Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 42 (30.10.1908)
- Date
- 1908-10-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 3 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. 42 gratzhen, die auf Frauen und Kinder in Anwendung kommen, wurden in der Generalversammlung des Deutschen Frauenbundes von allen Richtungen unter ausdrücklicher Betonung des eigenen Standpunktes erörtert. Gerade, übersichtliche. Wege, ohne Schwanken, gehen mit sehen Schritten, geführt von Helene Lange, adjunktiert von Fräulein Dr. Bäumer, die gemäßigten deutschen Frauen. Eine bedeutende Kräftigung brachte dieser Fraktion der Eintritt des evangelischen Frauenbundes. Paula Müller, die Vorsitzende dieses evangelischen Frauenbundes, ist erst in diesen Oktobertagen dem deutschen Frauenbund mit 43 Ortsgruppen beigetreten. Der Anschluß bedeutete für die Radikalen eine große Uebcrraschung. Marie Lischnewska, die schneidige, zungengewandte, logische Führerin der radikalen Frauen, verfocht in geistreicher Weise im Gegensatz zu den Franzosen von 1789 die Abstinmmng nach Verbänden (Ständen) und nicht nach Köpfen (Einzelvereinen). Mit dem katholischen, noch nicht angcschlossenen Frauenbund wurde von allen Seiten weidlich kokettiert und immer wieder seine Vertreterinnen in die Debatten gezogen. Es war durchaus am Platze, daß alsdann die 1. Vorsitzende des jüdischen Frauenbundes, Fräulein Bertha Pappen heim, hervortrat und betonte, sie, als Vertreterin des jüdischen Frauenbundes, spreche nicht wie chre Vorrednerin vom katholischen Frauenbund, weil sie so oft angerufen wurde, sondern weil sie gar nicht angerufen wurde. Der jüdische Frauenbund, der 120 angeschlossenc jüdische Frauenvereine repräsentiere, nehme zu der angeschnfttenen Frage die und die Stellung ein. Man fühlte es in diesem Augenblicke — und ich glaube, nicht nur wir jüdischen Frauen fühlten es —: wenn auch noch im Anfangsstadium der Entwicklung, bedeuten wir heute schon einen Faktor, mit dem zu rechnen ist, und wir werden, wenn wir so fortschreiten, gerade in diesem deutschen Frauenbund zu ciner Macht werden, die man suchen oder fürchten wird. Unsere Zeit ist ernst und reif; wir haben es in Breslau wieder offensichtlich gesehen, daß wir jüdischen Frauen zeigen, wir sind auch da; wir arbeiten mit allen gemeinsam, wo cs gllt, gemeinsame Kulturwerte zu schassen und zu fördern; wir sind aber auch da, organisiert, ausgerüstet und diszipliniert, wenn es gilt, unsere gesonderten Interessen zu schützen, weiterzuführen und neu anzubahnen. Sicherlich müssen wir jüdischen Frauen auf den Pulsschlag der Zeit mit geschärftem Sinne lauschen, nicht einen Pulsschlag vorübergehen lassen, ohne ihn zu nutzen. Ucbcrall, allüberall heißt es für uns das Ohr hinwenden, lernen und bereiten, damü wir nicht nur unsere eigenen Frauen, die uns noch so vielfach so fern stehen — wir haben es wieder auf der Breslauer Tagung gesehen, wie ängstlich sie uns jüdische Führerinnen mieden — für unsere gesonderten Aufgaben gewinnen, sondern auch der Allgemeinheft Achtung und Beachtung abzwingen durch unsere Arbeit. In Breslau ist unser Ansehen — ich meine damit das Ansehen des jüdischen Frauenbundes — ich darf cs wohl sagen, ein gut Stück gewachsen. Dank an dieser Stelle den Breslauer jüdischen Frauen, die uns den Boden so bereitet und uns so gastlich empfangen haben. Der Kontakt zwischen den jüdischen Frauen in Breslau, die in altem Jiches, wie Fräulein Pappenh eim sagte, aufgewachsen sind, und uns zu finden, war nicht schwer. In einer besonderen Nachmittagssitzung im Saale der Lessingloge hatten wir Gelegenheit, uns durch ein gemütliches Beisammensein persönlich näher zu treten. Frau Henriette May, Berlin, sprach über die Entstehung und Entwickelung des jüdischen Frauenbundes. Er ist am 14. Juni 1904 als Verband der jüdischen Frauenvercinc in Deutschland gegründet worden. Als greifbare Erfolge des Bundes sind schon jetzt anzuführen die Gründung eines Heims für gefallene und gefährdete Mädchen und Frauen in Neu-Isenburg bei Frankfurt a. M., die Entsendung von drei Damen in das jüdische Zwcigkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels, welches von der Großloge für Deutschland, U. O. B. B. begründet, dem internationalen Bund gegen den Mädchenhandel angcgliedert ist; ferner die Mitarbeit am Werke des Hilfsvereins der Deutschen Juden u. v. a. Nach einigen überleitenden Worten der Vorsitzenden, Fräulein Berta Pappenheim, begann die Schrciberin dieser Zeilen ihren Bortrag: „Kulturaufgabcn der jüdischen Frau", davon ausgehend, wie die jüdische Frau während der Ghettozeiten mit ihrem Manne unter der Rechtlosigkeit der Juden litt, und wie sie dann selbst, nachdem die Ghcttomauern gestürzt waren, so wenig in der engbegrenzten Gemeinschaft wurzelte, daß ihr nur der Platz in der Familie zugewiesen war. Die moderne Jüdin wftl, wenn die reif gewordene Frauenschaft ringsum ihre Ketten klirrend abwirst, die Vorurteil und Ueberhcbung ihr angelegt, nicht zurückstchen und fordert mit crwachteu Ansprüchen ihren Anteil an der jüdischen Kulturcntwicklung. Ihre Sinne sind zn geschärft auf die Eigenart chres Volkes, das sic liebt, sie wftl keine Renegatin oder auch nur Mitläuferin werden. Ihr Bestes soll ihrem Volke gehören. Anteil muß ihr werden an der jüdischeil Gemeindeverwaltung. Um sie dafür reif zu machen, ist eine Reform der weiblichen Bildung nötig. Das jüdische Mädchen muß ebenso wie der jüdische Knabe die jüdischen Ideale verfechten lernen; das Mädchen muß ebenso die hebräische Sprache, die jüdischen Gesetze, die jüdische Geschichte kennen, dann erst wird sie die Volksseele bewundernd begreifen. Der Beruf dem jüdischen Mädchen wie dem jüdischen Manne! Die Ehe kann nicht die einzige Lösung der jüdischen Frauenfrage bedeuten. Das war einmal. Mit den Männern gemeinsam müssen die Frauen ihre Interessen beraten; immer wieder darauf hinwirkcn, daß ihre Kinder gleichberechtigt in den Staatsschulen aufgeiwmmen, jüdische Lehrerinnen gleichberechtigt angestellt werden. Wo gibt es ein jüdisches Lehrerinncnseminar in Deutschland? Frauen müssen in die Armen- und Schulverwaltungen und überhaupt in alle jüdischen Verwaltungen, die für Kinder und Frauen geschaffen wurden. Die Wohltätigkeit muß in andere Bahnen gelenkt werden. Wohltat muß Wohlfahrt werden; das Ohr überall hingewendet werden, wo Gefahr entsteht und Vorbeugen. Die Durchführung des Kinderschützgesetzes verlangt auch die mütterliche Hilfe der jüdischen Frauen; Säuglingsüberwachung, Verhinderung der großen Sterblichkeit auch unter den jüdischen Kindern ist jüdischer Frauen Pflicht. Uebernahme von Vormundschaften jüdischer Kinder ist eine nicht hoch genug anzuschlagende Tätigkeit, denn gerade derartige, anderseitig überwachte jüdische Kinder gehen uns vielfach verloren. Wahrlich Arbeit genug für jüdische Frauen, wollen sie an der Kulturentwickelung der Judeicheit mftarbeiten! Kultur wächst von innen heraus, und je größer der Umkreis ist, den wir von innen heraus bebauen, desto höher wird unsere Kulturarbeit Verwerter. Mädchenhandel, das uneheliche Kind, Kolonisation, osteuropäische Juden; alles Arbeitsgebiete, die der Kräfte der Besten unter uns bedürfen. Darum wurden die jüdischen Frauen noch zum Schluß aufgefordert, mitzuhelfen, mitzuwirken, um das gesamte Niveau des jüdischen Gemeinschaftslebens höher zu legen, wohl die Forderungen der Zeit zu hören, sie aber iminer in Einklang mit unserer jüdischen Eigenart zu bringen. Daß. die jüdischen Frauen sich in der jüdischen Gemeinschaft daheim und zugehörig fühlen, das soll das Ziel sein, wofür Redncrin und der jüdische Frauenbund kämpfen wollen. Nach einigen warmen Dankesworten von Frau N e i s s e r an die Vortragende begrüßte Fräulein Pappenheim das anwesende Ehrenmitglied des Bundes, Frau Lina Morgenstern-Berlin und wies noch besonders auf zwei Arbeitsgebiete hin, das der Stellenvermittlung und der Fürsorge für sittlich Schutzbedürftige. Der Erfolg dieser vom jüdischen Frauenbund gelefteten Propagandaversammlung war der Anschluß von 10 jüdischen Frauenvcreinen und Gründung ciner Ortsgruppe in Breslau. Dieser Bericht darf nicht geschlossen werden, ohne daß hiuzugcfügt wird, daß auch an der Tagung des deutschen Nationalkomitees zur Bekämpsung des Mädcheichandels die in Breslau anwesenden Vertreterinnen des jüdischen Frauenbundes aktiven Anteil genommen haben. Fräulein Pappenheim erstattete Bericht über ihren Aufenthalt in Galizien. Da das feinsinnige Referat dem Druck übergeben werden wird, erübrigt essich, an dieser Stelle darauf näher einzugehcn. Der Antrag des jüdischen Frauenbundes: Die Schiffahrtsgesellschaften aller Staaten aufzusordern, Delegierte sowohl in das Nationälkomite? wie in die Lokalkomitees zu senden, deren geographische Lage dies wünschenswert macht, wurde von dem Nationalkomitee ciitstimmig angenommen. So können wir Regsamkeit und Verständnis für alle jüdischen Interessen von Seiten des Jüdischen Frauenbundes erwarten, und cableibt zu hoffen, daß er durch den Beitritt aller jüdischen Frauenvereine an Bedeutung gewinnen wird, und daß er auch von Seiten der jüdischen Korporationen die Beachtung ' bald findet, die eine gegenseitige Fördeluug unbedingt zur Folge haben wird. Brief aus Ungarn. Unsere jüdischen Gemeinden an der Hauptstrecke der südangarischen' Staatsbahn, die das Land niit dem Meer verknüpft, waren Zeugen eines ticstragischen Aufzuges. Hirzenbergs Golus zog in lebendig schreiender Realistik an ihnen vorbei. Gedalje Sommer st ein, den sein russisches Judcnschicksal erst in den Krieg, dann aus der Heimat peitschte, war der Führer dieses wandernden Jammers. Auf sechs zusam'mengcstückelten Pritschen fuhr die aus dreiundvierzig Seelen bestehende Karawane bis zum Cunarddampfer, um in Kanada das elende Leben von Anfang zu beginnen. Interessant war auch der Rechtsfall, den sie unseren Bureaukraten zur Erledigung überwiesen. Auf der Landstraße zwischen Unguor und Jjhely erblickte im Wagen der jüngste Sommerstein das Licht (?) der Welt. Da die unglücklichen Kreaturen in ihrer traurigen Weltflucht über den Grenzstein im Zweifel waren, wollte keiner der amtierenden Matrikelführer das Würmchen verbuchen. Jeder der besoldeten Machthaber forderte — und mit Recht —, daß der andere diesen ungebetenen Weltbürger mit einer laufenden Numnier versehe, bis ein drftter das kolumbische Ei entdeckte und das Kompromissum zur Annahme zwang, daß der Rabbiner inoffiziell bescheinige, daß das Kind von Juden geboren; der Geburtsort: ein Wagen und das Land der Zugehörigkeit: die breite Landstraße sei. Barmherzige Brüder — so schloß dies sonderbare, nach praktischem Zionismus schreiende Gebnrtsattest — mögen das übrige besorgen. Familie Sommersteiu hat, abgesehen von einigen blutigen Peitschenhieben und Steinwürfen, mit denen ihnen die judenfreundliche Einwohnerschaft Piskes begegnete, das Schiff glücklich erreicht und segelt im Zeichen des Rosenfeldschen Sturmvoöms vom gewissen Elend ins Ungewisse — hinüber. Ein viel traurigerer Goluszug offenbarte sich in den Spalten des ofsiziellen Organs unserer orthodoxen Konfessionalisten. Der Kampf mft Besenstiel, Spülichtkübel und Mistgabel gegen alles, was zionistisch fühlt und denkt, hat begonnen. — „Wer noch jetzt Zionist ist" — so heißt es da — „ein Io cheleck b'elokö Jakob" müsse als abtrünniger Renegat betrachtet und der Gaon aus Lida als Sokön mamre gerichtet werden!!!" Die Antwort der ungarischen zionistischen Zentrale war eine würdige. Sie hat beschlossen, in den zionistischen Räumen Talmud-Thora- Schiurim zu eröffnen, um es so jedem Jchudi zu ermöglichen, daß er, ohne in den Rahmen irgendwelcher autonomierten Konfessionspartei gepreßt zu sein, voll und ganz seinem heiligen Judentum leben könne. Der Anfang hierzu wurde