Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 39 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39. Frankfurter FsraelitisHes FamilienblaL. Seite 3. für die I u g e n d i m O r i e n t — Schriften unterhaltenden und belehrenden Inhalts, Lieder usw. Literatur für die jüdischen Kinder im Orient, die nach der Entwickelung der dortigen Verhältnisse in der Hauptsache hebräisch geschrieben sein inüßte, fehlt noch fast völlig rcsp. es ist noch nicht an eine passende Zusammenstellung für den gedachten Zweck herangetreten worden. Der Segen, der durch geeignete Lektüre für Phantasie, Gemütslcben und die Weltkenntnis der Jugend in ihrem empfänglichsten, bildungsfähigsten Alter gestiftet werden kann, ist nicht hoch genug zu veranschlagen. Für den „Israelitischen Unterstütznngsvcrein für Obdachlose iic Hamburg", der die osteuropäischen Durchwanderer beherbergt und der -ein neues Heim für sein ebenso notwendiges wie segensreiches Werk errichten muh, wurde eine Beisteuer gewährt. Auch der „Hilfsvercin für kranke russische Israeliten an der Ostgrenze", in Königsberg i. Pr., au den gleichfalls hohe Anforderungen gestellt werden, erhielt einen Zuschuß. Mannheim. Am 25. Oktober wird der 200 jährige G r ü n d u n g s t n g, der orthodoxen „K lä nsge ne e i n d c" mit einer Synagogcnfeicr und einem Bankett gefeiert. Auf dem Bankett wird ein von Rabbiner Dr. Kohn- Ansbach verfaßtes Festspiel zur Aufführung gelangen. — Anläßlich dieses Jubiläums hat das Sekretariat ein Zirknlarschreiben in Erinnerung gebracht, das im Aufträge des Shnagogenrats der verstorbenen Knltnsbeamte Leopold Mayer 1893 ausgearbcitet hatte. Aus demselben geht hervor, daß auch die israelitische Gemeinde Mannheim ein sehr gut erhaltenes, ans Pergament geschriebenes M e m o r b u ch besitzt, welches, wie das Titelblatt besagt, auf Veranlassung des Vorstehers der wohltätigen Vereine, des Rabbi Joschua Oberbrnnn, im Jahre 1784 unter der Regierung des Kurfüstcn Karl Theodor von Rabbi Schimeon, Sohil des berühmten Rabbi David Ulmo, begonnen wurde. Die ersten Eintragungen beginnen mit den Namen der Märtyrer des Judentums und den Namen der im Judentum bekannten frommen und berühmten Gelehrten. Unter den letzteren finden sich auch aus dem vorigen Jahrhundert sehr viele Namen der Familie Reinganum, von denen der Rabbiner Lämlc Reinganum der Stifter der Jubilänmsgcmcinde ist. Das Mcmorbnch enthält ferner aus den letzten beiden Jahrhunderten Eintragungen, welche wahre Kunstwerke der jüdischen Poesie genannt und an Schönheit des Rhytinus den besten klassischen Meistern ebenbürtig an die Seite gestellt werden dürfen. Breslau. Der Bericht der Israel. K r a n k e n v c r p f l c g n n g s a n st a l t (Fränkclsches Hospital) verzeichnet für 1907 in der medizinischen Abteilung 922 Patienten. In der medizinischen Poliklinik ivurden 2034 Patienten ambnlant behandelt. In der chirurgischen Abteilung wurden 366, in der chirurgischen Poliklinik 1040, auf der gynäkologischen Station 164, auf der Station für Augcnkranke 94 Patienten behandelt. Unter den Patienten aller Slbtcilungen waren sämtliche Bekenntnisse vertreten. Während des Jahres 1907 wurde ein Lehrknrsus der Schwestern i des jüdischen Schwcsternhcim-s beendet und ein neuer eröffnet,' daö Examen legen vier Schwestern ab. Neu eingerichtet wurde ein Lehrkursns für Wärterinnen, um aus dem Unterpersonal ein geeignetes Wärterinnenpersonal für das Krankenhaus heranzubildcn. Hohensalza. Zu einem Ehrentage der jüd. Gemeinde gestaltete sich die > Einweihung der in der Solbadstraße mit einem Kostenaufwande von 150 000 Mark, den Grund und Boden nicht mitgercchnet, in romanischem Stile erbauten prächtigen neuen Synagoge. Kurz nach 1 Uhr nahm die Feierlichkeit, zu der Oberpräsident von Waldow und Regierungspräsident von Gnenther erschienen waren, ihren Anfang. Vor dem Portale wurden die Herren von den Mitgliedern des Synagogenvnrstandes und den Spitzen der lokalen Behörden begrüßt. Maurermeister Wuttke überreichte die Schlüssel mit i einer Ansprache dem Leiter des Baues, Stadtbaurat Baumgarten, der sie mit entsprechenden Worten an den Vorsitzenden des Synagogenvorstandes, Stadtrat Salomonsohn, wcitcrgab. Letzterer händigte sie Rabbiner Dr. Kohn ans, der darauf die Tcmpeltür unter Gebet und Segenswünschen aufschloß. Hierauf wurden die Ehrengäste zu ihrem in der Nähe des Almcmors besindlichen reservierten Plätzen geleitet, während eine Musikkapelle die Hymne „Die Himmel rühmen des Ewigen'Ehre" anstimmte. Daran reihten sich verschiedene, von einem Gesangschorc wirkungsvoll vorgetragenc Gesänge, woran sich Oefsnen der heiligen Lade, Einstellen der Thorarollen und nachher Anzünden der ewigen Lampe schlossen. Hierauf hielt Rabbiner Dr. Kohn die Festpredigt, die mit einen! Gebet für den Landesherrn und das Vaterland endete. Den Schluß bildete ein. wirkungsvolles. „Halleluja". Nachmittags fand in Weiß' Hotel ein Festessen statt. bei dem Oberpräsident von Waldow das Kaiserhoch ausbrachte. Außerdem brachten Trinksprüche ans: Stadtrat Salomonsohn, Regierungspräsident von Gnenther, Stadtrat Justizrat Satke u. a. Aus Anlaß der Einweihung der neuen Synagoge ist Rabbiner Dr. Kohn der Rote Adlerorden 4. Klasse verliehen worden. Oesterreich-Ungarn. Wien. Das Hofburgtheater hat einen zweiten „S ch a l o m A s ch" entdeckt, einen russischen Juden Namens Aittesmann, der, als er vor wenigen Jahren als Buchhandlungsgehilse nach Wien kam, noch kein deutsches Werk gekannt haben soll. Sein Drama, das sich nach dem berühmten Dostojewski'schen Roman „Raskolnikow" betitelt, ist von Direktor Schlenther angenommen worden und wird ivährend der Wintersaison im Hofburgtheatcr zur Aufführung gelangen. Rußland. Petersburg. In diesen Taaen. da die Bolksphantasic durch die grausigen Erlebnisse ohnehin besonders überhitzt ist, treibt die schwarze Presse mit Rücksicht auf die aktuellen Vorgänge eine sehr gefährliche Agitation. Die „Patrioten" haben nämlich hcransgcfunden, daß die Cholera von den Juden und I u t c I f c f t n c 11 c n h e r r ü h r e. Wie dürfe es geschehen, klagt die ' „Rußkoje Snamja", daß Inden, die „schon dem Wesen ihrer religiösen Lehren nach unmöglich wissenschaftliche Sanitätsärzte sein können", als solche zur Verwendung kommen? Was aber die Intellektuellen im allgemeinen anbetreffe, so habe man 1 ihrerseits im Laufe der Jahre so viele Gemeinheiten und Verbrechen gesehen, daß man ans den Gedanken komme, ob nicht auch in der Cholcrafragc das Prinzip .„je schlimmer, desto besser" befolgt werde. „Das Volk stirbt. Es sollte etwas geschehen. Und was zu tun sei, das weiß jedes Kind. Weshalb wird es nicht vollbracht?" Und die Leser der „Rußkojc Snamja" verstehen sehr wohl diese Sprache. Durch eine ständige Schule eifriger Hetzpropaganda hindurch, haben cs die „patriotischen" Massen gelernt, sofort zu begreifen, wenn von Tun und Vollbringen die Rede ist. Die Jünger des echtrussischen Verbandes wissen es ohne weiteres, daß darunter die gewaltsame Abschaffung der Verfassung und die Ausrottung der Inden gemeint ist. Denn dieser Leitsatz wird bei jeder noch so unpassenden Gelegenheit den Vcrbandsmassen cingetrichtert. Uebrigens zeitigt die Hetze der schwarzen Hundertschaften auch bereits ihre giftigsten Früchte. Schon werden Krankenwärter, Aerzte und Hilfsversonal hier und da vom Pöbel angegriffen/ und die dunklen Gerüchte, daß die Inden und Studenten absichtlich das Wasser verseuchen, verbreiten sich immer mehr und erschweren die Bekämpfung der Epidemie. Petersburg. 5 Juden, die, da die Prozentnorm der Jude» erreicht war, von her A u f n a h m e in das Technologische Institut zurüctgewiescn wurden, ließen sich taufen, und erreichten damit ihre Aufnahme. — Am 2. Tage Roschhaschonoh wurde in den Synagogen ausgerufen, diesmal das „T a s ch l i ch" m a ch c n zu unterlassen, weil in den unteren Volksschichten das Märchen seinen Umlauf halte, das Wasser sei von de» Aerzten und den Studenten vergiftet worden, und unter diesen Uiiiständcn das Beten von Inden am Wasser schlimm aufgcfaßt werden könnte. 0 Mek 0 Eine versunkene Welt. Roman von JakobLevy. (Fortsetzung). Die fremde Frau und das junge Mädchen waren in der Synagoge bemerkt worden, und es wurde rasch bekannt, daß cs ^amilie von Bär Knchenheim war. Die Juden in ihrer Abgeschlossenheit bildeten damals eine große Familie und so kamen die Bekannten des Hauses, dem Besuch herzliches Gottswillkomm oder, wie cs abgekürzt hieß, „Godlknm" zu bieten. Auch der neue Chase» Israel war erschienen. Er nahm die Lobsprüche über seinen herrlichen Gesang niit stolzer Bescheidenheit entgegen und schielte fortwährend nach dem Fenster, wo sich! die beiden jungen Mädchen befanden, denen sich noch eine Freundin zugcsellt hatte. __ Als die dicke Frau süstind ih:n zieinlich weitläufig erzählen wollte, daß sie einen -ähnlichen Niggcn schon in Frankfurt gehört habe, tat er, als würde er gerufen und ging an's Fenster, sich den jungen Leuten zugesellend. , ' . Esther lächelte vergnügt, als er nahte. Mendel erhob sich artig und wollte ihm seinen Stuhl überlassen, was der Chase» aber nicht annahm. Blümchen, die das Lächeln ihrer Base -bemerkt hatte, blickte ihn verstohlen an und wunderte sich, daß der Chase», der ihr in der Synagoge so majestätisch erschien, ein hübscher junger Mann mit kurzem, schwarzen Bart und freundlichen Augen war. Während er mit Mendel sprach, flüsterte Esther ihrer Freundin zu: „Der Chase» erzählt so herrlich, ich freue mich immer, wenn ^er kommt. Er ist sonst ein bischen eingebildet." - Mendel lobte auch den schöne» Gesang, aber hier wehrte Israel bescheiden ab. „Den gichtigen Gesang mußt Du in Amsterdam hören. Da jubelt und weint die Gemeinde mit dem Chase», weil seine Töne die Gebete verklären.! Wenn der mit seinen Mcschorerim „Wa'jhi Binsaua" anstimmt, fühlt man, daß die heilige Thora «vom Himmel steigt und uns Inden, die gedrückt und mißachtet sind, zu glücklichen Mensche», zu Königen macht." Während er weiter erzählte, vom Schammes an der großen Synagoge in Amsterdam, der ein fürstliches Einkommen hat, der die Balbatim, die am SchabboS auch „Mattonc l'Schammes" schnobern, Sonntags fragt: „Wieviel soll ich Euchauf fünf Gulden heransgeben?" und der als steinalter Mann doch nicht abdankt, weil er sagt: „wenn ich niedcrlege, machen sie inich zum Parnes" und dergleichen anmutige Historien mehr, entfernte sich Esther leise, — und bald war der Tisch mit iveißem Linnen gedeckt, es wurde funkelnder Rotwein, große Platten mit Kuchen und Obst aufgetragen. Jetzt wurde genötigt und gerne angenommen. Bär erzählte eben, wie er gesehen habe, daß ein morgenländischer Rabbi einen Schiur mit der Nase gelernt habe. , Bär hatte oft etwas Unglaubliches vorgetragen, dies aber war doch zu toll. Der alte Scheuer zupfte ihn am 'Acrnicl und fragte, ob er sie für Kinder halte, daß sie dies glauben sollte», und so kam allgemeiner lachender Widerspruch. Endlich meinte Bär trocken: „Glaubt Ihr denn, der Rebbe hätte seine Nase abgelegt? Gewiß hat er mit der Nase gelernt, oder lernt Ihr ohne Nas'?" Sie sahen sich verblüfft an. „Kunststück, den Bär lernt kein Mensch ans." So freuten sich die Menschen des , sabbatfriedens. Aber in der Unterhaltung, mochten sie auch die krausesten Sprünge machen, glänzte immer wieder ein Wörtchen ans der Thora, ein Psalmspruch, die hausbackendstc Rede verklärend. Und der Gesellschaft am Fenster erzählte der Chase» Israel weiter von seinen vielfachen Erlebnissen, aber eigentlich hörten nur Esther und die kleinen Jungen von Moses Ems ihm zu, die Knaben aus Ehrfurcht, denn Israel war ihr Lehrer. Mendel beschrieb Blümchen das Leben in der Kölner Gemeinde und wie der Rat der Stadt so jndenfrenndlich sei. Blümchen dagegen schilderte ihr ruhiges, eingezogenes Leben in Emmerich, wo man gar keine Abwechselung habe und wo ein alter, zitteriger Chasen amtiere. „Ja," sagte sie seufzend, „in Köln lebt Ihr wie im Himmel." So wurden die jungen Leutchen vertrauter, und die Alten störten sie nicht in ihrer Unterhaltung. Aber der Baß und der Diskant kamen und mahnten den Chasen, sie wartete» schon eine Stunde in der Synagoge, er wolle doch etwas mit ihnen einübcn. Den neugierigen Fragern aber antworteten sie geheimnisvoll, es solle nichts verraten werden, vielleicht sei es etwas Neues für >die Feiertage. Auch der Chasen Israel hüllte sich in Schweigen und ging mit seinen Getreuen fort. > Jetzt wurde der Aufbruch allgemein, und wenn sich Frau Reiß und ihre Tochter Blümchen durch all die Einladungen auf Schabbos hätten durchessen wollen, so hätten sie mindestens ein halbes Jahr in Köln bleiben müssen. Einer der letzten sich Entfernenden war Metzger Schimsche, der Frau Reiß mindestens sechsmal die Hand schüttelte. Dieser war eine Berühmtheit der Kille. Er hatte einmal einen Ochsen im Schlachthaus, als er eben einer Trauung in der Synagoge -beiwohnte. Da sagte er zum Rabbiner: „Row, macht etwas rasch voran, die Beheime wartet!" — Zur selben Zeit, da die Gesellschaft bei Bär Knchenheim versammelt war, saß der dicke Salomon Basel in seinem Stübchen. . Er hatte eine weiße seidene Mütze auf dem Kopf und einen bunten brokatnen Schlafrock um seinen fetten Körper geschlagen. Bor ihm saß der Schneider und Schadchen Gninpel, ein dünnes Männchen, das aussah, als ob es immer frieren würde, und beendigte eben einen Sermon mit den Worten: , „Reb Salomon, wie gesagt, einen besseren Schidduch für Euren Joseph als das Estherchen von Bär Knchenheim, könnt Ihr nicht ausmachen. Der Mann ist von Mejnches, ist ein Talmud Chochom und sehr reich. Soll ich einmal mit ihm reden?" Salomon brummte: „Den guten Schidduch tut die Esther. Mein Joseph, ich will ihn nicht loben, ist ein Mensch beliebt bei Jud und Christ und ich, nun, mich, kennt man."