Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 35 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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•* .;t%: Nr. 35 FttWkfurier Fs«EkWrS FtMnlievbkcS. kette 3. Berlin. Dem «Deutschen Bureau der Alliance Jsraölite Universelle" verdanken wir folgende Mitteilung über die Auswanderung nach Amerika im Juli dieses Jahres, verglichen mit der Auswanderung nach Amerika vom Juli 1907. Es kanien Einwanderer nach Amerika aus: Zunahme 1907 *908 Abnahme Oesterreich-Ungarn Oesterreich Ungarn Belgien Bulgarien, Serbien und Montenegro Dänemark Frankreich Deutschland Griechenland Italien Niederlande Norwegen Portugal Rumänien Rußland und Finnland 23 971 Spanien Schweden Schweiz Europäische Türkei Großbritannien u. Irland England Irland Schottland Wales Anderes Europa Gesamt-Europa China Japan Indien Asiatische Türkei Anderes Asien Gesamt-Asien Afrika Australien, Tasmanien und Neuseeland Pazifischen Inseln Britisch-Nord-4lnierika Britisch-Honduras Anderes Zentral-Amerika Mexico Süd-Amerika Westindien Andere Länder l-) 11861 1912 9 952 9 949 1462 — 8 487 512 183 — 329 1097 41 1056 417 211 — 206 732 407 — 325 3 057 1581 — 1476 2 264 383 — 1881 19 477 2 451 — 17 026. 675 196 — 479 1141 689 — 452 638 290 — 348 669 156 — 513 23 971 6198 — 17 773 273 169 — 104 1162 598 — 564 223 134 — 89 2 075 109 — 1966 4 719 2 342 2 377 1966 915 — 1051 1598 698 — 900 196 113 — 83 27 — — 27 88 702 21 238 — 67 464 118 106 — 12 . 1724 558 — 1166 77 34 — 43 1183 356 — 827 76 33 — 43 3178 1087 — 2 091 207 83 — 124 -110 97 13 5 6 + 1 2114 2 779 -j- 665 2 3 + 1 148 84 — 64 828 771 — 57 288 153 — 135 1548 2 1 269 279 2 97 132 27 570 — 69562 Stratzbur« i. Elf. Die «Gesellschaft für die. Geschichte der Israeliten in Elsaß-Lothringen" ladet! auf nächsten Mittwoch, 11 Uhr vormittags,-zur - Einweihung! des Israelitischen Museums ein, das als- Abteilung des Elsässischen Museums untergebracht ist! und zahlreiche alte Dokumente, Synagogengegen-j stände usw. enthält.; (b) Stratzbur» i.Elf. Oberrabbiner Urh wurde gelegentlich der; A n w e s e ii h e i t d e s K a i s e r s - sowohl zum Empfang, als auch zur kaiserlichen Tafel: befohlen. Dannt ist nach langer Unterbrechung wieder zu Gepflogenheiten zurückgegriffen worden, wie sie Kaiser Wilhelm 1. übte. Als dieser in den 80er Jahren hier weilte, wußten die Zeitungen zu erzählen, in welch' ungezwungener Weise: er sich eine halbe Stunde lang mit dem damaligen greisen Oberrabbiner ' Aron imterhielt. Oesterreich-Ungarn. Die «Allg. Jüd. Ztg." berichtet Die Auswanderung nach Amerika ist also ini Juli dieses Jahres sehr erheblich zurückgegangen, von 97 132 auf 27 570. München. Nach eingehenden Informationen läßt sich über das Vorhandensein von jüd. Offizieren in der daher. Armee folgendes berichten: „In München lebt der kgl. daher. Hauptmann zur Disposition Max Hollerbaum, welcher im kgl. Bczirkskommando München verwandt 'wird. Ein anderer jüdischer Offizier ist der, allerdings nicht mehr aktive, kgl. daher. Hauptniann und Kompagniechef außer Dienst Herr Maximilian Marx in München, Sohn des verstorbenen aktiven kgl. daher. Majors Isidor Marx in München. Ein aktiver Offizier ist ferner der kgl. baher. Major O.; der Garnisonort ist mir zurzeit nicht bekannt! Derselbe ist als Oberleutnant aus dem Judentum ausgetreten und vor einigen Jahren anläßlich seiner Heirat wieder Jude geworden! Ferner ist ein kgl. Hauptmann K. und ein kgl. Leutnant K. vorhanden. Vor einige» Wochen erst wurde ein jüdischer Hauptmaim der Reserve K., der bis dahin in Deutsch-Südwestafrika diente, als aktiver kgl. Hauptmann in die bayerische Armee übernommen. Auch sonst sind im letzten Dezennium mehrere jüdische Reserveoffiziere in die aktive bayerische Armee ungetanst, d. h. als Juden, übernommen worden. Der kgl. daher. Major Wilhelm Friedmann in Straubing hat sich erst vor einigen Jahren als kgl. daher. Hauptmann infolge eines Zwischenfalles katholisch taufen lassen. Weitere ungetanste aktive jüdische Offiziere sind der kgl. daher. Militärintendanturbausekretär und Abteilungsvorstand Ignatz Schulherr in München, der kgl. baher. Kriegsgerichtsassessor Dr. F. und der kgl. baher. Kriegsgerichtsassessor Dr. 91., ferner die aktiven kgl. - Stabs- und Bataillonsärzte, also' Hauptleute Dr. F., Dr. St. .und Dr. M. Ferner; die kgl. Oberärzte Dr. H-, Dr. S. und Dr. F. Vor drei Wochen erst wurde -deraktive -kgl. Stabsarzt Dr. Julius Dreschfeld und etwas früher' der aktive kgl. Stabsarzt Dr: David Roßnitz in Gcrmersheirn (jetzt München) pensioniert! Aktive jüdische Sanitätsoffiziere könnte ich noch, eine ganze Anzahl mit Rainen anführen,-ebenso andere Offiziere und Militärbeamte! Bemerken möchte ich noch,.' daß es auch einen Budapest. über die 9lusweisung galizischer Juden aus Ungarn. ’ Das Vorgehen der Behörden erweist sich als ein 9lkt antisemitischer Gesinnung; Leute, die feit Jahrzehnten in Ungarn wohnen, sind der Ausweisung verfallen. Ezernowit;. Ani 22. August hielt der hiesige Jüd. Rationalvercin (Vorsitzender: Abg. Dr. Straucher) eine Wählerve r s a m m lang ab. Dr. D i a m a n d referierte über Die ch r i st l i ch s o z i a l e Invasion. Er wies besonders auf die unbegreifliche Haltung der Staatsanwaltschaft hin, die gegen Begeiferung, Verhöhnung und Aufreizung gegen die jüdische Nation und Religion sich Passiv verhalte. Er zitierte eine Reihe von solchen Stellen, die das Vergehen gegen den 8 302 des Strafgesetzes begründen. Seine ernsten Ausführungen machten aus die Anwesenden tiefen Eindruck, wie überhaupt in der Judenschast mit Eifer die Frage erörtert wird, welche Wege einzuschlagcn und welche Mittel anzuwenden sind, um auch die Juden des Schutzes der Gesetze gegenüber den bluttrünstigcu Hetzereien, die jetzt in den antisemitischen Blättern betrieben werden, teilhaftig werden zu lassen. Wähler Hermann Mittelmann schilderte einige krasse Fälle auf dem flachen Lande, die dartun, wohin dicfe Duldung der unausgesetzten Hetzen führt. — Dr. Chaim Kinsbrunner beleuchtete hierauf die zur Sanktion übermittelte Landtagswahlreform und wies die darin festgelegte Zurücksetzung des städtischen Elementes im allgemeinen und der Juden insbesonders auch mit einem reichen statistischen Mate riale nach, — Auch das Verhalten Wiedmanns, der seinem nun gebrochenen Schwur im Hofe der jüdischen Kultusgemeinde sein Landtagsmandat verdankt, wurde entsprechend beleuchtet. Und die Wähler, die ihm damals ihre Stimmen gegeben, drückten durch laute Rufe: Pfui Wiedmann! ihm nunmehr in unzweideutiger Weise ihr Mißtrauen aus. Am 4. November 1901 versprach zwar Wiedmann in öffentlicher Landtagssitzung in einem solchen eintretendcn Falle die Konsequenzen zu ziehen und sein Mandat niederzulegen; aber auch dieses Versprechen hat er gebrochen. — Einmütig wurden zwei Resolutionen angenommen. In der ersten erhebt die Versammlung „Protest gegen die Duldung strafgesetzlich verpönter Angriffe der deutschen und rumänischen christlich-sozialen Partciblätter und Volksverhetzer ans das jüdische Volk und die jüdische Religion" und fordert Anwendung der Gesetze „auch zum Schutze der Juden." In der zweiten Resolution wird gegen das Borlegen der Landtagswahtresorm zur Sanktion Protest erhoben. Aussig. Kohlenexporteur I. Petschek hat wiederum eine große.Spende gemacht. Gelegentlich der Eröffnung des von ihm errichteten Genesungsheims für Lungenkranke hat er. dem hiesigen Zweigverein des Landcshilfsvereins für Lungenkranke 75000 Kronen übergeben. jüdischen Militärkapellmeister K. gibt und' einen getauften mit Namen -Kaufmann vom 19. daher. Jnf- Regt. in Erlangen." Rntzland. Radomisel. Der haßerfüllte, von niedrigen Leidenschaften genährte Antisemitismus hat bekanntlich namenloses Unheil über ganz Rußland gebracht er hat die Volksseele vergiftet, den Frieden und; die Eintracht gestört, in weiten Kreisen Moral und Gesittung erschüttert und damit ein nationales Unglück heraufbeschworen. Schlimmer aber als überall wütet er in der Stadt S h i t o m i r. Ich fuhr vorige Woche nach dem benachbarten Shitomir, um mich dort, da ich als Lehrer in, Radomisel keine 9lrbeit mehr habe, anzusicdeln Shitomir ist eine hübsche Stadt, sie hat breite, geradlinige Straßen, ist elektrisch beleuchtet und wird von einer elektrischen Straßenbahn durchkreuzt.: Diese Stadt hat eine außerordentlich große jüdische Gemeinde, und es herrscht da ein sehr reges jüdisches Leben. Die jüd. Gemeindemitglieder sind streng; religiös, und durch eine sozial-jüdische Wohltätigkeit entfalten sie eine rege und segensreiche Arbeit- Dessenungeachtet ist aber der Antisemitismus so groß, daß die Juden Shitonyrs die unglücklichsten sind. Für ihre Lage ist schon bezeichnend, daß überall, wo eine Wohnungsanzeige an der Tür verkündet, daß hier Wohnungen zu haben sind, dabei bemerk teht: ,lit In den werden hier die Wohnungen nicht abgegeben." Ich ging in ein Haus, an der Petersburger Straße gelegen, in dem eine hübsche Wohnung mit Garten reistand, ^nietete die Wohnung und gab ein Angeld von Rs. 25. Meine Frau zog eine „Mesuso" aus ihrer Tasche und wollte sie an den Pfosten annageln. Die Wirtin, die ich für eine Jüdin hielt — und in der Tat war-sie es bis vor . 8 Monaten gewesen — sah dies und sagte: „Haben Sie nicht auf dem Plakat gelesen, daß wir keine Juden hier leiden können, und wenn Sie mir für diese Wohnung das dreifache gäben, tue ich es prinzipiell nicht." Natürlich ließ ich mich nicht in ein weiteres Gespräch mit dieser Dame ein. Es ist also kein Wunder, wenn alle Juden dieser Stadt den Entschluß fassen wollen, nach der Türkei, wo jetzt die Gleichheit und Freiheit herrscht, auszuwandern. Ein Herr Brusilowsky, der in Shitomir wohnt und die Auslandspässe besorgt, erzählte mir. daß er A u f t r ä g e a u f ü b e r 370 P ä s s e hat. Lehrer I. I. B r a u n. Kirfanow. Ein Brief, den ein KSnigsberger Jude von einem Verwandten aus Kirfanow, dem russischen Exportzentrum für Linsen und Erbsen, erhalten hat, gibt ein Bild von den- Höllentorturen, die die dortigen Juden zu erleiden haben. Der Brief lautet: „Ich will Dir heute nritteilen, in was für einer Zeit wir leben, und daß nur Gott weiß, ob wir äe überleben werden. Wir sind den Händen unserer Konkurrenten aus dem „Verband der echtrussischen Leute" ausgeliefert, die ihren Zweck, uns zü vertreiben und auszunutzen, erreicht haben. Wenn alles offen geschähe und man uns verjagen würde, würde es vielleicht unser Glück sein. Aber das Schlimmste ist: da wir das Recht haben, hier zu wohnen, so erklärt man ims für Revolutionäre und denunziert uns. Dann wirft man uns ins Gefängnis und entläßt uns nach dieser Marter, worauf wir wie Verbrecher unter Polizeiaufsicht bleiben, wohin wir auch kommen mögen. So ist es den sechs Unglücklichen ergangen, die Du kennst und von denen Du weißt, was für Revolutionäre sie sind. Sie sitzen zu Haus, haben keine Pässe und leiden schweren Hunger. Vor zwei Nächten hat man bei vielen Familien Haussuchung vorgenommen, so auch bei mir. Du kannst Dir denken, was man bei unseren Kirsanower Juden finden konnte: Proben von Linsen und alte Psalmen. Trotzdem sind Kr. und der Krämer L. ins Gefängnis geworfen, und es heißt, daß noch weitere Verhaftungen vorgenommen werden würden. Und wie sieht nun gar das Geschäft an der Börse aus! Kommt eine Differenz vor, dann muß man tun, was der Verkäufer verlangt, sonst droht er, zur Polizei zu gehen. Als I. den Verkäufer zur Polizei gehen ließ, wurde ihm befohlen, dem Verlangen des Verkäufers nachzukommen, widrigenfalls er binnen 21 Stunden ausgewiesen werden würde. Du wirst Dich wundern, weshalb man in dieser Hölle Kirfanow bleibt. Aber ein' jeder hat angst, sich vom Fleck zu rühren, weil es dann heißt, daß man geflüchtet sei und darum in Anbetracht dieses „Beweises" am neuen Aufenthaltsorte verhaftet werden würde. Man sitzt darum und zittert. Ms man beim Gouverneur darüber vorstellig wurde, hat er sich schrecklich aufgeregt und geschimpft. Was der Jsprawnik tue, sagte er, sei so gut, als wenn er es selbst getan hätte. Was aber in den Kirsanowcr Jsprawnik gefahren ist, verstehen wir nicht. Es ist unmöglich, baß er nicht wissen soll, daß Kirsanower Juden keine Revolutionäre sind. Oder glaubt er den Denunziationen doch? Ein paar Tage waren Linsen flau, so daß man sie gar nicht gekauft hat. Da ließ der Jsprawnik einige Inden kommen und ihnen sagen, daß er sie ausweisen würde. Wenn er es nur täte! Wir wären höchst zufrieden, aber er tat es nicht, er würgt uns nur tellweise, wir aber sind in einem Zittern und wissen nicht, was wir tun sollen. Ich schreibe Dir nur einen Teil dessen, was wir hier erleben. Wir sind alle überzeugt, 'daß es hier noch sehr schlimme Zeiten geben wird. Wir fürchten, daß man uns ganz zugrunde richten und daß es, hier noch Greuel geben wird. Die Mitglieder vom Verbände sagen ihren Bekannten, sie sollen wegfahren, weil es noch ärger kommen könnte. Wir sehen ein, daß es richtig ist, können aber nicht einmal miteinander beraten und wissen keinen Rat, wie wir uns von dieser Hölle befreien könnten. Wen sollen wir zu Hilfe rufen?" JekaterinoSlaw. Am '16. Aygust '.wurde Ver ein neuer Verein „Der Doppeladler" gegründet. Der Eröffnung wohnten sämtliche Ortsgrößen des Verbandes bei, und auch aus Kiew-und Odessa waren Berbandsgäste gekommen. Noch an demsewen Tage begannen I u d e n m i ß h a n d l u n-g e n. Die berüchtigten Odessaer Gummistöcke traten in Aktionl Die vielversprechenden echtrussischen Jünglinge verhauen die Inden auf den Straßen und Marktplätzen schonungslos; selbst Frauen, Greise und Kin- Og u I