Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 38 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Frsnkfirrk« FsrMiüWS FaAMMblatt. Nr. 38. Gesetzgebung über die Juden stattgefunden hat". — Seitdem haben sich die Zeiten geändert. Die hochgehenden Wogen der Revolution legten sich, die Maßregeln der weisen Regierung: Kriegszustand, Strafexpeditioncn und Todesstrafen taten ihre Wirkung — die angestrebte „Beruhigung" des Landes trat ein. Jetzt glaubte man, sich auch mit den Juden nicht inchr genieren zu sollen. Der entscheidende Schlag hat nicht lange auf.sich warten lassen; vor einigen Monaten wurde er geführt. Ein Erlaß des allmächtigen Stolypin verfügte die Rückgängigmachung des erwähnten Erlasses. Das alles hindert natürlich nicht, daß ein russischer Minister, der bei der im Zarenreiche chronischen „auri sacra fames" sehnsuchtsvoll nach westeuropäischen Geldbeuteln hinschielt, ab und zu einem hervorragenden Juden gegenüber die Erklärung abgibt, man sei bestrebt, die Judenfragc nach humanen Grundsätzen zu lösen, und daß naive Menschen derartige „diplomatische" Auslassungen ernst nehmen. Enrpfindlicher als auf allen anderen Gebieten wurden die russischen Juden in diesem Jahre der schwärzesten Reaktion aus dem Gebiete des Schulwesens, diesem wundesten Punkte des russisch-jüdischen Volkslebens, getroffen. Nachdem in den letzten zwei Jahren seit Einführung der Autoiwmie der Hochschulen die Ausnahme der jüdischen Aspiranten vielfach ohne jede perzcntuale Einschränkung erfolgt ,ist, glaubt jetzt der Minister der Volksaufklärung Schwa r tz (nomen est omen!) in der Weise für die „Volksaufklärung" sorgen zu müssen, daß er, allen Verwendungen der Hochschulen zum Trotze, in keinen: Falle und unter keinen Umständen die Ausnahme eines Juden an einer Hochschule anders als nach den alten Normen zuläßt. Solange nun das alte perzcntuale Verhältnis an einer Hochschule nicht wieder hergestelllt ist, dark kein Jude an der betreffenden Hochschule immatrikuliert werden. Auf diese Weise wurden die meisten Uni versitäten und Polytechniken den Juden für das nächste Lehrjahr ganz ver-. schlossen. Darf Herr S ch w a r tz schon aus Grund dieser recht hübschen Leistungen für sich den Ruhni in Anspruch nehmen, eine vollständige Restauration der Bogolepow'schen Schulpolitik durchgeführt zu haben, so verbürgt chm eine einschneidende Maß regel aus der jüngsten Zeit noch den Ruhmestitel eines Erfinders auf dem Gebiete der jüdischen Schulchikanen. Ein Erlaß aus den letzten Tagen bestimmt, daß von nun ab auch für die privaten Mittel sch ulen die pcrzcn tualen Normen unverbrüchliche Gül tigkeit haben. Die jüdischen Väter, die vielfach unter den größten pekuniären Opfern aus eigenen Mitteln Privatgymnasien gründeten und erhalten, werden sich es nunnichr angelegen sein lassen, auch für die Erziehung der Söhne chrer christlichen Mitbürger Sorge zu tragen. Ein j üdischerVaterwird von nun ab mit den Erziehungskosten seines Sohnes zugleich auch diefür neun christl ich eJungen auf sich nehmen müssen. Bei dieser unzweideutigen Politik der Zcntralregierung darf uns das liebevolle Ver. hältnis des Zaren und seiner Räch, sten zum„VerbandcdcsrussischcnVolkes", das förmlich zur Schau getragen wird, nicht wunder nehmen. (Der Zar legte sich und dem Kronprinzen das Verbandsabzeichen an; dem verrufensten Zweigvereinc des Verbandes, dem Odcssaer, schenkte^der Zar vor einigen Monaten sein Bild mit eigenhändiger huldreicher Aufschrift; die „Führer" des Verbandes wurden in diesem Jahre zu wiederholten Malen in Zarskoje Ssjelo empfangen usw.) Ebensowenig, d a ß f a st sämtliche Pogromverbrechcr, die sich in diesem Jahre vor dem Gerichte zu verantworten hatten, allerhöchst bc gnadigt wurden. Unter diesen günstigen Auspizien entwickelte sich der „VerbanddesrussischenVolkc^s zusehends und entfaltete eine sehr rege Tätigkeit. Er zeigte dabei „seus äs realitä" genug, um bei bleibender Sache die Methoden seiner Arbeit zu ändern. Hatte er sich ursprünglich aus dem Gebiete der M a s s e n a b s ch l a ch t u n g e n hervorgetan, Ivar er sodann zu dem etwas bequemeren permanenten Straßenterror im Kleinen übergegangcn, so bildet jetzt der ökonom i s ch c B o y k o t t d e r Juden die eigentliche Domäne der Verbandstätigkeit. Und man muß cs den Leuten lassen, sic machen ihre Sache mit einem Eifer und einer Konsequenz, die bei einem Slaven verwundern müssen. Wo nur irgend möglich, werden christliche Konsumvereine gegründet, Konkurrenz-Läden mit der Losung „Kauft nicht bei den Juden!" eröffnet, um dem kleinen jüdischen Händler seinen kümmerlichen Lcbenscrwerb völlig abzuschneiden; strengstens wird darüber gewacht, daß von den staatlichen und kommunalen Lieferungen nichts cm Juden übergeben wird, daß keine irgendwie einträglichen Geschäfte des Staates oder der Stadt von Juden besorgt werden; selbst die. jüdischen Beamten und Funktionäre werden aus den wenigen Gebieten, wo sic sich bis jetzt betätigen durften, systematisch verdrängt. Daß eine derartige Taktik den Juden gegenüber auch bei den sog. intelligenten Schichten vielfach Anklang findet, bciveist dasBerhalten der Majorität der dritten Reichsduma in der Judenfragc. Man denke an die skandalöse Militärdebatte und an den ebenso skandalösen Beschluß, auch künftighin kranken Juden den Aufenthalt in Kurorten außerhalb des Ansiedelungsrayons zu verbieten. Dies war die allgemeine Lage in Rußland im abgelaufenen Jahre. Man sieht also, daß unsere Brüder in Rußland in diesem Jahre ans dem akuten Zustand der Revolutionskrisis in das chronische Stadium permanenter hoffnungsloser Rcchtslosigkeit und des ökonomischen Vernichtungskampfes ctngetretcn sind. * In den anderen Ländern ist es wenig anders und noch weniger besser geworden. In Galizien wird die alte, bewährte Politik der herrschenden Parteien, die Juden als politische Parias zu behandeln, lustig und fröhlich fortgeführt. Der ökonomische Boykott der Juden wird systematisch und rücksichtslos betrieben und droht schließlich in einen förnilichcn Vernichtungskanipf auszuartcn. Die Mißbräuche und Gewaltakte katholischer Bekehrer jüdischen Unmündigen gegenüber sind eine alltägliche Erscheinung geworden. Das im vorigen Jahre cingeführtc allge meine Wahlrecht in den Reichsrat hat den Juden Galiziens ebensowenig genützt, wie den Juden des übrigen Oe st erreich. Die Resolution Schmidt, die ein Attentat auf die von der Verfassung verbürgten Gleichberechtigung der Juden bedeutete, bekundete, wessen, sich die Juden von diesem aus dem allgemeinen Wahlrecht hervorgegangcnen Wahlrecht zu versehen haben. Nur mit knapper Not entgingen diesmal die österreichischen Jjubeit der Gefahr, nach bewährtem russischem Muster offiziell zu Bürgern zweiter Klasse degradiert zu werden. Der Versuch stimmt aber sehr bedenklich, und nur hirnlose Vogel Strauß-Politiker können die lautsprcchenden Zeichen der Zeit mißachten. — Eine weitere Glanzleistung nach russischem Muster hatte die österreichische Staatswcisheit im abgclaufcnen Jahre in den Pogromhetzen in der Bukowina zu verzeichnen, die die antisemitische Regierung mit Dr. Geßmann sehr wohlwollend behandelte. Die rumänischen Juden haben sich von den vorjährigen Ausschreitungen nicht erholt. Der glänzende Erfolg dieser Hetzen verfehlte seine Wirkung nicht: seither fühlen sich die Juden Rumäniens wie auf einem Vulkan, täglich und stündlich den Wiederausbruch der Exzesse erwartend. In Ungarn machte die antisemitische Propaganda in der Gesellschaft und bei den Berufspolitikern riesenhafte Fortschritte. Einen empfindlichen Schlag bereitete dem jüdischen Erlverbsleben das neue Propinationsgesctz. Bei dieser Sachlage war es eine sehr nnglückliche Fügung, daß die ökono mis ch e Krisis in Amerika eine weitere Erschwerung der Jmmigrationsmöglichkeiten niit sich brachte. Durch eine außerordentlich strenge, ja bisweilen geradezu mißbräuchliche Handhabung der Alien-Bill wird auch England immer unzugänglicher für den jüdischen Auswanderer. In den sog. konstitutionellen Ländern ist alles beim alten geblieben: Gleichberechtigung ans dem Papiere, politische Rechtlosigkeit und gesellschaftliche Zurücksetzung in der Tat. Die einzige erfreuliche Ausnahme aus der allgemeinen traurigen Regel bildet die Türkei. Das Ottomanenreich war immer das einzige Land mit größerer jüdischer Bevölkerung, wo die Juden in Ruhe und Frieden leben durften und sogar eine gewisse innere Autonomie besaßen. Durch das in diesem Jahre eingeführte konstitutionelle Regime wird die Lage der Juden in diesem Reiche sich noch erheblich verbessern. Dies ist das Bild der allgemeinen Lage der Juden im abgclaufcnen Jahre, lieber die national-politischen und kulturellen Strömungen iin Judentum — im folgenden Kapitel. Brief ans Ungarn. Wie mächtiges Blitzcslcuchtcn in die dunkle Nacht wirkte das Memento des gewesenen Staatssekretärs Mich. Z s i l i n s z k y , das dieser liberale Staatsmann beim letzte» Kircheutonvent des ungarischeil Montandistrikts erschallen ließ: „Die Ritter der Ecclesia militans sind mobilisiert. Das neue Regime hat die Politik in die Kirche und die Kirche in die Politik eingedrängt. Der Schlachtruf: „Fort nrit dem deklamierenden Katholizismus, die Aera der Tat breche heran" hatte zündende Wirkung. ■ Die Schlagworte sind tot; das Wort: „Schlag' tot" beherrscht den Markt. Wir gehen eineni in seinen Dimensionen nicht zu übersehenden Kulturkampf entgegen." Die junge christlichsoziale Organisation, die in: letzten Jahr ihre Macht verzwölffachte, hältdas ganze Land mit eisernem Ring umklammert. Was sie an liberalisierender Tünche aus dem Schilde hatte, das hat sie auf dem letzten Kongreß — vom 13.—16. d. Mts. — vollständig weggeworfen. Die Monroedoktrin hat ihre fanatisch ungarischen Apostel gefunden: „Ungarn dem christlichen Magyarentnm" ist das Schiboles; davon hallt es auf der Steppe und von der Pußta wieder. Der Jude wird schon jetzt durch die Kriegskostcn gebrandschatzt! Denn in den Regierungs-- kreisen zittert man vor der schwarzen Großmacht und jede neue Gesetzesvorlage trügt den Stempel des herrschenden Geistes, der das Judentum in seiner Bewegungsfreiheit hemmt und ihm seine Existenzmöglichkeit raubt. Beim -Lonntagsruhegesetz ist dieses Unrecht, wogegen unter der Leitung derKassaer und Eperjescr Gemeindevertretllng fünfzigtausend orthodoxe Juden Petition i c r t e n , in die Augen springend: Man zwingt den armen Handwerker, daß er seinem jüdischen Lehrjungen, der am Schabbos rastet, den Sonntag freigebe. Das Arbeiten im Kontor ist selbst dem Eigentümer am Sonntag untersagt, und — was wie eine Bombe wirkt — die Wirtschaften auf dem Lande müssen Sonntags nach 10 Uhr vormittags geschlossen werden. Selbst die Grenzpolizei trägt dem christlichen Charakter des ihr anvertrauten Staates Rechnung und geht rücksichtslos gegen jene Elemente vor, die in ihrem Aeußeren nicht die untrügliche Zugehörigkeit zur Edelrasse der Magyaren verraten. Wenn ein Jude keinen Matrikelauszug hat — schreibt die „Allg. Jüd. Ztg." — was bei älteren Leuten vorzukommen Pflegt, wird er sofort über die Grenze geschickt. Ein Religionslehrer, Vater von sieben Kindern, wurde, trotzdem er ungarischer Bürger ist, in Oekörmozö ausgewiesen. Der Schau ch e t i» R e f i n i e wurde samt Familie unter nichtigem Vorwand abgeschoben. In F e l s ö B i st r a haben sic einem Herrn Spira, der als ungarischer Bürger seine zweijährige Dienstzeit beiin Militär absolvierte, direkt aus dem Wasser — er badete eben — geholt und zur Polizei stellig gemacht. Und das sind Bürger, die im Schatten der Personalunion geboren sind! All das befriedigt aber den -hohen Klerus und die aristokratischen Latifnndienbesitzer mit dem Vizepräses des ungarischen Reichstags, Stephan von Rakowszky, an der Spitze bei weitem nicht. Der letzte Katholikentag, bei dem 10 Millionen mngagarische Katholiken ihre Vertreter hatten, forderte unverblümt die Aushungermlg der Ketzer. „Dic Koi^