Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 36 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Geile 2. Nr. 36 kein Judentum für die Phantasie gibt, da auch ■ Materialismus und Judentum Gegensätze sind und meine orthodoxen Fremide auch keine Materialisten sind, — so — so sind sie eben' auf dem Holzweg — aus dem Weg -nach China. — Reinccke, der Neovitalist, Hat «ne» Leib nitzscheu Gedanken erneuert, hat die Dominantcnlchre eingeführt und nimmt mehrere Schöpfungstagc an. Zeugt Reinccke etwas für das Judentum? Ebensoviel wie er ftir das Christentum und den Islam zeugt. Also was hat Rcinecke mit dem Judentum gemein? Kann er das spezielle Judentum beweisen, kami es überhaupt bewiesen werden — bedarf es eines Beweises? Weder kann Häckel gegen noch kann Reinecke für das Judentum zeugen, denn für den echten Vollblutjuden bedarf das Judentum keines Beweises. Das Judentum Ivird auch dann nicht aufhören zu existieren, wenn mit mathematischer Sicherheit dargelegt wird, daß die polygcnetischen Lehren Häckels gleich mathematischen Axiomen unwiderleglich sind. Hat das Judentum deswegen von seiner Kraft und von seinem Bestand eingebüßt, weil die Wissenschaft, die mathematischphysikalisch-astronomische, Kopennkus und nicht Ptolemäus recht gab? — Es dürfte auch interessant sein, zu erfahren, daß jüdischerseits keine Zeile gegen Kopernikus verfaßt wurde. Allein das Verhältnis des Judentums zu der Wissenschaft schlechthin geht uns hier nichts an, weil sie schlechthin gar kein Verhältnis haben — uns ist es nur darum zu tun, festgcstellt zu haben, daß es gläubige Juden gibt, die in ihrem Glaubenseifer vermeinen, ihren Glauben anderen beweisen zu können. Die Scholastiker des 13. Jahrhunderts wollten auch dasselbe Kunststück fertig bringen. Aber die Religion ist etwas Spezisisches, wie die Dichtung etwas Individuelles ist, — und beweisen kann man nur das Allgemeine, nicht aber das Spezifische und Individuelle. Aus diesem Grunde kann Reinccke nie für das Judentum zeugen, Kurt Laßwitz und Eucken höchstens für den Glauben schlechthin. Oder sie wollen nicht beweisen, sondern so aus praktischen Gesichtspunkten Häckel entgegcntreten — weil? Gott weiß, warum.-Wegen Häckels „Wclträtsel" hat sich noch niemand getauft und wegen ihrer ist noch niemand ungläubig geworden — denn wie man keinen Glauben beweisen kann, so kann man auch keinen Glauben durch Beweise erschüttern — also wozu Häckel? Anis tisns! — es, hat schon seinen zureichenden Grund! — „Wir sind zwar orthodoxe Juden, ftommc, strenggläubige Juden, aber niit der Zeit und ihren Strömungen können wir doch mit, wir sind zwar orthodox, aber nicht abergläubisch und altnwdisch. Was wir tun, was wir beginnen, können wir wissenschaftlich beweisen. Ihr sagt: Häckel? Aber noch lebt uaser Reineckc, und Reinecke gibt doch drei Schöpsungstagc zu, Ihr sagt Bölschc, und wir antworten Eucken. Aber mit einem Worte, wir sind Vollbürger unseres „luftigen" Jahrhunderts." In der Hitze des Gefechtes haben meine orthodoxen Freunde vergessen, daß erstens das Judentum den Begriff „orthodox" nicht kennt, ja daß Orthodoxie ein unjüdischer Begriff ist, weil er alles Nichtorthodoxe verneint, daß zweitens das Judentum mehr als cm Komplex theologischer Interessen ist mid als Konfession nicht orthodox umfabriziert werden kann und daß schließlich ihre Wut gegen die Liberalen unberechtigt ist, denn sie machen cs gerade so. Entweder ist das Judentum eine Weltanschauung, ein spezielles Kulturbewußtsein und dann braucht und kann es nicht bewiesen werden, oder das Judentum ist eine Konfession (und orthodox deutet auf das Konfessionelle hin), und es bedarf dringend des Beweises — denn das Judentum als Konfession ist absolut falsch, — die Wahrheit und das Wahre bedürfen nicht des Beweises. — Eine Wahrheit wird entdeckt, braucht aber nicht bewiesen zu werden, sobald sie in einer dem Menschen sichtbaren Weffe sich offenbart. Frankfurt« FfraEWK Farnilknblakt. Wäre die süddeutsche jüdische Orthodoxie die Wahrheit aus dem Grunde des Judentums, dann iväre die Bcweistuerci nicht nötig, dann würden zumindest alle konservativen Elemente im Judentum aus Seiten der Orthodoxie stehen. Aber die Tatsache, daß die Orthodoxie in ihrer heutigen Gestalt so vielen Widerspruch — gerade in konservativ - jüdischen Kreisen — hervorruft, zeugt schon dafür, daß die Orthodoxie keine Selbstverständlichkeit des Judentums ist. „Jede Bestinimung ist eine Verneinung", und auch die Orthodoxie gehört zu jenen scharfen Bestimmungen, die eine Verneinung betonen. Orthodox wird da mit „jüdisch schlechthin" identifiziert und alles Nichtorthodoxe — (bei der Absolutheit orthodoxer Aspirationen?) ist nicht jüdisch. Das ist die letzte Konsequenz dieses Ultraradikalismus. Die Wahrheit dieses Ultraradikalismus muß bewiesen werden, denn wir haben sic wed er aus historischer Erfahrung noch aus innerer Anschauung. Das Gegenteil der orthodoxen Einsicht. haben wir aus historischer Erfahrung und innerer Anschauung. Der abstrakte, der religiöse und metaphysische Einheitsgcdanke im Judentum wird illusorisch im Moment, wo die jüdische Volkseinheit durchbrochen wird. — Der eine Gott steht nicht nur der einen Menschheit, sondern auch dem einen Volke, dem einen, geeinten Volke gegenüber-. Aus diesem Grunde ist jede jüdische Einsicht, in unserem Falle die Einsicht einer jüdischen Orthodoxie, die geneigt ist, eine elementare Idee des Judentums aufzuheben, falsch — — und muß daher erst bewiesen werden. Im besten Falle ist die Orthodoxie eine antinomischc Einsicht. Hier verweise ich meine orthodoxen Freunde ans die Antinominlehrc in der Vernunftkritik. Wären wir nur eine Glaubensgemeinschaft, wie cs die Orthodoxie beweisen will (rricht einmal beweisen kann sie cs, so falsch ist die Annahme), dann wäre die Antihäckeljade — wenn auch methodologisch falsch — doch sachlich vielleicht gerechtfertigt. Sich' Kepplerbund' — er känrpft auch gegen Häckel, aber im Namen einer Glaubensgemeinschaft! Aber. jeder orthodoxe Jude wird sich dafür bedanken, mit einem Kepplerbündler identifiziert zu werden, obgleich der Kepplcrbündler auch Reinecke gegen Häckel ausspielt. Meine orthodoxen Freunde haben kaum die Absicht, mit Herrn Dr. Dennert die Aufgabe zu teilen. — — Ist die Orthodoxie kein Kepplerbund, so ist ihre Antihäckeljade mit allem, was drum und dran ist, doppelt falsch, erkcnntnistheoretisch und sachlich — aber dieser falsche Schritt ist nur aus einer falschen Beugung zu erklären. Wären nicht die orthodoxen Führer von der irrigen Voraussetzung einer lediglich jüdischen Glaubensgemeinschaft ausgegangen, dann hätten sie den Niedergang des Judentums in Deutschland aus anderen kulturgeschichtlichen Prozessen erkannt als aus dem (wie lächerlich!) — Einflüsse Häckels, — dann wären sie auch nicht zu Keppleröündlern hcrabgesunken, dann hätten sic auch nicht zu beweisen gebraucht, sondern nur zu arbeiten und entgcgcnzuarbeitcn. Die irrige Voraussetzung der Orthodoxie trübt nicht nur den philosophischen Blick ihrer Führer (Wahrheiten des Geistes wollen sie beweisen aus Wahrheiten oder Pseudowahrheiten der biologischen Natur), sondern engt auch ihre historische Einsicht ein; — und es ist traurig, ja tragisch, daß diese Einsicht — von einer irrigen Voraussetzung eingeengt — zu denselben Konsequenzen führt, wie die Einsicht ihrer Antipoden. — Beide degradieren das Judentum zu einer Konfession, aus diesem Grunde müssen beide beweisen (das ist schon unwürdig), undbeide negieren die älteste jüdische Tradition, den ersten, ’ unerschütterlichen Grundbestandteil des Judentums: ' die jüdische Volkseinheit. Aber wenn man auf dem Weg - nach China ist. — —- Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Im August-September-Hest von »Ost und West", dem Organ der Deutsche» Konferenz- Gemeinschaft der „Alliance Jsraelite Universelle", wird mitgeteilt, daß Herr Nahoum — es ist das der Herr, mit dem als Chacham-Baschi-Stellvertreter jetzt die türkischen Juden beglückt worden sind — von der im Austrage der „Alliance Jsraelite Universelle" unternommenen Falascha-Expedition zurückgekehrt ist und entgegen den Berichten des Dr. Faitlowitsch und anderer Reisender die Zahl der Falaschas nicht auf 100,000 Seelen, sondern aus höchstens.700 Familien schätzt. Auch habe Herr Nahoum nichts von einer traurigen wirtschaftlichen Lage der Falaschas, sowie auch nichts von einer Sehnsucht derselben nach ihren Glaubensgenossen bemerkt. : Dem gegenüber muß konstatiert werden, das; Dr. F. nahezu 16 Monate in Abessinien gelebt hat, während die Reise Nahoum's einschließlich der Hin- und Rückfahrt kaum 8 Monate dauerte, sowie, daß Dr. F. die Sprache der Falaschas versteht und Nahoum. nicht. Dr. F's. Berichte stehen ferner im Einklang mit den Mitteilungen Professors Joseph Halevi-Paris und des deutschen Gesandten v. Rosen. Der allmächtige Leiter der Alliance, ihr Sekretär Pikart, hat aber nie etwas von einer Rettung der Falaschas für das Judentum wissen wollen, — und daß sich die Alliance jetzt endlich zu einer Expedition entschloß, war nur dem Druck der öffentlichen Meinung zu verdanken, die von Oberrabbincr Dr. Margulies-Florenz und dem augenblicklich wieder in Abessinien befindlichen Dr. Faitlowitsch ausgerüttelt worben war. Berlin. Der letzten Nummer der »Zeitschr. für Demographie und Statistik der Juden" entnehmen wir folgende statistische Zahlen: Im Jahre 1905/06 kamen an den preußischen Universitäten auf je 10,000 männliche Bewohner des betreffenden Bekenntnisses 8,31 evangelische, 7,38 katholische und 58,73 jüdische Studenten. Diese Zahlen zeigen den außerordentlich großen Anteil, den die Juden am Universitätsstudium haben. In Frankfurt a. M. waren 1906 unter den 4470 Schülern der höheren Schulen 623 Juden. — Die Israel. Gemeinde in Frankfurt a. Main hatte 1906/07 8ll5 Beitrag zahlende Mitglieder, die Israel. Religionsgesellschaft in Frankfurt a. M. deren 931. EmS. Vor einigen Wochen wurde in den Gemeinden des ehemaligen Herzogtums Nassau ein längst vergessenes Gesetz neu bekannt gegeben, nach dem die Gemeindevorsteher auf Lebenszeit zu genehmigen sind. Auf Veranlassung der Bezirksrabbinate und Vorstellung vieler Gemeindemitglieber wurde dann kurz darauf die betreffende Verordnung seitens der kgl. Regierung rückgängig gemacht. — Früher als sonst geht in diesem Jahre die Badesaison zu Ende. Trotzdem heuer die hohen Feiertage spät fallen, weisen die hiesigen jüdischen Hotels eine auffallende Leere auf. Am Anfang der Saison gab man der schlechten wirtschaftlichen Lage die Schuld, zuletzt dem anhaltenden Regenwetter, dasauch noch einen großen Teil der Zurückgebliebenen aus der „Perle der deutschen Bäder" vertrieb. Mannheim. Ja der „Zeitschrift für Schulgcsundheits-Pflege" veröffentlicht Dr. med. Julius Moses in Mannheim „ein Nachwort zur Darmstädter Versammlung des Deutschen Vereins für Schulgesundheitspflege" und teilt darin mit, daß das ihm erst in Aussicht gestellte medizinische Referat über die Mädchenschulhygiene Herrn Prof. Dr. Schmidt in Bonn mit der unzutreffenden Begründung erteilt worden sei, daß dieser die Frage zuerst angeregt habe. In Darmstadt habe ihm der Vorsitzende des Deutschen Vereins für Schulgesunbheitspflege aber offen erklärt, er habe sich unter Hinweis auf seinen in Baden unter allseitigem Beifall gehaltenen Vortrag für ihn eingesetzt, der Vorstand habe ihn aber wegen seines alttestamentarischen Namens abgelehnt. Es sei in jener Sitzung erklärt worden, daß, wenn Moses Name als Referent auf der Tagesordnung stünde, das preußische Ministerium sich auf keinen Fall in Darmstadt vertreten lassen würde. Dr. Moses-Mannheim schreibt: „Das Vorgehen des Vereinsvorstandes zielt darauf hinaus, die Mitglieder, die gleich mir mit der ohnehin nicht leicht zu tragenden Bürde eines alttestamentarischen Namens belastet sind, zu Mitgliedern zweiter. Klasse zu degradieren und ohne Rücksicht auf ihre sonstigen Qualitäten von der aktiven Beteiligung im Vereine auszuschließen. Die Rechtloserklärung einer Gruppe von Mitgliedern, denen man nichts vorwersen kann als ihren Namen, hat mit dem politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Antisemitismus nichts zu tun. Es handelt sich vielmehr