jsraelitisme: Gemcindebund" veranstaltete Enquete allein 234 jü* dische Schwachsinnige in christlichen Anstalten fest stellte, so sind die „Großloge U. O. B. B." und dn