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Neue jüdische Presse · 1908-09-11 · Heft 36 (11.9.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 36 (11.9.1908)
Date
1908-09-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr- 36 Frankfurter FsraelitiMeS FamilienLlsit. Leite 3. lim die schroffe Durchbrechung der Gepflogenheiten der wissenschaftlichen Körperschaften, die auch in den vom Antisemitismus am lebhaftesten dnrchtobten Zeiten und Ländern einen neutralen Boden darstelltcn, ans dem alle wissenschaftlichen Arbeiter Platz fanden. In.dem von Vorurteilen diktierten Verlassen eines in der Wissenschaft sonst hochgehaltencn Prinzips erblicke ich eine große Gefahr für das Gedeihen des Vereins selbst." Bemerkenswert ist, daß der Berichterstatter über die Darmstädter Versammlung in derselben Nummer der Zeitschrift schreibt: „. . . Nur so darf es erklärt werden, wenn verdiente Mitarbeiter auf dem Gebiete der Schulgesundheitspflege ans rassenpsychologischen Gründen (!) an die Wand gedrückt und hinsichtlich praktischer Mitarbeit kalt gestellt werden." Hannover. Mancher jüdischer Vater würde seinen Sohn gern der Landwirtschaft zuführen, wagt aber diesen Schritt nicht, weil er keine geeignete Lehrstelle auszumitteln vermag. Sind doch die antisemitischen Vorurteile in der agrarischen Bevölkerung besonders stark. Die A l e x a n d e r und Fanny Simon' sche Stiftung in Hannover kennt eine Anzahl landwirtschaftlicher Betriebe, insbesondere in Süddentschland, wo jüdische junge Leute gut untergebracht werden und Tüchtiges lernen können. Handelt es sich um junge Leute, die zur Landwirtschaft be s o n d e r s befähigt sind, so ist die Stiftung auch in der Lage, einen Zuschuß zur Ausbildung beitragen zu können. Von dem Ankauf eines eigenen Lehrgntes hat die Stiftung zunächst abgesehen, einmal, weil landwirtschaftliche individuelle Bernfserziehung immer besser ist, als Anstaltserziehung — anders wie bei der Gärtnerei — und dann, weil cs nur für solche, die später in der Lage 'sind, sich ein großes Gut zuzulegen oder zu pachten, Zweck hat, in einem landwirtschaftlichen Großbetriebe ausgebildet zu werden. Ein kleinerer gutgeleiteter Betrieb verdient in jedem Falle den Vorzug, weil hier der junge Mann besser alle Arbeiten kennen lernt und leichter dazu kömmt, mit eigener Verantwortung in jedem Augenblick selbständig handeln zu können. Ist erst ein tüchtiger Stamm junger ausgebildeter Landwirte vorhanden, so ist die Stiftung leicht in der Lage, allen, die dazu geeignet sind, zur Sclbständigmachung unter aussichtsreichen Verhältnissen zu verhelfen. Bewerbungen von solchen jungen Leuten, die sich nur darum zur Landwirtschaft melden, weil sie für einen anderen Beruf nichts taugen, sind zwecklos. Da die Stiftung sich bis zu einem gewissen Grade für den Erfolg der Ausbildung mit verantwortlich fühlt, können nur körperlich taugliche und geistig gut entwickelte Petenten mit einwandsfreien Führungszeugnissen berücksichtigt werden. Erwünscht ist der Nachweis einiger Mittel für die Gegenwart oder die Zukunft. Alle Anfragen werden umgehend erledigt, durch das Büro der Alexander und Fanny Simon'schen Stiftung, Hannover, Hansahaus, Aegidientorplatz. Hamburg. Nach einem Referat des Justizrat Breslauer- Berlin wurde hier eine Ortsgruppe der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland gegründet und die Herren Dr. Tentler, Fraustädter und Magnus als Vorstand der Ortsgruppe gewählt. Jnstizrat Breslauer führte in seinem Referate aus: Die Liberalen wollen nicht die alten Vorschriften und Gebräuche abschaffen: sie verlangen nur, datz diejenigen, die auf Grund wissenschaftlicher Prüfung zu der Ueberzeugung gelangt sind, daß der eine oder andere Brauch veraltet, nicht mehr zeitgemäß ist, und ihn deshalb nicht mehr befolgen, trotzdem weiter als gute Juden gelten können. Die liberale Vereinigung beabsichtigt u. a.^ für die Jugend einen geeigneten, zeitgemäßen Religionsunterricht zu schaffen und die Frauen, die heute hinter einem Gitter in den Synagogen abgeschlossen sitzen, den Männern gleichznstcllen. In hervorragender Weise dürfte die Vereinigung geeignet sein, solche Glaubensgenossen, die infolge Nichtbeachtung der religiösen Gebräuche mit dem Judentum nur noch in losem Zusammenhänge stehen, voni Abfall fernznhalten, indem sic ihnen zu der lleberzeugnng verhelfe, daß sie, wenn sie nur den Willen zum Judentum haben, auch noch als gute Inden angesehen werden. Charlottenburg. Am vergangenen Sonntag wurde die durch den verewigten Dr. I sä d o r B l n m errichtete neue Synagoge e i n g e w e i h t. Dr. Blum, der viele Jahre, unter Dreingabe seines eigenen Vermögens, seiner ganzen geistigen Kraft und schließlich seiner Gesundheit die Errichtung des Gotteshauses betrieb, ist nur wenige Wochen vor der Vollendung seines Lebenswerks jäh verschieden. Seine Witwe hat nun in den letzten drei Wochen das Werk ihres Gatten zu Ende geführt. Kurz nach vier Uhr begann die überaus eindrucksvolle Feier, die der erste Vorstand der neuen Synagoge, Herr Dr. A r t h u r K a h n, vor der noch geschlossenen Pforte mit einer Ansprache an die offiziellen und die zahlreichen Ehrengäste und Behörden eröffnete, nachdem eine Schülerin.mit einem Gedicht die Gäste angesprochen hatte. Dr. Kahn wies darauf hin, daß während in den zahlreichen Pracht- und Monumentalbauten, durch die sich die herrlich emporblühende Stadt auszeichnet, für die Kunst, die Wissenschaft, Belehrung und Rechtspflege errichtet worden, überall. sich dem Beschauer Pflegstätten einer hohen geistigen Kultur und reicher, verfeinerter Lebensgenüsse bemerklich machen, sei hier in einem Garten, abseits des Hastens und Treibens der Großstadt ein kleinerer Bau entstanden, der nichtsdestoweniger eine ebenso hohe Bedeutung und einen unentbehrlichen Zweck für das menschliche Gemüt hat. Wie anziehend auch die Bilder seien, die sich auf Straßen und den Plätzen der Großstadt entwickeln, cs kommen für jeden Menschen Stunden, in denen er sich nach einer stillen Stätte sehnt. Das Schicksal wirft seine Würfel und ernste Zeiten kommen, wo nicht der geistige Genuß mehr befriedigt, sondern das betrübte Herz Trost, das gebeugte Gemüt innere Erhebung, die verzweifelte Seele nach Hoffnung ringe. Da solle dieses Haus den vom Lebenslcid Getroffenen eine Zufluchtstätte werden. Aber nicht nur eine Stätte des Trostes, sondern auch der Erbauung der im Glücke Jauchzenden; eine Stätte, in der die Versittlichung durch die Macht des Glaubens und der Religion durch das ewig lebendige Wort der Thora gepflegt werde. Ganz besonders betonte der Redner, daß eine Religion, die ihre sittliche Kraft erhalten wolle, auch, die weiteste Duldung gegen andere Konfessionen üben müsse. So übergebe er den Schlüssel zur Eröffnung mit dem Wunsche, daß das neue Gotteshaus eine Stätte des Friedens, der Nächstenliebe, der Andacht und Erhebung werde. Herr Rabb. Dr. Cohn, der das ewige Licht anzündete, hob in sinniger Weise hervor, welche große Bedeutung das Licht in Israel zu allen Zeiten und bei allen Anlässen habe. Der Einzug der Geladenen unter Führung des Vorstandes zu den Ehrensitzen, der Umzug mit den Thorarollen machte einen tiefen Eindruck, der noch verstärkt wurde, durch den wirkungsvollen Gesang eines vorzüglichen Männerchors. Ein von Herrn R i ch. Cohn gesprochener Prolog und das Schlnßgedicht eines Schülers, in denen auch des Heimgegangenen Gründers der Synagoge noch gedacht wurden, gingen der Festpredigt des Herrn Dr. Hildesheimer voraus. Diese Predigt meisterhaft durchdacht, klang ans in dem Wunsche, daß das reine Gotteswort alle Zeiten hindurch in dem neuen Gotteshaus die Andächtigen erfüllen möge. Ein machtvoll klingendes Hallelujah schloß die erhebende Feier. Die neue Synagoge umfaßt 800 Sitze, die nötigenfalls noch vermehrt werden können, liegt in einem schönen Garten und macht einen vorzüglichen Eindruck auf den Beschauer. Bielefeld. Das Schächtverbot in hiesiger Stabt war am 25. August Gegenstand einer Verhandlung des Schöffengerichts daselbst. Die Flcischermeister hatten ohne Rücksicht auf das polizeiliche Verbot durch den geprüften Schächter die Schlachtung nach jüdischem Ritus fortsehen lassen. Die prinzipielle Seite der Sache, nämlich die Frage, ob gegenüber den Anordnungen der Ministerialinstanz ein polizeiliches Verbot für einzelne Landesteile giltig erlassen werden kann, kam nicht zur Entscheidung. Das Schöffengericht stellte nämlich fest, haß die polizeiliche Verordnung nicht ordnungsmäßig bekannt gemacht war und gelangte deshalb zur Freisprechung. Stratzburg, 9. September. Heute früh wurde das von der Gesellschaft für die Geschichte der Israeliten in Elsaß-Lothringen gegründete I ü d i s ch e M u s e u m in Gegenwart des Uickerstaatssekretärs Dr. Petri mit einem Festakt eröffnet. Der Direktor des Jüd. Museums, Herr Ch. L c v y, begrüßte die Erschienenen und ging auf Entstehung, Zweck und Ziele des Museums näher ein, das besonders einen Ueberblick über jüdische kultnr- und religionsgeschichtliche Gegenstände geben soll. Im Namen des Elsässischen Museums sprach darauf Direktor D o l l i n g e r. Und dann fand die Besichtigung statt. Oesterreich-Ungaru. Wien. In „Bloch's Oesterr. Wochenschr." lesen wir über die Lage der jüdischen Ae rz te in O estre i ch: „Die von den Behörden geduldete Hetze hat einen wahren Haß der Bevölkerung gegen ihn hcrvorgerufen, er kann es kaum wagen, sich in einen jener kleinen Orte hineinzusetzen, wo der Klcrikalismus absoluter Herrscher ist. Manche haben cs dennoch getan, und von ihnen haben die meisten ein wahres Märtyrertum durchgemacht, bis sie endlich im Taufbecken Hilfe fanden. Selbstverständlich drängen sich bei dieser Sachlage die jüdischen Aerzte in den größeren Städten zusammen, und machen einander durch die Konkurrenz das Leben schwer." Wien. Der Kn'tusvorstand hat für die voraussichtlich am 15. Nov. stattfindenden Kultuswahlen zum ersten Male von 8 2 der Statuten Gebrauch gemacht, wonach die Wähler, die für das laufende Jahr die K u l t u s st e n e r n i ch t v o r d e n Wahlen bezahlen, ihr Wahlrecht verlieren. Der Kultusvorstand beweist damit, daß er sich bewußt ist, nicht mehr das Vertrauen der breiten Masse zu besitzen. Wie kann das auch anders sein? — haben doch die Austritte aus der Wiener KultuSgemeiude — alias Taufen — im laufenden Jahre bereits die Zahl von 400 überschritten! Ledenburg. Im hiesigen Gefängnisse schmachtet seit 4 Monaten ein aus Kiew in Rußland gebürtiger Jude Namens Josef Strasnik, den die Grenzpolizei als „Fremder ohne Papiere" aufgrisf. D e r Ä n t i s e m i t i s m u s d c r u n g a r i s ch e n Grenzpolizei erfährt durch diese unglaubliche Handlungsweise wieder eine "grelle Beleuchtung, — aber was schadets ihr? Die ungar. Inden bleiben doch die besten Magyaren: man darf sie soviel treten, wie man will, und die liberalen Christen Ungarns wollen sich durch Eintreten für Inden nicht unpopulär machen. Bad Pistyan < Ungarn). Badebrief. .Erez Jisrael", sagt die hl. Schrift, „ist ein Land, in dem cs dir an nichts gebricht." Ob da die Thora auch an Kurplätze, die unserem Geschlechts unentbehrlich geworden sind, dachte? Jedenfalls fehlt es dein hl. Lande auch an Heilquellen nicht. Wer hat nicht schon von den Quellen zu Tiberias gehört? Schwefelhaltig, mit einer Wärme von 62° C., stehen sie den berühmten Pistyaner Quellen nicht nach. Ständen sie in jüdischem Besitze, wären sie auch schon längst mit Anlagen, bequemem Badehaus und Wohnungen versehen. Am linken Ufer des Sees von Tiberias gelegen, um dessen willen allein die Fremden, Touristen wie Pilger, die heute nnbcdeutende Stadt aiifsnchen, und über welchem westlich der Ausläufer des Thabor sich erhebt, kann sich mit der Lage unserer Quellen kaum ein zweiter Ort messen. Hoffentlich ist die Zeit nicht mehr fern, daß wir auch in Erez Jisrael einen Kurort mit allen modernen Anforderungen besitzen werden. Was namentlich aber Pistyan so berühmt macht, das verdankt es zweifellos seinen Schlammbädern, die, wie das sog. Krücken-Museum beweist, wirklich wundertätig wirken. Leute, die auf Krücken Herkommen, ziehen genesen Heini, ihre überflüssig gewordenen Stützen als stumme Zeugen ihres einstigen Wehs und Leids zurücklassend. Pistyan wird von Leidenden aus aller Herren Länder ausgesucht. Das Badepnblikum ist allezeit ein buntes. Zionisten habe ich unter allen Badegästen bloß zwei gefunden. Herr C. Zucker aus Lublin, ein Jehndi im wahren Sinne des Wortes, gedenkt, demnächst nach Palästina zu übersiedeln und als Rentner dort zu leben. Herr M. aus Wien ist ein feuriger Zionist, aber sehr radikal in seiner Denkweise. Auch mehrere ungarische Rabbiner lernte ich kennen. Zwei derselben sprachen im hiesigen Jugendvcrein, dem zu diesem Zwecke die Aula der Schule zur Verfügung gestellt wurde. Letzten Sonnabend sprach Schreiber dieses über „Palästina". — Pistyan hat eine wunderbare Lage. Es liegt im berühmten Waagtale, am linken Ufer dieses geschmeidigen Flusses, mit dem Ausblick nach den kleinen Karpathen im N.-W. und dein kleinen Tatra im N.-O. Der schöne und gutgepflegte Kurpark umfaßt ein Terrain von hundert Hektar. Eigentum des Grafen Erdödy, steht das Bad samt Hotels, Villen und Kurpark seit 1800 in Pacht bei der Firma Alexander Winter und Söhne und hat seitdem mehrere fürstliche Persönlichkeiten beherbergt. Diesen Sommer war u. a. der ungarische Handelsminister Franz Kossuth hier Kurgast. Das Bad, dessen Heilkraft schon Aerzte des 15. und 16. Jahrhunderts rühmlichst anerkannt haben, dürfte einer großen Zukunft entgegengehen. H. Rußland. Petersburg. Der berüchtigte antisemitische Agitator K r n s ch c w a n, einer der Hanptbegründer der Pogrom-Aera in Rußland, der bereits vor fünf Jahren in Kischinew seine traurige Rolle gespielt hat und jetzt einer der wildesten Apostel des „Verbandes der echt-russischen Leute" ist, hat seine publizistische Tätigkeit aufgegeben, um dafür eine Stellung i m russischen P o l i z e i d i e n st anzunehmen. Die Ruskoje Snamja wird also einen ihrer besten Mitarbeiter verlieren, aber dafür wird der „Verband der echt-russischen Leute" einen umso einflußreicheren Protektor haben. Winize (Podolienl. Die Mehrzahl unserer 40,000 Einwohner zählenden Stadt besteht ans Juden. Vor einigen Jahren hinterließ ein hiesiger Jude eine große Summe für die Errichtung einer Realschule. Die Schule ist inzwischen errichtet worden; wer aber glaubt, daß diese Schule unbeschränkt jüdische Kinder annehmcn würde, der irrt sich. Bon 70 jüdischen Kindern, die sich in dieser mit jüdischem Gclde errichteten und erhaltenen Schule zum Eintritt meldeten, wurden diesmal nur 7 angenommen. Dem Examen als Externe unterzogen sich im letzten Frühjahr in der Anstalt etwa 20 jüdische junge Leute; aber nur drei ließen die Lehrer, die meist treue Mitglieder des Verbandes der echt-russischen Leute sind, bestehen; zwei der jungen Leute nahmen sich nach dem Examen das Leben.

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