Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 39 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Zsraitkfrtrter Isttklitislhrs fainiliruiilHt!. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert tat In- und Ausland Mk. 1,02 (ein• schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungam Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— KedaKtio« und Geschäftsstelle Srsnkfurt 2. IN., vilbelerstraße 4/6, Lcke Blerchstraße T-refon 10507. , Hn<wsg-Vtt: H alz; Hei>s. r■ , Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. ' 6. Jahrgang. Freitag, den 7. Tischri 5669 (2. Oktober 1908). Ro. 39. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Jaum Kippur. — Jaden und Judentum in Deutschland im Jahre 5868. —Aus aller Welt. — Feuilleton: Eine versunkene Welt. — ThekiaS. Schaufor. — Wochen-Kalender. — Geschäftliche Mitteilung. — Familienn ach richten._ Janm Kippur. Ein königlicher Jomtow, dieser Jaum Kippur! Ein Jomtow, geeignet, um in uns ruhenden Königssinn zu zeigen. Wir deni größten König gegenüber und ihm dienstbar. Auch sonst sproßt's und blüht's ja um uns von Gottesdienstpflichten. Strahlts in den Tsillin von der Stirne, duftet's aus laubigen Hütten, murmelts von lernenden Lippen. Aber erst der Jaum Kippur, dieser unvergleichliche Festtag. Dieser Festtag — der Entbehrungen. Nagende Sehnsucht im Körper, fliegendes Blut in den Adern, lechzenden Durst am Gaumen, wankende Kniee und dunkelnde Augen. Und das Denken, das Denken wohl auch behemmt und gefesselt durch die niedrige Schwäche des .Hungers. Und bei alledem und trotz alledem und durch alles das hoch und freudig gestimmt. Hoch und freudig darüber ausjauchzend, wie die Lerche zum Himmel jubelt. Denn es gilt, mit festem, freudigem Mut ein Gebot tinseres Gottes zu erfüllen. Und wer wollte nicht gerne erfüllen, was Er in Seiner Weisheit befohlen? „Ihr sollt Eure Seele darben lassen" — fürwahr es ist nicht leicht! Ja sogar schwer, fast heldenhaft schwer. Freilich, wir sind nicht arm an Helden, wir Juden. Wir haben eine Ahnengallerie von Helden, wie kein Volk. Die sich ins Feuer werfen ließen um der Liebe zu ihrem Gotte halber. Deren starke, liebeglühende Seele glühenden Folterzangen nicht auswich. Und dagegen wir mit unserem kleinen Fasten. Mit unserem kleinen und doch so großen Fasten. Mit dieser auch heldenhaften und so viele Stunden währenden Bezwingung unseres irdischen Hanges, mit dieser heroischen Selbstüberwindung, die des Körpers sich zu entkleiden sucht und die Seele hinaufhebt zu ihrem Urquell. Die seufzend die Pein der Entbehrungen duldet im Vollgefühl, damit Ihm zu Gefallen zu leben. Arme Dulderin Du, Du Seele! Nein, reiche Dulderin! Warst flügellahm geworden in Deiner Hülle, nun hast Du wieder Flügel bekommen. Flatterst auf und ab, flatterst hin und her, bald angstvoll suchend, bald vorsichtig tastend. Bald stöhnend, weft Du so lange, so lange im Kerker warst, hinter den Gittern der Sünde, im Verließ des Vergehens. Weil Du des Himmelslichtes schier ganz vergaßest. Bald wieder singend urü» lobpreisend und hinauffliehend, Seele und Körper in harmonischer Eintracht und Einheft, mit dem Ruf: „Mein Herz und mein Fleisch jauchzen auf zuni lebendigen Gott!" Zum lebendigen, ewig lebenden Gott! Zuni lebenspendenden Gott! ..Zum beglückenden Gott! Zn unserem Gott! Ja, zu unsere m Gott! Gesegnet Du, der Du uns auserwählt hast aus allen Völkern und uns zu Deinen Thronstützen gemacht hast! Auf mit dem Tor! Weg mit den Riegeln! Wir sind keine Bettler ntehr, keine armen, dürftigen Bettler, wie wir es bis heute waren, wir sind jetzt und wollen immerdar bleiben Königskinder! Ein königlicher Jomtotv, dieser Jauni Kippur! Ein Jomtow für Königskinder. Jude« und Judentum in Deutschland im Jahre 5668. Es rollen und ergießen sich die Jahre in de» Schoß der Ewigkeit, wie die Wasser der Flüsse in das weite Meer. Rasch und bunt zieheit die Jahre an uns vorbei. Und hat der große Zeiger der geschichtlichen Uhr das Blatt beschrieben, und schicken wir uns an, in das neue Jahr einzutreten, dann richten wir nach früheren Tagen unseren Blick, als gelte es, ein verlorenes Gut zu beklagen. Wir stehen da vor deni Mysterium des Lebens, wir berechnen die Zahl der Ereignisse und Begebenheiten der Vergangenheit — wir stellen Bilanzen ans, Bilanzen des Herzens und des Gemütes, und schauen voll banger Erwartung und stummer Sehnsucht in die möglichkeitsreiche Zukunft. Aber noch inchr als auf die Zukunft ist auf die Vergangenheit unser Blick gerichtet, denn die Zukunft ist die große Richterin und vor ihren Schranken stehen wir mit unserem Tun und Handlen zur Aburteilung. Da besinnt sich jeder auf sein Tun von gestern, und alles, was im Umkreis menschlichen Gewissens sich bewegt, .regt sich in diesen Tagen voll banger Erwartung und inbrünstigen Höffens. Die vielen aus dem Volke stellen in diesen Tagen ihre Bilanzen auf, und auch das Volk als Einheit steht ebenso vor dem Richterstuhle der Zukunft für sein Tun von gestern, ivie das Einzelindividuum. Das deutsche Judentuni hat Ivieder eine Strecke Weges zurückgelegt. Wie hat sich sein Schicksal auf der letzten Strecke seiner Wanderung gestaltet, unter welchen Bedingungen hat es seine letzte Route zurückgelegt, wie leiteten es seine Führer, wie wuchsen oder verringerten sich seine Kräfte, wie ist es von seinen Nachbarn behandelt worden und welche Mittel hat es angewendet, um nachbarlicher Duldung und nachbarlicher Nächstenliebe entbehren zu können? Wie stellte es sich zur Gesamtheit unseres Volkes? ' Die Abneigung gegen das „ewige Volk" ist auch in diesem Jahre die alte geblieben. Man sprach zwar in „maßgebenden" Kreisen weniger von Juden und Judentum, aber das beweist nur ein bereits chronisch gewordenes Stadium des Abneigungsgefühles. Das Gift des Judenhasses ist in alle Schichten des deutschen Volkes eingedrungen. Selbst d ie Freisinnig en ant i s emi tlen und die Sozialdemokraten wetteifern oft in ihrer Presse im Antisemitismus mit den Trägern der Kreuzzeit ung-Kultur. Von allen Seiten wird daraus hingearbeitet, das Erwerbsleben der deutschen Juden zu erschweren, die Entwicklung seiner sittlichen und intellektuellen Kräfte zu hemmen — wofür der Fall des Kieler Professors Dr. Adler ein Exempel ist —, und täglich werden wir in unserer persönlichen und nationalen Ehre von denjenigen gekränkt, die die Nächstenliebe auf ihren Schild geschrieben. Dieser Druck von außen verfehlt nicht seine vernichtende Wirkung auf das innere jüdische Leben der gesamten deutschen Judenheft. Die Starken werden erschüttert, die Lauen werden indifferent, und die Indifferenten fallen ab und tverden fahnenflüchtig. Taufen, Kindertauf en und Mischehen stehen auf der Tagesordnung. Freilich fehlt es auch nicht an Versuchen, den Best-and und die Fortexistenz der deutschen Juden zu wahren. Als solcher, wenn auch indirekter Versuch, müssen die Bemühungen des Herrn Dr. Paul Nathan und seiner Freunde angesehen tverden. Die Bemühungen dieses bewährten Sozialpolitikers und Bolksführers werden von dem großen jüdisch-politischen Gedanken getragen: die etwas lau und indifferent gewordenen deutschen Juden in den gesamten Jntercssenkreis der Juden anderer Länder hineinzuziehen — um sie so in Kontakt mit dem gesamten Judentum zu halten. Dieses Mittel, der jüdischen Fahnenflucht entgegenzuarbeiten, das ein gesunder politischer Gedanken geboren, muß als eines der glücklichsten und schöpferischsten seiner Art angesehen werden. Die Tätigkeit des Herrn Dr. Paul Nathan, sowie die ganze Mühewaltung des Hilfsvereins bestätigen und bestärken unsere Annahme. Das Wirken des Hilfsvereins war zwar auch im letzten Jahre nicht offiziell zionistisch, aber die ganze Arbeit, die er speziell in Palästina geleistet, und sein ganzes Arbeitsprogramm für Palästina ist vom nationaljüdischen Gedanken durchtränkt. Jüdische Erziehung, Reorganisation des ganzen Schulwesens auf hebräischer und doch weltlicher Grundlage und dazu noch die wirtschaftliche Hebung des Landes sind lauter vornehme jüdisch-politische Leistungen. Und die ganze Arbeit des HilfsvrreinS deutet darauf hin, daß er mehr als ein „Hilfsverein" sein will: er ist ein politischer Versuch, die lauen und indifferenten Juden Deutschlands in den allgemeinen Jnteressenkreis der jüdischen Nation hineinzuziehen und damit dem Judentum zu erhalten. Aber der Hilfsverein steht — neben den zionistischen Bestrebungen — auch als einziger Versuch großen Styls da. Was sonst von rechts und von. links getan wurde, um der massenweise» Fahnenflucht aus dem jüdischen Lager entgegen-