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Neue jüdische Presse · 1908-10-09 · Heft 40 (9.10.1908) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 40 (9.10.1908)
Date
1908-10-09
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitische Familienblatt. Nr. 40. schneidenden kulturellen Wirksamkeit nicht aufgcrafft. — Das zionistische Parteileben geht gegenwärtig nach dem sozialen Trägheitsgesetz vor sich und entbehrt aller Wucht und Spannkraft, ein jüdisches Gemeindcleben im eigentlichen Sinne des Wortes gibt es überhaupt nicht, die bestehenden Institutionen sozialer Fürsorge und Wohltätigkeit fristen ein kümmerliches Dasein, das längst reif gewordene Bedürfnis nach einem jüdischen Schulverband, nach Verbänden für jüdische Geschichte und Literatur harrt noch immer der Befriedigung. Dabei fehlt es weniger an Einsicht, als an Tatkraft. Stimmung für großzügige nationale Gegenwarts- und Zukunstsarbeft gibt es in Hülle und Fülle, es fehlt aber die Kraft, die die günstige Stimnmng in fruchtbringende Taten umsetze soll, es fehlt die führende Intelligenz, die sich in den Dienst des Volkes stellen und tatkräftig, zielbewußt und hingebungsvoll die Volkspolitik leiten soll. Freilich waren auch in diesem Jahre die äußeren Bedingungen für eine solche Volkspolitik nicht sonderlich angetan. Wie die Verhältnisse in Rußland in diesem Jahre der brutalen Reaktion lagen, war ja jede organisatorische und gesellschaftliche Betätigung so gut wie ausgeschlossen. Indes läßt sich die geradezu erschreckende Indolenz und Kopflosigkeit keineswegs in allen Fällen auf die' äußeren Zustände zurückführen, die nicht von unserer Macht abhängen. In vielen Hinsichten und Fällen haben gerade in diesem Jahre die äußeren Bedingungen für eine großzügige nationaljüdische Politik eine wesentliche Wendung zum Besseren genommen. Zunächst und zuhöchst, Ivas das wichtigste Kapitel unserer nationalen Bestrebungen betrifft: die Arbeit in und um Palästina. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Neugestaltung der türkischen Verhältnisse von eminenter Tragweite für unser großes nationales Beginnen ist. Der welthistorische Akt vom 24. Juli, der das despotisch regierte Ottomanenrcich auf die Bahn der Entwicklung zum ftcien Nationalitätenstande verwies, eröffnete auch unserer Arbeft für die Zukunft unseres Volkes und unseres Landes neue Perspektiven. Es wird jetzt cm uns liegen, bei der Neugestaltung der Geschicke von Völkern und Ländern als maßgebender Faktor mft in Betracht gezogen zu werden. Hierzu müssen wir vor allen Dingen und solange.es noch Zeit ist, mit aller Energie darauf hinarbeiten, auf unserem alten nationalen Boden ein Machtfaktor, recte der Machtfaktor zu werden,-mit anderen Worten, wir müssen suchen, die Majorität im Lande zu bilden. Man durste nun erwarten, daß die Leitung der zionistischen Organisation bei dieser von Grund aus veränderten Sachlage eine überaus rege Tätigkeü nach neuen Gesichtspunkten und Prinzipien entfalten, neue Bahnen einschlagen würde, um die der neuen Situation entsprechenden Mittel und Wege zu unserem Endziel ausfindig zu machen. Deshalb sah man in westen Volkskreiscn der vor einigen Wochen in Köln stattgefundenen zionistischen Jahreskonfcr e n z mft überaus großem Interesse entgegen. Man erwartete, daß die Jahreskonferenz den zionistischen Massen neue Parolen bringen würde: daß man mit Ernst und Eifer an die dringend gebotene Aufgabe gehen würde, unverzüglich eine großzügige Tätigkeit in Palästina auf allen Gebieten des volkswirtschaftlichen Lebens, speziell auf dem Gebiete der Agrikultur und der Agrarpolitik in die Wege zu lesten; daß man vor allen Dingen sofort an die wichtigste und unumgänglichste Voraussetzung der „Penetration xaeikigue": „Genlas ho'Orez" herantrete, sei es auf dem direkten Wege eines ausgedehnten Landerwerbs, sei es durch die Schaffung eines großangelegtrn Agrarkredüs, der geeigneten Personen den Landerwerb erleichtern, bezw. ermöglichen soll; daß die aus kapitalkräftigen Personen bestehende engere Leitung der Organisation, in Gemeinschaft mst anderen zionistischen Kapitalisten, endlich einmal, der unerbittlichen Logik der Wirklichkeit gehorchend, die Privatinitiative zur Gründung wirtschaftlicher Unternehmungen in ^Palästina ergreife, endlich einmal wirkliche und nicht nur in Parteiberichten figurierende Dekorativ-Syndikate für Agrikultur, Handel und Industrie gründe, um wenigstens nicht länger den privaten jüdischen Kapitalisten in Bezug auf Palästina als negatives Beispiel zu dienen; daß man, von der nunmehr in der Türkei eingeführten Preßsreiheir Gebrauch machend, daran gehe, in der Hauptstadt des Ottomanenreiches unseren Bestrebungen dienende Preßorgane ins Leben zu rufen, ferner in Palästina eine gediegene, auf der Höhe der Zeit stehende Presse zu schaffen; und daß man versuche, die zahlreiche türkische Judenheit für die neue Aera national-politisch zu organisieren und in unserem Simie zu beeinflussen. Dies alles und noch manches andere erwartete die große jüdische Oeffentlichkeit in dieser bedeutungsvollen historischen Stunde von der zionistischen Leitung, bezw. von der Kölner Jahreskonferenz, — doch es traf nicht ein.*) Erfteülich war auch in diesem Jahre die Tätigkeit des ÖilfsVereins der deutschen Juden. Von einer gewöhnlichen Wohltätigkeitsinstitution, wie sie in Westeuropa in Hülle und Fülle bestehen, hat sich diese Gesellschaft immer mehr nach der Richtung einer gesunden, umsichtigen und zielbewußten Volkspolitik entwickelt. Freilich vermißt man noch ein festes, zielsicheres Programm, eine einheftliche, großzügige Anschauung. Man fühlt es,,daß der Hilfs- Verein wohl nationale Gesichtspunkte hat, daß ihm aber der nationale Gesichtspunkt fehlt. Kein Wunder. Man legt nicht so leicht den alten Adam ab; Genesis und Milieu sind gar zu mächtige psychologische Faktoren. Indes, läßt sich eine fortschreitende Entwicklung zu einenr umfassenden, weitausschauenden nationalen Programm nicht verkennen. — Große Verdienste hat sich der Hilfsverein durch seine Erziehungsarbeit in Palästina erworben, unter der die bedeutendste Leistung die in diesem Jahre in Angriff genommene Gründung eines jüdischen Technikums werden dürfte, einer Anstalt, die zur wirtschaftlichen und kulturellen Hebung von Land und Leuten sicherlich ganz erheblich beitragen wird. Im Gegensatz zum Hilfsverein der deutschen Juden blieb die Alliance Jsraelite Universelle, die im Orient ca. 170 Schulen unterhält, auch in diesem Jahre von den neuen Strömungen so gut wie unberührt. Eine gewisse Bresche wurde freilich auch hier geschlagen, indem das Odessaer Palästina-Komitee im letzten Jahre an einigen Schulen der Alliance auf seine Kosten modernen hebräischen Unterricht eingeführt hat. Im übrigen zeigte diese älteste jüdische Organisation, der man wegen ihrer glorreichen Vergangenheit so gerne eine Kritik ersparen möchte, leider auch in diesem Jahre keine Tendenz, aus der Erstarrung herauszukommcn, ihre kurzsichtige und unjüdische Politik aufzugeben. Sehr peinlich mußte jeden Unbefangenen die unerquickliche Polemik gegen den Hilfsverein anläßlich der Odessaer Ereignisse vom verflossenen Winter berühren, die offenbar von kleinlichcin Konkurrenzneid auf die jüngere, energisch aufstrebende Schwestcrorganisation diktiert wurde, ebenso dasunfaireVerhalten der Alliance in, der „Falaschas"-Angelegenheit. *) Wir halten die Vorwürfe gegen die zio> nistische Leitung und gegen die zionistische Jahres, konferenz für ungerechtfertigt. Im Gegenteil:' die führenden Männer der zionistischen Organisation haben gezeigt, daß sie die Ruhe und Besonnenheit besitzen, die notwendig sind, um die Geschicke eines Volkes zu leiten. Bei der noch ungeklärten Situation in der Türkei könnte jeder unüberlegte Schritt von verhängnisvoller Tragweite sein, und ist eine Ueberstürzung deshalb durchaus nicht am Platze. Gewiß könnte im allgemeinen mehr geschehen; aber wenn hier Vorwürfe zu machen sind, so haben sich diese mindestens nicht weniger gegen die zion. Masse zu richten. Die Redakt. Zum Sündenregister der Alliance, aus dem abgelaufenen Jahre gehört auch ihr feindseliges Verhalten gegen,die Bestrebungen, eine permanente allgemeine Vereinigung sämtlicher jüdischer Organisationen zu schaffen, die sich in diesem Jahre vielfach geltend machten. Nur der ablehneiiden Stellung der Alliance und der ihr geistesverwandten und mit ihr in einer Personalunion stehenden Jca ist es zu verdanken, daß diese Bestrebungen im abgelaufenen Jahre nicht die erwünschte Förderung erfuhren. Diese letztere Organisation versuchte sogar den Vereinignngs- und Kooperationsbestrebungen in der Weise das Wasser abzuleiten, daß sie ihrerseits Vorschläge zutage förderte, die angeblich ein verwandtes Ziel verfolgten, tatsächlich aber diese Bestrebungen zu Schanden zu machen bestimmt waren. — Es war daher nicht das Verdienst der Alliance und der Jca, wenn die Bemühungen nach dieser Richtung trotz alledent im verflossenen Jahre nicht ganz erfolglos blieben. Die auf der vor kurzen! stattgefundenen „Konferenz jüdischer Notabeln" gefaßte Resolution — die den Zusammenschluß der großen jüdischen Organisationen zu einer Gesamtorganisation mit einer Zentrale als dringend geboten bezeichnet und es als notwendig erklärt, daß alle Länder, in denen ein reges jüdisches Leben vorhanden, in dieser Gesamtorganisation vertreten sind, — läßt die weitere Entwickelung und Förderung dieses Gedankens erhoffen. Freilich darf man sich den bevorstehenden Kampf um den jüdischen Einheitsgedanken nicht zu leicht vorstellen. Der Feind, der Jndifferentismus und die entwürdigende Assimilation, ist iwch stark genug. Man sehe sich nur die Kultusstuben unserer großen Gemeinden an, wo. sich immer noch entjudete Geldsäcke breit machen, wo Leute, die ihre Kinder leichten Herzens zum Taufbecken führen, nach lote vor das große Wort führen; man fehe fich die Gemeinde Wien an, die sich von einem Ritter v. Taussig, der die Geldgeschäfte der russischen Pogromregierung und der Wiener antisemitischen 'Stadtverwaltung besorgt, führen läßt. Doch Anzeichen für eine Besserung sind gegeben, und es darf da als ein gutes Zeichen gedeutet. werden, daß gerade in dieser faulen Atmosphäre ein gottbegnadeter jüdischer Dichter, der bislang nur fremde Auen bebaute und fremde Weinberge hütete, einen mächtigen Ruf nach „dem Weg ins Freie" in die Welt hinausschickte. Und es scheint, daß der tiesschauende Sucher bereits dem richtigen Wege auf die Spur gekommen ist. „Den Weg ins Freie" suchten auch die österreichischen Zionisten mit ihrer politischen Arbeit ihre Brüder zu lehren. Diezionistischen Reichsratsabgeordneten verstanden es, die jüdisch-nationale Fahne, die sie zum ersten Male im österreichischen Reichsrate hißten, in Ehre und Würde hochzuhalten. Die glänzende Budgetrcde Stands in der vergangenen Wintersession, die zum ersten Male von einer Parlamentstribüne aus unser nationales Bekenntnis und unsere nationalen Aspirationen klipp und klar, mft Manncswürdc und sfttlichem Ernst, in die Welt hinausrief, bedeutet ein Ereignis in der Geschichte unserer nationalen Bewegung. Eine Glanzleistung vornehmen jüdischen Selbstbewußtseins war auch Dr. Mahlers 'Rede in der Kultusdebatte. Die jüdisch-nationalen Reichsratsabgeordneten wachten unentwegt über die jüdischen Interessen und suchten durch prompte Interpellationen in allen Fällen, wo das Recht der österreichischen Juden verletzt wurde, in die Schanze zu treten und ihren Volksgenossen zu ihrem Rechte zu verhelfen. — Den eigentlichen, endgültigen „Weg ins Freie" betraten in diesem Jahre, von ihrem natürlichen nationalen 'Instinkte geleitet, viele unserer Volksgenossen in Rußland. Wie die vom Jnformationsbureau des Odessaer Palästina-Komitees vor kurzem veröffentlichten Data zeigen, wunderte mit Hilfe dieses Bureaus im ab gelaufenen Jahre eine beträchtliche Anzahl ökonomisch, produktiver Personen, unter ihnen einige, erfahrene

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