Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 37 (18.9.1908)
- Date
- 1908-09-18
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37. Seite 4 Frankfurter JsraelWHeS Familienblaü. Eine versnukeue Wett. Roman von JakobLevy. 1. Kapitel. Die Abendsonne spiegelte sich in den Wellen -es grünen Rheinstroms, an dessen Ufer sich die vieltürmige, mächtige Stadt Köln im Halbkreis ausdehnt. Es war der Abend eines richtigen Sommertages, eines Tages, der sich an die Vortage anreihte, wie gleiche Perlen an einer Schnur, alle heiß, trocken, wie sie den zahlreichen Weinbauern, die ihre Wingerten hauptsächlich in der Severinspfarre hatten, so recht erwünscht waren. Jetzt hatte sich ein erfrischendes Lüftchen erhoben, eben stark genug, um die am iRheinufer Erholungsuchenden, wie auch die am Staden noch arbeitenden Menschen ein wenig aufatmen zu lasse». Es sah lustig aus, das Leben auf dem Strom, dessen Wellen bunt bewimpelte Schiffleiu trugen. Freilich durfte man, wenn man sich die Freude an dem heitern Anblick erhalten wollte, nicht auf den Leinpfad schauen, wo die starken Männer keuchend, trotz Anstrengung aller Kräfte, nur mühsam die Kähne an langen Seilen stromaufwärts zogen. Die breite Straße glänzte im Sonnenglast, die schmalen Häuser mit den blumengeschmückten, malerischen Erkern und Vorbauten boten den passenden Hintergrund zu dem Volk, das die Gasse belebte. Da lusttvandelten die jungen Mädchen, den Mantel künstlich ausgenommen, sodaß die farbigen Unterkleider sichtbar wurden, mit goldenen und bunten Netzhäutchen auf dem Kopf, nicht ohne einen blitzschnellen Blick auf die ihnen folgenden estutzer zu werfen, die in bunt gemusterten Röcken, auf dem Kopf die phantastische Gugel daherstolzierten. Die Matronen in ihren weiten, faltigen Gewändern und gestreifter Mütze sahen dem Treiben mißbilligend zu. Alle gingen sie sich unterhaltend, die Jungen sich neckend, lachend; wenn aber ein Dominikanermönch oder ein geistlicher-Herr in seiner schwarzen Gewandung daher kam, neigten sie sich ehrfurchtsvoll. Der heiteren Menge möglichst ausweichend, huschten zwei dunkle Gestalten die Häuser entlang, Männer mit schweren Packen auf dem Rücken, durch die zuckerhutförmigen Hüte mit hornartiger Krümmung und kurzem, gelben Rand als Juden gekennzeichnet. Sie verließen den Rhein und gingen der inneren Stadt zu. Am Eingang der Straße Oben-Marspsorte, vor dem starken, hölzernen Tor, das den Eingang zum Judenvicrtel bildete, wurden sie vom Stadtboten Peter aufgehallen. Dieser Bote hatte das Amt, die vier Tore, die zur Judenstadt führten, mit Sonnenuntergang zu schließen und morgens bei der Frühmesse zu öffnen. Er sagte mit rauher, nicht unfreundlicher Stimme: Könntet Ihr nicht eine Stunde später, nach Torschluß kommen? Ich hätte Euch das Pförtchen geöffnet und einen Pfennig für einen Trunk verdient." Der ältere der beiden Männer, eine untersetzte Gestalt mit Silberfäden im Spitzbart, setzte seine Last nieder und antwortete: „Der Trunk soll Euch nicht verhohlen sein. Ihr seid ein gefälliger Mann, dem es gegönnt ist." Und er legte eine Münze in die bereitwilligst ausgestreckte Hand des Beamten, der mit seinem ganzen wohlgenährten, gutmütigen Gesicht lachte. „Danke Moses. Ihr uiib Euer Junge da, der Mendel, seid ordentliche Juden, Ihr wißt, daß ein durstiges Wetter ist. 9hm macht, daß Ihr hereinkommt." Er entließ die beiden mit gnädigem Kopfnicken und sie verschwanden rasch in der Fudengasse. Die Abendschatten halten sich schon tief auf die engen Straßen des Judeuviertels, in dem auch das Stadthaus lag, gesenkt. Draußen, vor den Häusern war reges Treiben. Männer und Frauen waren der Bruthitze der beschränkten Wohnungen entflohen und standen in lebhaftem Gespräch beieinander, Kinder spielten und jagten sich. Die beiden Wanderer grüßten nach allen Seiten und dann traten sie in ein schmales Haus an der Budengasse ein. - Unten war ein niedriges Gewölbe mit Waren, wo sie ihre Packen niederlegten. Ueber die knarrende, steile Stiege kamen sie in ein größeres Zimmer, und da richteten sie sich hoch auf — da waren sie zu Hause, da waren sic Menschen. . Eine ältere Frau mit sanften Zügen streckte ihnen die Hände entgegen. „Gottcswillkomm, seid Ihr gesund geblieben?" „Guten Abend, Rebekka," sagte ihr Mann, ihr die Hand drückend, während ihr Sohn Mendel, ein kräftiger junger Manu von etwa vicrundzwanzig Jahren, ihre andere Hand faßte. „Liebe Mutter wir sind wohl und sollen vielmals' von Muhme Veilchen grüßen." , „Danke mein Sohn. Leben sie in Siegburg vergnügt?" Er zuckte die Achseln. „Sie leben wie wir, unter Feinden und auf ihrer Hut, wie der Hirsch im Walde." Der Vater mahnte: „Murre nicht Mendel, wir dürfen nicht klagen. Wir sind geschützt von dem Erzbischof und dem Rate der Stadt Köln, leben in Frieden mit unfern Mitbürgern, und daß wir im Golus sind, hat der Ewige, gelobt sei Er, beschlossen. Wo sind die Kinder?" Die Antwort war der Mutter erspart. Auf der Treppe erhob sich ein großer Lärm, und zwei Knaben von etwa zehn und zwölf Jahren stürmten ins Zimmer und in die Arme des Vaters und Bruders. Der Vater sah die Kinder mit stolzem Lächeln an. — „Ihr wilden Trabanten, Ihr seid ja in den drei Tagen, die ich Euch nicht gesehen habe, gewachsen. War auch Eure Mutter mit Euch zufrieden?" Der ältere der Jungen, Rüben, rief: „Mutier, gib Bescheid!" „Die Jungen waren brav. — sie lind nur zu wild. Gestern sind sie an den Rhein .gelaufen und haben mit den Christenjungen gespielt, als ob cs keine Stadtsoldaten gäbe, die sie mit Schlägen nach der Judenstadt zurückjagen könnten." Der jüngste, Aron, ein prächtiges Kerlchen, sagte: „Unsere Freunde Christoph und Dietrich haben uns mitgenommen. Weshalb sollen wir nicht auch, an der freien Luft spielen dürfen? Wir tun doch gewiß nichts Schlimmes." Der Vater sprach mit ungewohnter Strenge: „Ihr sollt und dürft nicht heraus. Uns Juden ist es verboten, und ich vermag Euch nicht zu schützen, wenn Ihr außerhalb unserer Stadt Unbill erleidet. Laßt mich, das Verbot nicht noch einmal wiederholen. Denkt Ihr nicht mehr daran, wie die rohen Burschen Euren Vetter Samuel in den Rhein gestoßen haben, daß er beinahe ertrunken wäre, damals, als er einer Prozession nicht mehr aus dem Wege gehen konnte?" Die Knaben senkten die Köpfe und setzten sich still auf ihren Platz. Die Mutter hatte inzwischen eine große Schüssel mit Hirsesuppe und Brot auf den Tisch gestellt. Die Familie setzte sich um den Tisch und «sprach dem bescheidenen Mahle wacker zu. Nach dem Tischgebet lehnte der Vater sich behaglich zurück und sagte: „Der Obermeister Schmitz von der Nothgerberbach wird zufrieden sein. Für sein Leder, das wir nach Siegburg gebracht haben, ist mehr bezahlt worden, als er erwartet hat." „Was hast Du denn in den Packen, Mater," fragte der Kleine. „Leinwand und Honigkuchen für Euch Leckermäuler von Muhme Veilchen." Die Knaben brachen in ein Jubelgeschrei aus. „Das Linnen ist für Obermeister Schmitz. Morgen — Freitag muß ich mit Mendel Leder Mch Brühl bringen, und dann kommt der heilige Ruhetag." Bei guter Zeit besorgten Moses Ems und sein Sohn Mendel ihre Botschaft in Brühl und kehrten nachmittags nach Köln zurück, froh, daß sie ihren Gönner und Auftraggeber zufrieden gestellt hatten. Eine viertel Stunde hinter dem damaligen jüdischen Friedhof, eine Gegend, die noch heute „zum toten Juden" heißt, befand sich ein Brauhaus, das an der Bonner Landstraße gelegen, sich eines guten Betriebes erfreute. Der Wirt zur roten Kanne, Henrich Breuer, stand vor der Tür, die Hände über hem dicken Bauch gefaltet, als die Beiden, auf dem Heimweg begriffen, gemächlich an seinem Hause mit einem Gruße vorbeischreiten wollten. Der Wirt aber rief: „Heda, Moses und Mendel, Ihr wollt doch nicht ohne einen Trunk vorbeilaufen?" Sie blieben zögernd stehen. „Wir müssen bei Zeiten zu Hause sein." Der andere lachte gutmütig. „Ihr kommt noch früh genug vor Eurem Schabbes heim. Seht, »ich habe ein frisches Faß angesteckt." Er schritt vor in's Haus, die Eingeladenen folgten langsam. Das Wirtszimmer war ein langer und niedriger Saal, ausgestattet mit ungefügen Tischen und Bänken. Auf der umfangreichen Schänke standen bauchige Krüge und Zinnbecher in nicht zu lleinen Maßen. Zahllose Fliegen durchsummten den Raum. Die beiden Juden wollten sich hergebrachterweise an einem Keinen Tischchen neben der >Tür niederlassen, aber ein Kappusbauer in blauleinenem Kittel, der mit drei anderen Kölner Bürgern an einem runden Tische saß, rief: „Freund Moses, kommt an unfern Tisch." Die anderen Kumpane wandten sich um und nickten den Beiden freundlich zu. Als sie Platz genommen und der Wirt ihnen die Krüge mit dem schäumenden Bier gebracht hatte, tranken die anderen ihnen zu, — und als Mendel seinen Krug absetzte, war er leer. Der Metzgermeister Nießen von der Severinstraße, der in der blauen wollenen Jacke, mit bloßen Armen da saß, lachte. „Mendel, Du hast einen guten Schluck, an Dir ist ein Christ verloren gegangen." Mendel, der mit seinem leeren Krug so lange auf den Tisch gellopft hatte, bis der Wirt mit frischer Füllung erschien, antwortete phlegmatisch: „Laßt uns Juden nur in Ruh. Wenn Ihr uns als Mitmenschen anerkennt, trinken wir soviel als Ihr." (Fortsetzung folgt.) Kaiser Friedrich Quelle —— Offenbach a. M. - . Segen Sicht und Rheumatismus bewährt. Bad Harzburg TO Pension Parkhaus 53 Salons n. Famülen-Dependance Schloss Prinzenhof mit 28 Salons. Streng rituelle Hauser I Ranges unter Rabbinats-Aufsicht ah scbSnst. Waldlage. GeSff.l.Mai-l.Okt. Prosp.gratis. Mai Hecht Wohack Baiolp.K.SX""'«. Inhaber: M. WallaU. Pariert, Juwelen, Goldvraren. - Auf Wunsch Auswahlsendungen. Wochen-Saleu-er. (Zeitangaben nach dem husch.) Samstag, den 19. September (= 23. Ellul): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 6 Uhr — Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 20 Mn., in Berlin 6 Uhr 55 Min. Wochenabschnitte: N i z o w i m und W a j e i l e ch. Moses ermahnt Israel, dem göttlichen Gesetze Treue zu wahren, für den Abfall stellt er Strafen in Aussicht: Krankheit, Zerstreuung unter die Feinde uff. — Die Thora ist jedem „nahe", er kann sie erfüllen. Ausruf von Himmel und Erde als Zeugen, Israel das „Gute" und somit das „Leben" zur freien Wahl vorgelegt zu haben. — Aehnlich Wajeilech: Ermahnungen Moses au Israel, Strasverkündiguugeu beim Abfall. Die Pflicht, die Thora abzuschreiben und so zu deren Mehrung beizutragen. Sonntag (20. er.) betet man zum ersten Male Selichaus. Am Freitag (25. Sept.) ist Erew Rausch - haschonoh. Man steht früher als sonst zu den „Selichaus" auf; es werden mehr Bußgebete als an den andern Tagen verrichtet. Am Schlüsse der Selichaus Tachanun! Nach dem darauffolgenden gewöhnlichen Schacharißgebet unterbleibts jedoch. Auch wird kein Schofar geblasen, um einen merklichen Unterschied zu machen zwischen dem bisherigen freiwilligen Blasen während ganz Ellul und jenem am Rausch-Haschonoh, an dem es Pflicht ist. — Der Rüsttag zum Neujahrsfeste sei ganz dem Ernste und der Büße gewidmet: Aussöhnung Befeindeter, Besuch des Friedhofs, Almosenspenden, Fasten. Manche nehmen „Hasoras-Nedorim" vor, d. h. Auslösung von Gelübden, andere tun's Erew-Jaum-Kippur. Es handelt sich hierbei nur um jene Gelübde und Versprechen, die man freiwillig auf sich nahm zur Aueiferung zu guten Taten, zur Beherrschung der Leidenschaft. Diese Handlung zeigt also, wie heilig dem Juden jedes gesprochene Wort und jeder gedachte Vorsatz sein soll. Offenbacber Druckluft»Jlnlage Telefon 123. Offenbach a. H. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste Tapplchrslnlffling. Briefkasten. Ungenannt. M. 20 nach Aufgabe verwandt. S. in G. Sie haben sich geärgert. Nu» — Sie haben doch jüngst in der „Franks. Ztg." die Wiedergabe einer Stelle aus Paul Heyse's „Kinder der Welt" gelesen; sie sei Ihnen hiermit wieder ins Gedächtnis gerufen. Heyse schreibt da, daß es nichts Schlimmeres gibt, als: „ein gutes Buch (ebenso: ein guter Arttkel), das in allen Hauptsachen vollständig recht und die große Mehrzahl der denkenden Menschen auf seiner Seite hat. Sie lachen? Sir meinen, in der Welt komme es darauf an, recht zu haben. Als ob es etwas Anstößigeres, Unbequemeres, Polizeiwidrigeres geben könnte, als einen Menschen, der weder links noch rechts sieht, weder Vorsichten noch Rücksichten kennt, sondern die Dinge beim Namen nennt! Ein solcher Tolldreister möge in die thebaische Wüste gehen und dort den Steinen seine Weisheit vorttagen. Aber wenn er sich einbildet, in unserem auf gegenseitiges Bemänteln und Beschönigen, auf Respektheuchelei vor verrottetem Kram gegründeten Stallt (lies hier: jüdische Gesellschaft) geduldet zu werden, wo man nicht den Mut hat, Götzenbilder bei ihrem richtigen Namen zu nennen — sehen Sie, Freundchen, die Galle tritt mir in meine Satzkonstruktion, und ich weiß nicht mehr, wie ich angesangen habe." H. in G. Jk 5 erhalten. St. in O. Jk 7 erhalten. DIstr. Auskünfte! Grosse I>etectlv-Zen träte!!! über Vermögens-, gamllleno. GesohäflaverhiU totale, Beobachtungen, Ermittelungen an allen PlStzen der Welt. Salzliaus 6, X. Telephon 4359. 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