Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 35 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IsrartKfitrter Sfrarlitifdirs fanilirntilnlt. <r". -- Diese Zeitung erscheint wöchentlich. MbonnementspreiS Pro Viertelsahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins HauS. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungam Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— t- ... —- - HedaKtion und Hefchäftsstelre: Srsnkfurt s. M.. vildelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße Telefon 10507. Herausgeber: Aalg chei^s. r~" - - -H Jnsertionspreise: Die diergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. - 6. Jahrgang. Freitag, de» 8. Lllul 5668 (4. September 1968). Anhalt des Hauptblattes. Artikel: Bon den beweisbaren und unbeweisbaren Wahrheiten. — Technik und Kultur. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Aufrichtige Reue. — Aus der Geschäftswelt. — Wochen- Kalender. — Familiennachrichten. — Barmizwohs. Bo» de» beweisbaren und unbeweisbaren Wahrheiten. Von Maxime Le M a i t r c - Frankfurt a. M. Und also sprach der moderne Rabbi: „Wir wollen nicht Zurückbleiben, wir müssen mit der Zeit mit, den» wir sind moderne Menschen, Bürger des Zeppelinischen Jahrhunderts. Und als moderner Rabbi einer modernen Gemeinde ist cs meine Pflicht, ein modernes, mit den Strömungen der Zeit übereinstimmendes Judentum zu predigen. Wir wollen zwar nicht an den Grundbestandteilen des Judentunrs rütteln .— Ottern wir wollen „die jüdische Religion in Erscheinimgsformen zum Ausdruck bringen, die unserer Zeit angemessen sind." Sprach's, und die moderne Gemeinde klatschte Beifall. So hat das Judentum seinen Friseur, der es znstutzt und nach der neuesten Mode putzt. Und die Modekultur kann auf ihre Errungenschaft stolz sein. Bis auf die uralte Synagoge, die Jahrtausende allen Stürmen der Zeit Trotz geboten, hat sie ihre Herrschaft ausgedehnt. Die Gigerl des Boulevard können froh sein ob diesem Siege der Modekultur. Die Gigerl des Boulevards — aber"°st>ir einfachen Juden, für die das Judentum kein Teig in der Hand des modernen Rabbiners ist — wir sind nicht stolz auf diese letzte Errungenschaft der Mode. Wenn die Mode und die Form das viertausendjährige Judentum aus seinen Angeln heben können, wenn das Judentum heute tvissenschaftlich ergänzt, geformt und bewiesen werden muß, bewiesen historisch oder philosophisch, so ist es für uns, die Vertreter des Seins und des Seienden ein Beweis, daß der Boden dieses des Beweises bedürftigen Judentums unterwühlt ist; daß seine Träger entweder vor einem Konflikt flehen oder aus Mangel an jüdischer Kraft Paradoxen oder Banalitäten nach rennen. Das Judentum beweisen zu wollen, ist banal oder paradox. Aber das Bestreben, das Judentum in Erscheinungsformen zum Ausdruck zu bringen, die unserer Zeit angemessen sind, ist sträflich, weil es knechtisch und sklavisch ist. „Ihr sollt keine Knechte sein!" rief man uns zu, und ein Knecht der Mode oder der Zeit ist nicht weniger niedrig versklavt, als der Knecht des Herrn X. oder D. Heute ist Herr Wellhausen Trumpf, also muß das Judentum nach Herrn Wellhausens Muster zugeschnitten werden. Und wenn Herr Schulze morgen der Held des Tages ist, dann gibt es wieder eine jüdische Schulzereform und so ad infinitum. So erkennt auch der Laie das Groteske in dem modernen rabbinischen Bestreben, das Judentum in Erscheinungsformen zum Ausdruck zu bringen, die der Zeit angemessen sind. Allein nicht mif die Hervorkehrung der grotesken Seite dieses Bestrebens habe ich cs hier abgesehen, ich habe noch vielmehr zu dieser Frage einige ernste, philosophische und historische Bemerkungen zu machen. Man bedenke: Ein antikes, von den Jahrtausenden auf seine Ewigkeitswahrheit längst erprobtes Kulturgut soll heute von einem oder von vielen sich modern scheltenden Geistlichen und Laien erst bewiesen und so zugestutzt werden müssen, „damit nicht ein dem Judentum fremder Gegensatz zwischen Leben und Lehre entsteht". Was würden ein Poincarö oder Fuchs dazu sagen, wenn ihnen jemand den Beweis dafür erbringen wollte, daß zwischen zwei Punkten die gerade Linie die kürzeste ist. Es gibt in der Mathematik Sätze, die nicht bewiesen werden können, tveil sie nicht bewiesen zu werden brauchen — weil sie aus innerer Erfahrung oder Anschauung stammen. Und so gibt es auch noch andere als mathematische Wahrheiten, die nicht bewiesen zu werden brauchen. Und zu diesen unbeweisbaren Wahrheiten gehört das Judentum. Auf die Propheten schwören auch die modernen Juden. Hat der Prophet je „bewiesen" oder zu beweisen gesucht. Oder spricht er nicht vielmehr in Postulaten, weil er aus innerer Anschauung und aus innerer Erfahrung spricht und weil er ewige Wahrheiten verkündet, Wahrheiten des Geistes, die nicht aus der Natur und der Zeit bewiesen werden können. Hat Cancara die Wahrheit und die Grundüberzeugung von der moralischen Weltordnung zu beweisen gesucht? Oder war sie ihm nicht vielmehr eine gegebene Ursumma des Bewußtseins? Und zwar eine Ursumma, die sich nicht mehr in Teile zerlegen läßt, weil sie mehr als die Teile ist. Ein Kulturbewußtsein und universelle Kulturwerte, die aus dem Geiste des Volkes organisch hervorwachsen, wie moralische Ueberzeugungen, metaphysische Erkenntnisse usw., gehören noch weniger in den Bereich der Beweisbarkeit, als das Axiom, daß zwischen zwei Punkten die gerade Linie die kürzesteist. Und wenn man schon modern ist und historisch denken will, so muß man vom Judentum zumindest aussagen, daß es organisch aus dem jüdischen Kulturgenius hervorgewachsen und dem Einzelsubjekt gegenüber eine determinierende, absolute Macht ist. Eine Maschine kann man ändern, wenn man will, nicht aber einen lebendigen Organismus, sei es ein Organismus des Körpers oder des Geistes. Freilich verändert sich auch ein Organismus, aber nicht durch mechanischen Eingriff, sondern evolutiv, welthistorisch. Diese Reflexionen führen uns zu einer historisch-methodologischen Betrachtung der Frage. Wie im Umkreise der biologisch-organischen Natur alles organisch und gesetzmäßig aus sich hervorgeht, so folgen auch alle Erscheinungen des Geistes einer Ro. 35. inneren, organischen Gesetzmäßigkeit, die wir allerdings weniger übersehen können, als die Gesetzmäßigkeit in der Natur. Und, um wieder bei der Moderne zu bleiben: das Judentunr hat sich kraft seiner inneren evolutiven Fähigkeiten entivickelt, und was cs heute an Kulturwerten aufzuweisen hat, ist organisch aus seiner Einheit hervorgewachsen. Kommt aber so ein moderner Rabbi und tut den löblichen Willen kund, das Judentum in Erscheinmigsformen sich äußern zu lassen, die ihui belieben, so tut er auch damit gleichzeitig einen Verzicht aller philosophischen Einsichten kund. Der moderne Rabbi gibt ja selbst zu, daß es elementare Grundbestandteile des Judentums gibt, an denen nicht gerüttelt werden darf. Er hat es nur auf die Form abgesehen, allein der moderne Rabbi übersieht, daß jedes Element des Seins sich nur in seinen ihm adäquaten Formen äußern kann. Denn jeder Schein entspricht nur seinem wahren Sein. Dann übersieht der Rabbi, daß — modern gesprochen — in großen Kulturerscheinungen, wie es das Judentum darstellt. Form und Inhalt, Schein und Sein so eng miteinander verbunden und so innerlich miteinander verwachsen sind, daß mit der Aenderung der Form eine Acnderung des Stoffes erfolgen muß. Und doch spricht der Rabbi von einer Blenderung der Erscheinungsformen, als wären Stoff und Form nur noch locker miteinander verbunden. Welches Vertrauen können wir;u einem solchen Rabbi haben, dem die elementarsten philosophischen Einsichten und Erkenntnisse des historischen Werdegangs fehlen und welches Vertrauen in feine geistige Führerschaft, wenn ihm das Judentum nur ein Teig ist, den er nach Belieben kneten und formen zu können glaubt. „Aber die Zeit, die nwderne Zeit, muß berücksichtigt werden", sprach der Rabbi. Ich aber frage: „Hat je ein jüdischer Kulturträger seine jüdischen Postulate mit Rücksicht auf die Zeit gestellt?" Sagt der Prophet: „O Erdensohn, sei gerecht, fei wahr, weil es die Zeit erfordert?" Oder war es nicht gerade umgekehrt der Fall? Haben wir nicht immer gegen den Strom geschwommen? Ist nicht unsere Hartnäckigkeit als Volk sprichwörtlich? Hat nicht der Prophet trotz der Strömungen der Zeit seinem Volke imgescheut die Wahrheiten verkündet? Was wohl aus dem Judentum geworden wäre, wenn es immer mit der Zeit gelebt und die Zeit berücksichtigt hätte? Sprechet, Rabbi! Ihr prediget von der ruhmvollen Vergangenheit Israels und überhäufet mit Lob die alten Generationen, daß sie trotz der Zeit am väterlichen Glauben und an Israel sesthielten, — und heute wollet Ihr diese salbungsvolle Aussöhnung mit der Zeit, die Erleichterung Euerer Gemeinde! Einer von diesen Beiden muß doch gefehlt haben, entweder verdienen die alten Generationen, den Ruhm, weil Aufopferung für Ueberzeugungen rühmlich ist, und dann fehlet Ihr heute, weil »Ihr. entgegen dem Tun und den Absichten der