Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 35 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692562-2692597--04182-2698969- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
e*tte s der werde» arg zugerichtet. Der Polizei erkläre» die Jünger des „Doppeladlers", daß sie sie nicht fürchten, da sie fürs Vaterland arbeiten. Als die Polizei zwei Helden festzunehmeii sich erkühnt hatte, mußte sic sie bald freilassen, da die Inhaftierten sich als Vcrbandsmitglieder entpuppten. Amerika. Rew-Aork. Im hiesigen jüd. Altersversorgungshaus „Benans Jakob" fand eine seltene Geburtstagsfeier statt. Das Geburtstags„kind" war Esther David, die zahlreiche Glückwünsche zu ihrem — 114. Geburtstage entgegennahm. Mrs. Esther David war schon eine Greisin von 88 Jahren, als sie von Rußland nach Amerika gekommen war. Sie ist jetzt die älteste Bewohnerin des Versorgungshauses. Von den zahllosen Menschen, mit denen sie während ihres langen, wcchselvotlen Lebens in Berührung gekommen, sind die meisten schon ihrem Gedächtnisse entschwunden, hingegen erinnert sie sich noch vieler Details ans ihrer Kindheit, die sie ihren Gästen mit Vorliebe zum Besten giebt. Frau Esther ist für ihr hohes Alter noch ganz gesund und hat die „Strapazen" des Geburtstages ganz gut überstanden. Die Gratulanten, die sich hauptsächlich aus den Insassen des Heimes rekrutierten, kamen der Reihe nach. Zuerst erschien die beste Freundin der Frau David, die 107 Jahre alte Rosa Arnwald, mit der sie den Geburtstagskutz tauschte, dann kam der 102 Jahre alte Mendel Diamond und so ging es weiter bis in den späten Abend. Der letzte Gratulant war der „Jüngste" im Hause, ein 80jähriger Mann, der „im Namen der Jugend" den Wunsch zum Ausdrucke brachte, ihr auch zu ihrem 115. Geburtstage gratulieren zu dürfen. G leuilefoa. 0 Aufrichtige Reue. Erzählung von Samuel Gordon. Frei übersetzt von M. P u l v e r m a n n. (Fortsetzung.) Arje hatte seinen Wohnsitz nach einem andern Dorfe verlegt, näher den: Mittelpunkte, von wo aus er seine täglichen Hausiergänge unternahm. Aber auch von da aus waren die Wanderungen noch recht weit und bcschtverlich. Der russische Nordwind ist ein unliebsamer Gesell, wenn er von hinten treibt, aber noch viel mehr so, wenn er sich von vorn entgegensteimnt. Es war daher nicht zu verwundern, daß Arje häufig mißmutig nach Hause kam, unzufrieden mit dem vollbrachten, wenig einträglichen Tagewerk und sorgenvoll über das, was ihm morgen wieder bevorstand. Nicht etwa, daß der Nordivind auch seine Liebe für seine Frau abgekühlt hätte; aber, ohne daß er es vielleicht selbst wußte, übertrug sich sein Mißmut auch auf seine Umgebung. Doch Bertha ließ sich nichts anmcrken, und während er die langen Abende schweigend, gähnend und Zigaretten rauchend verbrachte, saß sic unbefangen plaudernd und eifrig wollene Strümpfe für ihn strickend neben ihm. Freilich mar ein feines aber scharfes Beobachten in ihren Blicken unverkennbar; doch Arje war der letzte, es zu bcinerten, und in seiner Verdrossenheit ging ihm das Verständnis für ihre zarten Empfindungen ganz und gar verloren. Im Dorfe waren sie noch zu fremd, um schon Bekanntschaften geschlossen zu haben. Sie empfanden auch feilt Bedürfnis dafür: Bertha hatte genug niit der Wirtschaft zu tun, und Arje mar in seiner jetzige» Verfassung für jede Gesellschaft überhaupt ungenießbar. Eines Abends, als sic wieder wortlos in gedrückter Stimmung da >aßen, wurde nach heftige,» Pochen die Türe ungestüm aufgerisscn, — und Gcdalje, von Schnee bedeckt, stampfte in das Zimmer herein. Ungeniert schüttelte er Hut und Mantel ab, so daß die Flocken hin und her flogen. Arje sprang auf und begrüßte ihn mit lebhafter Freude. „Boruch habboh! Gesegnet sei Dein Stemmen! Wirklich, Gcdalje, ich würde mich nicht mehr freuen, wenn Aljch-Nowi am Seder-Abend in nicin Zimmer gekommen wäre!" „Sei bedankt für Deinen freundlichen Empfang," erwiderte dieser schmunzelnd; „es macht das Herz froh, so begrüßt zu werden. Wie sagt doch das Sprichwort: Binde mir alle vier, nur wirf mich zwischen die Weinigen! — Und wie geht es Dir, Bertha?" Sie vermochte keine Antwort zu geben, denn Arje nahm den Gast vollständig in Anspruch, um ihm allerlei Fragen vorzulegen, über die Ereignisse in der Heiniat, über den Grund seines Kommens, über die Dauer seiner Anwesenheit, so daß keiner zu Worte kommen tonnte. Gedalje befriedigte leichthin seine Neugier und erzählte, daß er hier wichtige Geschäfte zu erledigen Frankfurter Israelitisches Familrenblatt. ftc. 35. habe, die ihn voraussichtlich viele Wochen, wenn nicht gar Monate festhalten werden. Arje's Freude über die letzte 'Nachricht war jo groß, daß er in kindischer Weise in die Hände klatschte. Bertha hatte wieder ihre Arbeit aufgenominen, ohne sich au der lebhaften Unterhaltung auch nur mit einer Silbe zu beteiligen, und nur das schnellere Klappern der Stricknadeln gab Kunde von de» beschleunigten Pnlsschlägen ihres Herzens. Sie dachte viel und schnell. Sie erinnerte sich unwillkürlich an einen Sabbat-Nachmittag im Walde, wo Gedalje ihnen nachgeschlichcn war, um ihr Glück mit scheelen Blicken zu belauschen. Seine plötzliche Ankunft verursachte ihr ein gewisses Unbehagen; sie sah den Gast mißtrauisch an und vermochte ein unbestimmtes Angstgefühl nicht los zu werden. Auch über Arje's Benehmen in den letzten Wochen konnte sic sich nicht mehr länger täuschen, — es wurde ihr ganz klar, daß er mit seinem jetzigen Leben unzufrieden war, daß er nach anderer Zerstreuung suchte, daß sie demnach aufgehört, sein „Ein-und-Alles" zu sein. Bald aber raffte sie sich wieder auf und schalt sich selbst eine 'Närrin, die sich durch solche phantastische Einbildungen eine solche Furcht habe einjagen lassen. — Welchen Vorwurf konnte sic denn Gedalje niachcn? Hatte er nicht damals ihre Weigerung gelassen, ohne jegliches Zeichen dev Aufregung hingenommcn? Hatte er sie denn seit damals jemals wieder belästigt? Und Arje? — Freilich, — ja — er — gewiß — er war ein wenig anders als sonst —; gewiß, er war in der letzten Zeit etwas ungeduldig geworden; — es mag ihm ja lästig sein, daß er beständig nur sie um' sich hatte, die ihm nichts anderes als ihre unaussprechliche Liebe bieten konnte; — und er war doch ein Mann, dessen Gedanken und Pläne über die engen Grenzen ihrer Häuslichkeit hinausgingen: er wollte in dem ewigen Einerlei eine gewisse Abwechselung haben. — Sic müßte eigentlich Gedalje noch dankbar sein, daß er ihren Mann aus seinem stillen Unmut aufrüticlte; — cs wird gewiß zum Guten sein, wenn er wiclcr mit Fremden in Berührung kam, und wenn er sich erst von deren Kälte und Gleichgültigkeit überzeugt, dann wird sein Herz sich sicherlich mit doppelter Liebe wieder ihr zuwenden. Jnzwischeit fuhren die Männer fort, zu plaudern und gemeinsame Jugenderinnerungen aufzufrischcn. Ihre Intimität wuchs rapide, und „Bruderherz" und „Lieber Freund" war bald die stehende Redensart. Als Gedalje endlich ausbrach, wurde er von Arje dringend gebeten, am nächsten Abend, aber ja rechtzeitig, wieder zu kommen. — — Am nächsten Morgen zeigte sich Arje viel heiterer und aufgeräumter, als es seit langer Zeit der Fall gewesen, und beim Abschied: verstieg er sich sogar wieder zu einem Kuß. Bertha gab sich zwar dabei keinen Illusionen hin und nahm diese Zärtlichkeit so hin, wie sie gegeben war. Es war dieses ganz vernünftig von ihr; denn nur selten kommt etwas Gutes dabei heraus, ivenn man versucht, zwischen den Zeilen zu lesen. Ganz besonders sollten Frauen dieses unterlassen; — denn mehr als für jeden andern, bedeutet es für sie nur häßliche Falten und Runzeln, die keineswegs ihren Liebreiz erhöhen. —- * Seinem gegebenen Versprechen getreu, kam Gedalje am nächsten Abend, und — nicht allein. In seiner Rocktasche trug er eine Flasche Kornbranntwcin und, nachdem er sich gemächlich und behaglich niedergelassen. sprach er, auf diese hindeutend, dreist lächelnd: „Habe nur keine Angst, Arje, es ist eine feine Sorte und nicht auf russischem Boden gewachsen; sie ist auch ganz koscher, obwohl Rcb Schlaume seinen Hechscher-Stempel ihr nicht aufgedrückt!" Er hatte die letzte Bemerkung nicht ohne 'Absicht gemacht; er wußte wohl, daß Arje begierig sein werde, jene Geschichte zu hören, die sich im ganzen Lande herumgesprochen, ohne daß man aber den wahren Sachverhalt kannte. Und Gedalje liebte nicht nur, anzügliche Geschichten zu erzählen, besonders solche, wo er die Hauptrolle gespielt, sondern er wollte auch mit derselben seinen neuen Freund fesseln. Diese Geschichte war nun folgende: Gedalje trieb einen flotten, schwunghaften Handel mit Wein und Spiritosen. die, wie er selbst eingestand, nicht auf russischem Boden gewachsen waren, und bei deren Einführung er einen (weiten Umweg bei dem Zollamte vorbei zu machen Pflegte- Aus diesem Grunde, aber auch weil der Wein von Nichtjuden zubcreitet war, hatte Rcb Schlaume in Sagarod seiner Gemeinde verboten, den Wein zu kaufen oder zu genießen, und da jedermann bas Verbot des frommen Rabbiners respektierte und buchstäblich befolgte, so bedeutete dieses für Gcdalje einen giückgang seines Geschäftes und einen nicht unbeträchtlichen Geldverlust, für oen er dem alten Mann bittere Rache geschworen. Bald bot sich ihm . auch eine günstige Gelegenheit, sein böses Vorhaben zur Ausführung zu bringen. Er hatte in Erfahrung gebracht, daß Reb Schlaume am nächsten Tage in einem benachbarten Städtchen eine Trauung vollziehen sollte. Schleunigst begab sich nun Gedalje nach dem nächsten Dorfe, das der Rabbiner passieren mußte und schwindelte de» einfältigen Bauern vor, daß er der Vorläufer eines großen, berühmten Zauberers und -Künstlers sei. der seine Kunststücke nur den reiche» und vornehmen Leuten zeigen wolle; nm aber unerkannt und unangefochten durch die armen Dörfer zu fahren, reise er als alter Jude verkleidet: bald werde er auf einem armseligen Wägelchen vorbeikommen. Wenn sie, die Bauern, aber klug sind, so werden sie schon ein Mittel finden, den stolzen Künstler zu zwingen, auch ihnen, den armen Leuten, und sogar unentgeltlich seine Zauberkunststücke vorzumachen. — Und so kam cs denn, daß als Reb Schlaume im Dorfe anlangte, die ganze Bewohnerschaft, lauter Muschiks, den Wagen umringten, und ihn zwangen, sofort auszusteigen. Reb Schlaume mußte gehorchen, im stillen sich wundernd, was man eigentlich von ihm wolle. Er sollte es bald erfahren; schreiend und johlend geboten sie ihm, zu tanzen und ihnen die Kunststücke vorzumachcn. Hilflos, mit offenem Munde, am ganzen Leibe zitternd und bebend stand der alte Mann da ohne zu wissen, was er tun sollte, bis das Knallen einer Peitsche und ein heftiger Stoß im Rücken ihm zeigten, daß die Bauern im vollen Ernst waren. An Flucht lvar nicht zu denken, und so mußte er sich wohl oder übel dem wahnsinnigen Verlangen der Muschiks fügen. Zitternd ging er zu einer Scheune hin, und sich mit beiden Händen sesthaltend, hob er zuerst das eine Bein empor und dann das andere, um so eine Art Tanz zu markieren; doch das befriedigte die Bauern nicht, und Rcb Schlaume sah sich gezwungen, einen Sprung zu versuchen, der aber vollständig mißlang. Die Muschiks wurden wütend und drohten, daß cs ihm gar übel ergehen werde, wenn er ihnen nicht bald etwas Anständiges und Sehenswertes vorzeigen werde. In seinen Nöten und Acngsten siel Reb Schlaume ein Kunststück ein das er vor siebzig Jahren als zehnjähriger Knabe wunderschön fertig gebracht; er ging daher zu seinem Fuhrmann und sprach: „Wojtck, höre zu; ich werde mich platt auf den Bauch legen, den Kopf auf die Erde gestützt, und Du hebst meine Beine von hinten hoch hinauf, damit ich mich überkugele, vielleicht daß diese Mörder und Räuberbande sich damit begnügen werden." Wojtek, den Gedaljeh mit einer Flasche Branntwein schon vorher bestochen hatte, lächelte verschmitzt, und tat wie der Rabbiner ihn geheißen. Dieses Kunststück mißlang zwar trotzdem vollständig, die Situation war aber so komisch, daß selbst die dummen Bauern sich vor Lachen nicht länger halten konnten. Unter Johlen wurde er aus den Wagen geladen und durfte seine Reise fortsetzen. — „Siehst Du, Bruderherz," >o schloß er seine cynischc Erzählung, „ich habe es mir zum Prinzip gemacht, jedem gehörig heimzuzahlc», der mich irgendwie beleidigt oder meinem Willen sich entgegenstellt. Und Du kannst versichert sein, ich halte Wort!" Arjch hatte die Schlußbemerkung gar nicht gehört; der Gedanke, Reb Schlaume Purzelböcke schießen zu sehen, war so überwältigend, daß er sich vor Lachen förmlich wälzen mußte; doch Bertha hatte sie wohl gehört und die versteckte Drohung entging ihr keineswegs. Inzwischen war der Inhalt der Flasche zu Ende gegangen, wobei natürlich Arjeh wacker mitgeholfen. Diese Beschäftigung verhinderte ihn den ganzen Abend, auch nur einen einzigen Blick dahin zurichten, lvo seine Frau schweigend saß, und darum bemerkte er auch nicht, daß, je lauter er lachte, desto tiefer sie den Kopf sinken ließ, um die feuchten Streifen nicht sehen zu lasse», die auf ihrem Gesichte hinabliefen. Endlich ging Gedaljeh mit der leeren Flasche im Arm und dem nicht leeren Versprechen im Herzen, morgen noch etwas zeitiger vorzusprechen. Arjch wollte nur dreiviertel des Tages hausieren. — — (Fortsetzung folgt). Aus der Geschäftswelt. Bad Dürkheim, 2. Sept. Die militärberechtigte B ä r m a n n s ch e Realschule in Bad Dürkheim war im letzten Schuljahre von 230 Schülern besucht, von denen 108 im Pensionate des Anstaltsvorstehers Aufnahme fanden. Der Konfession nach waren es 122 Protestanten, 75 Israeliten und 33 Katholiken. Auch im Schuljahre 1907/08 hasämtliche 25 Schüler der Oberklasse die Reifeprüfung bestanden. Eltern und Vormündern sei diese tüchtige Lehranstalt wärmstens empfohlen. Cafd ConstaMer. Anskflnfte! über Vermögens-, Familiena. Qesohäftsverti<nlsse, Be- _ob&ohtangen, Ermittelungen an allen Plätzen der Welt. Grosse »etecttv-Zentrale 1!! Telephon 4859. Salzhaus 6, I. .. Ilacrnlharh Gr. Eschenheimerstr. 4. nOaaDlllflUll= Telephon 10595. Sigmund Singer, Berneplatz 23 empfiehlt Stoffe für Herren*AnzUge und Paletots zu billigsten Preisen. . 14