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Neue jüdische Presse · 1908-11-06 · Heft 43 (6.11.1908) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 43 (6.11.1908)
Date
1908-11-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IsraitkfrtrLer Diese Zeitung erscheint wüchyftjich,- AbonnementSpreiS pro. .Pier^ljahr; - .In IFrmÜ, - furt a. M. Mk..L.-!- stet tnLHauS. Beider-Poft! abonnivtz im In- und Ausland ML 1,02 (ein-! ZKli^ßlMAcheNgebMr). UMyk Ttreifhayd hqsgrn-1 r^rtzschlcmd und - Oesterreich? Ungarn Ml. 1,50, rT ’i.*' :! »sonstige . Ander Mk. 2.— «nd chefchLfLsfterre: "1Frankfurt a. m.. VUbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße QeZefon 10507. ^srausgeSer: Salz; chei-s. Jnfertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. . . Die Reüamezelle . Platz» und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. 6. Jahrgang. Freitag, den 12. Cheschwan 5669 <6. November 190$). Ro. 48. Inhalt des HavptblatteS. Artikel: Oestliche Winde. — Konstituierung der Allgem. Jüdischen Kolonisations-Organisation. — AuS aller Welt. — Personatien. — Aus der zionistischen Bewegung — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Eine versunkene Welt. — Sprechsaal —Wochen-Kalender. — Familtennachrichten. Oestliche Winde. Im Lande der Pogrome ist es jetzt mauscstill. Keine Revolutionen und Kontrarevolutionen, kein politisches Erdbeben und keine Erschütterungen. Alles, wie vor 10 Jahren, alles, als wäre nichts geschehen. Rußland ist ein Wunderland. Es zeugt von der ganzen Apathie und Lethargie des trägen Slaventums, das sich nur regt und schafft, wenn die Bestie in ihm brummt. Alles, als wäre nichts geschehen. . . . Aber inzwischen eine Revolution und 200 Juden-Massakres, die fünf Millionen russische Juden an den Rand des ökonomischen Abgrunds gebracht und das ganze Judenvolk in Rußland geistig und moralisch verelende! haben. Heute ist in Rußland alles still. Die feurigen Weltverbesserer von gestern sind enttäuscht, die revolutionären Kräfte gebrochen, und das ganze politische Leben stagniert — wie in der guten alten Zeit. Daß dem Russen selbst ein großes, weltgeschichtliches Unternehmen mißlungen-ist, mag, menschlich genommen, bedauerlich sein, aber daß fünf Millionen Juden in Rußland ein Jahrzehnt lang ihr Gut und Blur auf dem Altäre ihrer Befreiung und ihrer Zukunft geopfert, daß unzählige Kräfte der jüdischen Jugend in Rußland sich für die allgemeine Befreiung des russischen Volkes geopfert haben, und daß diese gewaltigen Opfer und Einsetzung von Menschenleben weder moralischen noch materiellen Nutzen gebracht, weder für ihr eigenes Volk noch für die allgemeine Befreiung etwas ausgerichtet und gefördert haben, gehört zu jenen großen Tragödien der Weltgeschichjte, die kein Dichtergenius in Bildern und Szenen in dramatischer Spannkraft und poetischer Veranschaulichung ausdrücken kann. Wer für die Juden, insbesondere für die Juden in Rußland, müssen die Ereignisse der letzten zehn Jahre eine Lehre sein, die zu vergessen sträflich wäre. Und die Lehre besteht darin, daß jedes Volk — und die Juden nicht ausgeschlossen — in erster Reihe Pflichten gegen sich selbst hat. Das Resuftat des Mitwirkens der russischen Juden an dem allgemein russischen Befreiungs- Werk, von dem sie allerdings auch viel für sich erwarteten, ist geradezu ein Hohn auf die Allerwelts-Kannengießerei unserer Linken, die unser ganzes Dasein als Juden nur der „Menschheft" zum Wohle opfern wollen. Nicht nur ernten wir nie Dank für unsere Mitarbeit an. solchen Werken, sondern wir schneiden uns selbst in's eigene Fleisch, wenn wir, statt an unserer eigenen Befteiung zu. arbeften, andern unsere Kräfte widmen, die - uns später als Zerstörer und Revolutionäre verleumden und damit unserer Staätsidee, unfern eigenen politischen Bestrebungen, das Wasser abgraben. Einmal in den Verruf des Zerstörers und Verneiners gekommen, wird cs schwer, die Welt glauben zu machen, daß wir selbst einen Staat auf den Schultern tragen können. Daß es von einer sittlichen Verlotterung und Korruption der nationalen Kräfte zeugt, wenn sie statt für die Konzentrierung ihrer eigenen Macht für andere arbeiten, braucht nicht gesagt zu werden. Denn jedes Individuum und jedes Volk hat die Pflicht, in erster Reihe für seine eigene Existenz zu arbeiten. So will es die Natur der Dinge. Aber die Lehre, die das jüdische Volk aus den letzten 10 Jahren Geschichte in Rußland zu ziehen hat, ist eine Einschärfung, daß man die Befreiung des eigenen Volkes nicht durch die Befreiung eines anderen Volkes anstreben kann und soll. Die Fragwürdigkeit des eventuellen Resultates, des Befteiungswerkes, darf und soll nicht verdoppelt werden. Unsere achtzehnhundertjährigc Erfahrung im Exil hätte uns auch jetzt vor dem Begehen dieses Fehlers schützen sollen. Aber wir scheinen von unfern Erfahrungen wenig profitiert zu haben. In Rußland liegen heute die Dinge so, daß an eine Gewährung von Menschen- und Bürgerrechten an die Juden gar nicht gedacht wird, denn zu dem alten Judenhaß des barbarischen Siegers gesellt sich noch das tierische Rachebewußtsein der Pogromregierung, an den Juden zu rächen, was sie an der gesamten Intelligenz und an allen anderen revolutionären Kräften des Landes, die ihr früher das Leben sauer gemacht haben, nicht rächen kann. Die Juden müssen den Sündenbock stellen. Und die ehemaligen Freunde von links, die die jüdischen Kräfte für ihre Dienste mißbraucht haben, wissen sie heute gründlich zu desavouieren. Wer spricht noch heute in der Duma von denJuden? Von den Sozialdemokraten bis zu den Kadetten schweigt man sich über diesen Puntt gründlich aus. „Der Jude hat seine Pflicht getan, der Jude kann gehen", so denkt heute manch' heißgesottener Kadett. Die Regierung aber hat heute nicht nur die Macht, sondern der Welt gegenüber einen guten Grund, den Juden ihre Staatsbürgerrechte nicht zu gewähren. .„Die Juden sind unruhige, zu sehr destruttiv wirkende Elemente und können in den Verband der mft Rechten ausgestatteten Staatsbürger nicht ausgenommen werden." Und will der Minister liberal tun und seine Hände in Unschuld waschen, dann stellt er seinen guten Willen und seine Machtlosigkeit zur -Verfügung und verweist auf die Duma, auf die russisch-orthodox-reaktionäre Duma, deren Wahlen er selbst gemacht.. ..... Die Duma tagt, Rußland ist „auch" ein konstitutioneller Staat, im Lande ist's wieder still und ruhig, als wäre nichts geschehen ..... und der. Kaiser aller Reußen unterschreibt im Oktober . 1908 einen Ukas, der den Juden die Tore der Schulen schließt. Daß dieser Ukas von der selbst russischen Duma genehmigt wurde, hat man nicht gehört. Demnach, verfügt die Regierung über die Juden auch ohne die Duma. Wer was noch schlimmer ist: man kann dessen sicher sein, daß die Duma diesem Ukas keine Opposition gemacht hätte. .... Duma und Regierung sind von den gleichen Gefühlen für die 5 Millionen im.unsäglichsten Elend lebenden Juden erfüllt. Und für dieses Land und für dieses Volk haben tausende Juden ihr Blut vergossen, auf dem Schlachtfeld wie im Kampfe für die Frecheit, für die russische Bolksfrecheü, von der sie chre eigene Freiheit erwartet haben. Die wirtschaftliche und polittsche Lage der russischen Juden hat sich nicht nur nicht gebessert, sondern sie hat sich tausendfach verschlechtert. Werden die Juden in Rußland diese Lehre nicht vergessen? Werden sie nicht nach so vielen Enttäuschungen einsehen, daß ihr Glück nicht mit dem Glücke der Russen identisch ist? Werden sie jetzt wissen, für ihre alleinige Befreiung und nicht für die Befteiung eines Volkes zu arbeiten, das kulturell auf dem Niveau asiatischer Barbarei steht? Es ist eine alte geschichtliche Erfahrung. Die Slaven haben es von jeher verstanden, nicht nur ihren Staat zu Grunde zu richten, sondern die Völkerschaften, die in ihren Staaten lebten, zu ruinieren. So machten es die Polen mit den Lithauern, so mit den Ruthenen, so die Russen mft den Völkerschaften in ihrem Staate. Schon aus diesem Grunde allein ist nicht zu erwarten, daß die russischen Juden in absehbarer oder auch in unabsehbarer Zeit ihre Menschen- und Staatsbürgerrcchte erhalten werden, denn ein Volk, das sich selbst seine Freiheft nicht geben kann, wird auch andern Völkern keine Frecheit geben. Und solange die Mftlionen Juden in Rußland nicht an ihrer eigenen Befreiung arbeften werden urü> solange dieses Befteiungswerk der russischen Juden nicht von den Juden in aller Welt polittsch im Sinne des nationalen Judentums unterstützt wird, bleibt die russische Judenftage immer in einem akuten Zustand, so lange sind wir den Gnaden und Launen eines Kruschewan oder Peruschkewitsch ausgeliefert. Daß ein solcher Zustand nicht auf die Dauer möglich ist, wird jeder ei nsehen, sogar der wütendste Anhänger der Alliance. Aber zu keinem Zeitpunkte unserer Geschichte waren die Chancen und Aussichten für eine groß angelegte Judenpolitik so reich wie jetzt. Im Osten weht der Wind. Wenn es unsere großen Institutionen verstehen werden, die Lage in der Türkei jetzt ausnutzen und den Verhältnissen jetzt abzuringen, was einer großangelegten Judenpolitik zugute kommen kann, werden sie sich vielleicht ersparen können, früher oder später wieder für die Witwen und Waisen der Pogromopfer zu sorgen. Und dessen mögen unsere Großen und Mächtigen eingedenk sein: Die Geschichte der Pogrome hat noch nicht chren Abschluß gefunden

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