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Neue jüdische Presse · 1908-09-04 · Heft 35 (4.9.1908) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 35 (4.9.1908)
Date
1908-09-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Nr. 35. fff,, t rfftilTJi'lfl - ir. - _ T« 9mipnRt WAMWWv» WAMDeMMt. Men handelt, oder Ihr seid im Recht und was Ihr bei den Men lobt, ist nichts anders als hure Heuchelei. Gestehet, daß Ahr Euch widersprechet. Oder weiß es auch? nicht der Rabbi, daß die ewigen Grundbestandteile einer Kultur, die organisch aus der Einheit des? Volkes hervorgewachsen, sich erhalten, nicht nur wenn die Zeit sich ihnen unterordnet, sondern auch wenn die Zeit gegen sie ist. Soviel geschichtliche Einsicht dürfen wir von Männern verlangen, die sich anschicken, für uns«: geistiges und materielles Wohl zu sorgen und soviel philosophische Bildung dürfen wir von unfern Rabbinen verlangen, daß . sie zwischen Mechanismus und Organismus unterscheiden können. Und soviele historische Erkenntnis dürften sic ihr Eigen nenne», um zwischen beweisbaren und unbeweisbaren Wahrheiten des Geistes zu unterscheiden. Denn die Einsicht' dieser beiden Wahrheitsarten. haben wir aus einernotorischen Erfahrung. Endlich kann ich es mir nicht versagen,.auf eine traurige Erscheinung hinzuweisen, die nicht als Ruhmesblatt in der Geschichte des deutschen Judentums, angesehen werden kann. Sie betrifft die innere Knechtschaft. „Das Judentumsoll in Erscheinungsformen zum Ausdruck? gebracht werden- , die der Zeit angemessen sind-" dies das? Credo, des liberalen Judentums, und .der? Hauptpunkt in'seinem neuesten Wogramm.- Zu deutsch heißt es nichts anderes, als. wir müssen mitlaufen und nachlaufen. Die Zeit, das Kulturmilieu, gebieten es- und wir müssen, mit der- Zeft und. dem Milieu auf gutem Fuße bleihen. So . werde»; sie von - der Zeit und dem Kulturmilieu geknechtet. Habet..Ihr gar kein Bewußtsein der Würde vor. dem Jahrtausende währenden Martyrium--, ist jedes historische Ehrgefühl in.Euch erstorben? Jede Achtung vor der reichen Dcadition und. der. lleberlieferung-- jener? Respekt, der. dem? Mer gebührt?- Diese Mit- und Nachlauferei ist? keinemoralische, Handlung; denn wer. als, sittlich gestählte Persönlichkeit Leinen- Mannstellen, will, der. darf: nicht alles von sich, abwerfen- Geschichte- Tradition undvielleicht auch. UeberMguyg, sobM? sie? ihypzur? Last^ werden,,. Wirdürfen? vyn, jehem-Juden--insbesondere wenn, er. auf,? Führerschaft^ Anspruch; erhebtmit Recht, verlang«!-. daßer nicht, immer mit: der Bkajorität und? der Z«t miftäust. Die. Majorllät ist nicht immer im Recht und-auch? nicht die Zeit. - (Schloß folgt.) Technik tmfc Kultur. Eine Beträchtu.rrg. Angesichts, der, überraschenden-- Erfolge der Technttdie. alle- Lebensformen umgestaltet- Habenmust, die Frage berechtigt erscheinen: Ist durchdiese- Erfolgeauchdie- Kttltm: im-?höheren Sinne, gefördert worden??- Ist die- Menschhett?edler und:, bessergeworden,: hat-! siezugenommen an Verständnis für die-- idealem Güter des- Daseins? Ist der? Sinn für Gerechtigkeit,- für, Humanität erstarkt,:. istdas-? ethische,- Empfinden - lebendiger? geworden?- Pessimisten'? werden, das.: entschieden verneinen-.. und die' äußere Betrachtung.-? des?. Lebens muß ihnen gWht geben. Was, wir als unmittelbare-Wirkung jener-, technischen. Errungenschaften wahknehmeu,-. das? ist eme intensivere- Anspannung aflcr Kräfte im? Erwerbsleben-- das ist-serner eine. Verfeinerung.; des Lebensgenusses - und in Verbindung damit, eine maßlpse Ueberschätzung. dermateriellen-, Witer.- Und dennoch' weiden-wir - jener - pessimistischen Auffassung nicht beistimmen können: Zunächst muß-, daran erinnert werden,- daßi die Fortschritte auf geistigem Gebiertsich-, viellangsamer vollziehen als im materiAlen Leben:- Undes sind schon jetzt Anzeichen eines solchen- Fortschritts vorhanden. Es istaberauch - zu - bedenk«!-- daßjene ungeahnten' Entdeckungen - und ihre Verwertung - selbst erstdurch;- einen großen- Küllurfortschritt der Menschheitermöglicht - wurden:- Mepraktische-Verwertung der Technik-hat dazu geführtbüßein größer Teil der mechanischen Arbeit nicht mehr durch Menschenhände, sondern durch Maschinen geleistet wird. Eine solche Uebertragung hätte man aber, im Altertum und darüber hinaus gar nicht angestrebt, weil man es für selbstverständlich hielt, daß die mechanische Arbeit von den Sklaven geleistet wurde. Die Meinung, daß ein Teil der Menschen zur Sllaverei bestimmt und damit der schrankenlosen Ausbeutung durch die herrschenden Klassen von vornherein preisgegebcn sei, wurzelte so tief in der antiken Weltanschauung, daß man eine Aenderung gar nicht für wünschenswert hielt. Erst unter denk Einfluß jüdischer Ideen konnte die Humanisierung der Menschheit so weit fortschreiten, daß der Gedanke der Gleichheit aller Menschen sich mehr und mehr verbrcitee untd daß damit die Sklaverei im antiken Sinne zu verschwinden begann. Und daniit war auch der Boden vorbereitet für eine Entwicklung, in welcher die niedrigen, mechanischen .Arbeiten allmählich den Menschenhänden entzogen und durch Maschinenbetrieb geleistet werden. Daprtt soll natürlich nicht geleugnet werden, daß das Heer von Arbeitern, welches der moderne Industriebetrieb wiederum hat entstehen lassen^ -auch in gewissem Sinne in einem Sklavenverhältnis zu der alles beherrschenden Macht des Kapitalismus steht. Wer auch hier sucht das soziale Empfinden, ebenfalls ein Produkt des Kulturfortschritts, die Schäden zu heilen und menschenwürdige Zustände zu schaffen.! Wenn wir nun in der Ausbreitung der Technik das Streben erkennen, die niedrigen Areitcn mehr und mehr durch mechanische Kräfte errichten zu lassen, den Menschen aber — wenn huch in sehr langsamer Entwicklung — zur geistigen Arbeit zu erziehen, so liegt hierin zweifellos ein Kultnrsortschritt von hohem Werte. Denn enn auch Arbeit jeder Art ehrt und wenn auch;erabe das jüdische Schrifttum diesen Wert der rbeit überall auf das entschiedenste betont, so arm doch nicht in Abrede gestellt werden, daß die geistige Arbeit die höherstehende ist, und daß sie dem Range des Menschen innerhalb der Schöps mg mehr entspricht. Man hat es dem Judentum chon manchmal zum Vorwurf gemacht, daß nach rer in der Bibel ausgesprochenen Anschauung rie Arbeit als eine Strafe erscheint, die dem :rsten Menschen nach seiner Versündigung auferegt wurde.- „Im- Schweiße Deines Angesichts Jallst Du Dein Brot essen." Denrgegenüber wird wer mtt- Recht betont, daß schon gleich nach der ^Erschaffung des Menschen, bei seiner Versetzung fns Paradies, die Arbeit als seine Bestimmung bezeichnet wird? „Gott, der Herr, nahm den Menschen- und setzte ihn in den Garten Eden, ihn zu-bearbetten und zu behüten." Die Midraschlehxer sehen indessen in der Art der Arbeit vor und nach der Sünde einen wesentlichen Unterschied? Vorher war es nach ihrer Auffassung geistige Arbeit, die dem Menschen oblag. „Ihn zu bearbeiten", das istdie Beschäftigung mit den Geboten; „ihn zu behüten", das ist die Beschäftigung mit den Verboten. Er sollte sich vertiefen in das- Nachdenken über seine eigene Bestimmung und seine Vervollkommnung. Was ihm nach der Sündeauferlegt wurde, das war die körperliche Arbeitdie Anstrengung um die Erwerbung des zum Leben Notwendigendas ihm vorher mühelos zu. Gebote stand?- Darin äußerte sich das Herabsinken von der früheren hohen Stufe, daß jetzt nicht mehr ausschließlich' die geistige Arbeit seinen Lebensberuf - bilden sollte. Wenn nun die Entwicklung dahin führt, daß eine Verschiebung der Arbeit der Gesamtmenschheit nach dergeistigen Seite erfolgt, so werden wir darin einen Fortschrittsehendürfen: i Freilich: istdieser - Fortschritt nur ein indirekter. Fürdie Kultur im-- allgemeinen wird es smmer von--größerer-Wichtigkeit sein, inwieweit die ethischen Prinzipien sich ausbreiten und: im Leben? der- Völker Geltung gewinnen:? Und ein Protest.:' aller zivilisierten Nationen gegen? die russische» - Greuel j würde, z. B? als Gradmesser für die? Mltur ungleich mehrbedeuten.? als" alle- Errnngmschasten deö modernen« Technik zusammengenommen. Leider werden wir auf diese Aeußeruug einer höheren Kultur wohl noch lange warten dürfen. I. U. Aus allsv Mett. Deutsches, «eich? Berlin. Dem Deutschen Büro der Alliance Jsraölite Universelle wird bezüglich bevorstehender Erleichterungen im russischen Auswanderungs-Verkehr folgendes mitgeteilt: Am 28. August fand im Ministerium des Innern eine Konferenz der beteiligten preußischen Behörden und Vertreter der deutschen Schiffahrtsgesellschaften statt, die sich mit der Wanderung der Bestiinmungen für den Durchzug russischer Auswanderer durch Deutschland beschäftigte. Es ist-beschlossen worden, eine neue Betriebsordnung für die Auswanderer- Kontrollstationen längs der preußisch-russischen Grenze zu erlassen, die wesentliche Erleichterungen für die Auswanderer bringt. U. a. soll die zwangsweise Abschließung der Auswanderer in den Kontrollstationen fortfallen. Damit werden Härten beseitigt, über die die russischen Auswanderer bisher geklagt haben. Berlin. Der Hilfsv erein der deutschen Juden hat in dankbarer Erinnerung an die tatkräftige Hilfe, die die türkischen Behörden den Juden bei der großen Brandkatastrophe in Konstantinopel- Haskieu erwiesen, telegraphisch Francs 2500 für die Opfer des Brandunglücks in Stambul angewiesen. Berlin. In der Schloßstraße zu Pankow wurde gestern das Altersheim des Vereins für jüdische Taub stumme »pflege eingeweiht. Zu der Feier hatten sich neben den Vereinsmitgliedern auch die Geistlichen von Pankow sowie Rabbiner Professor Dr. Mahbaum und der Direktor der königlichen Taubstummenanstalt Walther eingefunden. Nach einem einleitenden Chorgesang begrüßte der Bereinsvorsitzende Loewenberg die Gäste und gedachte, dann der Aufgabe, die das Altersheim zu erfüllen habe. Die Weiherede hielt Rabbiner Dr. Eschelbacher. Ein älterer Taubstummer dankte dem Verein für seine humanen Bestrebungen, worauf die Feier mit Gesang geschlossen wurde. Berlin. Der ,N. I. K." wird von informierter Seite in Sachen der jüdischen Pässe nach Rußland geschrieben: In den letzten Wochen gingen mehrfach Notizen durch die Presse, in denen von einer Aenderung des gegenwärtigen unwürdigen Zustandes die Rede war, der nicht-russische Juden zwingt, sich bei Reisen nach Rußland allerlei Ausnahme-Bestimmungen zu unterwerfen, durch, welche die russische Regierung sogar diejenigen Juden zu schikanieren sucht, die nicht ihrer weisen Obhut unterstehen. Für einen Juden, der nicht? Inhaber einer gerichtlich eingetragenen Firma oder? Beauftragter, einer solchen .ist, gibt es überhaupt keine Möglichkeit, nach Rußland zu reisen, da das russische Ministerium, an das die entsprechenden Gesuche zu richten sind; deren Erledigung meist unglaublich lange verzögert — telegraphische Requisittonen bedeuten nur unnütze Geldverschwendung.. Infolgedessen, und da auch die Kosten, im? anderen Falle sehr hoch sind, wird Rußland fast nur von jüdischen Handlungsreisenden besucht- und mancher Jude, der es sich nie hatte träumen lassen, wirdwenn er nach-Rußland reisen muß, plötzlich über Nacht zum „Handlungsreisenden". Denn die Erlangung der entsprechenden Vollmacht einer deutschen Firma vollziehtsich erheblich'einfacher, schneller und billiger als die einer Erlaubnis des russischen Ministeriums des Innern. Vielfach war cs nun so dargestellt worden, als wäre die neue Verfügung der bayerischen Regierungkünfttg in den Pässen die? Angabe der Religion wegzulasscn, ein großer Fortschritt für die Rußlandreisenden. Das ist aber durchaus nicht, der Fall, denn obwohl in Preußen bereits seit mehr als zehn Jahren die Angabe der Religion in den Reisepässen unterbleibt, so sind die jüdischen Reisenden aus Preußen ebenso der russischen Wlllkür unterworfen wie alle anderen. Die russischen Konsulate verlangen nämlich von jedem: Reisenden, , der das Visum für seinen Paß beansprucht, die Vorlegung des. Taufscheines. Wer-einen-solchen nicht vorlegen kann, wird als „Jude X. A," registriert-und entsprechend. behandelt.. Ja, die preußische. Polizei legt den für Reisen nach Rußland verlangten Pässtn sogar einen gedruckten Führer durchdas Wirrsal der russischen?? Paßbestimmungen-bei, der nebeneinander-die entsprechenden Reglements „A. für Reisende christlicher Rüigion" und „0. für - Reisendemosaischen - Glaubens" enthält. Ob in dieser Beigabe ein, Entgegenkommen an das Publikum oder an die russischen Behördenzu? .finden istz.- soll hier , nicht-: untersucht werden. Jedenfalls aber ist.es für einen modernen Rechtsstaat - schmachvoll, sicheine differentielle Behandlung .der eigenen gleichberechtigten Staatsbürger seitens einer fremden-Macht gefallen-zu-lassen.-

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