Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 42 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Setze 4 Nr. 42. berühmte Kantor Mayer Elisawetgrader, der die Stelle des seligen, überall bekannten Kantors Nise Beizer einnimmt, mit seinem Chor die Thoranmgänge besang, in der Frauenabteilung plötzlich . eine unbeschreibliche Panik aus. Die Ursache dieser Panik war ein Hilfcgeschrei, von der Männerabteilung herkommend: „Feuer, Hilfe, Hilfe!" Die Frauen stürzten sich auf die eine Tür. Wles lief verwirrt, eine jede suchte sich durchzudrängen, und niemandem gelang es. Ein Fräulein Pfeffer wurde totgequetscht, ebenso eine reiche Frau Safal, der ihre brillantenen Ohrringe zusammen mit dem Fleische aus den Ohren gerissen wurden, ebenso liegen, mit dem Tode kämpfend, noch acht Frauen schwer verletzt darnieder. Die Männer hatten sich in bester Ordnung entfernt. Wie es sich später herausstellte, handelte es sich nicht um eine wirkliche Feuersbrunst, sondern einige böse Individuen wollten rauben, deshalb riefen sie: „Es brennt," Es gelang den Räubern wirklich, kostbare Sachen zu entwenden. Lehrer I. I. Braun. Großbritannien. London. Rabbiner Dr. Seligmann aus Frankfurt a. M. wird am 4. November in einer Versammlung der hiesigen „Uewish Religio ns Union" sprechen. Rumänien. Bukarest. Wie immer, kann ich auch diesmal aus diesem Hamanslande nichts Erfreuliches berichten. — Die Zeitungen bleiben ihrem alten Handwerke der Judeuhetze treu. So forderten dieser Tage mehrere Zeitungen die rumänische Bevölkerung auf, bei Juden nichts zu genießen, da die Juden die Cholera in Rußland und den Konflikt zwischen Serbien, Türkei und Oesterreich hcraufbeschworen hätten. — In Constante hat die Behörde vor den hohen Feiertagen die Synagoge niederreißen lassen, so daß die Synagogenbesucher gezwungen sind, in Privatzimmern zu beten. Angeblicher Grund für diese Gewalttat: Die Juden sollen an Stelle der alten eine schöne, moderne Synagoge bauen; — wahrscheinlich wird aber die Behörde eine Kirche oder etwas ähnliches hinstellen lassen. Palästina. Jerusalem. Bei den Wahlmänner - Wahlen wurden vier mohammedanische und zwei jüdische Wahlmänner gewählt. Die beiden jüdischen Wahlmänner sind die Zionisten Dr. Levy, Direktor der Anglo-Palestine Company, und Dr. Pell in. Der Direktor der Gewerbeschule der Alliance Jsraelite Universelle, Antöbi, arbeitete sehr heftig gegen Dr. Levy. Antebi stellte sogar in Dr. Levys Wahlbezirk seine eigene Kandidatur auf, blieb aber mit 105 Stimmen gegen 154 Stimmen, die Dr. Levy erhielt, in der Minderheit. Hoffentlich dürfen diese Wahlen als ein günstiges Prognostikon für die weiteren Wahlen betrachtet werden. „N. I. K." Personalien. Frankfurt a. M. Den feinen, gelassenen Gleichmut der Seele hat Max Bier s. A., der zur schmerzlichen Ergriffenheit seiner Familie und semer Freunde Geschiedene, unverändert und unvergänglich gewahrt Wenn er so dadinschritt, das Haupt ein wenig geneigt und vo, gebeugt, mit sinnendem Auge, so mochten Fernersiehende denken, daß es etwa die Wucht von Levmsschiitsulen war. die ihn niederdrückie. Eingeweihte aber wußten, daß er aus die köstlichen Stimmen der Thora lauschte, die chm in seligen Stunden heimlichen Forschens erklangen oder daß er ausschaute nach den Wogen fremden Leides, Armenleides, die ihn oft und mächtig umrauschten, die er der großen Oeffentlichkeit unbemerkt, immer ebnete. Fremdes Leid umwandelnd, hat er eigenes Glück gefunden. Er hat die stattliche Schar seiner Kinder herangebildet, hat Ecken ge undel Kanten abgeschuffen, Richtlinien gegeben ohne Hammer, ohne Meißel, ohne Rlchvcheit, nur mit sanftem, starkem und um so überzeugenderem. um ko e ndrucksvallerem Wort. Dann wieder wiegte er sich in MußesMnden frohgemut in den Wipieln fremder Dichtung, fühlte sich erwischt durch die Schönheit der Zweige, durch den Säst des Stammes durch die Sonne, die hmeinspielte. Er hat nicht zu den kühnen Rittern gehört, die mit klirrenden Sporen und mit fliegenden Fahnen im Sturm die Welt erobern, sondern zu jener Eoelgarde drr still und verborgen wirkenden Geister und Meister, die in ihrer verschwiegenen, gedä-upsten Art. in ihrer bewußten Stetigkeit in thcer emsigen, wohlbehüte eit Sinnlosigkeit unendlich viel zum Aufbau des Gottesreiches auf Erden beitragen. Um ihn trauert nicht nur Gatrin und Kinder, die ferner mir rührender Anhänglichkeit und Liebe bis zum letzten FranffSrter FfratMWS FaöMrnAaÜ. Atemzuge warteten, es trauern auch alte und junge Freunde, die ihn ins Herz geschlossen hatten und treu im H rzen weiter hegen werden, und es trauert die Frank,u»ter Israelitische Religionsgesellschaft,, der er m den Jahren seiner vollsten Krau Bestes gab und Bestes erweckte. Diese allgemeine Trauer möge seiner Hinterbliebenen Familie zum Tröste sein I Berlin. Frau Konsul FloraFränkel geb. Alrxauder erhieU die Rote Kreuz-Medaille 2. Klasse. Berlin. Stadtverordneter Bernhard Hämmerst c ln und Kommerzienrat Albert Freudenberg erhielten den Roten Adlerordcn 4. Klasse. Posen. Im Alter von 88 Jahren verschied Herr Israel Neumark, Vorsitzender der städtischen Armenkommission II, Vorstandsmitglied des Latzschen Alters- und Siechenheinis usw. (L) Posen. Rechtsanwalt Smoschewer erhielt den Tuet I u st i z r a t. In O st r o w o wurden Fabrikbesitzer Fabian Fraenkel und Oekonomnrat Gold st ein zu Magistratsmitgliedern und in Mieschen an Stelle des nach Meseritz verzogenen Kreisarztes Dr. Michaelsohn Kaufmann Hermann Ziegel zum Stadtrat gewählt. Bernhard Pieck in Berlin, der Besitzer der Ernswiühle in Schönlanke, ein mehrfacher Millionär, ist im Alter von 62 Jahren verschieden. Gebweiler. Die Gebrüder v. Schlumverger haben zum Andenken an ihren jüngst verstorbenen Luter der israel. Gemeinde zur Verwendung ,ür wohltätige Zwecke 5U0 Mark überwiesen. Stratzburg. Die Moise Job'scheu Eheleute in Saarourg feieren die goldene Hochzeit. Das Konst st orrum des Ober-Elsaß ernannte seinen aus Altersrücksichien scheidenden Prastoenten Lazare Lantz-Mülhausen zum Ehrenpräsidenten. Potsdam. Herr Pintus Bernhard und Frau Sophie geb. Luboscher erhielten anläßlich ihrer goldenen Hochzeit die Ehejubiläumsmedaille. Breslau. Stadtrat und Handelsrichter Siegfried Haber erhielt den Roten Adlerorden 4. Klasse. Bromberg. Die Justizräte M. Bärwald und B. Fuchs wurden zu Notaren ernannt. Parts. Ignaz Posnanski. Senwrches der bekannten Baumwollfirma in Lodz, verschied hier im 56. Lebensjahre. Er hatte infolge der revolutionären Haltung feiner Arbeiter Lodz verlassen müssen. Philadelphia (Amerika). Unter lebhaftem Beifall trug in einer großen Wohltätigkeitsveranflaltung im Walnut-Street-Theater Solomon Bloomgarten, bekannt untqr dem Pseudonym „Jehcash", seine Gedichte im Jargon vor. Bloomgarten wurde 1870 in der lithauischen Stadt Wirballen geboren und kam 1892 nach Amerika. Er wohnt in Denver als Gejchäftsangestellter. Detroit (Amerika). Salomon M. Goldsmith, Herausgeber der Zeitschriften „Poung Israel" und „Pewish American", starb im Alter von 48 Jahren am Typhus. Kapstadt lSüb-Afnka). Sir Mathew Nathan, der Gouverneur von Natal, hat die einstimmige Wahl zum Ehrenpräsidenten der jüdischen Gemeinde Vryheid angenonimen. In Natal gibt es nur in Vryheid und Durban jüdische Gemeinden. Aus -er zionistische« Bewegung. Frankfurt a.M. Im Büro des Jüdischen Nationalfonds, Grünestr. 19, gingen ein: Frau Dr. Fiebermann, Obermainanlage 1 4,13 Jk Frl. Irma Rotschild, Grünestr. 12 0,20 „ Isaak L. Goldschmidt, Sandweg 16 1,03 „ Ferner Materialien von Frl. Johanna Locb, Langestraße 24. Bei der Expedition d. Frkf. Jsr. Fambl. gingen ein: Familie S. H. Goldmann gratuliert Familie S. Jakobsohn, Ottoshop (Transvaal) zur Geburt eines Sohnes 0,50 Jk Berlin. Das Zentralkomitee der ZionistischenVereinigungfürDeutschl a n d war für den 25. Oktober zu einer Plenarsitzung nach Berlin zusammenberufcn worden. An derselben nahmen folgende Mitglieder teil: Dr. Bodenheimer-Köln (Präsident), Julius Simon-Mannheim, Dr. Ko llenschcr-Posen, Hugo Schachtel-Breslau, Fritz SondHeimer- Franksurt a. M., Dr. Hantle, Rechtsanwalt Gronemann, Dr. Leszynsky, Max Wallst ein er, Dr. Klee, Hermann Struck, Rechtsanwalt Steinitz, Dr. Jung mann, Dr. Friedemann, Dr. Elias Auerbach, sämtlich in Berlin. Die Herren Arnold Wiencr-Kattowitz, Dr. Kalmus und Dr. Halpern-Hamburg und Dr. Kaufmann- Freiburg i. Br. hatten ihr Fernbleiben entschuldigt und sich zu den wichtigen Punkten der Tagesordnung schriftlich geäußert. Als Vertreter des Aktionskomitees wohnte Herr Professor Warburg-Berlin der Sitzung bei. Nach Eröffnung der Sitzung durch den Präsidenten Herrn Dr. Bodenheimer und nach Anhörung eines kurzen Berichtes des Geschäftsführenden Ausschusses wurde in die Tagesordnung eingetreten, welche sich auf sämtliche Gebiete der Organisation und der Propaganda erstreckte. Aus den Beschlüssen mag hervorgehoben werden, daß einstimmig die Durchführung des Beschlusses des Delegiertentages auf Anstellung eines Parteisekretärs für dringend erforderlich erklärt wurde. Die hierzu notwendigen Mittel sollen durch besondere Beiträge der Ortsgruppen aufgebracht werden. Der Geschäftsführende Ausschuß wird beauftragt, nach dieser Richtung mit den Ortsgruppen zu verhandeln. Der Oberschlesische Gruppenverband hat bereits für die nächsten zwei Jahre einen Beitrag von jährlich 600 Jk bewilligt. Ein von Herrn Julius Simon verfaßtes Schekelflugblatt wurde einstimmig genehmigt und soll in den nächsten Wochen in einer Massenauflage verbreitet werden. Zur Verstärkung der Palästinapropaggnda wurde ein Ausschuß unter der Leitung der Herren Dr. Friedeinann und Hermann Struck eingesetzt. Dem Ausschuß wurde auch die Nationalfonbspropaganda übertragen. Die auf i&em Delcgiertentag eingesetzte Gemeindekommission, sowie der Ausschuß zur Förderung her Jnnenarbeit erstatteten ausführliche Berichte. Die Ausschüsse sind noch mit Vorarbeiten beschäftigt. Die Sitzung schloß mit einer Besprechung der politischen Verhältnisse in der Türkei. Berlin. Am 24. dss. Mts. vereinigten sich die Mitglieder der Mtsrachi-Gruppe Berlin zur Enigegennahme des Berichtes über die Misrachi- Konfeienz zu grankftut a. M. Sie batten die Ehre, in idrer Mitte Herrn Direktor Dr. Grünhut aus Jerusalem und Herrn W. I a w i tz, Berlin begrüßen zu können. Einen ausführlichen Bericht über die Konferenz haben wir bereits gebracht Der Vorsitzende schloß seine Auslührungen mit einem warmen Appell, in mcsrachistisch gesinnten Kreisen eiftig zu werben, möglichst zahlreich und schnell den Schekel an die Misrachi-Berttauensmänner abzuliefern, damit zum Kongreßjahr die für die Förderationsbildung nötige Anzahl von 3000 Schekolim zusammenkäme. Zur Schnlsrage machte Herr Dr. Grünhut interessante Mitteilungen über die Verhältnisse in Paläst na und zeigte, welch ein großes und wahres Kalturwerk der Misrachi durch seine Schulgründung in Angriff nehme. Er. empfahl d>e Uebernayme derTachkemoni-Schule in I a f f a, die sich leicht zu einer modernen Schule ausbauen ließe. Der Vorsitzende konnte Mitteilen, daß sich die Verdandlungen wegen der Schule dem Abschluß nähere und manvoraussichtlichdieTachkemoni- Schule übernehmen werde. Damit würde der Misrachi den ersten Schritt zur Verwirklichung seiner großen Aufgabe tun. dem heiligen Lande moderne Kultur zu vermitteln in einem Geiste, der im Einklang stehe mit den Anschauungen der gesetzeStreuen Landesbevölkerung, tm Geiste der alten heiligen Ueberlieferungen des jüdischen Volkes! Beikittserklärungen zum Misrachi, sowie Schekelgelder rc. nimmt Edmund Lewh, Auguststraße 84 entgegen. München. Morris Rosenfeld-Abend. Es war ein guter Gedanke von der zionistischen Ortsgruppe, mit Unterstützung anderer jüdischer Vereine den bekannten Dichter der „Lieder des Ghetto", Morris Rosenfeld aus Newyork, für einen Vortragsabend zu gewinnen. Lange vor Beginn war der große Saal dicht besetzt; alle Schichten der jüdischen Bevölkerung waren vertreten, und es hat sich gezeigt, daß, was bisher bezweifelt wurde, auch in München Interesse für solche Dichtungen besteht. Der Schriftsteller, Herr Fab. Schach, sprach die einleitenden Worte, hierbei eingehend Entstehung und Wesen des Jargons würdigend, um dann noch Schriftsteller und Dichter in diesem Idiom und besonders Rosenfeld des Nähern zu charakterisieren. Das Erscheinen des Dichters auf dem Podium verfehlte nicht, einen tiefen Eindruck bei den Hörern hervorznrusen. Nur fo kann man sich den berühmt gewordenen Lyriker des Ghetto vorstellen. Das bleiche Gesicht mit den tiefen dunklen Augen geben Zeugnis davon, daß der Dichter Not und Elend im Jünglings- und .Mannesalter reichlich gekostet hat. Nur aus seinem Aknnde vermögen Dichtungen wie: „Die Lichtverkäuferin", „Mein Kind", „Der jüdische Soldat" so unmittelbar packend zu wirken. Mit Recht sagen die „Münchener Neuesten Nachrichten" in ihrer Kritik: „Morris Rosenfeld hat mit seinen Liedern den jüdischen Jargon geadelt und dieser merkwürdigen, von 6 Millionen Menschen gesprochenen Sprache ein Heimatrecht in der Lyrik gesichert." — Reicher Beifall lohnte den Dichter nach jedem einzelnen Lied, es wurde nur bedauert, daß die Kräfte des schwächlichen Mannes es nicht znließen, mehr von seinen Produkten zum Besten zu geben. Ein weibliches Mitglied des Volkstheaters brachte verschiedene ins Hochdeutsche übertragene Gedichte Rosenselds zum Vortrag; wenn auch die Dame ihrer Aufgabe auf das Allerbeste gerecht wurde, so zeigte sich doch, daß eine richtige Wirkung der Dichtungen nur durch deren Borttag in der