Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 39 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Este 2. zuarbeiten, mag Wohl gut gemeint gewesen sein, ist aber nur deshalb erwähnenswert, weit cs die politische Unbeholfenheit und Kurzsichtigkeit mancher Führer demonstriert. Die Liberalen meinen, einem Massenabfall vorzubeugen, wenn sie das Judentum modernisieren. Sie wollen damit die Indifferenten zur Beteiligung an jüdischen Werken anstacheln. Wie kleinlich sind doch diese Mittel und wie negativ ihr Erfolg? Und solmige diese oberflächliche Ausfassungsweise bleibt, kann man sich nur herzlich wenig von der neuen Liberalen Vereinigung versprechen. Freilich die Tatsache, das; 200 Herren aus der „besseren jüdischen Gesellschaft" die Mühe nicht scheuten, nach Berlin zu kommen, um jüdische Angelegenheiten zu besprechen, ist ein Beweis dafür, daß es sich endlich auch in diesen Kreisen regt. Aber es kann erst dann besser werden, wenn man energisch daran geht, die Massen durch die Pflege jüdischer Eigenart zu jüdisch fühlenden Juden zu erziehen, den gesamten jüdischen Unterricht zu organisieren, die Interessen unseres Volkstums ^n wahren, die Gemeinden demokratisch zu reorganisieren und den Kleinsten aus dem Volke die Möglichkeit zu geben, sich jüdisch zu betätigen. Dann werden auch die Klagen über Jndisferentismus verschwinden. Es sind aber nicht die liberalen Juden allein, die den Ruhm für sich in Unspruch nehmen können, den Strönumgen und Forderungen der Zeit verständnislos gegenüberzustehen; auch innerhalb der Orthodoxie gibt es Kreise, die kein Verständnis für die politischen, intellektuellen und sittlichen Interessen der Judcnheit haben, trotzdem dem Geiste des Judentums nichts mehr zuwider ist als der unsittliche Fatalismus. Und nicht genug damit, daß diese Kreise den gesamten Interessen des jüdischen Volkes passiv gcgcnüberstehen, und nichts, rein nichts unternehmen, was der Nation als solcher zugute kommt, machen sic noch von Zeit zu Zeit Ausfälle gegen die nationaljüdischc Bewegung, indem sie dieselbe als nationale Reform zu diskreditieren suchen. Diese Kreise bedenken nicht: Das Judentum nur als Glaubensgemeinschaft ist ein überwundener Standpunkt — der Zionismus war doch der Ausdruck der Empörung gegen die Degradierung des Judentums zu einer lediglichcn Glaubensgemeinschaft! — und wer noch heute daran fcsthält, daß die Juden nur eine Glaubensgeineinschaft bilden, der wird — er mag sich noch so sehr dagegen sträuben — zum Assirnilationsjudcn, eine Bezeichnung, die der Orthodoxe sonst dem Nichtorthodoxen zu überlassen pflegt. Ueberaus tätig war man aber in der deutschen Orthodoxie in der Zusammenfassung aller religiösen Elemente innerhalb der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" und innerhalb des ^Verbandes der Sabbatfteunde. Eine Anzahl .junger Leute bereiste allsonntäglich die Land- und Klcinstadtgemcinden, nur für diese Vereinigungen Ortsgruppen zu gründen. Welche Erfolge diese Bestrebungen zeitigen werden, muß der Zukunft überlassen bleiben. Von der zionistischen Bewegung ist nicht viel mitzuteilcn. Unsere Freunde schliefen gründlich, ohne daß sie sich im letzten Jahre überarbeitet hätten. Für den Parteifonds ist zwar in Deutschland mehr gesammelt worden als in anderen Ländern, aber die Zahl der Schekelzahlcr hat sich kaum vergrößert. Man hat cs verschiedentlich versucht, im deutschen Zionismus einen Kulturkampf zu entfachen — allein ohne Erfolg, dank dem gesunden politischen Sinn der deutschen Zionisten. Eine merkloürdige, kaum zu rubrizierende Tätigkeit hat die Deutsche Konferenzgcmcinschaft der Alliance in diesem Jahre entfaltet. Aus diesem Lieblingskind der Herren Goldberger und Schiff kann kein Mensch klug werden. Die französische Mliance ist volksfeindlich und wirkt überall lähmend und zerstörend, wo. sie festen Fuß faßt. Die deutsche Alliance, Frankfurter Israelitisches Familienblatt. deren Existenzberechtigung >vir nicht einsehen können, da die deutschen Juden ihren Hilfsverein, auf den sie wahrhaft stolz sein können, haben, scheint mit den Traditionen des „Mutterlandes" brechen zu wollen. Es ist symptomatisch, daß die Herren Goldberger und Schiff es in diesem Jahre für nötig gesunden haben, öffentlich zu erllären, sie seien nicht gegen den Zionismus. Aber dieselben Herren, die ihre neutrale Haltung den; Zionismus gegenüber versichern, finden kein Wort des Protestes gegen die Quertreibereien der französischen Alliance im Orient. So ist das Jahr 5668 für die deutschen Juden ins Land gegangen, ohne dem Historiker großes Material geliefert zu haben. Hoffen wir, daß das kommende Jahr reicher an erfreulichen Ereignissen ist; Anzeichen dafür sind vorhanden, — siche die Konferenz jüdischer Notabcln zur Schaffung einer Vertretung der gesamten Jndenhcit. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Daß Christen gegen Juden Werke der Nächstenliebe üben, koinmt verhältnismäßig viel seltener vor, als umgekehrt. Es verdient deshalb eine edle Tat des bekannten und allseitig geschätzten Schweinemetzgers Jung besondere Erwähnung. Herr Jung war ersucht Ivorden, für einen jüdischen Metzger, der ohne sein Verschulden in eine prekäre Lage geraten ivar, schnellstens mindestens 1000 Mark anfznbringen, er unterzog sich bereitwillig der Mühe und brachte die verlangte Summe hauptsächlich von christlichen Kollegen zusaininen. Berlin. Unserem vorwöchentlichen Berichte über die Konferenz jüdischer N o t a b e l n sei heute noch einiges aus der Diskussion nachgefügt: Pros. Dr. Stein-Bern: „Aus dem Boden des Vorschlages der Jca läßt sich ein Ausgleich der Meinungen noch nicht erzielen. Erforderlich ist ein permanenter Areopag der Judcnheit, der mindestens zlveimal jährlich zur Besprechung aller notwendigen Fragen, vor allem zur Abwehr drohender Gefahren, zusammentritt und in dem sämtliche Organisationen gemäß ihrer Stärke vertreten sind." Prof. Dr. P h i l i p p s o n - Berlin: „Die Tätigkeit der Gesamtorganisation soll sich nicht lediglich auf Abwehr erstrecken, sondern vor alle in in positiver,schöPferischerWirks a in l c i t gipfeln, der H e b n n g d c r wirtschaftlichen und kulturellen Lage unserer Glaubensgenosscn imOsten gewidmet sein." Dr. Paul Nathan- Berlin: „Der Zusaminenschliiß der Organisationen darf nicht so gedacht sein, daß sie alle in der neuen Gcsamtorganisation aufgchen. Die Arbeitsgebiete der einzelnen Organisationen müssen abgegrcnzt und ihre Selbständigkeit gesichert sein. Es genügt eine weitgehende Jnteressengemcinschast. In dem 'Ausschuß niuß auch eine Vertretung aller derer angestrebt werden, denen geholfen werden soll, der Russen, Rumänen usw. Aber auch die Vertretung der Länder ohne große Organisationen ist erforderlich. Auf eine proportionale Vertretung der Organisationen kommt es nicht an, da eine Majorisicrnng ausgeschlossen ist. Hauptsache ist die Vertretung aller." Dr. Hirsch-Hildesheimer -Berlin.spricht seine Freiwe darüber aus, daß das jüdischeKolonisationswerk im Orient, dem er nun seit über einem Vierteljahrhundert seine Kräfte gewidmet, gegenwärtig das Verständnis und die tatkräftige Fördern ng der matzgebenden jüdischen Kreise gewonnen habe. Prof. M a n d e l st a in in - Kiew begrüßt mit Genugtuung den Umschwung in der Türkei, dem cs zu danken sei, daß zunächst die P a l ä st i n a - K o l o - nisation erhebliche Fortschritte machen könne. Diese genüge jedoch nicht zur Lösung des östlichen Ghettoproblems. Dazu sei die Erschließung eines viel größeren Gebietes, etwa Mesopotamiens, für die Inden erforderlich. Redner hofft, daß sämtliche Organisationen im Verein dieses Werk unteruehinen werden. Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Aron- Berlin: „Wenn ei» so gewaltiges Werk wie die Besiedelung eines Gebietes durch Juden in Angriff genommen wird, so mutz es auch eine neue Epoche inaugurieren. Die jüdische Kolonisation muß auf genossenschaftlicher Grundlage sich auf» bauen." Nr. 39. Hermann Landau-London: „Ich kenne genau den arnien jüdischen Mann und weiß, was ihm not tut. Ich kenne auch die beiden jüdischen Kolouisationsgebiete, Amerika und den Orient. In Amerika werden die Emigranten bei der Landung in empörender Weise behandelt. Argentinien ist ein moralisch versumpftes Land. Ich habe die politischen Pläne der Zionisten stets bekämpft. Aber ich halte den Orient für ein vorzügliches Ansiedl u n g s g e b i e t für die Juden, besonders jetzt, wo die Türkei eine Verfassung und eine moderne Regierung erhält. Wir müssen eine Kolonisations- Organisation gründen, aber eine wirklich leistungsfähige, eine Weltorganisation. Die Vermögenden werden größere Beträge spenden; aber auch die minder Bemittelten müssen dabei sein; ich bin überzeugt, daß selbst die Aermsteu gerne 5 Shill. pro Kopf entrichten werden, und sei es gegen wöchentliche Abzahlungen. Die hervorragensten Glaubensgenossen werden sich an die Spitze der neuen Kolonisations- Aktion stellen, aber wir dürfen nicht mit leeren Händen vor sie hintreten, sondern mit einer gut vorbereiteten Organisation." — — — Nach Annahme der bereits veröffentlichten Resolution, die die Kolonisations-Angelegenheit dem permanenten vorbereitenden Komitee zur weiteren Veranlassung überweist, ist auch die Frage der Beschaffung eines Betriebsfonds für die unternommciie Aktion besprochen worden. Auf Antrag von Dr. Alfred Nossig wurde eine Finanzk o in m i s s i o n mit dem Rechte der Kooptation zunächst aus folgenden Herren gewählt: Jules Dreifus-Brodsky -Basel, Hermann Landau- London, Kommerzienrat dl. Loewenberg- Berlin, Kommerzienrat A. S t e r n b e r g - Breslau, Bankier M. A. Straus-Karlsruhe. Namhaftere Beiträge für den Betriebsfonds zeichneten bis jetzt: I. Dreyfus-Brodsky- Basel, H. Landau-London, Komm.-R. A. Sternberg- Brcslau, M. A. Straus-Karlsruhe, I. H. Chischin- Moskau, Kommerzienrat M. Halperin-Kiew, I. Herz- Lodz, Kaiserlicher Rat L. Sachs-Wien, D. Wissotzky- Moskau, R. Gotz-Moskan, M. A. Spielmann-London, Dr. Schaff-Lemberg, Gustav Tuch-Hamburg, Dr. Sviinenschein-Troppau, Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Arcn-Berlin, S. Bergel-Berlin, K. K. Baurat W. Stiaßny-Wien, Prof. Dr. O. Warburg-Berlin, Dr. Paul Nathan-Berlin, K. K. Baurat O. Marniorek- Wicn, Prof. Dr. Simonscn-Kopenhagen. Berlin. Am 21. September fand unter Vorsitz des Herrn James Simon eine Sitzung des gcschäftsführenden Ausschusses des Hilfs Vereins der Deutschen Juden statt. Es wurde n. a. über das Projekt beraten, einen Zusammenschluß der großen jüdischen Vereinigungen für b e st i m m t e Fälle zu organisieren. Der Hilfsverein der Deutschen Juden, der bereits anläßlich der ersten Kischinewer Pogrome eine solche Gesamtorganisation in Vorschlag gebracht hatte, und der nach den Pogromen im Jahre 1905 die Anregung zu dem Zusammenwirken der großen Organisationen gegeben hatte, wodurch alsdann auch eine schnelle und rationelle Hilfeleistung crniöglicht wurde — hat seine volle Sympathie für die Idee ausgesprochen, in geeigneten Fällen das Hilsswerk durch Kooperation der berufenen jüdischen Bereinigungen zu zentralisieren, und er hat sich prinzipiell bereit erklärt, einer praktischen, zweckentsprechenden Gesaintorganisation bcizutreten. We diese Gesamtorgaiiisatio» herznstellen sei und wer ihr angehören soll, darüber werden weitere Verhandlungen geführt werden, vor Allem auch in Rücksicht auf oie Bestrebungen des Koniitees, das unter Vorsitz des Herrn Justizrat H o r w i tz, Berlin dem gleichen Ziel zustrebt. Es wurde alsdann in, der Sitzung eine Reihe von Bewilligungen vorgenominen, u. a. für Erziehungsanstalten und Schulen im Orient und für Institute in Deutschland, die sich inr Dienste des Hilfswerks für die osteuropäischen Juden betätigen. Bei dem Umschwung der Verhältnisse in der Türkei ist die Vermehrung und Verbesserung der Bildungsgelegenheiten daselbst von besonderer Bedeutung. Es wurden dementsprechend Mittel zur Entsendung deutscher Lehrkräfte für Schulen in Konstantinopel bewilligt, deren Reorganisation und Ausbau der Hilfsvcrein übernommen hat. Geeignete Persönlichkeiten sind bereits gewonnen und sie treten zum Oktober ihre Stellungen daselbst an. Auch nach Bulgarien sind zwei neue deutsche Lehrer an Stelle abgeheuder entsandt. Zur Begründung eines Kindergartens — dieser für den Orient so eminent wichtigen und segensreichen Institute — in Saloniki wird der Hilfsverein seine Unterstützung durch Hergabe der erforderlichen Mittel herleihen. Ferner wurde die Begründung einer Wanderbibliothek in Aussicht genommen, die insbesondere einer Reihe kleinerer Ortschaften in Palästina zugute kommen soll. Herr James Simon machte eine besondere Zuwendung von 3000 Mark zur Herausgabe und .Verbreitung von Schriften