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Neue jüdische Presse · 1908-10-23 · Heft 41 (23.10.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 41 (23.10.1908)
Date
1908-10-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Gerte 3. Nr. 41, Frankfurter FsraelitiftHeS FalnilienblaL. kerte die Entrüstung lichterloh selbst in jenen Kreisen auf. die sonst allen jüdischen Geschehnissen sehr gleichmütig gegenüberstehen. Denn daß, wie es mit dem nnritnellen Fe st essen im Frankfurter Hof geschehen ist, in der altehrwürdigen Frankfurter Gemeinde von Gemeinde wegen die jüdische Tradition öffentlich mißachtet werden könnte, — wer hätte auch nur im Traume an so etwas zu denken gewagt? Der Gemeindevorstand als solcher will freilich für das unglaubliche Geschehnis nicht verantwortlich sein, und der Präsident der Gemeinde hat diesem Festessen einer Schule, die seiner Gemeinde ein Drittel ihrer Gesanitausgaben kostet, nicht beigewohnt, — aber von den zehn Herren des Schulrates dieser Schule gehören drei dem Vorstande und zwei dem Ausschüsse der Gemeinde an. Der ersten Ueberraschung ist gleich darauf eine zweite gefolgt. In einer Versammlung des Freisinnigen Vereins für jüdisches Gemeindeleben sind Worte gesprochen worden, die — und das zu einer Zeit, in der fortwährend der Ruf „Seid einig, einig!" ertönt! — nur als eine Kriegserklärung gegen den Frieden in der Gemeinde gedeutet werden können. Nicht einmal den 100. Teil des Schulchan-Aruchs will man bestehen lassen, also die gesamte jüdische Gcsetzespraxis soll für unverbindlich erklärt werden. Berlin. Nächsten Sonntag, mittags 1 Uhr, wird in Beelitz die Israel. Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder, die gemeinsam vom Deutsch-Israelit. Gemeindebunde und der Großloge für Deutschland VIll. (U. O. B. B.) errichtet wurde, mit einer Feier ihrer Bestimmung übergeben werden. < Breslau. Im Hause Sonnenstraße 30 ist ein Jüdisches Bolksheim eröffnet worden. Das Heim bezweckt, der männlichen und weiblichen jüdischen Jugend unserer Stadt nicht nur einen Ort zu bieten, wo sie sich nach den Mühen der täglichen Berufsarbeit treffen und erfrischen kann — Tee und Gebäck wird unentgeltlich verabreicht —, sondern es wird ihr auch durch allerlei Veranstaltungen, Vorträge und musikalische Abende Gelegenheit geboten, sich auf allen Gebieten der Wissenschaft und Kunst weiterzubilden. Ferner liegen die bedeutenderen Zeitungen des In- und Auslandes aus, auch .sorgen Spiele, wie Schach und Domino usw., für leichtere Zerstreuung. BreSlau. Im Südvmk ilt am 15. dss. das Denkmal Geheimrats Ferdinand Cohn des berühmten Pflanzenphysiologen, durch Oberbürgermeister Bender feierlich enthüllt worden. Breslau. Gelegentlich der Generalversammlung des Bundes Deutscher Frauen fand hier die Generalversammlung des Jüdischen Frauenbundes, statt. 'Frau May-Berlin sprach über die Ziele des Bundes. Unter allen Frauenvereinen sind die jüdischen die ältesten. Früher nur Wohltätigkeitsvereine, haben sie heute ihre Aufgaben erweitert, da auch die jüdische Frau durch die erhöhten sozialen Anforderungen in die Welt hinausgedrängt worden ist. Der Jüdische Frauenbund ist am 19. Juni 1901 gegründet worden. Als greifbare Erfolge des Bundes sind schon jetzt anzusühren die Gründung eines Heims für gefallene oder gefährdete Mädchen und Frauen bei Frankfurt a. M., die Entsendung von 3 Damen in das jüdische Zweigkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels, welches dein internationalen Bund gegen Mädchenhandel angegliedert ist und die Mitarbeit am Werke des Hilfsvereins der deutschen Juden. Fräulein Werner-Hamburg referierte über „Die Kulturaufgabe der jüd. Frau." Nachdem die jüdische Frau bisher nur im Haus gewirkt hat, fordert auch sie heute Anteil ain öffentlichen Leben. Aber diese Sehnsucht der jüdischen Frau darf nicht zu einem Losreißen von den alten Idealen führen. Früher war die Ehe der einzige Lebensberuf für Frauen, heute streben wir zwar kein Zölibat an, aber eine Erziehung zur Arbeit, die an sich lebensfüllend wirkt. Krauen, nicht Damen, sollen wir erziehen; dieselben Bildungsmöglichkeiten wie den Söhnen sollen den Töchtern geboten werden. So müssen auch die jüdischen Mädchen Kenntnis erlangen von der Geschichte und Sprache ihres Volkes, dann erst können sie uns zu Mitkämpferinnen werden. Ehe die jüdischen Frauen nach fernen und allgemeinen Zielen streben, müssen sie eigene, dringendere Kulturarbeiten erledigen. Sie müssen z. B. einen Anteil am Gemeindeleben zu erlangen suchen und für die gleichberechtigte Anstellung jüdischer Lehrerinnen ein» treten. Die alten Wohltätigkeitsvereine reichen heute nicht mehr aus; nicht materielle Hilfe , allein kann nützen, sondern nur persönliche Anteilnahme. Unter den zahlreichen Aufgaben wäre besonders hervorzuheben Fürsorge für Säuglinge, für verwahrloste Kinder, für jugendliche Verbrecher. Zur gedeihlichen Entwicklung ist ein Anschluß der jüdischen Frauenvereine an den Bund unbedingt nötig. Nur dann kann er sein Ziel, den Ausbau sozialer jüdischer Frauenarbeit, erreichen. Dresden. In hiesiger Stadt wurden in den beiden Jahren 1905 und 1906 zusammen 13 Ehen von Juden geschlossen, darunter 15 Mischehen zwischen jüdischen Männern und christlichen Frauen. Zwischen christlichen Männern und jüdischen Frauen fand keine Eheschließung statt. In den Jahren 1886—1906 traten hier 200 Juden zur evangelischen Kirche und 15 Evangelische zum Judentum über. — Dresden hatte zur Zeit der Volkszählung am 1. Dezember 1905 3514 jüdische Seelen. Oesterreich-Ungarn. Lemberg. Im Johresbe-ichte der Lemberger Polytechnischen Hochschule findet man ein Beispiel einer eigenartigen Tatsachenentstellung. Die jüdischen Studenten der Hochschule füllten in vergangenem Jahre die Nationalitätenklausel niit „nationallos" aus, weil sie sich nicht als Polen bezeichnen wollten und ihnen verwehrt wurde, sich Juden zu nennen. Im Jahresberichte findet man nun in einer Rubrik „a n d e r e" (d. h. weder Polen noch Ruthenen noch Deutsche) unter 132 Studenten 111 mosaischen Bekenntnisses. Welcher Nation gehören diese 111 Juden an? Die Antwort auf diese Frage scheut der Senat, deshalb umgeht er sie lieber. Limanowa l Galizien) Eine Anzahl Leute, die mit der Wahl des aus Ungarn stammenden Rabbiners Chajim Josef Teibelbaum nicht einverstanden sind, drangen am 1. Tage Suckaus ins Bcs-Hamidrasch und provozierten 'während des Gottesdien st es eine Rauferei, sodaß die Gendarmerie erscheinen und das Lokal schließen nmßte. Die Affäre hat bereits 30 Kriminalanzeigen zur Folge. Nagt, Mihaly (Ungarn). Der jüdische Fabrikant Adolf Borgos wurde aus dem Krankenbette von dem katholischen Pfarrer Opitz getauft und mit den Sterbesakramenten versehen, weil es der Wunsch der Gattin Borgos war, die ihren Gatten auf dem katholischen Friedhof beerdigen wollte. Borgos ist nun aber genesen und protestiert gegen die Taufe, die er in bewußtlosem Zustande empfangen habe. Rußland. Petersburg. In der Nähe von Tiraspol wurde eine große jüdische Familie ermordet, nämlich der wohlhabende Kaufmann Nachman Kogan, seine Frau, seine 12 Kinder und seine zwei jüdischen Bediensteten. Petersburg. Der bekannte Bildhauer I. Ginzb u r g machte der Petersburger Akademie der Wissenschaften das von ihm geschaffene Standbild des Grafen Leo Tolstoi zum Geschenk. In einer außerordentlichen Vollversammlung, welche die Akademie zu diesem Zwecke einberufen hatte, wnrde unter warmer Anerkennung der künstlerischen Leistung beschlossen, das Kunstwerk dankend anzunehmen und es im großen Sitzungssaale der Akademie aufzustellen. Petersburg. Nach mehrjähriger Pause wird seit dein Antritt des Ministers Schwarz die Prozentnorm für jüd. Schüler, an den Mittel- und Hochschulen wieder streng d u r ch g c s ü h r t. Dabei hatte noch unlängst die Regierung selbst für die Abschaffung der Prozentnorm plaidiert. Das Oktobristenorgan „Golos Moskwy" veröffentlicht darüber ein interessantes Dokument, einen Beschluß des Ministerrats kurz vor dem Rücktritt des Kabinetts Witte, in dem es heißt, daß die Zurückdrängung der jüdischen Jugend durch die Prozentnorm bei dieser eine erbitterte Feindseligkeit gegen die Staatsgewalt zur Folge haben und sie den revolutionären Parteien zuführen müsse, während andererseits die Erfahrung gelehrt habe, daß die Hochschulen trotz ihrer Beschützung vor dem Andrang der Juden sich der revolutionären Propaganda gegenüber keineswegs als immun erweisen. Den Anschauungen des Premiers, daß die Vernunft die Abschaffung dieser Judenbeschränkungen erheische, stimmten mit Ausnahme von Durnowo und Birilew sämtliche Minister bei, und Witte wurde beauftragt, dem Kaiser diesen Beschluß zur Genehmigung vorzulegen, — was aber nicht geschah, und zwar aus der alten Furcht Wittes heraus, als Liberaler verschrieen zu werden. — Soeben wird ein vom Kais erbestätigter Beschluß des Ministerrates bekannt. Derselbe verfügt, daß die Juden in den höheren Lehranstalten sämtlicher Ressorts, ausgenommen die Petersburger und Moskauer Konservatorien, wo ein höherer Prozentsatz zulässig ist, in den Residenzen mit drei Prozent an der Hörerzahl beteiligt sein dürfen; mit fünf Prozent für die übrigen außerhalb der Grenzen, in denen Juden zu wohnen gestattet ist, liegenden Städte des Reiches; mit zehn Prozent für die innerhalb dieser Grenzen befindlichen Städte. Ans Befehl des Kaisers wurde außerdem eine Konferenz zusammenberufen unter Vorsitz des Ministers für Volksaufklärung, die aus Vertretern der interessierten Behörden zusammengesetzt ist und den Zweck hat, die Bedingungen bei der Aufnahme der Juden in die mittleren Lehranstalten festzustellen. Berditschew. Infolge falscher Feuermeldung entstand in der Synagoge einePanik die ein fürchterliches Gedränge zur Folge hatte, bei dem zwei alte Frauen erdrückt und vierzehn Personen schwer verletzt wurden. Amerika. New-Nork. In den Zeitungen ist ein Aufruf abgedruckt, in dem der bekannte Zionist Rabbiner Dr. Magnes zu einem Zusammenschluß der Rewyorker Juden auffordert. Der Aufruf beginnt: „Die letzten Ereignisse und besonders die Beschuldigungen des Polizeikvmmissars Bingham gegen die Juden haben mit vollkommener Klarheit die vollständige Desorganisation der Newyorker Juden dargetan. Wir Juden sind ungefähr eine Million stark in dieser Stadt — und doch ist unsere Stellung eineso schwache, daß wir vollkommen machtlos gegen Angriffe und Kränkungen sind. Müssen denn gerade wir, die wir doch die größte aller jüdischen Gemeinden der Welt sind, immerwährend eine Beute unsererFeinde innerhalb und außerhalb unserer Reihen bilden? Augenblicklich spricht alles zu unfern Gunsten, aber als Folge unserer Desorganisation wird nichts davon draußen gehört. Wir gebrauche» dringend eine ständige und repräsentative Organisation der Rewyorker Juden, eine Organisation, die ihre Autorität vom Volke empfängt und die dem Willen des Volkes Ausdruck gibt. Von einer solchen Organisation hängt die Entwicklung des Judentums unserer Stadt ab." Es folgt sodann in dem Aufrufe die Einberufung einer Konferenz aller jüd. Organisationen Newyorks und genaue Bestimmungen darüber, wer Delegierte zu entsenden hat usw. Personalien. Berlin. Dr. Carl Oppenheimer, Assistent am tierphysiologischen Institut der landwirtsch. Hochschule, erhielt den Professortitel. — Professor Dr. Wilhelm Sklarek, Herausgeber der „Naturwissenschaftl. Rundschau", erhielt anläßlich seines goldenen Doktorjubiläums den Roten Adlerorden 4. Klasse. Berlin. Landtagsabgeordneter und Stadtverordneter Rosenow feiert am Donnerstag seinen 60. Geburtstag. Rosenow ist seit 1891 Stadtverordneter und vertritt seit dieser Zeit den.19. Wahlbezirk dritter Abteilung im Roten Hause, wo er auch in zahlreichen wichtigen Deputationen als Führer der Fraktion der „Neuen Linken" tätig ist. Diez a. Lahn. Hermann Löwenstein-EtUs und S a l o m o n M ü h l st e i n - Singhofen sind zu 1. Vorstandsgehilfen ihrer Israel. Kultusgemeinde wiedergewählt und bestätigt worden. Lberhause» (Rheinlano). Rechtsanwalt Loewenst e i n wurde zum Notar ernannt. Pr.-Stargard. Anläßlich seiner Uebersicdlung nach Danzig wurden dein Fabrikbesitzer L. Arens II., der viele Jahre hindurch als Stadtverordneter und Vorstandsmitglied der israel. Gemeinde wirkte, zahlreiche Ehrungen zu teil. Mülhausen i. 8ls. Lazare Lantz. Präsident des Israel. Konsistoriums des Ober-Elsaß, hat aus Altersrücksichten — er ist über 80 Jahre alt — seine Demission eingereicht. Czernowitz. 8 t Jahre alt verschied der Kaufmann David Nachtigall. Im Cholerajahr 1866 organisierte Nachtigall todesmutig einen Hilfsdienst. Bald darauf gründete er den .Kommis- und Buchhalter-Unterstützungsverein", dessen Präsident er bis jetzt gewesen ist. Budapest. Ein jüdischer Feldmarschall» Leutnant! — Se. Majestät hat dem Generalmajor d. N. Eduard Ritter v. Schweitzer Titel und Charakter eines Feldinarschallleutnants verliehen. Es ist dies der erste Fall, daß ein Jude, der seinem Volke und seiner Religion treu geblieben ist, einen solch' hohen Rang in der österr.-ungar. Armee einnimmt; auch ist Ritter v. Schweitzer der erste Jude in Oesterreich-Ungarn, dem der Titel „Excellenz" zukommt. Ritter v. Schweitzer wurde in Gyöngyös geboren und trat vor 12 Jahren als einfacher Soldat in die Armee ein. Zürich. Für den zurückgetretenen Dr. Guggenh e i m wählte die Generalversammlung der jüd. Gemeinde, in der von 131 Mitgliedern etwa 250 erschienen waren, Josef Wyler-Bernheim zum Präsidenten. London. Im 64. Lebensjahre verschied der Friedensrichter Edward E. Michails, Seniorchef der von seinem Urgroßvater begründeten Firma

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