Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 36 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Subita. 14 Rabbiner und Kronrabbiner des hiesigen Gouvernements hielten.hier hinter verschlossenen Türen eine Versammlung ab, von der .nur folgende Depesche an den Premierminister in die Oeffentlichkeit gelangt ist: „Die Versammlung der Rabbiner des Lubliner Gouvernements bittet, zu den Füßen Sc. Kaiserl. Majestät den Ausdruckihrernntertänigsten Gefühle der Ergebenheit und Treue für Thron und Vaterland niederzulegen." Inzwischen setzt Se. Majestät die Begnadigung der Pogromhelden fort. — Und zu diesen ihren Führern soll das jüdische Volk Vertrauen haben! MiuSk. Die hiesige jüd. Handwe, kerschule ist mit behördlicher Erlaubnis in eine 4klassigeHandwerksschule mit elektrotechnischer Abteilung umgewandelt worden. G J'Cttillefon. © Aufrichtige Reue. . Erzählung von Samuel Gordon. Frei übersetzt von M. Pulvermann. (Fortsetzung.) Gedaljeh und seine Flasche war jetzt eine ständige Einrichtung in Arjeh's Haushalt; er verkürzte sein Tagewerk immer mehr, um ja nur recht früh nach Hause zu kommen. Dementsprechend vergrößerte sich Bertha's Trauer; doch, unterließ sie es, ihren. Manne irgend' welche Vorhaltungen zu machen; sie weinte ihre Tränen in der Stille der Nacht. — Etwa vier Wochen, nachdem der Störenfried sich bei ihnen eingenistet, wurde Bertha krank. Sie war frühmorgens zum Dorfbrunnen gegangen — das Wasserholen und Holzspalten hatte Arjeh schon längst ihr überlassen —, um sich niit der Axt eine» Weg durch das Eis zu bahucn, das sich in der Nacht um den Brunnen gebildet. Der grimmige Frost war seit Tagen beschäftigt gewesen, dieses Dorf-Monument mit allerlei phantastischen Blumen und Verzierungen zu schmücken, wie sie kein Künstler schöner und ausdrucksvoller herzustellen vermochte; und da er sah, daß Bertha jetzt sein Werk zerstören wollte, wurde er ganz grinimig und berührte ihre Brust mit seinen eisstarren Fingern — zwar ganz leicht, doch immerhin genug, um ihr das Mark in den Gebeinen erfrieren zu lassen und sic mit einem starken Schüttelfrost an das Bett zu fesseln. Arjeh war sehr aufmerksam zu ihr; brachte ihr heißen Tee und heiße Umschläge und saß auch bei ihr, bis — Gedaljeh mit der Flasche kam. Das Schlafzimmerchen, in welchem sic lag, war durch eine dünne Bretterwand von der großen Stube getrennt, so daß die Kranke alles deutlich hören konnte, was dort vorging. Sie hörte, wie die Männer sich leise unterhielten, hin und wieder aber vernahm sie auch ein Geräusch, das sie vor Schreck auffahre« ließ, — es war das entsetzliche „Swisch, swisch", wenn Spielkarten gemischt werden. Bis jetzt war Arjeh nicht dreist genug gewesen, ihre reinen Augen durch diesen häßlichen Anblick zu besudeln; er wußte ja, daß sie das Kartenspielen wie den Tod haßte; jetzt aber war sie nicht mehr im Wege, und er brauchte sich darum keinen Zwang aufzuerlegen. Sie strengte ihr Gehör besonders an, um sich zu vergewissern, welches Spiel es war, und zu ihrem größten Leidwesen erkannte sie bald, daß es nicht das harmlose „Franzefuß" oder „Klabberjaß", sondern das höllische, pestartige, ruinierende „Okka" war! — Von all den tausenderlei Kombinationen, die aus diesen bunten, glatten Blättchen hxrgestellt werden, um der Sünde und deni Laster Tür und Tor weit zu öffnen, ist „Okka" unzweifelhaft das ureigenste Machwerk des Teufels, sicherlich sein geliätes Schoßkind, das ihm schon unzählige verzweifelte Seelen in dem Höllenpfuhl zugcführt hat! Mehr als jedes andere Spiel vereinigt es List und Zufall in sich und ist oft und oft schon das Grabscheit gewesen, das dein Frieden und dem Wohlstand des Hauses das Grab schaufelte. Es werden nur vierundzwanzig Karlen, von der „Neun" aufwärts verwendet; jeder Spieler erhält nur vier Stück: zwei offen undzwei verdeckt; daun aber heißt es, all deinen Mutterwitz, all deine Schlauheit, all deine Energie und all deine Kaltblütigkeit zusammcnnehmen, die nur irgendwo in deinem Gehirn vorhanden sind, um ungeschoren, mit heiler Haut davon zu kommen; — denn mag der Zufall es noch so gut mit dir meinen und dir die besten Chancen in die Hand geben, so vermag dein Gegner, wenn er ein raffinierter Spieler ist, durch seine Bewegungen, durch sein Mienenspiel und durch seine immer höhern Geldcinsätze dich so einzuschüchtern und zu verblüffen, daß du schließlich an den sichersten Sieg zweifelst, den Kampf als aussichtslos aufgibst, um sofort zu erfahren, daß du dich hast übertölpeln lassen. Es war Bertha wohlbekannt, daß Gedaljeh ein geriebener und gerissener Spieler war, daß alle seine Mitspieler gegen seine Frechheit nicht auf- Frankfurter JsraeMWeS FamilienblaÜ. kommen konnten und jedesmal Haare lassen mußten; umsomehr mußte sic sich wundern, als sie gegen Mitternacht ihren Mann sagen hörte: „Gedaljeh, morgen mußt Du Dich mehr zusammcnnehweu, denn ich habe Dir fast zwei Rubel abgewonncN!" — Als Arjeh bald darauf auf den Fußspitzen in das Schlafzimmer geschlichen kam, uuterdrückte sie ihre Angst und ihre Tränen und stellte sich schlafend, um ihn nicht durch ihr Wissen zu beschäme». * So ging es jeden Abend, bis Bertha wieder das Bett verlassen konnte; dann aber geschah das in Wirklichkeit, was sic während ihrer Krankheit nur geahnt und gefürchtet. Um der Verlegenheit ihrer Gegenwart zu entgehen, wurde die Spielhölle jetzt nach Gedaljch's Wohnung, verlegt, wo sie sich keinerlei Zwang aufzuerlegen brauchten. Arjeh kam jetzt täglich schon um die Mittagszeit nach Hause, um unwirsch den Sack mit Waren hinzuwerfen und nach einer hastig verschlungenen Mahlzeit zu Gedaljeh hinzueilen. Auch jetzt ließ Bertha keine Bemerkung über sein Treiben fallen; sie war viel zu sanft und ergeben, um sich in Streit und Zank einzulassen, und viel zu stolz, um eine Liebe zu erbetteln, die ihr nicht freiwillig cntgegengebracht wurde. Ihre einzige Hoffnung war, daß Gedaljeh schließlich doch seine Geschäfte erledigen und dann abreisen werde. Zu dieser Hoffnung glaubte sie sich um so mehr berechtigt, als Gedaljeh in den letzten Tagen kein Wort mehr von Geschäften sprach/ die ganze Zeit nur müßig im Dorfe herumlungerte, um sich dann die Abende mit Arjeh in seiner Wohnung einzuschlicßeu. Doch sie täuschte sich, und wenn ihr der Zweck seines Hierseins noch immer nicht klar war, sollte sic cs bald erfahren. Eines Tages, als sie wieder allein war, sah sie Gedaljeh, in seiner unverschämt nachlässigen Weise ihr Zimmer betreten. Er hatte sich lange nicht blicken lassen, und auch sonst, wenn er mit Bertha zusammmcntraf, wurde kein Wort zlvischcn ihnen gewechselt; um so mehr überraschte es sie, ihn jetzt kommen zu sehen. Er aber beachtete ihren fragenden Blick gar nicht und sprach lächelnd: „Du fühlst Dich wohl etwas einsam, den ganzen Tag über so allein zu bleiben; — ich will Dir daher ein bischen Gesellschaft leisten, obwohl Du meine gute Absicht nicht anzuerkennen scheinst." Das Spöttische seiner Rede ließ erkenne», daß er sich als Herr der Situation fühlte; er war daher nicht wenig erstaunt und mußte unwillkürlich einen Schritt zurückweichen, als sie sich schnell umwcndetc und ihre flaminenden Blicke aus ihn richtete. „Du hast ja das Deinige redlich, oder besser unredlich dazu beigetragen, daß ich mich vereinsamt fühlen soll," war ihre Antwort, indem sie sich Mühe gab, ruhig zu scheinen; „soll ich Dir etwa dafür noch dankbar sein?" — „Ich sollte Dich einsam gcinacht haben?" rief er mit gut gehcucheltein Erstaunen. „Aber da Du cs sagst, muß es Wohl wahr sein, und ich will nicht mit Dir streiten, da ich Dich nicht erzürnen will. Im Gegenteil! Es ist mir nur unbegreiflich, daß der Manu, um dcssenwillen Du mich ausgeschlagen hast, so wenig sein Glück zu schätzen >veiß!" „Gedaljeh " sprach sie, immer noch, mit äußerer Ruhe, obwohl es in ihrem Innern kochte und ihr das Herz zu zerspringen drohte; „Gedaljeh, höre mich gut an. Es ist Torheit von Dir, mich noch verspotten zu wollen; ich fühle ja gar nichts niehr, was Du auch sagen magst. Mein Herz ist längst tot, alle meine Empfindungen längst abgestorben — und es ist doch kindische Mühe, eine» Körper zu mißhandeln, der bei den Streichen nicht mehr zusammenzuckt! — Doch noch zu einer Warnung reicht meine Kraft: Gehe von dannen, ehe ich Dir fluche! Du weißt doch, der Fluch der Toten geht stets in Erfüllung!" — „Als ob ich nicht durch Dich schon verslucht genug wäre! Auf ein bißchen mehr oder weniger kommt es nicht an," erwiderte er leichtfertig wie vorhin; „ich spiele, ich trinke, ich schmuggle, und jetzt wohnt auch noch der Fluch in mir, daß alte, die mit mir tu Berührung kommen, ebenjalls dem Bösen verfallen sind." — „Du hast recht. Wenigstens für Arjeh bist Du zum Fluch, zum bösen Verdammnis getvorden," sprach sie traurig. „Nur durch Dich ist er zu dem geworden, was er jetzt ist. Doch, Gedaljeh, hüte Dich! Am Tage des ewigen Gerichtes werde ich ihn von Dir fordern, wie er ehemals getvesen, und tvehe Dir, wenn Du meine Forderung nicht erfüllen kannst!" Er zuckte bei diesen Worten zusammen, und eine große Veränderung schien mit ihn: vorzugchen. Doch bald trat das cynische Lächeln wieder auf seine Lippen, und ihr einen Schritt näher tretend, ries er leidenschaftlich: „Bertha, warum sprichst Du denn fortwährend von ihm, der Dich wie einen Hund behandelt und dessen Liebe sich schon längst von Dir gewendet! — Bertha," fuhr er zärtlich fort, „willst Du mich noch immer nicht erhören? Siehe, Du kennst meine Liebe für Dich; ich habe sie gut aufbewahrt. Du hast sie einst verschmäht; ich biete sie Dir wieder an; nimni sie hin, und mich dazu. — Komm, laß uns fliehen, und den .Gimpel seinem wohlverdienten Schicksal überlassen! — Ich werde Dich wie eine Nr. 36. Heilige verehren, kein Wunsch soll Dir versagt bleiben! — Ich übernehme es, eine Scheidung von ihm zu erlangen! — Bertha, komm mit mir!" * Sie blickte ihn einen vollen Moment schweigend und durchdringend an; dann aber brach sie in ein Gelächter aus, schneidend und scharf, das wie spitze Krallen seine Seele zerriß und an tausend Stellen verwundete. Mit diesem kreischenden, wahnsinnigen Lachen stürzte sie in das kleine Stübchen und schob den eisernen Riegel vor. Völlig betäubt und zerschmettert blieb er eine Weile sprachlos stehen; endlich trat er zu der Türe, hinter welche sie geflüchtet ivar, und mit einem bösen Blick in den Augen, rief er ihr zu: „Bertha, weißt Du noch, was ich neulich von meinem Prinzip der Rache sprach? Oder hälft Du es etwa für eiue müßige Prahlerei? Ich glaube kaum; denn, wenn irgend einer, so weißt Du es. daß es volle Wahrheit ist, denn Du hast sie nicht nur gehört, sondern durchlebt! — Darum höre: ja, ich habe Deinen tölpelhaften Gatten zu dem gemacht, was er jetzt ist; — er scheint Dir in seiner jetzigen Verfassung nicht sonderlich zu behagen; doch, lasse cs Dir gesagt sein: von nun ab werde ich ihn so verarbeite», daß selbst sein guter Engel ihn nicht wieder erkennen wird, wenn er ihm an der Todespforte noch begegnen sollte! — Bertha, hüte Dich, denn ich halte mein Wort!" * Als Arjeh nach Hause kam, erzählte ihm Bertha schlicht und einfach: „Gedaljeh war hier und hat mich mit Beleidigungen überhäuft, und schließlich hatte er die Frechheit, von mir zu verlangen, daß ich Dich verlassen und sein Weib werden soll!" Arjeh brauste hitzig auf: „Es ist ja der reinste Unsinn, was Du da sprichst! Wie muß cs in Deinem Kopfe ausfehen, wenn Du nicht einmal einen solchen Scherz begreifen kannst! Glaubst Du wirklich, daß er so etwas im Ernst gemeint haben kann? — Wer so seid ihr Frauen; wenn man mit euch nur ein freundlich Wort spricht, denkt ihr schon alles Böse dabei. Ich wenigstens gebe auf eure ganze Weisheit keine drei ausgeblajene Eier. — Jetzt aber beeile Dich mit dem Abendbrot, denn ich habe einen mächtigen Hunger." Das Gewünschte stand bald vor ihm; er aß schweigend, und als er fertig war, ging er zu Gedaljeh. — — Bertha hatte ihrem Versucher keine Unwahrheit gesagt; ihr Herz war in der Tat tot und abgestorben, und cS war nur noch die stille Trauer und die stumme Bcrzweislung in den einsamen Tagen und in den gräßlichen Nächten, die in ihr sortlebteu. Der Dämon des Wahnsinnes und der Hilflosigkeit peitschte sie zuweilen von ihrem Schmerzenslager auf, um wie ein gehetztes und verwundetes Tier Gedaljch's Wohnung zu umschleichen, um wenigstens zu erfahren, was dort getrieben wird. Nach vielen vergeblichen Mühen fand sie schließlich eine Oeffnung in dem Gartenzaun, der es ihr ermöglichte, in das Zimmer zu spähen. Zuerst glaubte sie, sich in dem Hause geirrt zu haben; freilich erkannte sie Gedaljeh sosort, doch das Gesicht des anderen Mannes schien ihr gänzlich fremd zu sein; das Geschöpf, daS da kauerte, mit verglasten Augen, mit feuerrotem Gesicht, mit herunterhüngenbem Kiefer konnte doch unmöglich Arjeh sein! Doch bald mußte sie sich sagen, daß dieses tierisch erregte Wesen, dieser Abschaum der Menschheit doch ihr angetrauter Gatte sei! — Wie von einer geheimnisvollen Macht festgehalten, tvie angewurzelt blieb sie stehen. Sic spielten, und Gedaljeh war imnler daran, die Karten zu verteilen; den Regeln des Spieles entsprechend, war er also immer der Gewinner. Er mischte auch die Kartell mit der Miene eines Mannes, der seines Sieges sicher ist, und wenn er die wahnsinnige Gier sah, mit der sein Gegner nach den Karten griff, da flog ein teuflisches, rachesprühendes Lächeln über fein Gesicht, das noch gräßlicher war, als des andern Mannes Verzweiflung. _(Schluß folgt.)_ üaiser Friedrich Quelle - Ottenbach a. M. —— IBad Harztourg t: Pension Parklians 53 Salons n. FamJlien-Dependance Schloss Prinzenhof mit 28 Salons. Streng rituelle Häuser I. Banges unter Rabbinats-Aufsicht an schönst. Waldlage. Gegff.l.Mai-1.0kt. Prosp.gratis. Max Hecht Wocheu-Kalerrder. (Zeitangaben nach dem Lnacb.l Samstag, den 12. September (= 16 Ellul): Sabbat-Anfang in. Frankfurt a. M. 6 Uhr 15 Min. Sabbat-Ausgang' in Frankfurt a. M. 7 Uhr 35 Min., in Berlin 7 Uhr 14 Min. Wochenabschnitt: Ki-sowau. — Pflicht, die Bikkurim, d. h. die Erstlingsfrüchte nach Jerusalem