Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 42 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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bereits an den hohen Feiertagen gemacht. Die Zionisten Budapests mieden die offiziellen Andachtsstättcn der Großgemeinde, die großmütig genug: den Zirkus, die Arena, die Schaubude im Stadtpark und noch nianch eindeutiges Lusthaus zur Betstätte ummodelte, und fanden sich in großer Zahl im Vereinslokal ein, um in tiefer Innigkeit die heiligen Tage zu begehen. Minköcs mit seinem Oberchassid an der Spitze ist bei dem einfachen Federkrieg gegen Zion nicht stehen geblieben. Der dortige „Gute Jid" hat die Parole ausgegeben, daß Erez Israel das Land sei, wo die Lemunes wachsen; die Chassidim seiner Klausburg haben den Wilhelm Meister des Jargon verstanden, — und die Palästina-Esrogim wurden von dort verbannt! Das offizielle Dementi seitens der orthodoxen Zentrale blieb aus. Die Existenz unserer palästinensischen Esrogproduzenten ist gefährdet. Korfu und Prajanaare sind — horribile dictu — Trumpf. ' Daß unter solchen Auspizien das And lau bwdo der zionistischen Gemeindcmitglicder im Bethaus der Orthodoxen Budapests einfach niedergebrüllt werden mußte, war nur die natürliche Konsequenz des dort gezüchteten ' Geistes. Und dieses erhebende Lied sollte am Simchas tauro bei den Hakofaus einer der weinseligcn Stimmung eines Funktionärs entströmenden Orpheummelodie den 'Einzug in die geheiligte Halle verwehren. Es wurde, wie gesagt, kontriert. Szigeth, das ist bereits bekannt, hatte seine traurige Kolnidrekatastrophe. Die neun Leichen und 45 schwerverletzten Opfer belasten das elastische Gewissen des antisemitischen Bürgernieisters. Vom Rabbiner und Gemeindeparnaß lange vorher auf die drohende Gefahr aufmerksam gemacht, die das Leben der Andächtigen bedroht, wies er die Bitte, ihnen provisorisch ein Lokal zur Verfügung zu stellen, achselzuckend ab: „Den Juden," meinte er, „schade kein Teufel." Und — er ist noch immer im Amte. Die Toleranz unserer rotweißgrünen Nationaljuden hätte wahrlich eine andere Behandlung verdient. Diese geht schon heute bis zur Selbstüberwindung. So hat z. B. die aut. orth. isr. Kultusgemeinde in K ä m o c f ä, Com. Koni o r n, ihr neu erbautes Gotteshaus durch den katholischen Pfarrer einweihen lassen, während das Kohol zu Felsö-Szlivän ihren jüdischen Religionsunterricht, das Vorbeten und Schächten durch einen Funktionär versehen ließ, von dem es sich nachträglich herausstellte, daß er Protestant ist und nebenbei drei Jahre die hohe Schule — im Zuchthaus absolviert hat. "Zion i. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Wie eine große Familie fühlen sich die Besucher der Westend-Synagoge, und dieser innige Zusammenhang kam so recht zum Ausdruck bei der kleinen Festlichkeit, die Herr Naftali Fromm, Sohn des Rabbiners Fromm s. A., als „Choson Bereischis" letzten Schabbos veranstaltete. Herr Fromm, der an den hohen Feiertagen in selbstloser Weise als Vorbeter fungiert, begrüßte herzlich und sinnig die Festteilnehmer. Sodann gaben Herr Jos. Fromm, wie auch Herr Lehrer Hirschberg in geistvoller, humoristischer Rede der Bedeutung bes Festes beredten Ausdruck, während s. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. Jac. Horovitz, auf den Inhalt der Sidroh Bezug nehmend, meisterhaft schilderte, wie Menschentum und wahres Judentum aufs engste verknüpft, ja durcheinander bedingt sind, und zum engsten Anschluß an die Thora und deren tatkräftigen Verbreitung in die weitesten Kreise aufforderte. — Für die kleine Kehilloh im Westend wird dieses Fest der Thora eine angenehme Erinnerung für lange Zeit sein. y. Berlin. Wie die »Sk. I. St" erfährt, soll bereits in Kürze die „Allgemeine Jüdische Kolonisations- Organisation", über deren Begründung die Ende September in Berlin tagende Notabein-Konferenz beriet, definitiv konstituiert werden. Es ist daher nicht uninteressant, zu sehen, von welchen Ideen und Absichten diese neue Gesellschaft sich leiten lassen will. Dem einleitenden Referat zu der genannten Konferenz, das Dr. Alfred N o s s i g erstattete und das uns soeben zugegangen ist, entnehmen wir, daß die „A. I. K.-O." die Frage des Kolonisationsgebietes gänzlich voraussetzungslos vom volkswirtschaftlichen und kolonialpolitischen Standpunkte geprüft habe, und daß von allen überhaupt in Betracht kommenden Gebieten pt zwei sich bisher wirtschaftlich bewährt haben. Argentinien und P a l ä st i n a. Da nun die argentinische Kolonisation in Händen der Jca liege, so wolle die neue Organisation sich gern auf die Wirksamkeit im Orient beschränken, zumal dieses Gebiet in vielen Hinsichten als das aussichtsreichere erscheinen müsse. (Hier sei daran erinnert, daß auf der Konferenz vom 20. September Herr Hermann Landau, London, Argentinien als ein moralisch versumpftes Land bezeichnete. D. Red.) Das früher verbreitete Vorurteil von der Unfruchtbarkeit Palästinas ist, wie es in dem Vortrag heißt, zunächst durch die deutsche, dann aber durch die jüdische Kolonisation völlig beseitigt worden. Die Kolonisten in Palästina sind ständig wirtschaftlich vorwärts gekommen, so daß der Vorsitzende der Jca, Herr N a r c i s s e Leven, in seinem Jahresbericht für 1907 sagen kann: „Es hat genügt, den Juden Acker und Arbeltswerkzeuge zu liefern, um sie zum Erfolge zu führen — nach den Erfahrungen kaum eines Vierteljahrhunderts eine feststehende Tatsache. Das ist ernmtigend und gestattet, vorwärts zu gehen." - Weiter heißt es in dem Vortrage Dr. Nossigs: „In der Tat wird man schwerlich ein Gebiet finden können, das für eine sofortige jüdische Aniedelungsaktion in etwas größerem Maßstabe güukigere Voraussetzungen bietet als P a l ä st i n a. Schon die außerordentliche Nähe dieses Landes an das Auswanderungsgebiet, die Billigtettdes Transportes fallen bei Massenübersiedelungen sehr ins Gewicht. Die heute ganz unbezweifelbare Fruchtbarkeit des Bodens im Verein mit den noch gar nicht ausgenützten Wasserkräften und dem erheblichen Minenreichtum gestatten cs, anzunehmen, daß in Palästina allein, das etwa den Umfang von Belgien besitzt, bei intensiver landwirtschaftlicher und industrieller Entwicklung vieleMillionen Juden leben könnten. Erwägen Sie nun weiter, taß hier fruchtbare Nachbargebiete von unbegrenzterFassungskraft sich eröffnen, wie Mesopotamien; daß dieses Land bei seiner exzeptionell günstigen geographischen Lage an der Pforte dreier Kontinente, am Kreuzungspunkte der großen Welthandelsst r a ß e n, wenn eS von Juden bewohnt werden wird, ein Handels- und Kulturzentrum ersten Ranges sein wird, daß es das einzige Gebiet ist, wo mit Rücksicht auf die Geschichte die nichtjüdische Bevölkerung gegen die jüdische Eiirwanderung nicht protestieren kann; daß die Einwanderer hier bereits eine jüdische Bevölkerung vorfinden, die sich seit den 70er Jahren verfünffacht hat — etwa 100000 Seelen —, sowie alles, was sie zur Ausübung ihrer religiösen Pflichten bedürfen; erwägen Sie, daß der Orient, in dem alle jüdischen Organisationen sich betätigen, heute das hervorragendste jüdische Kolonisationsland ist — und Sie werden zugeben, daß es eine verhängnisvolle und unbegründete Kräfte-Zcrsplitterung wäre, wenn wir heute ein ganz neues Gebiet erschließen wollten." Köln a. Rh. Die israel. Volksschule hat in wirksamer Ergänzung des lehrplanmäßigen hebräischen Pflichtunterrichts noch einen besonderen, außerhalb des Stundenplans stattfindenden hebräischen Sprachkursus eingerichtet. In zwei Wochenstunden werden die Schüler der oberen Klassen in zwei räumlich getrennten Abteilungen unentgeltlich von Lehrkräften der Schule unterrichtet. Der Vorstand der israel. Gemeinde hat die Kosten des Unterrichts bewilligt. 75 Schüler und Schülerinnen haben sich bereits angemeldet. München. Veranlaßt durch Zirkuläre, die die Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland an die Juden Münchens sandte und in denen von „Uebergriffen der Orthodoxen" und .Willfährigkeit der Behörden gegenüber der orthodoxen Richtung" gesprochen wird, hat die Vorstandschaft des orthodoxen Synagogen-Vereins „Ohel Jakob" sich gleichfalls in einem Zirkular an die jüdische Oeffentlichkeit gewendet. Es wird in diesem Zirkular auf das Programm der liberalen Bereinigung hingewiesen, welches fordert, daß „kein Gewicht auf die June- Haltung veralteter Vorschriften und Gebräuche und abgestorbener Sitten gelegt", daß „der Gottesdienst gemäß den Bedürfnissen der Zeit ausgestaltet und in ihnl der deutschen Sprache ein breiter Raum gewährt" und schließlich, daß „im Religionsunterricht die gesicherten Resultate der Wissenschaft berücksichtigt, die Entwicklungsfähigkeit des Judentums anerkannt und die Schüler nicht in einen Gegensatz zum Elternhause gebracht" werden. Das Zirkular erwähnt dann die zwischen den beiden Richtungen in der Münchener jüdischen Gemeinde vor wenigen Monaten geschlossene Vereinbarung, daß „die Ritualinstitutionen der Gemeinde nach streng traditionellen Grundsätzen zu handhaben sind" und fährt dann fort: „Was den Ausbau des Gemeindelebens im liberalen Sinne betrifft, so ergibt sich aus den Akten der Verwaltung der hiesigen Kultusgemeinde, daß alle wirklich liberalen Anträge nach dieser Richtung hin, wie z. B. Revision des längst veralteten Gemeindestatuts, Beseitigung desjenigen Paragraphen, der nur Ausgaben für „Kultuszweckc", nicht aber auch für soziale und charitative Institutionen gestattet, moderne Regelung des Einschätzungswesens und der gemeindlichen Besteuerung, Einftihrung der Proportionalwahl, Anstellung eines juristischen Syndikus usw. von den Vertretern der orthodoxen und der konservativen Richtung im Verwaltungsausschusse gestellt wurden, bei den Liberalen aber lewer keine Gegenliebe fanden." Zum Schluffe wird betont, daß es den Orthodoxen fern liege, „der neologen Majorität der Gemeindemitglieder bezüglich der Ausgestaltung des neologen Gottesdienstes in den Reformsynagogen von München und Nürnberg Vorschriften zu machen", daß aber die Orthodoxen „gegen jedwede Beschränkung der von ihnen gepflegten traditionellen Religionsübung und speziell gegen die Auffassung, daß diese ihre orthodoxen Gottesdienste der Erlaubnis und der Kontrolle neologer Gemeindeverwaltungen unterliegen", energisch Verwahrung einlegen. Dillingen a. d. Saar. Die hiesige israel. KultuSgemeinde, die in den letzten Jahren stark angewachsen ist, beabsichtigt den Ban einer neuen Synagoge. Das Kgl. Eisen-Hüttenwerk hat der Gemeinde ein größeres gut gelegenes Grundstück bereitwilligst zur Verfügung gestellt. Auch ein nicht unbeträchtlicher Baufonds ist schon vorhanden. Saarlouis (Rheinpreußen). Erst seit kurzer Zeit hat die hiesige Gemeinde einen eigenen Friedhof, während bisher alle die Toten von Saarlouis und Umgebung auf dem Kreisfriedhof Dieflen beigesetzt wurden. Oesterreich-Ungarn. Wien. Die Synagoge in der Seftenstedtmgasse bot dieser Tage beim Slbendgottesdienste ein merkwürdiges Bild, denn zu Beginn des Gottesdienstes erschienen zwei ehrwürdige Patres des Ordens der Barmherzigen Brüder in ihrem Ordenskleide, sechs Polizisten in Uniform und noch einige Herren, denen man gleichfalls ansah, daß sie keine Nachkommen Abrahams sind, und nahmen auf der vordersten Sitzreihe Platz. Als dem Gottesdienste sich ein Gedächtnisgebet anschloß zu Ehren des vor einem Jahre verstorbenen Danato Tanssig, der den Barmherzigen Brüdern 1 Million Kronen vermachte und alle polnischen Juden von dem Genuß seiner Legate ausschloß, — da löste sich das Rätsel: Die christlichen Herren waren erschienen, weil der spleenige Taussig in seinem Testamente festgesetzt hatte, baß sie als Gegenleistung für die Erbschaft an seinem Jahrzeitstage in der Seitenstedtengasse-Synagoge erscheinen müssen. — Eine» großen Erfolg hat der Morris Rosenfeld-Abend bedeutet. Fast tausend Personen waren anwesend. Adolf Ritter von Sonnenthal, der Oberregisseur des Hofburgtheaters und bedeutendste Schauspieler Oesterreichs, bewies wieder einmal sein jüdisches Interesse, indem er neben Rosenfeld gleichfalls Schöpfungen des Dichters vortrug. Wien. Am 26. dss. Mrs. fanden die Landtagswahlen zum Nieberösterr. Landtag statt und zwar zum ersten Male nach der neuen Wahlordnung. Selbst in den von Juden stark bewohnten Stadtteilen Wiens unterlagen die freisinnigen Kandwaten. Es wurden 52 antisemitische und 6 sozialdemokratische Abgeordnete gewählt. Nyirbator. Welcher Haß bei uns in Ungarn häufig seitens der unreligiösen Juden gegen ihre frommen Brüder besteht, hat sich dieser Tage wieder einmal gezeigt. Anläßlich der Ernennung des hiesigen Stuhlrichters zum Oberstuhlrichter fand ein Festessen statt, an dem auch zahlreiche Mitglieder der israel. Status-quo-Gemeinde teilnahmen und bei welcher Gelegenheit das sehr angesehene Mitglied dieser Gemeinde Edmund Mandel den Oberstuhlrichter in seiner Ansprache aufforderte, die „Streimel"-Juden auszurotten, da sie die Stadt beschmutzen, und die Schulen derselben zu schließen. Die anwesenden Juden gaben zu. diesen Worten ihre Zustimmung durch lebhaften Beifall kund, aber ein christlicher Landwirt erwiderte darauf, daß den Bauern die einfachen ftommen Juden lieber als die unftommen seien, und auch der Oberstuhlrichter erwiderte, daß er sich die Anschauungen des Redners nicht zu eigen machen könne. Rußland. Radomisel. In Berdiczew hat sich, wie bereits berichtet, am Simchasthora Furchtbares ereignet. In der allen Schule brach, während der