Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 36 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wtt&n&futUt Fmiliridlilt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— Frankfurt a. M.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße T-refo« 10507. 7"".. I Jnsertionspreise: Die diergespaltene Petttzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 Platz» und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. - ' 6. Jahrgang. Freitag, de« 15. Ellul 5668 (11. September 1908). No. 36. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Von den beweisbaren und unbeweisbaren Wahrheiten. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Aufrichtige Reue. — Wochen- Kalender. — Familiennachrichten. Von den beweisbaren und unbeweisbaren Wahrheiten. Bon Maxime Le Maitre -Frankfurt a. M. (Schluß.) Die Gebote, so werden wir von einem modernen Rabbi belehrt, haben ihre Schicksale gleich den Büchern, und natürlich fühlt sich dieser Rabbi krast seiner rabbinischen Würde dazu berufen, über das Schicksal dieser Gebote zu entscheiden, sie nach seinem Gutdünken zu korrigieren. Diese Gcistcsblüte demonstriert uns ad oculos, wie wenig diese Führer das Judentum und die Geschichte kennen. Sie halten das Judentum für ein Bündel von Geboten. In der Tat stellt cs aber in seinen äußeren Erscheinungen ein in sich harmonisch geschlossenes System von Gesetzen, die organisch ans einer Geistcscinheit hervorgehen, dar. T a s I u d e u t u m ist k e i n e T h e o k r a - tie, es wird und ward nie von einer Priester- und Möncheskaste beherrscht, sondern es ist eine Nomokratie (Gesetzesherrschaft). Die Richter und die Gelehrten haben im alten Judcntum Recht gesprochen und Gelehrsamkeit verbreitet. In einer Theokratie herrscht die Kaste, in der Theokratie sind Mönch und Priester Träger der Bildung, die sie wie ein Kleinod hüten, damit das Bolk ja davon nichts erfahre. Bei den Inden war und ist genau das Gegenteil der Fall. Das Streben nach Erkenntnis und Bildung Ivar eines der größten sittlichen Gebote, — und wo ward auf die Bildung der Massen mehr Gewicht gelegt, als im antiken Judentum? „Wcchogissv bohem jaumom woleulo." Weil das Judentum keine Theokratie, sondern ein System von Gesetzen darstellt, die alle in einem Zentrum ihren Ausgangspunkt haben, muß sich jede Eliminierung dieses oder jenes Gesetzes aus dem Judentum als ein Werk der Unwissenheit oder als ein verräterisches Unterfangen gegen den Bestand des Judentums crweisen. Wemc man einen Grundstein ans der Wand entfernt, muß die Mauer zusammcnfallen; wenn man ein Gesetz aus der Verfassung ausmerzt, kann die ganze Verfassung illusorisch werden. Und so muß auch das Gesamtjudentum in seiner Existenz bedroht werden, wenn man dieses oder jenes intregierende Element aus ihm entsernt! Und so kann der jüdische Modernismus, sofern er cs mit seinem Zerstörungswerk ernst meint, nur eine Absicht haben: das Judentum zu vernichten und auf seinen Trüminern ein germanisches Scheinrmd Pseudojudentum zu schassen, um nicht den Wirtsvölkern gegenüber als Konfessionslose und Kulturbastarde dazustehen. - Es ist keine kleine Ironie, daß die „Führer" der Reformer ihr Werk eine Reform nennen. Der moderne Rabbi reformiert nicht, sondern deformiert, entstellt, — während jede Reform, speziell jede religiöse Reform großen Styls, dahin tendieren soll, das Originale von den Schlacken der Zeit loszulöscn, um es wieder in seiner Reinheit herzustcllen. Was war Luthers Werk? Wollte er das Christentum mit der Wissenschast aussöhnen, wollte er etwas Willkürliches schassen? Nein. Er hat es nur unternommen, das originale evangelische Christentum tviederherzustellen. Unsere Reformer tun genau das Gegenteil, sie »vollen alles Originale und Ursprüngliche aus dein Judentum ausrotten, uin etlvas „Zeitgemäßes", „Zeitgenössisches" zusammenzuschaffen — Sonntag statt Sabbat, Abschaffung der Speiscgesctze, deutsch nicht beten st a t t hebräisch nicht beten (sogar das N i ch t b e t e n muß anders wcrde n), Durchbrechen der jüdischen Stammeseinheit, Konfessionalisicrung des Judentums, »vobei die Konfession selbst blutleer und nervenlos ist. Was bleibt noch vom Judentum übrig? Ach ja! der Glaube an einen Gott. Aber arabische Beduinen glauben auch an e i n e u Gott, niachen aber keine Ansprüche, eine spezielle Mission zu haben, sondern sie sind Herren genug, sich selbst als Ztvcck zu betrachten. Dieses moderne Ein-Gott-Judentnm ist eine Seifenblase vom besten Schaunr und kann fast beu Rabbiner selbst überflüssig inachen. Um platonisch an einen Gott zu glauben, brauchen ioir keine Synagoge und keine jüdische Geincinschaft, und noch »veniger moderne Rabbis. Der inoderne Rabbi »vill das Judentum be- »veisen — auf Grund der zeitgenössischen Wissenschaft — d. h. er »vill auf Grund der zeitgenössischen Wissenschaft das Judentum wegbe- »v e i s e n — beweisen, daß gar kein Judentuin existiert, höchstens nur so ein Gebot von »venig Belang für deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens, die »veder deutsch noch jüdisch noch gläubig sind. Die „Modernen" haben noch eine Ausrede: Das Volk will (?) es. — Das Volk wird systematisch entjudet und der Taufe zugetrieben, und dann kommen die Herren und geben sich als die Exekutoren der Volkswünsche aus. So inachen es unsere volksanführenden Führer. — Ja, so machen sie es. Meine liberalen Zeitgenossen (da sie keine Glaubensgenossen — im vollen Sinne des Wortes genommen — sind und keine Stammesgenosscn sein wollen) »vcrdcn mir verzeihen, wenn ich hier vieles verschweige, was ich ihnen noch zu sagen hätte. Ich habe noch mit meinen orthodoxen Freunden eine kleine Abrechnung zu halten. Die Lust ist mit Explosivstoff gefüllt. Besser die Atmosphäre reinigen, als es zum Donnerwetter kommen zu lassen. Und also, meine Freunde. „Nach früheren Zeiten unserer Geschichte »venden wir zmveilen, ein verlorenes Gut beklagend, »»»seren Blick. Ja, die gute, alte Zeit, das goldene Zeitalter des frommen, naiven Glaubens ist längst dahin — heute ist unser Blick wissenschaftlich getrübt, heute klügeln und veruünfteln »vir — die Quelle des Glaubens ist ausgetrockner." Sv hört man vielfach klagen. — Und cs sind nicht gerade die Naiv-Gläubigen unter uns, die den Verlust des naiv-frommen Glaubens beklagen, vielmehr sind es Männer ihrer, rcsp. unserer Zeit, die so jeremijanisch reden. Diese Bürger ihres Jahrhunderts lassen es nicht beim Klagen, sondern sie handle»» so, daß der Grund zum Klagen verschwinde. — Wie sangen sie cs an, »vie wollen sie jene religiöse Stimmung wieder hervorzaubern, die das Zeitalter der Maschine und des häiilinernden Betriebs verscheucht und vertrieben hat? Wie? Durch den eigenen naiv-frornmen Glauben, durch schöpferisches Martyrium, durch Buße des Geistes, durch melodische Gesänge an den Wassern? Oder d»»rch die Entfaltung starker religiöser Persönlichkeiten, die religiös schaffen und schöpferisch wirken? Man könnte glauben — aber nein! — Mit und durch die Vernunft, »nit und durch die Wissenschaft, mit und durch den Beweis. Herrgott, »vie chinesisch — religiöse Stimmung imb religiöse Atmosphäre durch den Beweis. — Aber was Wunder! Wenn traditionell-religiöses Judentum sich mit den» nevgriechisch-kirchlichrömischen Begrisf Orthodoxie deckt, »varum soll es da nicht versucht werden, aus der Grube des Beiveises religiöse Stimmung und religiöses Leben zu schöpfen? Wie unterwühlt ist auch der Boden dieses Judentuins? Man bedenke: Reinecke, Eucken und Kurt Laßwitz solle»» für die Wahrheit des Judcntums zeugen. Bis vor einigen Jahren schlief die deutschjüdische Orthodoxie ihren r»chigen Schlaf; u»»d als sie das zionistische Häinmern ans ihrein Schlase gerüttelt, als sie zum Leben erwachte, — da — warf sie Hackel den Fehdehandschuh zu, als hätte der Jenenser Biologe den Niedergang des deutschen Judentums auf seinem Gewissen — als würde die Existenz und Wahrheit des Judentums von manchen zweifelhaften Hypothesen einer hypostasierten Anatomie und Biologie abhängen. Und hätte Häckel recht? Dann, meine orthodoxen Freunde, miißte das Judentum abdanken! — Auf welch' tönernen Füßen muß ein Bau stehen, wenn er auf einer zweifelhaften Kritik (denn meine orthodoxen Freunde sind selbst keine Biologen von Beruf und sind »»ur auf die Meinung anderer angewiesen) an einer zweifelhaften Theorie sich aufbaut? Seit wann kann eine Wahrheit des Geistes, der Persönlichkeit und der Geschichte aus der Natur bewiesen werden? Manche Leute wollen zwar dieses Kunststück fertig bringen, — aber sie sind Materialisten oder Naturalisten oder — les extremes se touchent — Romantiker ä la Nooalis. — Da es jedoch kein Judentum der Phantasie und