Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 38 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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■ ■■■*-?■:- ’r-r~TT ffrrtnßfutU’t* IsmIilWs Amilirnlilntt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1:— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— Ked-Ktiorl irnd Geschäftsstelle: Srankfurt a. M.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Bleichstraße Telefon 10507. Herausgeber: SalL Gets. . . Jnserttonspreise: Die viergespaltene Petttzeile. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft.!- 6. Jahrgang. Freitag, den 2S. Ellul 5668 (25. September 1908). No. 88. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: L’äclionoh tauwo. — Unsere Jahresbilanz. — Brief aus Ungarn. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Eine versunkene Welt. — Wo chen-Ka lende r. — Familiennachrichten. L’sclionoli tauwo. Auf der Straße, in der Synagoge, im Hause nur ein schlichter, herzlicher Händedruck, nur zwei schlichte, herzliche Worte: L'schonoh tauwo. So tvenig und doch so viel! So karg und doch so reich! So kurz und doch so inhaltsschwer! Schließen alles ein, was auf dem Boden der Seele lebt und webt, schließen alles ein, was das glückheischende Herz, was der jüdisch gestählte Sinn verlangen, erwarten, erbitten. —■ — Ein gutes Jahr! — Sind nicht, im tiefsten Grunde betrachtet, alle unsere Jahre gut? Gut zum mindesten in dem, was die äußeren Wechselfälle unseres Geschickes anbetrifft? Leitet nicht durch alle Wechscifälle unseres Geschickes hindurch, vermittels aller Wechsclfälle unseres Geschickes ein gütiger Vater uns zum wahrhaft Guten hin? Zu dem von ihm als gut Erkannten und deshalb von uns als gut zu Erstrebenden? Es sind nicht immer irdische Glücksgüter, die das Gute in uns, das Gute unserer Weltanschaüung, das Gute unseres Handelns herbeizaubern, Hervorrufen und befestigen. Auch sie haben ihre Berechtigung, auch sie ihre Bedeutung, auch sie ihre hohe Weihe. Vermag doch nur der zu spenden, reich und üppig und immer ivieder zu spenden, dem selber Glücksgüter gespendet wurden, vermag doch nur der mit freiem Herzen, mit reinem Kopf sich der Thauro zu widmen, und durch beides das wahrhaft Gute in sich zu erzeugen, den nicht Lebensnöte und Erwerbsnöte zwängen und beengen. Mer müssen denn alle Soldaten goldene Epauletten tragen? Gewiß, goldene Epaulettcn sind ein Rangzeichen, sind Zeichen einer erhöhten Würde/ verlangen Respekt und Ehrung. Mlein den Augen der Menschen unsichtbare, verborgene goldene 'Epauletten geben noch mehr Würde, noch größeren Wert. Da schluchzt einer aus gebrochenem Geinüt zu Gott. auf. Er hat keine Tressen, an seinen Fingern blitzen keine Brillanten, sein Anzug ist schäbig und verschossen. Was ist mit ihm? Ist ihm sein Weib gestorben? Droht ihm der Büttel? Hat er nicht satt zu essen? O ja, man siehts ihm an. Kapaunen prangen auf seinem Tisch nicht. O ja, er hat zu kämpfen, wacker und beständig zu kämpfen. Aber nicht deshalb schluchzt er. Nein, er hat sein kleines Leid, sein kleines Selbst vergessen, sein kleines Leid, sein kleines Selbst hineingegossen, eingemischt in das große, ungestillte, unsägliche Leid der Gesamtheit Israels. Und es bricht mit Ungestüm der Schmerz aus ihm hervor, daß . der Name Gottes, der große, Heilige und erhabene Name noch so wenig, geehrt, so wenig anerkannt wird auf dieser Erde und daß man das Volk Gottes mit Fichen tritt und peinigt. Keiner weiß, was da in ihm zuckt, in ihnr rinnt. Nur Einer, der Erschaucr und Erprober von Herz und Nieren. Ist der Rang nicht hoch? Muß dem Mann nicht ein.gutes Jahr werden ob seiner Selbstvergessenheit? Nininit er nicht mit ins Grab, übers Grab hinaus seine rein. geweinten, um Gottes willen geweinten Tränen? Und der Andere, der Reiche? Vor . dem sich die Tafel beugt unter der Last der Leckerbissen? Wenn er nun etwa nicht seinen Reichtum in seiner kurzen Spanne hieniedigcn Daseins entsprechend ausgenutzt hat, wenn er nur sichs behaglich gestaltet hat und anderen wenig behaglich, — was winkt ihm? Vielleicht seidene Decken und Kissen? Vielleicht wird er eingepolstert in sein Gold? Vielleicht bahnt ihm der Glanz seiner Juwelen den Weg ins Jenseits? Was ihm winkt? Das Ansehen versinkt, und die Seide verblaßt, und die Schönheit zerfällt, und das Gold bleibt zurück, und in der dunkeln Gruft gibts nur vier Ellen Raum für alle, und der erkaltete Mund schmeckt nicht mehr die Leckerbissen nach, und es begleitet seine dem Körper entwichene Seele, die nun zur Rechenschaft gefordert wird, keine volle Guttat und keine mühsam errungene Thauro, und die Seele steht nun leer und nackt und zitternd vor ihrem allwissenden Richter. Es ist ihm bei Lebzeiten immer gut gegangen, man hat sich auch vor seinem Golde gebückt, man hat chn wohl auch heimlich beneidet, — und er war doch, recht betrachtet, ein Fahnenflüchtling aus dem Heere Gottes, der nun seine Fahnenflucht schwer büßen muß, und er hat doch keine guten Jahre verbracht.- Wer aber verbringt gute Jahre? Gute. Jahre im innersten und wahrsten Sinne des Wortes? Wer dürfte zu hoffen wagen, daß sich dieser „L'schonoh tauwo"-Wunsch ganz und umfassend an ihm erfüllt? Wer sich die Kraft Zutrauen dürfte, wer die Kraft betätigen könnte, allezeit, unter allen Umständen, mit jedem Schritt, mit jedem Gedanken, mit jedem Gefühl seinem König, dem König aller Könige, als treuer Soldat untertänig zu sein, keinen anderen Willen zu kennen als den Königswillen und die Königsherrschaft damit hienieden zu befestigen und zu erweitern — der allerdings dürfte seine Jahre, dürste das eine Jahr, in dem ihm das restlos geglückt wäre, als gut bezeichnen. Dem wird auch nichts dran gelegen sein, ob's um ihn wettert und blitzt, oder ob ihn Sonnenschein und Frühlingslust umfächeln, er geht aufrecht seines Wegs, immer beherzt, immer bewußt, immer gradaus. Und das ist der echteste, der einzig echte Maßstab für ein gutes Jahr, alles andere Tand und Stückwerk. Wünschen wir uns von Haus zu Haus, von Gotteshaus zu Gotteshaus ein solches Jahr. Flehen wir um die Kraft zu einem solchen Jahr. L'schonoh tauwo! . Unsere Jahresbilanz. Rückblick auf das Jahr 5668. Von Peli. Die allgemeine Lage. Zum vierten Male fällt mir heute die traurige Aufgabe zu, in diesen Blättern das Fazit eines traurigen Stückes Zeitgeschichte zu ziehen, — und wiederum zeigt meine Chronik das alte Gesicht, das bekannte düstere Bild. Ein Jahr ist ins Land gegangen, seitdem der moderne jüdische Chronist die erschütternd tragische Tatsache seststellen mußte, daß unsere Brüder im Zarenreiche nach Jahren verzweifelten, übermenschlichen Ringens wieder auf den Punkt zurückgelangt sind, auf dem sie sich zur Zeit Plehwes befanden. Seither haben sich die Verhältnisse womöglich noch verschlimmert, das jüdische Leben in Rußland bewegte sich unaufhaltsam auf der abschüssigen, „von rücksichtslosen Satrapen und verkommenen Volkshetzern" bestimmten Bahn der Rechtlosigkeit, Unterdrückung und — Resignation und erreichte offenbar hierin die äußersten Grenzen des Menschenmöglichen. ' Die wenigen kleinen Errungenschaften und provisorischen Erleichterungen, die unsere Brüder in Rußland während der Hochflut der Freiheitsbewegung zu verzeichnen hatten, sind ihnen heute ausnahmslos wieder genommen, worden. So erging es mit den berüchtigten „Senatsentscheidungen". Hierüber einige Worte: In Rußland besteht von Staats wegen ein trefflich funktionierendes Barometer, der den jeweilen von den weisen Staatslenkern befolgten Kurs angibt. Es ist dies der höchste Gerichtshof, „regierender Senat" genannt. Kein Rat einsichtiger, unabhängiger und leidenschaftsloser Greise, wie dem Namen nach zu vermuten wäre, sondern eine sehr gefügige Kreatur der hohen und höchsten Potentaten, jenem römischen Senat der Verfallzeit vergleichbar, der ein Lieblingspferd des Cäsaren zu seinem Mitglied ernannte. Diesem Senate liegt es nun ob, in strittigen Fällen, wo die überaus komplizierten und verworrenen Judengesetze versagen, eine Entscheidung im Geiste dieser Gesetze zu treffen. Daß die invaliden Minister, General-Gouverneure und Geheimräte immer den Geist der Gesetze zu deuten und die richttge Entscheidung zu treffen wußtm, braucht nicht erst gesagt zu werden. „So häuften sich in den Tagen des blutrünstigen Plehwe die ungünstigen Entscheidungen prinzipieller Natur in erschreckender Weise und erreichten bald die stattliche Anzahl von ca. 400 —, ein würdiges Pendant zu den 850 Ausnahmegesetzen für Juden. Von dieser Geißel glaubten nun die rujsischen Juden endlich Befreit zu sein. In den Tagen der mehr oder weniger wütgehenden Zugeständnisse an die Gesellschaft sah endlich die Regierung ein, daß es auch in der Judenfrage einfach so nicht Wetter gehen könne. Ein Ministerialerlaß verfügte nun die Annullierung der Wirkung all der bezeichneten ungünstigen Senatsentscheidungen, „bis eine allgemeine Revision der