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Neue jüdische Presse · 1908-10-23 · Heft 41 (23.10.1908) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 41 (23.10.1908)
Date
1908-10-23
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter FsraEiWes FamilienblaLt. Nr. 41. MichollS, LucaS u. Co. in Stockport nnd Manchester und der Firma Lucas, MichollS u. Co. in London, Präsident der jüdischen Schulen in Manchester usw. London. Berühmte jüdische Sportsleute. — Hier weilte jüngst der Meister der Fußballspieler Australiens AlbertRosenseld. — Jabez Wolffe, der berühmteste Schwimmer Englands, unternahm jüngst bis auf % Meile vor der französischen Küste die Durchschwimmung des Aermelkanals. New-Aork. In Cincinnati verschied im Alter von 83 Jahren Henry Stix, ehemaliger Chef der dortigen bedeutenden Firma Stix, Krouse u. Co. und einer der angesehensten Bürger der Stadt. Das Charles Minzesheimer'sche Ehepaar feierte seine goldene Hochzeit. Melbourne (Australiern In seinem Wohnorte St. Kilda (Victoria) verschied, 78 Jahre alt, Nathaniel Levi, der angesehenste Jude Australiens. Er wurde in Liverpool geboren und war ein Schulkamerad Lord Swaythling's, des Führers der englischen traditionellen Judenheit. Bereits 186V wurde er in das Parlament zu Victoria gewählt; er war der erste. Jude, der diesem Parlamente und später beiden Kammern der gesetzgebenden Körperschaft angehörte. Der König von England verlieh ihm für Lebenszeit den Titel „Honourable". Als Jude stand er auf traditionellem Boden, betätigte sich lebhaft in verschiedenen jüdischen Körperschaften und war u. a. Präsident der Zionistischen Organisation in Victoria. der Kanzel aus die Zugehörigkeit zum Zionismus als vom religiösen Standpunkt aus verboten erklärt worden sei, so müsse er erwidern: Wir lehnen es ab, in Dingen, die garnicht der.halachischen Entcheidung unterliegen, uns von der Kanzel aus Beehle erteilen zu lassen, ein Standpunkt, den auch Dr. Wohlgemuth in der „Jüd. Presse" eingenommen hat. Dr. Feuchtwanger bezeichnete sodann die Behauptung, allen wahrhaft großen Männern gelte die Zugehörigkeit zum Misrachi für verboten, als eine große Uebertreibung; eine große Anzahl jetzt lebender großer Männer sei gegenteiliger Ansicht. Bei allem Respekt vor dem Herrn Rabbiner habe er sich gezwungen gesehen, dies hier zu sagen. Berlin. Mitteilungen des Zentraliureaus der Zionistischen Vereinigung ür Deutschland. — Wir beabsichtigen für die Zionistische Vereinigung für Deutschland einen Parteisekretär anzustellen. Die Tätigkeit desselben ist als eine agitatorische gedacht, und zwar soll der Parteisekretär insbesondere die bestehenden Orts- Kuppen besuchen und die Gründung neuer Gruppen vorbereiten. Bewerber um diesen Posten wollen sich unter ausführlicher Darlegung ihres Bildungsganges und Angabe ihrer Gehaltsansprüche umgehend an unser Bureau, Berlin-Charlottenburg 2, Bleibtreustraße 49, wenden. Aus -er zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Nach langer Pause vereinigte die Zion. Ortsgruppe am 8. ds. wieder ihre Mitglieder und ihre Freunde. Der Vorsitzende, Rechtsanwalt Dr. Siegfried Schw arzschild, begrüßte das sehr zahlreich erschienene Publikum. Er führte aus, daß auch während des Sommers wiederholte Vorstandssitzungen Anregung zu zionistischer Tätigkeit gegeben haben. Man Hecke zur Verbreitung der Kenntnis der heutigen wirtschaftlichen Situation in Palästina die Broschüre „Wirtschaftliche Tätigkeit in Palästina" in zahlreichen Exemplaren an hiesige jüdische Kreise zum Versand gerächt und das zionistische A-B-C-Buch verbreitet. Wenn dieses Mal am Todestage Dr. Herzls eine Gedenkfeier nicht veranstaltet worden sei, so sei dies aus Gründen lokaler Natur geschehen. Für die Zionisten müsse jeder Tag ein Tag des Gedenkens an den großen Führer sein und des Gelöbnisses, in seinem Sinne zu wirken. Redner erwähnte die Jahreskonferenz des Aktionskomitees in Köln und wies auf die Reise des Präsidenten Wolfsohn nach Rußland hin, die eine Erstarkung der zionistischen Tätigkeit in diesem Lande zur Folge gehabt habe. Der Vorsitzende nahm ferner Veranlassung, dagegen zu protestieren, daß, wie dies in den jüngsten Tagen hier geschehen, ein Rabbiner in seiner Predigt die Zugehörigkeit zum Zionismus und zum Misrachi verurteilte. Bei allem Respekt vor dem Amte und der Person des Rabbiners, dürfte der Angriff von der Kanzel herab nicht widerspruchslos hingenommen werden. Dort können sich die Angegriffenen nicht wehren; umsomehr müßte man in einer zionistischen Versammlung daraus Hinweisen, daß die Frage der Zugehörigkeit zu einer politischen Bewegung — und um eine solche handele es sich doch — sich nicht so ohne weiteres mit „ja" und „«ent" beantworten ließe. Ein beruhigendes Gefühl sei es immerhin für den strenggläubigen Juden, eine so große Anzahl wahrhaft gesetzestreuer Männer in den zionistischen Reihen zu wissen. Hierauf hielt Dr. G r ü n h u t - Jerusalem ein Referat über „diegegenwärtigeSituation in Palästina und der Zionismus". Referent, der seit 16 Jahren in Jerusalem wohnt und den Posten des Direktors des deutschen israel. Waisenhauses in Jerusalem bekleidet, ist ein gründlicher Kenner der palästinischen Verhältnisse. Er gibt ein Bild von dem großen Auffchwung Palästinas in den letzten Jahrzehnten und spricht die Ueberzeugung aus, daß unter dem neuen Regime in der Türkei der Zionismus seinem Eickziel rasch um ein Bedeutendes näher kommen werde, und daß jetzt die Zeit zum Handeln gekommen sei. Man dürfe sich durch andere Nationen im Landerwerb in Palästina nicht überflügeln lassen. Eine rationell betriebene Landwirtschaft müsse in dem sehr fruchtbaren Lande aufblühen. Der Ausbau des Bahnnetzes würde fördernd auf Handel und Industrie einwirken. Die Heilquellen von Tiberias, nach dem Muster einer europäischen Badeanstalt ausgebaut, würden ein rentables Unternehmen sein. Nachdem der Redner unter lebhaftem Beifall seinen Bortrag beendet, setzte die Diskussion ein, die in der Hauptsache sich um die Konsequenzen drehte, welche die neuen und neuesten Vorgänge in der Türkei auf die zionistische Bewegung ausüben könnten. Insbesondere verstanden es die Herren Levigard und Stern, die Schwarzmaler ad absurdum zu führen und in begeisternder Weise für die zionistische Sache einzutreten. Dr.Feuchtwangcr, Mitglied des Zentral-Komitees des Misrachi, gab die Erklärung ab, daß er mit den Worten s des Vorsitzenden ganz übereinstimme.; Wenn von Eine versunkene Wett. Roman von Jakob Levy. (Fortsetzung). Bon einer Bergeslast befreit, lachte das Mädchen glücklich aus. „Gewiß werde ich schweigen, lieber Vater, obschon es schwer ist. Wie gerne würde ich erzählen, daß ich einen reichen Freier haben könnte, wenn ich nur wollte; aber es würde mir Niemand glauben, fürchte ich." Er lächelte. „Nun gehe Estherlieb, und sei gescheit." — Joseph nahm den Bericht, den ihm sein Vater unter zorniger Erläuterung gab, gleichmütig entgegen. „Ich dachte mir, daß wir dem stolzen Bär Kuchenheim nicht fromm genug sind. Er erzählt oft genug, daß Rabbi Uri ben Joel ha Levi, den sie in den Kreuzzügen getötet haben, sein Ahne ist. Dessen Vetter Mordechai ben Samuel habe ihm zu Ehren eine Selicha verfaßt. Ist das wahr?" Sein Vater brummte: „Es wird schon wahr sein. Aber was soll das jetzt, beabsichtigst Dü etwas?" Joseph erwiderte mit bösem Lächeln: „Nichts besonderes. Ich suche zu verdienen, wo ich kann und nehme auf nichts und auf keinen mehr Rücksicht.' Vielleicht kann ich Bär noch einigemal verdrängen; früher tat ich es zufällig, jetzt werde ich es mit Fleiß tun. Ich habe gute Freunde, mit denen ich etwas ausrichten kann." „Joseph sei vorsichtig. Du weißt, daß wir Juden kein Recht finden, besonders nicht, wenn man uns etwas anhaben kann." „Sei unbesorgt Vater. Du hast an meinen Geschäften noch keinen Schaden gehabt und wirst es auch in Zukunft nicht." — Im Gemeindezimmer der Synagoge war eine ernste Versammlung. Am oberen Ende eines langen, schmalen Tisches saß der ehrwürdige Rabbiner Mordechai ben Samuel, an jeder Seite des Tisches sechs Männer, die zusammen den Rat blldeten. Die Gemeinde hatte ihr eigenes Gericht mit amtlicher Gewalt. Dies. war der Rabbiner mit seinem Rat, (Kapitel, auch Magistrat.) Es war selbstverständlich, daß zum Rat immer die durch Klugheit und Frömmigkeit ausgezeichnetsten Männer berufen wurden. Die Richter saßen schweigend, bis der Rabbiner begann: „Ich habe Salomon Basel vor unser Gericht rufen lassen, die Zeit ist da." Er klopfte auf den Tisch und sagte dem eintretenden Gemeindediener: „Laßt Reb Salomon hereinkommen." Der Geladene trat ein und näherte sich langsam dem Tisch. Er blickte die ihm wohlbekannten Männer, die jetzt als seine Richter vor ihm saßen, nicht an und fragte den Rabbiner kurz: „Was ist Euer Begehr?" „Salomon, Ihr habt Euch zu Unrecht von der Steuer befteien lassen. Nehmt dies zurück und zahlt Eure Abgaben, damit nicht die Gemeinde durch Euch Schaden erleidet." „Rabbi, die Stadt hat mir die Steuerfreiheit bewilligt, und ich wäre ein Narr, wenn ich darauf verzichten würde." „Salomon, Euer Tun ist verboten. Die gesetzeskundigsten Rabbiner haben auf der Synode in Mainz ausgesprochen, daß jeder an den Gemeindelasten, so gut er könne, mittragen solle. Und die Widerspenstigen sollen mit den größten Strafen belegt werden, also hütet Euch. Wir können nicht auf Euren Beitrag verzichten, bedenkt doch, daß die armen Leute alle dafür mit anfkommen müßten." „Rabbi, ich habe keinen Grund, der Gemeinde zu zahlen, was ich ihr nicht verschulde, der Gemeinde,' die noch niemals ein Amt, eine Ehrenstelle für mich übrig hatte. Meinem Alter und Reichtum nach müßte ich auch hier unter Euch meinen Platz haben. Und Eure Strafen fürchte ich nicht. Ich habe draußen mächtige Beschützer. Habt Ihr mir noch etwas zu sagen?" Der Rabbiner erhob sich. „Wir werden Euch unfern Spruch wissen' lassen." Salomon nickte kurz mit dem Kopf und entfernte sich, ohne den Gerichtshof eines Blickes zu würdigen. Nachdem die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, begann der Rabbiner: „Ihr Herren vom Rat: Unsere Gesetzeslehrer, nach denen wir uns zu richten haben, entschieden, daß diejenigen, die sich den Gemeindelasten entziehen, in den Bann getan werden sollen. Wir haben über Salomon Basel zu richten. Ihr Alle habt gehört, er leugnet seine Schuld nicht, er will aber auch nicht von ihr ablassen. Reb David Würzburger, was ist Eure Stimmung?" Der Aufgerufene, ein steinaltes Männchen mit weißem Bart, erhob sich und sprach mit lauter und fester Stimme, die in einem seltsamen Gegensatz zu der gebrechlichen Gestalt stand: „Die Gemeinde hat sich von Salomon Basel nichts Gutes zu versehen. Er hat eine Seferthora geschenkt, um als Gabbe und um. in unser» Rat gewählt zu werden. Da dies nicht geschah, ist er unser Feind. Und sein Sohn Joseph ist ein Abtrünniger. Ueber ihn und über sein Haus soll der Bann gesprochen werden. Mag er von Köln fortziehen." Er setzte sich unter Beifallsgemurmel der anderen. Der Rabbiner fragte: „Will einer dagegen reden?" Bär Kuchenheim stand auf. „Reb David hat recht, Salomon Basel verdient die Bestrafung reichlich, — und doch möchte ich nicht zu diesem Schritt raten. Bis jetzt steht er der Gemeinde gleichgültig gegenüber, die armen Leute haben trotzdem manchmal einen Vorteil durch. ihn. Wenn er aber unser offener Gegner und Feind wird, können er und sein Sohn Joseph der Gemeinde schaden. Joseph hat das Ohr der Judenfeinde im Rathaus, er wäre nicht der erste, der gegen seine Glaubensgenossen handelt." Der alte David Würzburger hatte während Bär's Vortrag dem Rabbiner mehreremal ein Zeichen gegeben; auf dessen Aufforderung richtete er sich mühsam auf und begann wieder: „Reb Bär hat vergessen, daß in der Thora steht, der Sünder soll bestraft werben. Wohin soll es kommen, wenn Gerechtigkeit vor dem Reichen und Einflußreichen blind ist. Ein Armer und Unbedeutender kann sich durch Gunst unserer Bedränger nicht der Steuer entziehen. Unsere Rabbonim, als erster unser Kölner Rabbi Elieser ben Joel ha Levi, haben für diese Sünde scharfe Strafen vorgeschrieben, — und unser Gericht sollte aus Furcht den Uebeltäter schonen! Wahrlich, nicht länger möchte ich Richter sein, und vor diesem Gericht wollte ich kein Recht suchen. Ist beantrage nochmals den Bann gegen Salomon Basel." Der Rabbiner rief aus: „Michel Münz." Reb Michel, ein dicker Viehhändler mit roten: Gesicht, meinte: „Nach meiner Ansicht kann über die Bestrafung Salomons kein Zweifel herrschen. Er tut uns ja doch an, was er kann, auch wenn wir ihn schonen; also stoßenwir ihn aus." Allgemeine Zustimmung ertönte. Da erhob sich nochmals Bär Kuchenheim. »Ihr Herren, Ihr wißt, daß ich nicht aus Freundschaft zu Salomon rede, sondern wie es meine Pflicht der Kille gegenüber ist. Wenn wir Salomon jetzt schonen, werden er und sein Sohn nicht lange abseits seiner Glaubensgenossen stehen wollen und sich von selbst wieder an den Lasten beteiligen. Sv wir ihn aber bestrafen, werden er und sein Joseph offene Feinde der Gemeinde. Betrachtet meine Warnung, wir richten nichts gegen ihn aus; sie haben bei einigen Ratsherrn und bei allen Schreibern großen Einfluß: Ich bin bereit, die Hälfte seiner Steuer zu übernehmen." Reb David rief: ^,Das Gesetz darf njcht uni« gangen werden, und wenn die ganze Gemeinde zu Grunde ginge. Besser ein offener Feind als die Versündigung der ganzen Gemeinde durch ein falsches Gericht. Ich beantrage den Niddui. Und wenn das nicht.hilft, sollder Cherem vor der ganzen Gemeinde ausgesprochen werden. Und unter dem Klang der Hörner sollen die angezündeten Lichter auslöschen, so soll er vom Himmelslicht ausgeschlossen werden. Wenn er dann nicht bereut und sich bessert, soll er mit der Schammatha belegt werden, auf daß er sein ganzes Leben von der jüdischen Gemeinschaft ausgeschlossen sei. Macht ein Ende, Rabbi Mordechai." Der Wucht der furchtbaren Worte des Greises, der da stand wie ein Seher der Vorzeit, konnte sich niemand entziehen, die Richter, bis auf einen, stimmten ihm laut zu. Der Rabbiner, sagte:. „Ihr Männer, wer für Bestrafung des Salomon Basel ist; erhebe die Hand:"

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