Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1908-10-23 · Heft 41 (23.10.1908) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 41 (23.10.1908)
Date
1908-10-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2692297-2692562-2692603--04280-2699077
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Weite 2. Nr. 4L. Als hie Juden am Jomkippur in den Synagogen zu innigem Gebet versammelt waren, verbreitete sich die Nachricht, daß Bulgarien als unabhängig erklärt wurde. Freute sich ein jeder über dieses bedeutungsvolle Ereignis— denn die Juden erstreben immer das Wohl des Landes, in dem sie wohnen, und nehmen den wärmsten Anteil an seinem Geschicke — so erwachte doch auch bei manchem die Befürchtung, daß die wie alleSlaven im Grunde ihres Herzens judenfeindlichen Bulgaren nun ihren Haß gegen die Juden unverhohlen hervortretcn lassen werden. Bisher schützten uns indirekterweife die europäischen Mächte, aber jetzt — wer wird es wagen dürfen, den freien Bulgaren Einhalt zu gebieten? Diese Befürchtung ist auch nicht geschwunden, nachdem der bulgarische Zar sich in anerkennenswerter Weise über die Juden äußerte. Jedoch an herzlicher Teilnahme an der allgemeinen Feier ließ man cs nicht fehlen. Alle jüdischen Gemeinden Bulgariens veranstalteten anläßlich der Königsproklamation Festgottesdienste, wobei die patriotischsten Reden gehalten wurden. In Sofia sprach in Anwesenheit der Vertreter der höchsten Behörden der Großrabbiner D r. Ehrenpreis und in Philippopel Rabbiner Dr. Z. Rabbiner, der auch als Vertreter der jüdischen Gemeinde mit dem König eine längere Unterredung chatte. Im folgenden seien die wesentlichen Teile derselben wiedcrgegeben. Dr. Rabbiner richtete an den König folgende Worte: „Es gereicht mir zum höchsten- Glück, Ew. Majestät im Namen der jüdischen Gemeinde Philippopels die tiefempfundenen Gefühle von Treue und Ergebenheit zum Ausdruck zu bringen." Der Zar machte darauf folgende bedeutsame Bemerkung: „Ich protegiere gern die Juden, suche stets die Gelegenheit, sie zu protegieren und hoffe, daß die Juden Bulgariens es einsehen und anerkennen." ^,Die Juden Bulgarens," versetzte Herr Dr. Rabbiner, „sehen in Ew. Majestät nicht bloß den gerechten und humanen Zaren, sondern auch den Vater des Landes, der, um seine Kinder zu beglücken, niemals nach deren Nationalität und Religion fragt. Und was die patriotischen Beziehungen zum bulgarischen Volke betrifft, so sind die hiesigen Juden stets bereit, auf dem Altar des Vaterlandes die größten Opfer darzubringen, wenn es der Moment erheischen wird." Der König drückte Dr. Rabbiner die Hand und dankte herzlichst. Der Umstand, daß der König einen Juden so auszeichnete, machte auf die gesamte Bevölkerung einen tiefen Eindruck. Wie aber schon bemerkt, haben diese Worte des Königs die Gemüter der bulgarischen Juden nicht beruhigt. Wenn der Tumult einmal vorüber ist, wenn die äußere Politik die Bulgaren aus der Klemme, in der sie sich momentan befinden, bringen wird, dann werden sie sicherlich ihr freies und unabhängiges Land voll fremden Elementen zu säubern suchen, fei es durch Fremdengesetze oder durch Pogrome. Bis dahin geben wir uns gern der angenehmen Hoffnung hin, daß das Volk dem König niemals Gelegenheit bieten wird, die Juden zu protegieren, und daß unsere Befürchtungen sich als unbegründet erweisen werden. Ben-Hoamitti. Ernermrmgerr im Overrat. Wie verlautet, soll die Ernennung des neuen Mitglieds des Gr. Oberrats der Israeliten in Baden au Stelle des zurückgetretenen Geh. Hofrats Dr. Rosin in Freiburg bevorstehen. Den Wünschen der Mehrheit der letzten Synode soll durch die Ernennung des Universitäts- Professors Dr. Löwy in Freiburg Rechnung getragen werden. Es verlautet indessen weiter, daß außerdem eine Erweiterung des Oberrats-Kollegiums geplant sei und daß den neugeschaffenen Sitz einer der Führer der liberalen Bewegung im Lande, RechtsanwaltDr. Kaufmann in Heidel- Frankfurter Israelitisches Familienblatt. berg, einnehmen soll. Wenn diese Nachricht zutrifft, muß sie das lebhafteste Befremden Hervorrufen. An sich ist nicht recht ersichtlich, was mit der Erweiterung des Oberrat-Kollegiums eigentlich bezweckt ist. Arbeitsüberhäufung kann kaum geltend gemacht werden, nachdem der durch den Austritt des Geh. Hofrats Rosin erledigte Posten eines juristischen Mitarbeiters durch die Bestellung eines juristischen Syndikus besetzt wurde. Was anderes aber kann den Oberrat veranlassen, jetzt eine Vergrößerung des durch Verordnung festgesetzten und unseres Wissens seit Jahrzehnten bestehenden Neuner-Kollegiums cintreten zu lassen? In jedem Falle müßte aber nachdrücklicher Protest dagegen erhoben werden, daß dieses neue Mitglied des Oberrats Ms den Reihen der ultraliberalsten Partcimänner des Landes erkürt wird. Das stimmt wenig zu der Politik der Versöhnung, die Geh. Rat Rosin der Mehrheit der letzten Synode so warm ans Herz gelegt und der diese Mehrheit so willig — selbst unter der Preisgabe von Prinzipien — folgte. Ganz gewiß aber kann es nicht den Frieden stützen. Sollte man in gewissen Kreisen des Oberrats wirklich glauben, daß mit der Ernennung eines Mitglieds aus den Reihen der Mehrheit der badischen Juden ein billiger Ausgleich geschaffen sei! Von 3497 Wähler zur letzten Synode haben 2338 Wähler, also fast 60<>/o, gegen die Politik votiert, die das neu ausersehene Oberrats-Mitglied so lebhaft vertritt. Wenn bisher keine weitergehenden Forderungen seitens dieser Mehrheit laut wurden, wenn ie sich mit der Besetzung des erledigten Sitzes inrch einen Konservativen vorerst zufrieden gab, ö geschah das deshalb, weil sie ernstlich gewillt ist, langsam nur — den gegebenen Verhältnissen voll Rechnung tragend — und unter möglichster Schonung ihrer Gegner auf dem Wege friedlicher Verständigung ihre Forderungen durchzusetzen. Ihr, dieser Mehrheit, wäre es nie eingefallen, zu verlangen, daß man neue Sitze schaffe, damit lociterc Vertreter der Mehrheit der badischen Juden in den Oberrat entsendet werden könnten. Geschieht dies aber doch: dann ist mit allem Nachdruck darauf hinzuweisen, daß die einfachsteAchtung vor den Anschauungen der Mehrheit der badischen Juden verlangt, auch diesen neuen Sitz mit einem ihrer Vertreter zu besetzen. Das braucht nicht notwendigerweise wieder ein Konservativer zu sein: setzt sich doch die Mehrheit aus verschiedenen Richtungen zusammen. Ein Liberaler aber kann es nicht sein, da die liberale Richtung heute weit über ihre Bedeutung im Lande hinaus, mit 90 o/o — alle anderen 8 Mitglieder gehören der liberalen Richtung, zum Teil ihrem allerradikalsten Flügel an — im Oberrat vertreten ist. Es darf darum erwartet werden, daß über diese Angelegenheit alsbald, offiziellerseits eine beruhigende Erklärung erfolgt. Aus aller Nett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Der vor einer Reihe von Jahren von der Frankfurt-Loge begründete Arbeitsnachweis für Israeliten, der später aus praktischen Gründen dem I s r. Hilfsverein angegliedert wurde — in dessen Räumen auch jeden Montag und Donnerstag Morgen von 10Vs—12*/2 Uhr die Sitzungen abgehalten werden — brachte in seinem verflossenen Rechnungsjahre (1. 4. 07 bis 31. 3. 08) von 297 Stellen- und Arbeitsuchenden 169 unter, und zwar 60 Kaufleute, 92 Handwerker und 17 Personen ohne Beruf. Durch die ungünstigen Zeitverhältnisse haben sich seit dem 1. April über 400 Arbeitsuchende an die Institution gewendet. Zum Winter wird das Angebot sicher noch größer. Der Ausschuß des Arbeitsnachweises hat daher einen Aufruf erlassen, in dem er bittet, die Institution durch Zuweisung von Vakanzen und Arbeitsgelegenheit jeder Art zu unterstützen. Frankfurt a. M. Einen Beleg für die systematische Zurücksetzung der Juden gibt Professor Dr. Schücking-Marburg in der „Franks. Ztg." Im Jahre 1906 hatte sich ein jüdischer Rechtskandidat bei ihm beklagt, daß ihm von fünf Oberlandesgerichtspräsidenten ohne triftigen Grund, offenbar seines Judentums wegen, die .Anstellung als Referendar versagt worden war. Schücking machte für seinen Schüler, den er als Mitglied , der Prüsungskonlmission, die unmittelbar dem Justizminister unterstellt ist, auch geprüft hatte, daraufhin eine Eingabe an den Justizminister. Die Anstellung des jungen Mannes erfolgte nunmehr, wenn er auch, statt nach Frankfurt a. M. zu kommen, nach Königsberg gehen mußte und etwa 5 Monate für seine Laufbahn verloren hatte. Als Schücking nun im Frühjahr 1907, in Berlin weilend, im Ministerium vorsprach, da überhäufte ihn der Universitätsrefercnt Geh. Oberregierungsrat' Dr. Elster mit Vorwürfen, wie er es wagen könne, sich an den Justizminister zu wenden, und sagte dabei wörtlich: „Was geht Sie überhaupt dieser Rechtskandidat an, mischen Sie sich nicht in Angelegenheiten, die Sie nichts angehen. Die Sache schwebt noch, und Sie werden dafür noch eine disziplinarische Be st rafung erhalten." Frankfurt a. M. Donnerstag, den 15. Oktober fand die Einweihung d'es Philanthropin-Neub aus statt. Der Feier, die in der in vornehmem Geschmack gehaltenen und geräumigen Aula vollzogen wurde, wohnte eine zahlreiche Festversammlung bei, so daß der Saal bis aus den letzten Platz besetzt war. Die Feier leiteten Orgelton und Festgesang ein. Darauf bestieg der Vorsitzende des Vorstandes der jüdischen Gemeinde, Justizrat Dr. Blau, das Podium. Er sprach allen, die zu den für Ausführung des Baues nötigen Mitteln beigetragen haben, seinen Dank ans, gedachte der Lehrer, deren Anschauungen das Philanthropin sich zur Richtung genommen hat —. Jost, Heß, Stern, Creizenach, Lazarus, Geiger, Bärwald — und übergab den Bau dem Schulrat, indem er die Hoffnung aussprach, daß das große Opfer, das die Gemeinde aus dem Altar der Humanität und des angestammten Glaubens niedergelegt hat, reichen Segen bringen werde. Stadtrat a. D. Horkheimer übergab das Schulgebäude im Namen des Schulrates an den Direktor und das Lehrerkollegium. Er gab einen kurzen Bericht über die Institutionen, die an der Errichtung des Neubaues beteiligt waren, und erwähnte die Hindernisse, die die Vollendung des Baues, der 790 000 JL kostet und 1400 Quadratmeter einnimmt, verzögerte. Er endigte mit den Worten: „Mögen das Philanthropin ein Hort der Aufklärung und der Humanität sein!" Ihm folgte als Vertreter des Provinzialschulkollegiums und des Oberpräsidenten der Provinzialschnlrat Bai er, der die Opferwilligkeit der Gemeinde und die ausgezeichnete Pädagogik der Schule rühmend hervorhob. Am Schlüsse seiner herzlichen Worte übergab er Stadtrat a. D. Horkheimer den Roten Adlerorden 4. Klasse, Direktor Dr. Adler den Kronenorden 3. Klasse und Professor Oberlehrer Dr. Kracauer den Roten Adlerorden 4. Klasse. Direktor Dr. Adler bezeichnete als den Aufgabenkreis der Schule das Stichwort: „Aufklärung und Humanität!" Er ging zum Nationalen und Religiösen über und sagte: „Unsere Nation ist mit der Zerstörung des Tempels in Trümmer gefallen. Wir wollen nicht mehr eine territoriale Einheit! Die Schule hat ihre Entstehung der Liebe zum Deutschtum zu verdanken. Das Vermächtnis der Emanzipation und die messianische Idee, deren die Lehrer immer eingedenkt sind, sollen verhindern, daß diese Vaterlandsliebe in Chauvinismus ausartet. Das Ziel der Schule ist, ihre Zöglinge so zu erziehen, daß sie der alten ehrwürdigen jüdischen Gemeinde, der altberühmten Stadt Frankfurt und dem deutschen Baterlande zur Ehre gereichen." Im Aufträge der Vereinigung der früheren Philanthropiner sprach Herr Josef Meier. Er übergab der Schule das Bildnis des alten Schulgebäudes, gemalt vom Maler Gianini, einem früheren Schüler der Anstalt. Mit dem unter Orgelbeglcitung ertönenden Lied „Altniederländisches Dankgebet" schloß die Feier, dem sich ein Festessen und ein von Fräulein Leonie Meyerhof-Hildeck verfaßtes Festspiel anschlossen. — Das neue Gebäude des Philanthropins dürfte der prächtigste Schulbau der Stadt sein. Vornehmer Geschmack und moderne Technik haben bei ihm gewetteifert in ihrem besten Können. Frankfurt a. M. Die Frankfurter Statistik für 1907 gibt für die Frankfurter Juden wenig erfreuliche Zahlen Es - wurden nämlich in diesem Jahre in Frankfurt 27 uneheliche israelitische Kinder geboren und 12 Austritte aus dem Judentum und 35 jüdischchristliche Eheschließungen (18 jüd. Männer mit christlichen Frauen und 17 jüd. Frauen mit christlichen Männern) vollzogen. Frankfurt a. M. In den gemütlichen SuckauStagen ist diesmal die öffentliche Meinung der Frankfurter Judenheit sehr ungemütlich aus ihrem traumlosen Schlafe ausgerüttelt worden. Zuerst nur ein zweifelndes Kopsschütteln,— als sich dann aber das unglaublich Scheinende als wahr erpsieS, da flak-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.