Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1908-10-30 · Heft 42 (30.10.1908) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 42 (30.10.1908)
Date
1908-10-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2692562-2692604--04295-2699094
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Krank frrrt er fnmiliriliiutt Redaktion und ^-fchäftssterle: Srankfurt s. M.. vilbelerstraße 4/6» Ecke Lleichstraße T-refon 10507. ->-3T-{ Kerausgever: Kalg IT".. ..; Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile .. 100 .. Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. - <--- Diese Zeiwng erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich»Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— i--- Freitag, den 5. Cheschwan 5669 (BO- Oktober 1908). 6. Jahrgang. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die religiöse Situation in der deutschen Judenheit. .— Breslauer Frauentag. — Brief aus Ungam. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Eine versunkene Welt. — Wochen» Kalender. — Familiennachrichten Die religiöse Situation in der deutschen Judenheit. Als vor anderthalb Jahren eine Erneuerung der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" vorgenommen wurde, indem dieselbe nunmehr eine Zusammenfassung aller gesetzestreu Gesinnten unabhängig von ihren jüdisch-politischen Anschauungen bilden sollte, da wurde es uns von manchem verübelt, daß wir einen kritischen Standpunkt beobachteten. .Als ob wir, denen das Wohl des Judentums das Höchste und das All ihres Wirkens ist, nicht gern von ganzem Herzen in den allgemeinen Jubel eingcstimmt hätten! Jedoch im Bewußtsein unserer Verantwortlichkeit als Wächter auf dem Wachtturm des Judentums hatten wir eine abwartende Stellung einnehmen müssen, — ein Verhalten, dem heute die Ereignisse recht gegeben haben. Denn heute hat sich erwiesen, daß auch die ne» gebildete Organisation daran laboriert, daß in ihr Männer eine gewichtige Stimme haben, die ihre jüdisch-politische Anschauung für die einzig mögliche - und wahre halten und jedes andersgeartete Denken als eine Versündigung betrachten. Nicht ohne Grund hatten wir damals davor gewarnt, statt des Tuns die Gesinnung bestimmend für die Zugehörigkeit zu der Organisation zu machen; doch — wir sind für unsere Warnung verketzert worden. Was sagen unsere Verketzerer aber jetzt, nachdem der Präsident der Freien Vereinigung in seiner Eigenschaft als Rabbiner von dem Segen, den er am letzten Tage Suckaus vor versammelter Gemeinde auf die- Mitglieder der ehrwürdigen Beerdignngsbrüderschaft herabfleht, ein neues, die Satzungen des Judentums selbstredend streng beobachtendes Mitglied dieser Brüderschaft deshalb ausdrücklich ausgeschlossen hat, weil es nicht seiner Gemeinde angehört?. Der Anschluß jener Gesetzestreuen an die Freie Vereinigung, die in Verbänden und Vereinen mit der großen jüdischen Gesamtheit zusammenarbeiten, hätte eine Verbindung zu dieser Gesamtheit bilden und so persönliche Gegensätze mildern und manche sachliche Differenz friedlich ausgleichen sollen. In dieser Hinsicht ist aber vorläufig nichts geschehen, und nicht allein das: inzwischen ist von der liberalen Seite aus eine solche Verschärfung der Gegensätze bewirkt worden, wie man sie seit Jahrzehnten nicht kannte. Denn als ob plötzlich ein böser Geist in sie gefahren wäre, so betätigen die Liberalen auf einmal einen Radikalismus, wie wir ihn seit langer Zeit von ihnen nicht gewohnt sind. Wie schnell hat sich die Situation geändert? Bei der Gründung der „Bereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" im Mai dieses Jahres waren weite Kreise versucht, in dieser Gründung nicht nur die Folgen des Zusammenschlusses der Gesetzestreuen zu sehen, sondern vor allen Dingen ein günstiges Zeichen dafür, daß man im liberalen Lager endlich zu der Erkenntnis des gewaltigen Auflösungsprozesses gekommen sei, der am Marke der Judenheit verheerend zehrt. Ist doch bereits jede fünfte Ehe, die von den Juden Deutschlands geschlossen wird, eine Mischehe, und wird es doch bald jede vierte Ehe sein, wenn wir so weiter fortschreiten! Auch die Taufen nehmen beängstigend zu. Grund genug für jeden denkenden Juden zunr ernsten Nachdenken! Auch wir waren voller Zuversicht für den guten Willen der Liberalen. So schrieben wir zu Anfang dieses Jahres: „Wir gestehen gern ein, daß wir Vertrauen zu dem Willen der liberalen Führer, das Judentum zu erhalten und zu verteidigen, haben, da die Einsichtigen unter ihnen längst zu der Erkenntnis gelangt sind, daß nur auf dem Wege der Bejahung die Erhaltung des Judentums denkbar . ist." Und später: „Erwägt man, daß die Orthodoxie den Einfluß auf die große Masse der Indifferenten verloren hat, so kann man auch als Orthodoxer den Versuch der Liberalen, sich zu konzentrieren, um es dadurch zu ermöglichen, wieder ein gewisses jüdisches Interesse in die Reihen der Indifferenten zu bringen, nur gutheißen." Und unser Optimismus hatte begründete Unterlagen. Anssprüche wie „Wir wollen nicht nur niederreißen, sondern auch ausbauen", „Wir wollen keine fremden Religionsforderungen nachäffen; wir wollen den geschichtlichen Boden nicht verlassen; wir wollen nicht aus Assimilationssreude oder aus Emanzipationssucht irgend etwas tun oder lassen oder ändern" mußten ja Hoffnung erwecken. Doch die Hoffnung ist trügerisch gewesen. Heute muß wieder mit der Tatsache gerechnet werden, daß die liberalen Wortführer in Wirklichkeit nichts gelernt und nichts vergessen haben, daß der trostlose Jndifferentismus und der schmähliche Massenabfall vom Judentume ihren Sinn nicht geändert hat. Ihr Aufraffen ist anscheinend nur durch die Organisierung der Gesetzestreueu veranlaßt worden und bedeutet nur ein energischeres Fortschreiten in den alten Bahnen. Das unrituelle Festessen einer Institution der Frankfurter israelitischen Gemeinde und die Ausfälle gegen das jüdische Gesetz in dem Frankfurter „Freisinnigen Verein für jüdisches Gemeindeleben", sowie die geradezu widersinnige neue Parole der Liberalen, die Schule mit dem vom jüdischen Gesetze. losgelösten Hause in Einllang zu bringen, beweisen zur Genüge, daß man an eine Selbstprüfung gar nicht denkt. Wir wissen wohl: es. ist nicht die Masse, die diese alles Jüdische nivellieren wollende Gelüste hegt, es sind vielmehr nur einige führende Ro. 42. Persönlichkeiten. Einige Aerzte, Rechtsanwälte, Stadträte u. dergl., deren jüdisches Wissen nicht größer wie die mathematischen Kenntnisse eines ABC-Schützen ist, möchten ihre alles positive Jüdische perhorreszierende Lebensführung auch der jüdischen Gesamtheit aufzwingen, und da sie iwnf ihrer sozialen Stellung in der Gemeinde ein gewichtiges Wort zu reden haben, so zwingen sie, wenn auch nicht die Gemeindemllglieder, so doch die Gemeindebeamten, die ja jüdisches Wissen haben, sich ihnen zu unterwerfen. Wie ist aber der Karren aus dem Schlamm zu ziehen? Ein Zola, der mit seinem mächtigen „-l'ucoune" die öffentliche Meinung aufrüttelt, würde sich an der Lethargie der jüdischen öffentlichen Meinung vergeblich versuchen. Wohl können die gesetzestreuen Kreise,, wenn sie es wollen, sich jeden Tag ermannen und chre Intransigenten zugunsten einer möglichst ergiebigen Positiven Arbeit für die Stärkung des gesetzestreuen Judentums zurückdrängen, denn bei jedem ihrer Schar pulsiert jüdisches Interesse und der Wllle, das Judentum zu erhalten; — wie will man aber an die Interesselosigkeit appellieren? Nur eine Hoffnung und ein Mittel haben wir da. Me Hoffnung, daß sich doch noch eine Anzahl Männer unter den Liberalen findet, die ehrlich. die Erhaltung des Judentums wollen und den Mut haben, ihren Intransigenten, die Zerstörer des Judentums sind, die Stirn zu bieten. Und das Mittel: „Proportionalwahlsystem für die jüdischen Gemeinden", damit alle Schattierungen in der Gemeindeleitung vertreten sind und diese nicht länger eine Domäne für die kleine Clique der höchsten Steuerzahler fei. Breslauer Frauentag. Bon Sidonie Werner, Hamburg. Im Glanze des „Altweibersommers" erstrahlle die Hauptstadt der gemütlichen Schlesier in der ersten Oktoberwoche dieses Jahres. Altweibersommer. Woher wohl die Bezeichnung? Verletzend? Nein. Bei uns Juden weit davon entfernt. „Skotsel" kommt, hörte ich in meiner Kindheit mir Ehrfurcht und Rührung aus» sprechen; „Skotsel" Bezeichnung für alte Frau, eine Korrnmpiernng von „Sei Gott willkonrmen". Nun, ich glaube, die anspruchvollste alle und junge Frau konnte mit diesem „Altweibersommer" in Breslau zufrieden sein; obgleich man sich wünschte, jung, ach jung zu sein, um wirklich die Früchte noch genießen zu können der Saatkörner, die da in so reicher Fülle in die zum Empfängnis reifen Herzen gelegt wurden. Gemäßigte, fortschrittliche, radikale Richtung, evangelische, kacholische und last: notisast jüdische Frauen kamen zu chrem Recht. Unter dem Zeichen der Frauen stand Breslau, und man kann es laut künden, die Frauen voll 1908 fangen an, ein nicht zu übersehender Einschlag in dem Gewebe der Kulturentwickelung zu werden. Strafgesetzreform in allen Para-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.