Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 40 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40. Frankfurter FsraEMS FamilienblsL Seite 3. Acke r bau erundland wirtschaftlich e Arbeit er, na ch Palästina aus. An den maßgebenden zionistischen Kreisen wird es nun liegen, diese elementare Bewegung in richtiger Weise zn utilisiere», indem nämlich vor allem den für die Landwirtschaft geeigneten Personen durch einen großangelegtcn Agr a r- Kr ed it zu Bodenbesitz in Palästina verhelfen wird. Einen Anfang ans diesen! Gebiete inachtc im abgetan fenen Jab re das Odcssaer Palästina- Komitee, indem cs ans diese Weise das Zustandekommen zweier neuen Siedelungen: Ber-Jacob bei Rischonle'Zion und En-Ganim bei Petach- Tikwah ermöglichte. Als ein vielversprechendes Neues darf in diesem Jahre in Palästina auch die Gründung zweier gediegener hebräischer Zeitschriften, der Vicrteljahrsschrift „Ha'Om er" und der Arbeiterzeitung „Ha-Poel ha Zair", begrüßt werden. In den „G o l u s" - L ä n d e r n hatte die hebräische Presse in diesem Jahre keine Bereicherung zu verzeichnen. Auch auf dem Gebiete der hebräischen Literatur hat uns das verflossene Jahr nur wenig Bedeutendes gebracht. Zwar erschien die vollständige Sammlung der Vjalikschen Gedichte, das Werk eines jener Ganzgroßcn, die für Jahrtausende dichten, diese Sammlung gehört aber sozusagen nur technisch in das Konto des abgelaufcncn Jahres. Ein sympathischer Versuch, hebräische Mmanache unter der Bezeichnung „Safrus" in zwanglosen Heften erscheinen zu lassen, wurde in diesem Jahre von einer Gruppe junger Schriftsteller unternoinmen. Bis jetzt erschienen zwei Hefte. — Zu erwähnen wäre ferner das vorzügliche, großangelegte „A gada h"- Werk von Rawnitzky und Bjalik, dessen erste zwei Teile in diesem Jahre erschienen sind. Es ist dies eine erschöpfende, mit außerordentlichem Geschick und wissenschaftlicher Systematik geordnete und gruppierte Sammlung des gesamten „Agadah"-Stvffes. Nur die umfassende Erudition, die gründliche Kenntnis des gesamten talmudischen Schrifttums und das überaus feine historische und Sprachgefühl der Verfasser vermochte es, die ungeheuren Schwierigkeiten stofflicher und methodischer Natur zu überwältigen. — Dieses Werk ist geeignet, die großen, ivunderbaren Schätze der wcitverzeigten agadischen Literatur weiten Volkskreisen zu erschließen und dürfte ein Volks- und Schulbuch im besten Sinne des Wortes werden. Wenn wir noch erwähnen: den in diese in Jahre in Rußland gegründeten, von der Regierung genehmigten hebräischen Sprachverein „C h o w e w e - S f a t h - E w e r", der bei den spezifischen russischen Verhältnissen dem Verband für hebräische Sprache und Konversation „Jbriah" wesentliche Dienste zu erweisen geeignet erscheint, soivie die Encyklopadie für die gesamte Wissenschaft des Judentums, die in diesen! Jahre in russischer Sprache zu erscheinen begann, — so haben wir die wesentlichsten Erscheinungen unseres national-politischen und kulturellen Lebens im abgelaufenen Jahre, wenn nicht erschöpft, so doch wenigstens gestreift. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Der die .Vereine Jüdischer Studenten" an den deutschen Hochschulen umfassende „Bund Jüdischer Korporativ ne n" (B. I. C.) blickt auf ein erfolgreiches Semester zurück. Mit seinen neun Kartellvereinen (zwei Vereine an der Universität Berlin und je ein Verein an den Universitäten München, Breslau, Straßburg, Freiburg, Königsberg, Marburg und an der Charlottenburger Technischen Hochschule), die insgesamt etwa 450 Mitglieder zählen, ist er die größte jüdische Studentenorgan isationDentschlands, und entsprechend der von ihm vertretenen Idee des selbstbewußten Judentums, die allmählich in alle jüdischen Kreise zu dringen beginnt, ist er in stetigem Wachsen begriffen. Diese Größe der Organisation legte dem Bunde die Verpflichtung auf, auch für das spätere Fortkommen seiner Mitglieder zu sorgen, und da es überhaupt im Interesse des B. I. C. liegt, Leute jüdischer Gesinnung auf verantwortungsvolle Posten zn stellen, hat er inr letzten Semester mit der Schaffung eines jüdischen Arbeitsamtes, d. h. eines sich über ganz Deutschland erstreckenden jüdischen Arbeitsnachweises für alle akademischen Berufe, begonnen, ein Unternehmen, das natürlich noch in den ersten Anfängen steckt, von dein aber schon jetzt gesagt werden kann, daß es für die jüdische Kräfteverteilung und daher (für das gesamte jüdische Leben Deutschlands von weittragender Bedeutung werden kann. In den einzelnen Vereinen verging das verflossene Semester in gewohnter Weise. Fuxenstunden und Fuxenprüfungen machten die j ü n g e r e n Mitglieder mit den wichtigsten Fragen der jüdischen Gegenwart und den ' wichtigsten Dingen der jüdischen Geschichte vertraut; Kurse über jüdische Geschichte, hebräische Sprachkurse oder Palästinakurse fanden in allen Vereinen statt, Diskussionsabende gaben den Mitgliedern der einzelnen Vereine Gelegenheit, ihre Gedanken auszutauschen, und die von dem in Berlin tagenden Präsidium des Bundes heransgegebene interne Monatsschrift „Der Jüdische Student" hielt die Einheit des Bundes aufrecht. Dabei ist es natürlich, daß im Sonnnersemester die Geselligkeit ganz besonders zu ihrem Rechte kam; durch Ausflüge, Kneipen, Schwimnien, Rudern usw. suchten sich die Bnndesbrüder einander näher zu kommen; auch bot sich hierdurch eine erwünschte Gelegenheit, in der Bürgerchaft der verschiedenen Universitätsstädte bekannt zn werden. Jede Auskunft über alle den B. I. C. betreffenden Fragen erteilt bereitwilligst der Schriftführer des Bundespräsidiums cand. chcm. Arnold Hildesheimer, Berlin di. 2-1, Fricdrichstr. 130. Berlin. Die ordentliche Generalversammlung des „Verein zur Abwehr des A n t i s e m i t i s m n s" wird Sonnabend, den 17. Oktober, abends 7Vs Uhr im Architektenhause, Wilhelmstr. 92, abgehalten. Landtagsabgeordneter Professor Dr. S. G ü n t h e r - München wird über das Thema „Vaterlandsliebe und Bodenständigkeit bei unseren jüdischen Mitbürgern" und der frühere Oberst Gädke - Steglitz über das Thema „Die Zurücksetzung der Juden im Heere" sprechen. Berlin. Im letzten Etatsjahr wurden im Krankenhause der j ü b. Gemeinde 1753 Kranken behandelt, die 52 637 Verpflegungstage verursachten. 43 o/o der Kranken wurden unentgeltlich verpflegt. Der Gemeindezuschuß belief sich auf 95 391 Mk.; die übrigen Ausgaben sind durch Stiftungsmittel und freiwillige Beiträge gedeckt worden. Mit dem in der Exerzierstraße zu errichtenden Neubau soll im Frühjahr begonnen werden. Karlsruhe. Bor dem Schöffengericht in Lahr stand ein interessanter Beleidig ungs Prozeß zur Verhandlung. Rentier Josef K a n s m a n n hatte behauptet, der Hanptmann v. D e n i ck e habe einen Einjährigen D r e y f u ß, weil er Jude ist, nicht befördert, und das 169. Infanterie-Regiment hatte deshalb auf Antrag des Haiiptmanns Klage erhoben. In der Beweisaufnahme erklärte Oberst von R c n d o w auf Befragen des Verteidigers Dr. Frank-Mannheim, daß in diesem Jahre eine kaiserliche Kabinettsorder den Regimentern zur Kenntnis gebracht worden sei, die bestimmt, daß bei nrilitärischen Beförderungen keinerlei Unterschied zwischen denAn - gehörigen der verschiedenen Konfessionen gemacht werden dürfe. Er fasse diese Kabinettsorder so auf, daß sie sich auch auf die Beförderung von Inden beziehe, und er fühle sich schwer beleidigt, wenn ihm jemand den Vorwurf mache, daß er einer Allerhöchsten Kabinettsorder zuwiderhandle. Tatsächlich wurde dann auch festgestellt, daß im Regiment Rr. 169 eine durchaus gleichmäßige Beförderung stattgefnnden habe. Das Urteil des Gerichts lautete auf 50 Mark Geldstrafe. Mannheim. Wir hatten vor einigen Wochen berichtet, daß das Referat des hiesigen Arztes Dr. Julius Moses auf der Darmstädter Versammlung des Deutschen Vereins für Schulgesundheitspflege nachträglich einem anderen Herrn übertragen wurde, „weil der altbiblische Name Moses auf der Tagesordnung das preußische Ministerium veranlassen würde, sich nicht vertreten zu lassen." Das preußische Ministerium erklärt nunmehr in dein Falle Moses, daß es von der ganzen Sache keine Ahnung hatte und niemals eine solche Bedingung für seine Teilnahme an der Tagung des Vereins für Schulgesundheitspslege gestellt habe. Der Vorstand dieses -Vereins muß sich also jene famose Begründung aus den Fingern gesogen haben, er hat nun das Wort zur Rechtfertigung seines für den Vorstand eines wissenschaftlichen Vereines in zwiefacher Hinsicht unwürdigen Vorgehens. — Das mini» riclle Schreiben wird in der nächsten Nummer der „Zeitschrift für Schulgesundheitspslege" veröffentlicht werden. (b.) Straßburg i. Elf. In den 80 er Jahren, als die Tierschutzvereine Deutschlands einen allgemeinen Angriff wieder das Schächten planten, war es der hiesige Verein, welcher auch hier seine Tätigkeit in dieser Sache betätigte, um solidarisch mit den anderen Vereinen vorzugehen. Es gelangte vom Ministerium eine Aufforderung an das Konsistorium, das Schächten auf diejenige Tiere zu beschränken, welche zum Verbrauch für die israelitische Bevölkerung bestimmt seien. Auf eine sachgemäße "Antwort, daß es den israelitischen Metzgern religiöierseits nicht erlaubt wäre, ihr Vieh auf andere Art als durch den vorgeschriebenen Ritus zn töten, ... gab sich das Ministerium zufrieden. Jm Jahre 1896 wiederholte sich der Angriff im Gemeinderatskollegium. Hier war es das derzeitige Gemeinderatsmitglied Sanitätsrat Dr. Gustave Levy, welcher an Hand der Gutachten, welche dem Reichstage Vorgelegen, die Sache beilegte. Nun ist zum dritten Male ein Angriff gegen das Schächten erfolgt, und zwar in sehr gehässiger Form von Dr. Back in der Gemeinderatssitzung. Der Gemeinderat beschloß, sich durch eine Kommission an Ort und Stelle zn informieren. — Vorläufig beschäftigt sich die Presse lebhaft mit der Schächtftage. (L.) Rogasen. Frau Auguste Goldstein geb. Schocken in San Franzisco und Rentier Siegfried Schocken in Berlin machten der hiesigen jüd. Gemeinde eine Spende von 2500 JL Oesterreich-Ungarn. Wien. In dem Handschreiben, das Kaiser Franz Joseph bezüglich der Angliederung Bosniens und der Herzegowina an Oesterreich-Ungarn an Finanzministcr Baron B u r i a n richtete, interessiert uns Juden folgender Passus: „Der zu schaffende Vertretungskörper, aufgebaut auf dem Grundsatz der Interessenvertretung, soll ein möglichst getreues Mbild der in beiden Ländern bestehenden nationalen, konfessionellen und politischen Zustände sein. Daher sollen die hervorragenden Würdenträger und die nach Bildung und Wohlstand Obenanstehenden, sowie die Bewohner der Städte und der Landgemeinden in besonderen Kurien vertreten sein und die Wähler in jeder Kurie nach Konfession getrennt ab - stimmen, um so nicht allein die gute Eintracht zwischen den Glaubensbekenntnissen vor Störungen zu bewahren, sondern auch jeder derselben die ihrvcrhältnis mäßig zu ko mm ende Anzahl von Vertretern zu sichern." Wien. Die «Neue National-Zeitung" berichtet folgenden unglaublichen Vorfall: Der Bethaus-Verein „Linas-Hazedek" hatte im August beim Knltusvorstande um die Bewilligung zur Abhaltung eines Gottesdienstes an den hohen Feiertagen nachgcsncht. Wiewohl die Mitglieder dieses Vereines den ärineren Schichten angehören und nicht die hohen Preise in den Synagogen bezahlen können, wies der Knltusvorstand in seiner kleinlichen, rechthaberischen Art das Gesuch ab, und zwar — fünf Tage vor Roschhaschonoh. Ilm diese Zeit waren aber die Vereinsmitglieder nicht mehr in der Lage, sich anderweitig Betsitze zu verschaffen; sie beschlossen daher, in der Notwehr handelnd, das Bethaus zu benützen. Das wollte der K u l t n s v o r st a n d nicht dulden und wendete sich an das Polizeikommissariat. Am 2. Feiertag, halb 12 Uhr vormittags, erschienen zwei Polizeiagenten im Bethause und forderten die Beter auf, das Lokal zu verlassen. Es war gerade während des Borlesens der Thora. Man erklärte sich den Beamten gegenüber bereit, die erteilte behördliche Bewilligung zu holen; doch das wollten die Beamten nicht, sie forderten vielmehr zwei der Herren auf, ihnen auf das Polizeikommissariat zu folgen, was auch geschah. Bald darauf erschienen die Beamten wieder und zwangen das Publikum unter der Androhung, sonst 20 Polizisten zu rufen, das Lokal zu verlassen. — Nun kam Hilfe. Dr. Lisczis setzte sich mit dem antisemitischen Bezirksvorsteher Lorenz Müller in Verbindung, und dieser forderte vom Polizei-Kommissariat unter eigener Verantwortung die Oesfnnng des Bethauses. Diese Intervention hatte Erfolg, und der Gottesdienst konnte nun beendet werden. Budapest- Die ungarische Regierung fährt in der wirtschaftlichen Zurückdrängung der Juden systematisch fort; so sind in das nächstjährige Budget des Ackerbauministeriums 200 000 Kr. mehr als bisher zur Unterstützung der Konsumgenossenschaften gesetzt worden.