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Neue jüdische Presse · 1908-10-09 · Heft 40 (9.10.1908) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 40 (9.10.1908)
Date
1908-10-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ikrarrkfrtrker Istttlitisches lonilinitilatt. i " "" > Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. M. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— 4-- K-d-Kki-rr und chefchafksstelle: Srankfurt a. m.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Bleichstraße T-refo« 10507. Herausgeber: Salg He^s. -— ' .."■ - Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Vorschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Nebereinkunft. - ' Freitag, den 14. Tischri 5669 (9. Oktober 1908). 6. Jahrgang. 8HT Des Suckotbfestes wegen et*= scheint die nächste Nummer am Frei» tag den 23. Oktober. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Sukkoth. — Unsere Jahresbilanz. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Eine versunkene Welt. — Bunte Chronik. — Wochen- Kalender. — Barmizwohs. — Familiennachrichten. Sukkoth. Ein kalter Herbstwind durchweht die Lüfte und. verkündet den Einzug des Herbstes. Er reißt die welken Blätter von den Zweigen, reißt die die herabgcfallenen Blätter von der Erde und trägt sie hoch in die Lüfte. Die Luft ist kühl und abgchellt, und ein dumpfes Walten hängt über dem Herbstland. Die Sonne spendet nur spärlich Licht, und oft ringen Nebel und Sonnenstrahl um die Herrschaft des hellen oder des matten Lichtes. Und ein wehmütiges Herbstlied zieht durch die sterbende Natur. In dieser ungastlichen Jahreszeit feiern die Juden in allen Himmelsgegenden das Snkkothfest. Im späten Herbst sitzen die Juden in Hütten, festlich gcstimnrt und festlich aufgelegt — in Erinnerung an ein nationales Ereignis. Es mag wahrlich nianchmal keine besondere Freude sein, bei unfreundlichem Wetter in der Snkkoh zu feiern — in der Snkkoh zu genießen; aber das jüdische Volk mit seinem großen Sinn für nationale Traditionen, für die Wachhaltnng großer nationaler Begebenheiten, feiert sein Sukkothfest mit derselben Freude, mit derselben Weihe, und mit demselben Ernst, wie alle anderen nationalen und religiösen Feste. Denn das Snkkothfest ist nicht nur die Wachhaltung einer großen nationalen Begebenheit, sondern auch eine Ermahnung und eine Warnung — eine Mahnung speziell für die Juden in der Diaspora.- In Sukkoth haben unsere ^Väter gewohnt, als sie von Egypten ausgezogen, und die. Snkkoh war ein Uebergangsstadium von Knechtschaft zu Freiheit, von drückender Nachbarschaft zur selbständigen Häuslichkeit. In der Fremde, noch immer in der Fremde lebend, soll uns die Snkkoh nicht nur an eine glorreiche Vergangenheit, sondern auch an eine Zukunft erinnern und für die Zukunft unfern Blick öffnen. — Somit wird die Snkkoh neben ihrer nationalen und religiösen Bedeutung auch noch zu einem bedeutungsvollen politischen Symbol. Wir sitzen das ganze Jahr in Hütten und Zelten, wir leben in keinem ständigen Heim, wir haben noch nicht einmal nationale Selbständigkeit. Wir leben seit fast zwei Jahrtausenden in Sukkoth. Wir wandern immer, bald von Land zu Land, bald von Pogrom zu Pogrom, und rasten nur in diesem oder in jenem Land, weil wir nicht weiter können. Wir lassen uns bald hier, bald dort nieder, aber wir sind nirgends in unserem Heim, in einem Heim, sondern in einer Snkkoh. Das ist gewiß kein beneidenswertes Los für ein Volk, aber auch um dieser Snkkoh willen werden wir angefeindet, und diese Snkkoh, das Symbol eines nur beschränkten, zeitlichen Aufenthalts, hat uns schon mehr gekostet, als manchem Volk sein eigenes Heim. Das Sukkothfest feiern wir im Herbst, und trüb, herbstlich gestaltete sich unser Schicksal, seitdem wir die Snkkoh bezogen, tu der wir schon zwei Jahrtausende Hansen. Mögen wir dessen eingedenk sein, daß wir nicht nur sieben Tage in der Snkkoh saßen, sondern, daß wir noch heute in einer Snkkoh sitzen, denn es ist kein Haus, in den: >vir leben, sondern eine Hütte, die uns weder vor Wetter noch vor Regen schützt. Wer aber nur eine Hütte zu seiner Behausung hat, soll auch ein Haus, eine feste Mauer für sein Heim haben »vollen. Wer die Befreiung seines Volkes feiert, soll nicht jetzt in der Fremde und in der Knechtschaft bleiben »vollen. Und fürwahr, aufs Wollen, aufs ernstliche Wollen nur kommt es hier an. In diesen Tagen leset Ihr eine uralte Weisheit im clvigen Buche: „Ich gebe Euch heute zivci Wege, das Leben und den Tod, das Gute, und das Böse, und Dit sollst das Leben »vollen." Die Freiheit des Willens ist ein altes jüdisches Moralgut und der Wille zum Leben und zum Guten ist ein uraltes jüdisches Gebot. Wie sprach doch der große Jude: „Wenn Ihr »sollt, ist es kein Märchen". Wollet das Sukkothfest so feiern, daß es Euch nur an die große Vergangenheit, an das große Bcfrciungswerk erinnert, aber nicht, daß .die Snkkoh zum Symbol für unsere trmirige Gegenwart wird. Urrd nur dann werden »vir Sukkothfrcude genießen, wenn die Sulkoh nicht nur wehmütige Gefühle über unsere öde Gegentvart weckt. Noch weckt in uns die Snkkoh gemischte Gefühle, denn die Snkkoh als ständiger Aufenthaltsort ist kein glückliches Schicksal, und die Freude an einer Doppelsukkoh ist nicht rein. Und unsere Festesfreude soll eine reine sein. „Wesomachto bechagecho" — Du sollst Dich freuen an und mit Deinen Festen. Nun sieh': Die Wand der Snkkoh ist so dünn, und draußen lauert der Feind. ... So wird die Freude und die feierliche Stiminung des Festes durch das Gefühl der Unsicherheit getrübt. Vor drei Jahren und noch vor zwei Jahren Sukkoth haben Millionen Juden in der Snkkoh noch getrauert, bis in die Sukkoth drang der verderbende Spieß des Feindes, und viele haben in der Snkkoh Zuflucht und Schutz vor Mörderhand gesucht. Und das Fest der Sukkoth soll doch ein reines, ungetrübtes Freudenfest sein. Daher hat 'die Sukkoh für uns eine doppelte Bedeutung, die Bedeutung der Erinnerungsfeier und der großen Mahnung. Mehr als neunzehn Jahrhunderte haben »vir ununterbrochen in einer Sukkoh gesessen; — wollen »vir jetzt bestrebt sein, nur sieben Tage in der Sukkoh zu sitzen! Unsere Sukkothfreudc Ro. 40. »vird dann eine ungestörte sein. Voll Inbrunst und mit reuigem Herzen haben wir gestern in lichtdurchfluteter Dämmerung und iir Anwesenheit des ganzen Volkes und seiner Aeltesten gerufen: „L'schono haboho Biruscholojim . . ." Möge es nicht nur beiin Gebet und beim frommen Wunsch allein bleiben, sondern auch beim tatkräftigen Wollen. Wer nur eine Sukkoh zu seiner Behausung hat, der soll auch ein Haus für sein Heim haben »vollen: Und, »venn Ihr »vollt, ist es kein Märchen. — — — Unsere Jahresbilanz. Rückblick auf das Jahr 5668. Von Peli. H. Die »rational-politischen und kulturellen Strömungen im Judentum. Auch das innere Leben »mseres Volkes im abgelaufenen Jahre läßt sehr viel zu »vünschen übrig, wenn es auch nicht das düstere, trostlose Bild zeigt, wie unsere allgemeine Lage. Ein Jahrzehnt lang, seitdem Theodor Hcrzl eine neue Aera in der jüdischen Geschichte ringeleitet hatte, schien alles bei uns von dem gährendcn, wogenden Prozeß der nationalen Wiedergeburt erfaßt zu sein. Der souveräne Bolkszeist der totgesagten und totgesungenen Gemeinschaft betätigte sich schöpferisch auf allen Gebieten seines kulturellen und nationalpolitischen Lebens, eine Welt in Erstaunen setzend. Es war ein Kämpfen, ein Ringen, ein Schaffen mit einem Zug ins Große, mit dramatischem Schivlmg. — Nun ist es anders gekommen. Die hochgchende Flut der verjüngten, schaffenden Volkskraft legte sich, auf das titanische Ringen folgte eine allgemeine Abspannung, — die große Bewegung staute merklich ab. Kein Wunder. Auch die Psyche eines Volkes hat ihre Flut und Ebbe. Dies gilt in erhöhtem Maße von einem Volke, das überall in der exzeptionellen Stellung einer Minoritätsgruppc lebt. Ein solches Volk hat immer eine „doppelte Buchführung", und zwar mit ungünstiger Bilanz: es lebt weniger sein eigenes, als seiner Herren Nachbarn Leben. Oft, allzu oft wird es zum Spielball fremder Faktoren und Verhältnisse; die fremde „Flut und Ebbe" wirken auf es ein, ja die fremde „Flut" wird ihm häufig zur „Ebbe", bisweilen entsteht sie erst durch diese. So erging es uns mit der Flut der russischen Revolution. Manch zarte Blüte der jüdischen Renaissance wurde in diesem Sturm geknickt, manch goldene Aue überschwemmt. Und noch haben wir uns von diesenr elementaren Verhängnis nicht erholt. Der verwirrende Rausch des vermeintlichen russischen Frühlings ist zwar schon vorbei, aber noch nicht her lähmende Katzenjammer. Noch ist die allgemeine Zerrüttung und Zerfahrenheit nicht gewichen, noch haben wir uns z»r einer einheitlichen, zielbctvußten, national-jüdi-' scheu Politik, zu einer tief ins Volksleben ein-

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