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Neue jüdische Presse · 1908-10-23 · Heft 41 (23.10.1908) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 41 (23.10.1908)
Date
1908-10-23
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 41 Frankfurter Jsraelitiflches Familienblatt. Seite 5. Alle Hände flogen in di« Höhe, außer der Hand BärS. Der Rabbiner begann wieder langsam, Wort für Wort: „Wer dafür ist, daß Salomon Basel nicht bestraft wird, erhebe die Hand." Die Hand Bär's ragte einsam in die Höhe. Der Rabbiner fuhr fort: „lieber Salomon Basel und sein Haus wird der Bann gesprochen; ich werde es in der Synagoge verkünden und den Bannbrief schreiben, den Ihr alle unterschreiben müßt. Das Gericht ist geschlossen." Die Männer, erhoben sich und entfernten sich. Einer der letzten war Bär Knchenheim, dem der Rabbiner die Hand reichte. „Rabbi Mordechai, das Gericht hat eine Dummheit gemacht. Salomon hat keine Sünde begangen, durch deren Nichtbestrafung inan sich versündigt. Warum habt Ihr mir nicht beigestanden?" Der Rabbiner erwiderte: „Reb Bär, wie man in diesem Falle urteilt, sprechen Gründe dafür und ebenso gewichtige dagegen. Ihr wißt doch auch, daß man sich der Mehrheit unterwerfen muß. Gott wird schon alles zum besten lenken." Bär sagte ziemlich ketzerisch, sich entfernend: „Gott kümmert sich nicht um unsere Dummheiten." In der kleinen Welt der Judenstadt war große Aufregung, als in der Synagoge über Salomon Basel der Niddui gesprochen wurde, weil er sich seinen Pflichten der Gemeinde gegenüber entzogen hatte. Als die Auflage jedes einzelnen Hausherrn erhöht wurde, wuchs die Gährung gegen Salomon ganz bedenklich. Die armen Leute, die sich so bitter plagen mußten, deren Zahlfähigkeit bis auf's Aeutzerste angespannt war, speiten aus, wenn sie Salomon oder einen aus seiner Familie erblickten. Am meisten aber regte sich der Schneider und Schadchen Gumpel, der überhaupt keine Steuern bezahlte, auf. Er wußte, daß er jetzt an Salomon keinen Schadchenlohn mehr verdienen konnte und schrie, wenn er ihn von weitem kommen sah: „Der Epikaures, der Meschummed, pfui über ihn und über sein Haus," und dergleichen Lieblichkeiten mehr. Und der so Verhaßte ging verstockt seinen Weg weiter und kümmerte sich ebensowenig wie sein Sohn darum, daß seine Glaubensgenossen die Gebannten, wie Aussätzige mieden. (Fortsetzung folgt.) Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Die Frage, ob jüdische Volksschulen in den bayerischen Großstädten eine Notwendigkeit bilden, wurde in der jüngsten Tagung der aus orthodoxen und liberalen Führern zusammengesetzten Kommission kurz gestreift und von einem der Herren kurzer Hand mit der Begründung verneint, daß es zn Mißhelligkeiten führen könnte, wenn Kinder eingebürgerter Eltern neben Kindern eingewanderter Eltern sitzen müßten. Ich glaube, daß der betreffende Herr nicht ganz sein Herz ausgeschüttet hat, sondern, daß er noch einen geheimen Grund hatte, den er im Kreise orthodoxer Kollegen nicht aussprechen woMe. Mir kommt hierbei ein Vortrag ins 6iedächtnis. den vor einigen Jahren ein Religionslehrer über bayerisches jüd. Volksschulwesen hielt, wobei der Vortragende die Vorzüge jüdischer Volksschulen beleuchtete und sein Bedauern darüber ausdrückte, daß solche in den Großstädten fehlen; in der sich anschließenden Diskussion pflichtete der anwesende Rabbiner den Ausführungen des Redners bei, nur ein Verwaltungsniitglied der Gemeinde fand es für angezeigt, mit der Motivierung zu opponieren, daß es praktischer sei, die jüdische Jugend mit derjenigen anderer Konfessionen aufwachsen zu lassen, als sie von Jugend auf zu trennen und so gewissermaßen eine Scheidewand aufzurichten. Ich möchte nun dem Herrn, der als Ablehnungsgrund der Forderung jüdischer Volksschulen Antipathien von Kindern gegen Kinder ins Feld füh'te, folgendes entgegnen: Bei Kindern, die die Volksfchule besuchen, ist Sympathie oder Antipathie so genereller Natur, wie hier befürchtet wird, ein ganz undenkbarer Begriff; es müßte denn der Fall sein, daß solche von den Eltern den Kindern eingeimpft werden, — eine Befürchtung, die wirklich näher liegt, als die ausgesprochene. Doch abgesehen davon, ist mir nicht erklärlich, wie Schüler überhaupt. dazu kommen sollen, die Wahl ihrer Sitzkollegen zu bestimmen. Bei dem jetzigen Schulsystem ist etwas derartiges ganz mit Recht ausgeschlossen; da sitzt der Sohn des Millionärs neben dem Sohn des Arbeiters, der kulturell zumeist nicht höher steht, als der Sohn des eingewanderten Juden, — und nach dem Rezepte des Gesinnungsgenossen des betreffenden. Komiteemitglieds, des obenerwähnten Diskussionsredners, soll ja das der Zweck der gemischten Schule sein: eine räumliche und persönliche Trennung Hintanzuhalten. Des weiteren ist dort, wo der Antisemitismus schon , bei den Kindern genährt wird, die Schule keine wirksame Medizin mehr, diese Krankheit zu heilen. Der Antisemitismus ist keineswegs darauf zurückzufiihren, daß Juden und Christen nicht einen gemeinsamen Schulbesuch haben. Die Ursachen für diese Erscheinung sind viel tiefer: einerseits ist eS Existenzneid, andererseits sind es Vorkommnisse geschäftlicher oder Persönlicher Natur, die den Antifemitismus zeitigen. Daran ändert ein gemeinsamer Schulbesuch und persönlicher Verkehr von Jugend auf nichts. Die Juden, die heute eine Stellung in Staat und Gemeinde und auch in der Gesellschaft einnehmen, haben fast sämtlich jüdische Volksschulen in ihren Geburtsorten besucht, sie haben also mit der jüdischen Volksschule das erreicht, was mit der gemischten Schule erreicht werden soll. Für die Errichtung jüdischer Volksschulen sprechen viele Gründe, von welchen ich nur den hervorheben möchte, der auch nicht orthodoxen Eltern einleuchten dürfte: Durch die jüdischen Volksschulen bekommen die Kinder an Samstagen Zeit, sich an eine» Synagogenbesuch zu gewöhnen. Wie wird von seiten der katholischen und protestantischen Schulleitungen darauf Wert gelegt, den Kindern den Kirchenbesuch zu ermöglichen, — und gerade die liberalen Juden sind es ja, denen oft kirchliche Einrichtungen zum Muster dienen. Dann fällt natürlich jeder Chillul Schabbos seitens der Kinder, wie Schreiben rc. weg. Es gibt noch Eltern genug, die es gerne sehen würden, wenn ihre Kinder nicht schon in der Schule einen Chillul Schabbos begehen. Aus Angst, ihre Kinder könnten dadurch im Unterricht benachteiligt sein, verhalten sie sich passiv, und es ist auch wirklich für Eltern und die Kinder streng orthodoxer Gesinnung kein kleines Opfer, rühmliche Ausnahmen zu machen. Mein Sohn, der die 4te Klasse besucht, versäumt am Samstag einen sehr wichtigen Gegenstand, den „deutschen Aufsatz". Sein Klassenlehrer sagte zu ihm: „Ich zwinge Dich wohl nicht zum Schreiben, aber bei allem Bestreben, das Versäumte nachzuholen, kann es Dir bei der Ausnahme ins Gymnasium von Nachteil sein." Welches Bestreben aber bei den jüd. Gemeindebehörden besteht, dem religiösen Bedürfnisse möglichst wenig Rechnung zu tragen, illustriert die Tatsache, daß am ersten Tage des Jaumtauwim jüdische Schüler Vormittags frei haben, am zweiten Tag nicht, an welchem Umstande nicht die städtische Lokalschulkommiffion, sondern die jüdische Gemeinde schuld ist, die jedes Jahr der Lokalschulkommission die Tage bezeichnet, an denen jüdische Schüler vom Schulbesuch befreit werden sollen. Ich möchte nicht schließen, ohne an alle gleichgesinnten Eltern die dringendste Bitte zu richten, die Sache der Errichtung jüdischer Volksschulen, soweit es nur in ihren Kräften liegt, zu unterstützen und auch in weiteren Kreisen dafür Propaganda zu machen. Ein Bayer. Bunte Chronik. Jüdische Altertümer in der Ofener Festung. In einem Budapester Blatte gibt Professor Dr. M. Weiß folgende interessante Mitteilungen: Als am 2. September 1686 Ofen von den verbündeten Heeren der Christenheit den Türken entrissen wurde, verschwand auch die bis dahin blühende jüdische Gemeinde. Die berühmte Gemeinde mit ihren weitbekannten Institutionen fand ihr Grab unter den rauchenden Festungstrümmern. Sogar der jüdische Friedhof verschwand von der Oberfläche, kein einziger Grabstein verkündet der Nachwelt den Ruhm der Männer, welche dort der Auferstehung harrten. Die Bewohner sielen zum Teile der grausamen Wut der Belagerer zum Opfer, ein großer Teil wurde von den Eroberern in die Gefangenschaft geschleppt. Jsak Schulhof (geboren 1650, gestorben 1732s, Schwiegersohn des weitberühmten Öftrer Rabbiners Rabbi Efraim Kohen, berichtet als Augenzeuge die furchtbaren Vorgänge, die sich bei der Erstürmung Ofens abspielten. Seine Schrift erzählt die grauenvollen Leiden der jüdischen Gemeinschaft, wie auch seine wunderbare Rettüng. Als die Sieger die von den Geschossen hart mitgenommenen Bauten wieder Herrichten wollten, war es ihnen selbstverständlich, die Grabsteine des Judenfriedhofes als Baumaterial zu verwenden. Der bequemste Steinbruch war der Friedhof, konnten doch die toten. Jude» auf keine Pietät rechnen in einer Zeit, wo die lebenden Juden als vogelfrei galten! Grundmauern, Treppen, Pfeiler wurden aus Grabsteinen errichtet. Die Inschrift wurde gewöhnlich abgehackt oder eingemauert. Die Zeugen und Denkmäler der ruhmreichen Vergangenheit verstummten so, bis die neue Zeit sich an die alten Gebäude heranwagte. In den Grundmauern der Stephanskapelle, der Mathiaskirche fanden sich die ersten Grabsteine der Türkenzeit. Das Budapester Museum bewahrt die Denkmäler, die aus dem Zeitabschnitte 1672 bis 1678 zum Vorschein gekommen sind. Hacken und Spaten haben jetzt weitere vier Steine zum Vorschein gebracht. Die Häuser Nr. 4—5 auf dem Paradeplatz in Ofen, die Erzherzog Josef für seine Mutter Erzherzogin Klothilde umbauen läßt, bildeten das Eigentum der Abtei zu Kremsmünster. Im Jahre 1688 ließ die Abtei das Gebäude umgestalten, und hierzu wurden auch die jetzt zum Vorschein gekommenen Steine als Baumaterial verwendet. Der Baumeister fand die Steine im Grundpfeiler eingemauert. Ich laS dieselben. Zwei Stein» enthalten eine vollständige Inschrift. Der erste Stein verkündet den Ruhm des gottesfürchtigen Rabbi Juda, Sohnes des Rabbi Chaim Sussi, der im Jahre 1678 verschied. Es ist dies ein mächtiger Kalkstein, 1,20 Meter lang, 0,40 breit. Das zweite Grabmal war am Grabe des Nathan, Sohnes des Rabbi Gerson, errichtet, der im Jahre 1656 das Zeitliche segnete. Der dritte Stein stand am Grabe eines Ehepaares. Name desselben fehlt. Als Todesjahr gilt das Jahr 1600. Der vierte Stein, ein Bruchstück, bezeichnete das Grab einer Frau, Tochter des Rabbi Juda» aus dem Jahre 1657. Die Steine werden auf Veranlassung des Erzherzogs Josef dem Budapester Museum einverleibt. tt.m»er rrieurtct* > — i Offenbach a. M. — ■ Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt. Woback flaiolisurrjrr;. Inhaber: JVL. älJäU. Pepton, Juwelen, Goldwaron. -Auf Wunsch euswahlsendungen. Wocheu-Saterrver. (Zeitangaben nach dem Laach.) Samstag, den 24. Oktober (--- 29. Tiachri): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr 45 Min. Sabbat-AuSgang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 05 Min. in Berlin 5 Uhr 36 Min. Wochenabschnitt: Bereischis. Die Erschafftmg der Welt. In sechs Tagen entstand das Weltall: das Licht, der Himmel, das Meer, die Pflanzen, die Gestirne, Vögel, Fische und andere Wasserticre, die Landtiere, zuletzt der Mensch. Den siebten Tag bildete der Sabbat. Adam und Eva im Paradiese. Sie geben den Tieren Namen. Die Sünde der ersten Menschen. Ihre Vertreibung aus dem Paradiese. Verfluchung der Schlange und des Erdbodens, Bestrafung Adams und Evas. — Kajin und Abel, ihre Söhne. Kajins Neid und Sünde als Brudermörder. Seine Bestrafung. Gottes Gnade nach Kajins Reue und Besserung. Die ersten „Künstler" unter den Menschen: der , erste Schmied, der erste Harfen- und Flötenspieler, der erste Zeltenbewohner und Herdenbesitzer. Aufzählung der Menschengeschlechter bis zu Noah's Geburt. Riesengeschlechter werden genannt. Vom ersten Götzendienst wird uns erzählt. — * Im Schacharisgebet Einschaltungen, die von der Allmacht Gottes bei der Weltschöpfung handeln. Im Mussaf ein „Elauheichem". — Einsegnung des Neumondes Marcheschwan, der auf Sonntag und Montag (25. und 26. Okt.) fällt. — Am Schabbos Bereischis beginnt mau mit dem Singen der „Semiraus", das sind jüdische Tafelgesänge für Freitag Abend und Samstag Mittag. Ferner - beginnt man nach dem Mincho-Schmono- Esrei mit dem Lesen von Borachi-Nasschi. Beides den ganzen Winter hindurch fortgesetzt bis zum Sabbat vor Pesach (Schabbos hagodaul). Offenbarer Druckluft«Anlage Telefon 123. OffBnbach a. II. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste TsppIchrelnlOOIig. Disfcr Auskünfte! über Vermögens-, Familienu. Geschäfts-Verhältnisse, Be- _ obaahtungen, Ermittelungen an allen Plätzen der Welt. Grosse BetectlT-Zentnleü! Telephon 4358. Salzhaos 6, I. Sigmnnd Singer, Börneplatz 23 empfiehlt Stoffe für Harren-Anzüge und Paletots zu billigsten Preisen. Familieimachrichlerr. Geburten. Eine Tochter, Herrn Bertram Schulhaus (Oppenheimer), Frankfurt, Waldschmidtstr. 123. Eine Tochter, Herrn Salomon Kristianpoller (Wolpe), Memel. Eine Tochter, Herrn Hugo Chotzen (Proskauer), Cottbus. Einen Sohn, Herrn Hermann Czwiklitzer (Rosenbaum), Breslau. Einen Sohn, Herrn Leo Freundlich (Freundlich), Hamburg. verlobte. Sabine Perlmutter, Frankfurt, Uhlandstr. 38 — Dentist Abr. Popowsky, Borken. Elise Raphael — Simon Grünebaum. Frankfurt. Babette Blumenthal, Marktheidenfeld — Edmund I. Eskeles, Frankfurt. Frieda Wittenberg — Max Kober, Breslau.

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