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Neue jüdische Presse · 1908-10-23 · Heft 41 (23.10.1908) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 41 (23.10.1908)
Date
1908-10-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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3lr«rlitifri|fs famiUrutilatt. i— " Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. M. 1.— frei ins HauS. Bet der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungam Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— 4- ' — - -:- > KsdaKtton «nd chefchLftsstekrs: Srsnkfurt 2. m.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße T-r-fo« 10507. HekEgevev: Aakg G-r^. r—• ..— " , Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 ., Platz» und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. - 6. Jahrgang. Freitag, den 28. Tischri 5669 (28. Oktober 1908). Ro. 41. Inhalt des Havptblattes. Artikel: Die Bibel. — Die bulgarischen Ereignisse und die bulgarischen Juden.' — Ernennungen im Oberrat. — Aus allerWelt. — Personalien. — Aus der zionistischen Bewegung.— Feuilleton: Eine versunkene Welt. — Sprechsaal. — Bunte Chronik. — Wochen- Kalender. — Familtennachrichten Die Bibel. Die Bibel-Babel-Affaire gehört — zur Schmach ihres Urhebers — längst der Vergangenheit an; aber die Gesinnung, aus der heraus sie entstand, wirkt ungeschwächt fort. Man möchte „dem auserwählten Volke von seinem Nimbus nehmen", damit man ihm keinen Dank schulde — und deshalb muß an der Bedeutung der Bibel, die das Volk der Juden der Menschheit gab, gemäkelt werden. In unserem in Beziehung zur Religion indifferenten, ja häufig feindlichen Zeitalter kommt aber noch als zweites hinzu, daß, >venn die Bibel ihres Ansehens beraubt wird, man damit den monotheistischen Religionen den Granitfelsen, auf dem sie aufgebaut sind, nimmt. Und so durfte der bekannte Vorkämpfer für ethische Kultur, Dr. Penzig, jüngst auf dem internationalen Kongreß für Moralpädagogik einen geradezu frenetischen Beifall einheimsen, als er den Bibelverteidigern zurief: „Mindestens fünfzehnhundert Jahre lang haben Sie Gelegenheit gehabt, den Patienten mit Ihren Heilmitteln zu kurieren. Sie gaben ihm unaufhörlich Chloroform. Jetzt, wo es sich zeigt, daß er nur immer kränker geworden ist — denn sonst wären wir hier nicht zur Konsultation versammelt — rufen Sie uns zu: Immer noch mehr Chloroform! — Nein, da machen wir nicht mit." Nun, — was die gesittete Welt an ethischen Gütern besitzt, verdankt sie der Bibel. Und daß die Menschen in sehr vielem nicht in ihrem Geiste handeln, — daran ist nicht die Bibel, sondern die Unkenntnis der Bibel und die Schwäche des menschlichen Charakters schuld. Die Frage ist nicht: was sind die Menschen mit der Bibä geworden? sondern: was wären sie ohne die Bibel? Die Herren Bibelgegner machen sich aber die Vorteile der Opposition zu nutze: sie räsonnieren und überlassen den Beweis für die Durchführbarkeit ihrer Ideen sorglos der Zukunft. Vorläufig haben sie noch den Nachweis zu liefern, daß eine Moral, die nicht in dem Glauben an Gott ihre Grundlage hat, den Durchschnittsmenschen über die zahlreichen kriti- ' schen Stunden des Lebens hinüberzubringen vermag, ganz abgesehen von dem Beweis, wie überhaupt eine Moral ohne den Glauben an ein höheres Wesen hätte entstehen können. Doch die Bibelgegner haben einen scheinbar verblüffenden Beleg für die Ueberflüssigkeit der Bibel: Der Katholizismus hat seinen Gläubigen von jeher die Kenntnis der Bibel vorenthalten; es hat also/ de facto, die Bibel unter den katholischen Gläubigen keine Stätte. Und so hat jüngst Ferdinand Buisson, der bedeutendste Pädagog Frankreichs in der Gegenwart, mit Recht dem Vertreter einer großen Tageszeitung sagen können: „Engländer und Amerikaner rufen uns unaufhörlich zu: Benutzet die Bibel! sie ist ebenso das Buch für die Jugend, wie für das Mannesalter; sie ist voll von Ideen, Idealen und Bildern; sie strotzt von kostbaren Grundsätzen; ohne die Bibel ist eine wahre Erziehung überhaupt unmöglich. Darauf antworte ich als Franzose: In Frankreich existiert die Bibel überhaupt nicht. Vielfach wissen die Leute dort gar nicht, daß ein solches Buch vorhanden ist. Im 16. Jahrhundert machte die Reform den Versuch, die Bibel bei uns in Frankreich einzuführen, zu übersetzen und zu verbreiten. Dieser Versuch ist mißlungen. Ju den letzten drei Jahrhunderten hat die römischkatholische Kirche die Bibel unterdrückt, und außer den Protestanten, die eine kleine Gruppe bilden, ist sie so gut wie unbekannt. Der Bourgeois kennt sie ebensowenig wie der Arbeiter und der Bauer, und ich kann die Versicherung abgeben, daß Sie in 10 000 französischen Häusern auch nicht ein Exemplar der Bibel fänden." Diesen Aussührungen können wir als Juden noch hinzufügen: Auch bei uns Juden ist das Studium der Bibel bei einem großen Teil der jüdischen Gesamtheit seit mehreren Jahrhunderten stark in den Hintergrund getreten, und zwar zugunsten des Talmuds; und es wird auch noch jetzt vernachlässigt, sodaß viele Talmudjünger die Bibel nur aus dem Talmud kennen. Doch, halt! — die ganze Beweisführung hinkt. Es ist wieder einmal die mir von geringer Sachlichkeit geleitete Oberflächlichkeit, die sich hier breit gemacht hat, und bei ernsterem Zusehen ist die wahre Sachlage eine ganz andere. Denn wer von der Ueberflüssigkeit der Bibel sprechen will, der muß übersehen wollen, daß im Religionsunterricht und im Gottesdienst der Katholiken Aussprüche, ja ganze Stellen der Bibel — siehe Sie Psalmen! — zur ausschlaggebenden Geltung kommen, und dasselbe gilt in noch viel umfassenderem und ursprünglicherem Maße bei uns Juden. Sollte aber wirklich bei den französischen Katholiken die Bibel gar zu sehr zurückgedrängt worden sein, — nun, dann würde gerade Frankreich die Folgen davon zeigen: Das Zweikindersystem, durch das Frankreich von Jahr zu Jahr an Bewohnern abnimmt, zeugt wahrlich von etwas anderem, als von einem entwickelten moralischen Bewußtsein. Möge nur immer Sturm gegen die Bibel gelaufen werden; — die Bibel-Babel-Afsaire hat am Ende nur neue Bausteine für die Originalität und geschichtliche Authencität der Bibel herbeigcschasft, wie auch die die Bibel auseinanderreißenwollende Bibelkritik durch die Macht der Tatsachen immer mehr zum verbindenden Kitt für die Bibel werden muß, so sehr sie sich auch dagegen sträubt, — und auch der Sturmlauf der Herren von der ethischen Kultur wird schließlich nur neues Bollwerk für die Festigung der Bibel errichten und so die Erkenntnis der Wahrheit und Ewigkeit des Bibelwortes fördern. Doch, das Vertrauen für die Zukunft darf das Volk der Bibel seine Pflichten in der ernsten Gegenwart nicht leicht nehmen lassen. Es gilt, Umschau und Einkehr zu halten; es gilt, sich darüber klar zu werden, inwieweit bezüglich der Verbreitung der Kenntnis und Erkenntnis der Bibel Fehler gemacht worden sind. Und da glauben wir, daß man bisher bei weitem nicht der Aufgabe gerecht geworden ist, die Bibel in ihrem ganzen Umfange und in der ganzen Ursprünglichkeit ihres Inhalts auf die Jugend wirken zu lassen. Schuld daran dürfte der Mangel an einer Unterrichtsmethode sein, die den hebräischen Sprachgeist in dem Lernenden lebendig werden läßt, denn nur dort, wo der hebräische Sprachgeist ins Bewußtsein tritt, kann die Bibel in ihrer Ursprünglichkeit wirken. Bei der Erfassung einer jeden fremdsprachlichen Literatur ist die Erfassung des fremden Sprachgeistes die wichtigste Vorbedingung; doch, was sonst selbstverständlich ist, in Bezug auf jüdische Dinge verliert es auf einmal seine logische Notwendigkeit, — und so muß unsere jüdische Jugend ihre Bibel durch holpriges, mechanisches Uebersetzen kennen lernen, statt, nachdem sie durch die beste Lehrmethode die hebräische Sprache in sich ausgenommen hat. Wie soll unter solchen Umständen Begeisterung geweckr werden und die freudü>e Lust zum Weiterstudieren im hebräischen Schrifttum? und vor allen Dingen: wie sollen die Lehren der Bibel bei dem Volke der Bibel wirken, wenn diese nicht zu chrem Volke in ihrer eigenen Sprache sprechen darf? Zurück zur Sprache der Bibel! sei daher der Ruf in Israel. Die bulgarischen Ereignisse und die bulgarischen Inden. Philippopel, den I«. Okt. 1908. Die Ereignisse in Bulgarien nehmen augenblicklich das allgemeine Interesse in Anspruch. Die Tatsache, daß sich das Fürstentum Bulgarien über Nacht in ein Königreich verwandelte und damit der lang ersehnte Wunsch des Fürsten Ferdinand so plötzlich in Erfüllung ging, und ferner, daß die Bulgaren ungeachtet des Berliner Vertrages die türkischen Fesseln von sich abschüttelten und auf einmal als freies, selbständiges Volk dastehen, all' dies hat das kleine bulgarische Land zu einem Brennpunkte europäischen Interesses gemacht. Es ist jedoch nicht die Aufgabe einer jüdischen Zeitung, allgemeine politische Fragen zu erörtern. Als Juden interessieren uns die politischen Fragen nur insofern, als sie Einfluß auf die Lage der Judenheit oder eines Teiles der Judenheit haben. Von diesem Standpunkt aus möchte ich im folgenden einiges über die Erhebung Bulgariens zum Königreiche berichten.

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