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Neue jüdische Presse · 1908-10-09 · Heft 40 (9.10.1908) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 40 (9.10.1908)
Date
1908-10-09
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Veite 4 MarmoroS-Sziget. Die hiesige Judenheit ist von einem schrecklichen Unglück in Bestürzung versetzt worden. Am Kolnidre-Abend entstand in der Synagoge plötzlich Feuerlärm, und in dem darauffolgenden Gedränge wurden 4 Personen tot gedrückt und 5 so verletzt, daß ihr Tod stündlich zu erwarten ist, Rußland. Shitomir. Auf der Suche nach Neuigkeiten für Ihre werte Zeitung, bin ich bei einer unerschöpflichen Quelle angelangt: ich betrachtete nämlich die kritische Lage unserer hiesigen Brüder und kam dabei zu dem Resultate, daß hier überall die Feindseligkeit des einen gegen den anderen herrscht, mehr noch als im Kiewer Gouvernement. Ein jeder hat sich jetzt mit Gott versöhnt, er stand in der Synagoge mit gesenktem Haupte und flehte: „Vergib mir. Vergib auch meine Sünden, die ich gegen meinen Nächsten beging!" Nun hat Gott vergäben, aber die „Sinas Chinom", die grundlosen Feindschaften blieben. — Die Jercmiaden können es also nicht hindern, daß ein Jude gegen den zweiten erbitterte Kämpfe führt. Hier in Shitomir leben unsere Brüder zwar religiös, aber die Religiosität scheint nicht parallel zu lausen mit ihrem Charakter. Hier ein Fall. — In Shitomir lebt ein Herr Brusilowsky, Vater von elf Kindern. Er fristet sein Dasein von den ausländischen Pässen, die er für die Emigranten besorgt. 2 Tage vor „Rosch- Haschonoh", des Nachts um 3 Uhr, wurde er von Polizisten uno dem „Pristav" aus dem Bette geholt und eingekerkert. Grund: ein in seiner Nähe wohnender Kaufmann, mit dem er sich wegen eines Rubels entzweite, hatte zur Anzeige gebracht, er mache falsche Pässe. Jetzt schmachtet der Arme im Kerker, und seine Familie stirbt vor Hunger. Den traurigen Denunzianten zeigte man mir am Rosch-Haschonoh in der großen Synagoge, er stand demütig da, in den „Talis" bis über den Kops gehüllt. Dem Judentumc als Volk und als Religion droht die Katastrophe des schmählichen Unterganges, wenn wir uns nicht rechtzeitig ermannen und Einkehr tun. Wir haben hier in Rußland eine Gesundung an Haupt und Gliedern nötig, aber die Buße muß ehrlich sein, die Einkehr aufrichtig. Der Anfang muß in unserem Hause gemacht werden. Die Erziehung unserer Jugend muß eine für beit ehrlichen, offenen Kampf vorbereitende sein. Wir müssen ein Heer von charakterfesten, an ihrem Glauben unß> km . ihrem Volkstum unerschütterlich festhaltenden jüdischen Kämpfern erziehen, die, allen Schicksalsschlägen trotzend, nötigenfalls auch ihre Führer aus dem Wege räumen, uni selbst den Kampf zu führen. Nur so kann es, besser werden? Lehrer I. I. Braun. Jekaterinoslaw. Die jüdischen Ackerbau- Kolonisten hatten beim Gouverneur ein Gesuch eingercicht, ihnen auf Grund des kaiserlichen Manifestes vom 11. &. 04 die restierenden Steuern zu erlassen. Mit der Begründung, daß den Kolonisten, „da sie Fremd nationale sind", die Vergünstigungen des Manifestes, die sonst allen Ackerbauern zukonunen, nicht gewährt werden können, lehnte aber die Regierung das Gesuch ab. Großbritannien. London. ^Die Londoner Gesellschaft zur Verbreitung des Christentums unter den Juden", die jetzt auf eine 100 jährige Tätigkeit znrückblickt, verausgabte in dieser Zeit 60 Millionen Mark für ihre Zwecke. G FemMk. G Eine versunkene Wett. Roman von Jakob Levy. (Fortsetzung). Salomon entfernte sich stolzen Schrittes und "ging, zu Hause angelangt, in sein kleines Geschäftszimmer, wo sein ältester Sohn Joseph beim Schein einer Oellampe an einem großen Kasten mit goldenen und silbernen Schmuckgegcnständen mit der Goldwage und Scheidewasser .beschäftigt war. Der junge Mann, anscheinend in der Mitte der zwanziger Jahre, hatte einen unangenehmen Zug um den Mund und listig blickende Augen. »Joseph, unterbreche einmal Deine Arbeit und höre zu." Der junge Mann legte eine goldene Kette hin und sah erwartungsvoll auf. „Es ist Zeit, daß Du heiratest, Gumpel hat mir Esther, die Tochter von Bär Kuchenheim für Dich angetragen. Was sagst Du dazu?" ,FZater, kommt Gumpel im Aufträge von Bär?" Salomon antwortete zögernd: „Ich glaube nicht, aber" — fuhr er stolz fort — „sie werden mit beiden Händen zugreifen. Er ist Bär Kuchenheim, aber ich, ich bin Salomon Basel und Du," sagte er mtt wohlgefälligem Blick auf seinen Sohn, Frankfurter Jfraelitifthes FamüienAatt. „Du bist als guter Geschäftsmann bekannt und darfst Dich auch sonst sehen lassen." Joseph aber meinte bedenklich: „Vater, die Sache ist nicht so sicher, wie Du annimmst. Bei dem letzten Geschäft mit dem Ritter Scherfgyn haben wir Bär den Vorrang abgclaufen, weil ich mit dem Vogt des Ritters gezecht und dabei seine Fürsprache gewonnen habe. Dieser Vogt, verflucht möge er sein, erzählte in trunkenem Mute dem Bär und anderen die ganze Geschichte und sagte dabei: „Das Jüdlein Joseph hat soviel Schinken und Sülze gegessen, daß ' ich ihn für einen Christen gehalten habe. Das Schweinefleisch hat ihm einen schönen Gulden eingebracht." Du weißt, daß Bär ein frommer Mann ist. Die Esther gefiele mir sehr gut, aber ich weiß nicht, ob ich ihr gefalle und Bär redet ihr sicher nicht zu. Ich glaube, wir machen keinen Versuch." Salomon sagte verdrießlich: „Das ist eine schöne Neuigkeit, die ich da höre. Du hättest mit dem Trunkenbold vorsichtiger sein müssen. Jetzt weiß ich auch, weshalb Du niemals zur Thora aufgerufen wirst. Nun, gerade Du mußt in eine gute, fromme Familie einheiraten, sonst giltst Du mit all Deinem Geld weniger in der Gemeinde, als der Schneider Gumpel. Ich werde jetzt mit Bär reden. Du aber sei vorsichtiger mit Deinem Schenke laufen und Trefe essen." „Vater, ich mache Geschäfte dabei. Wenn der Vogt nicht ausgeschwatzt hätte, würde doch Niemand etwas erfahren haben, denn wo ich mit den Christen auf gleichem Fuß verkehre, kommt doch kein Jude hin." — Nach dem Minchah-Gottesbienst am Sabbat saß Bär Kuchenh'eim, froh der Sabbatruhe, in seiner Stube, als breitspurig Salomon Basel cinttat. Bär erhob sich. „Schalem aleichem Rcb Salomon, ein seltener Besuch." Salomon antwortete gewichtig: „Ja Reb Bär, Ich dachte, daß die beiden angesehensten Männer der Gemeinde in Freundschaft zusainmen halten sollten, und so biete ich Euch die Hand. Wir haben bis jetzt zu wenig miteinander verkehrt." Bär sagte: „Ich nehme offene und ehrliche Freundschaft gerne an. Wir beide können, wenn wir zusamniengeheu, der Gemeinde von großem Nutzen sein." Salomon erwiderte zögernd: „Ich hatte vor allem unfern eigenen Vorteil im Auge. Wir zwei können durch unsere Mittel mit der Stadt und mit dem erzbischöflichen Stuhl alles machen, und wenn wir uns in Ansehen bringen, wird auch die Stellung der Gemeinde gehoben." Bär sprach ernst: „Das ist ein Irrtum, Reb Salomon. Laßt mich offen reden. Ihr habt mit der Stadt Geschäfte gemacht, die Euch und die Gemeinde hcrabwürdigen. Oder glaubt Ihr, es würde die Achtung vor den Juden erhöhen, wenn Euer Sohn zwei Schreiber zum Wildschweinessen einladet und sie in der Trunkenheit aushorcht, wieviel Zinsen ich und Joseph Ahrweiler gefordert haben?" Salomon war blaß geworden. Er stotterte: „Das ist eine arge Verleumdung. Mein Sohn verkehrt mit seinen christlichen Freunden, aber spricht nicht über Geschäfte mit ihnen. Wie mögt Ihr ihm solche Hinterlist zutrauen?" Bär cntgegnete kühl: „Mir hat's der Ratsherr Hardefuß erzählt. Er mißbilligte allerdings die Art und Weise, wie Ihr die Mitbewerber ausgestochen habt, aber Euer Gebot war das billigste, drum mußte er ili'nr zustimmen. Euren Sohn hält er für einen Verächter der Juden, aber für einen gescheiten Kerl, der wohl sehe, daß unsere Religion töricht sei." Inzwischen hätte sich Salomon gefaßt. „Reb Bär, wir wollen dieses einmal ruhig besprechen. Mein Joseph macht sich nicht viel aus unseren Ceremonien und cs ist wahr und ich kann es nicht leugnen, er ißt ohne Rücksicht auf die Speisegebote alles, was ihm schmeckt und ist wohl gelitten bei den Christen, weil er mit ihnen trinkt und speist. Was meint Ihr wohl, welcher Segen es für uns Juden wäre, wenn wir alle so dächten und die Mahlzeiten bei den Christen, die sie uns wohlmeinend anbieten, nickt mieden und mit ihnen friedlich zechten. Die Christen könnten uns nicht absondern, wenn wir uns selbst nicht so absonderten. Sind wir jetzt in Geschäften bei einem Christen und es wird gemütlich, so daß er in Freundschaft sagt: „Eßt und trinkt mit uns," müssen wir antworten, nein, wir dürfen nicht, also sieht der andere, daß er für uns unrein ist und das muß ihn beleidigen. Ihr solltet nur einmal sehen, wie herzlich' die feinen Patriziersöhne meinen Joseph begrüßen, wenn er in die Weinschenke am Entenpfuhl tritt. Sie leiden nicht, daß er sich auf das Bänkchen an der Tür setzt, sie ziehen ihn am Arm zum runden Tisch und trinken ihm zu. Paßt auf, der Junge bringt's noch weit, weil er sich über die Beschränkungen, die wir uns selbst auferlegeu, hinwegsetzt." Bär hatte die lange Rebe ruhig angehört, bann begann er: „Reb Salomon, jetzt laßt mich auch einmal ruhig reden. Ich weiß. genau, wie Euer Sohn Nr. 40. es treibt. Er zecht mit den Junkern, die sich von dem Juden gerne bezahlen lassen, die ihn aber hinterher hänseln und verspotten, und er muß vor ihnen ober nach ihnen das Zimmer verlassen, damit sie auf der Straße nicht die gleichen Schritte mit ihm machen. Und Ihr glaubt, sie haben Achtung vor seinem . Trefeessen? Nur der Jude, der seine Gebote nicht hält, der Abtrünnige, der seine Mutter, seine Religion schändet, wird verachtet. Der rohe Bauer, der dem Juden für ein paar Pfennige ein Strohlager in seinem Stall einräumt, bettachtet als selbstverständlich, daß der Jude sein eigenes Gefäß für Milch in seinem Sack nachträgt. Aber wetze dem Juden, der mit diesem Bauer essen und trinken wollte; — wie würde er verhöhnt und verspottet?" „Reb Bär, ich beweise Euch, daß ich recht und Ihr Unrecht habt. Wir gehen in den vornehmen christlichen Häusern aus und ein, verkehren bei den Rittern, dem erzbischöflichen Stuhl, den Rats- Herren und verdienen dort überall' unser Geld. Und das ist uns die Hauptsache. Und wenn die Juden, die meinen Sohn beneiden, ihn verleumden, so fragen wir nichts danach. Ihr, der Ihr doch so gescheit seid, solltet mit uns einig gehen, denn ich und mein Sohn wiegen doch die ganze Gemeinde auf." „Salomon, solche Gemeinschaft muß ich ablehnen. Ich halte mit der Gemeinde. Glaubt Ihr, daß mit Eurem.Sohn eine Ausnahme gemacht wird, weil er Schweinefleisch ißt, wenn die Juden aus Köln vertrieben würden? Unsere Schutzfrist ist bald abgelaufcn. Als nach den Kreuzzügen die Juden geschlachtet wurden, als man uns der Brunncnvergiftung beschuldigte, wurden auch ■ die Schweinefleischesser gemordet, es sei denn, daß sie sich taufen ließen." „Bär, Eure Worte beweisen, wie richtig wir handeln. Wenn wir von Köln verjagt werden sollten, was ich bezweifle, so kann ich mir überall eine Heimat .gründen, wenn ich viel Geld habe. Und für Reichtum, für Gold »nlß ich für den schlimmsten Fall sorgen, .oder glaubt Ihr, daß ich mit der Gemeinde bei anderen Gemeinden betteln will? Jeder ist sich selbst der Nächste. Verbindet Euch mit mir, ich rate Euch gut. Was liegt Euch daran, was die anderen sägen? Ich will Euch einen Vorschlag machen, der für unsere beiden Häuser segensreich ist. Mein Joseph ist ein tüchtiger, feiner Mensch, Eure Esther gefällt ihm gut, ich habe nichts dagegen einzuwenden. Sollen wir nicht einmal darüber reden?" Er sah Bär ertoartungsvoll an. „Salomon, legt es mir nicht ungleich aus, wenn ich nicht gleich zustimme. Das entscheidende Wort hat meine Tochter zu sagen, ich werde sie befragen." „Hat man jemals so was in einem jüdischen Hause gehört? Ein Mädchen wird doch nicht gefragt, sic heiratet den ihr von ihren: Vater bestimmten Bräutigam." „Wir denken darin nicht so. Ich werbe niemals mein Kind zu einer Heirat zwingen, e§ soll wählen und nicht verkauft werden." Salomon erhob sich. „Genug, ich verstehe Euch, Reb Bär. Mein Sohn kann verlangen, mit offenen Armen aufgenommen zu werden; wo nur von einem Zweifel die Rede ist, zieht er sich zurück. Bettachtet meine Worte als nicht gesprochen, Ihr werdet bereuen, meine Hand zur Freundschaft zurückgcwiesen zu haben." Er nickte hochmütig und wollte sich entfernen, aber Bär, der gleichfalls aufgestanden war, sagte: „Rcb Salomon, scheidet nicht im Groll von mir. Wir kennen uns ja bislang so wenig, baß Euer Vorschlag nicht gleich angenommen werden kann. Aber deshalb brauchen wir nicht in Feindschaft äuseinanderzugehen. Vergeht nur nicht, daß Ihr Juden seid, dann werden wir uns auf dem Boden der Gemeinde treffen und miteinander manch Gutes schaffen." „Bär, ich brauche Euren Rat nicht. Ich kann für mich selbst sorgen, ohne und sogar ttotz der Gemeinde. Vergeht das nicht. Lebt wohl." Bär sah ihm achselzuckenb nach, ging zu seiner Frau und entschied: „Der Salomon oder fein Joseph muß etwas schlinnnes Vorhaben, er wollte sich meine Freundschaft und noch etwas mehr sichern. Ich will aber doch einmal gleich wissen, — lt»o ist Estherlieb?" ■ „Sie sind alle zu Moses Ems." „Wer alle?" „Nun, mit deiner Schwester, mit Blümchen umd mit dem Chäsen Israel." . „Der Chäsen ist auch verdrehter, als man vom, einem Chäsen verlangen kann. Wenn er in der Hinterstube übt, 'schließt er den Gang ab, sodaß kein Mensch einen Ton hören kann. Und seine Meschorerim verraten auch nichts. Aus dem Gesang, den er seinen Chederjungens beibringt, dem mir unsere Jungen immer Vorsingen, werde ickh auch nicht klug. * Und er will nach Roschhaschonolh fest angestellt werden!" Seine Frau lachte.

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