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Neue jüdische Presse · 1908-08-28 · Heft 34 (28.8.1908) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 34 (28.8.1908)
Date
1908-08-28
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Sette 4. Nr. 34. fein Leder das beste sei, seitdem Kühe und andere häutetragende Vierfüßler auf Erden wandelten, um dann hinter dem Trauhimmcl zu einem Ehepaar verbunden zu werden. 9hm waren sie so weit; kein Wunder, daß sie Gedalje unzweideutig abwics. Sie erzählte den Vorfall Arje, und die Folge davon war, daß er die Hochzeit noch ein wenig wehr beschleunigte. Es war kein Zlnfschen erregendes Ereignis in der Gemeinde. So Ivcnig lohnend cs dem Schadchen erschien, sich bei der Verlobung zu beteiligen, ebensowenig reizte es jetzt den Marschallik, bei der Hochzeit für einen wässerigen Schnaps oder für einen salzigen Hering seine gereinttcn und ungereimten Witze zum besten zu geben. — Und der Hochzeit folgten auch keine Flitterwochen; Leute ihres Schlages beginnen das Eheleben ohne poetische Einleitung und gehen bald zunr prosaischen Inhalt über. — Schon am nächsten Morgen schwang sich Arje den mit allerlei Lederstücken gefüllten Sack über den Rücken, um seinen üblicheit Hausiergang auf die benachbarten Dörfer anszuübcn; höchstens daß er noch etwas mehr Beredtsamkeit in seine Stimme legte und das Anpreisen seiner Waren etwas lebhafter betrieb. Und auch Bertha gab sich noch am selben Tage ihren Hausfrauenpflichten mit einem freudigen Lächeln hin. Das Bewußtsein der Verantwortlichkeit inachte sie ganz stolz; ihr praktischer Sinn kam bald zum Vorschein, und von einer eigenartigen Empfindung wie nie zuvor beseelt, besorgte sie die notwendigen Einkäufe. Und als sie in ihr Stübchen zurückgekehrt war und die erste Mahlzeit bereitete, da wußte sie, daß das Leben wunderschön sei. Sic kochte ein derbes Stück Rindsleisch und freute sich, über die angenehme Abwechselung nach deit ewigen Mehlsuppen und Haferschleim, die im Hause der Großmutter vorherrschend waren, da die alte F-ran schon lange alle ihre Zähne verloren hatte. Die Holzscheite knisterten so fröhlich, das Wasser i»l Topf summte so zuttaulich; — mit Wonne dachte sie daran, daß irgendwo auf Erden, auf einem benachbarten Dorfe, ein Paar feste Kinnladen vorhanden waren, die bald herzhaft und tapfer da hineinbeißen werden, und daß der Besitzer derselben ihr Eigentum sei, ihr gcutz allein angehöre. Mft - inniger Liebe folgte sie ihm in ihrem Geiste bei feiner mühseligen Wanderung auf der einsamen Landsttaße, wo die Meilensteine so weit enffernt von einander standen und einander so langweilig ähnlich sahen, ohne Abwechselung, ohne Unterbrechung. Wußte sie doch ganz genau, was eine solche Wanderung zn bedeuten habe, von der Zeit her, als die Großmutter ihr ein besonderes Vergnügen zu bereiten glaubte, wenn sie sie wegen zwei Ellen billigen Kattuns nach dem fünf Stunden entfernten Städtchen schickte. Dennoch aber war sie glückselig, und es kam ihr vor, als ob die ganze, große Welt so zufammengeschrnmpft wäre, daß sie dieselbe mit ihren Armen umfassen und in ihrem traulichen Stübchen hätte nnterbringcn können. Ja, Bertha war glücklich mit ihrem Gatten, und darum gelobte sie sich innerlich, ihm eine treue Gehilfin zu sein, um ihr beiderseitiges Glück zu begründen und mit all ihrer Macht es auch fest zu halten. Mft solchen Gedanken und Empfindungen hatte Bertha ihren Ehestaild begonnen. Jeden Abend ging sie ihrem Gatten entgegen und wenn sie ihn erblickte, Pflegte sie schon von weitem ihm znznrufen: „Arje, mein Herz, jetzt laß mich den Sack ein bißchen tragen," wobei sie ihm zärtlich den Schweiß vom Gesichte wischte. „Nein, mein Liebling," war seine ständige Antwort; „ich bin ja gar nicht müde, denn ich habe unterwegs ein wenig ausgeruht. Was würdest Du denn von mir denken, wenn ich mft schlotternden Knieen und keuchender Brust zu Dir heimkehren möchte? — Du würdest gewiß sagen: »schade, daß ich mir einen solchen kranken Mann geheiratet!' — Und es ist doch auch besser, meine Müdigkeit und Mattigkeit zwischen den Steinen am Wege zu lasse», als sie mft mir noch länger herumzuschleppen oder gar in Deine Arme zu tragen!" „Wer das Leder ist doch so schreckliche schwer —" „Gott sei Dank, nicht so schwer, als heute früh, da ich von Dir fortging! Es wäre ja auch gar nicht gut, wenn cs nicht leichter werden sollte!" Schmunzelnd kamen dann die Silbcrmünzen zum Vorschein, und wenn manchmal auch gar ein Papierrnbel darunter war, da fiel der Kuß noch etwas feuriger, der Händedruck noch etwas fester ans, — und beide fühlten, daß es schön sei zu leben, und daß die Liebe eine treue Dieiterin des Himmels sei, bestimmt ehrliche Menschen auf Erden zu beglücken.- So spielte sich ihnen das Leben Tag für Tag ab, niemals eintönig, niemals langweilig; immer entdeckten sie eine neue Freude am Dasein, immer neue Reize bei einander, und gegenseitig wetteiferten sie in Liebe und Zärtlichkeit für einander. Am Abend war Arje mich bei den häuslichen Arbeften behilflich: er spaltete das Brennholz, holte Wasser vom Brunnen, während Bertha mit der Sonne auf war, um ihni den heißen Kaffee zu kochen und nur alles für seine tägliche Wanderung vorzuberciten, danrit er noch einige Minuten länger im warmen Bette bleiben konnte. Doch der Sabbat war ihnen der liebste Tag der ganzen Woche; nicht nur, daß er an diesem Tage keinerlei Geschäfte machte, sondern er kam schon Freitag zeitig nach Hause, und sie blieben bis Sonntag früh beisammen. Und wenn er aus dem Tempel kaut, und am sauber gedeckten Tisch, an der Seite eines Weibes saß, dann erstrahlten beider Angesicht in freudigem Glücke. Er war ja jetzt ein richtiger „Baal-Boos", ein würdiges Glied der Gemeinde, lote jeder andere, wenn er auch keinen langen Bart hatte, der bis zum Gürtel hinabreichte, und Bertha eine wirkliche „Hausfrau" mit einem eigenen Hausstand, in welchem sic nach Herzenslust schalten und walten konnte. Und wenn die Mittagsmahlzeit mit den Sabbat- Liedern und dem „Benschen" vorüber war, gingen sie in den Wald — und welche Gottessthöpfung könnte sich an weihevoller und friedvoller Schönheit mit einem russischen Wald an einem heißen Svmmer- Nachmittag vergleichen? — Sie gingen weit und tief hinein, in der Nähe des kleinen Sce's, der solche riesige Ansttengungen machte, über die Kieselsteine zn „rauschen", die sich ihin in den Weg stellten; dort verbargen sie sich den ganzen Nachmittag, wohin die andern Spaziergänger ihnen nicht folgten; nicht die Alten, die über die Winzigkeit des Verdienstes und die Größe der Nachkommenschaft schwermütige Betrachtmtgen änstellten, und auch nicht die Jungen, deren Lungen aus Stahl und Eisen zu sein schienen. — Wo Arje und Bertha zu ivcilen pflegten, herrschte himmlische Ruhe, und wenn Bertha sich eine Vorstellung von dem Paradiese machen wollte, so dachte sie an den Wald, an der Seite ihres Gatte». So war es den ganzen Sommer hindurch; doch bald wurde die Jahreszeit müde des fortwährenden Grünens und Blühcns, sie wurde launenhaft und nahm ein recht griesgrämiges Aussehen an; ei» heissender Nebel schwebte in der Luft herum, eine graue Schicht bedeckte alles, die Sonne fühlte sich fröstelnd an und ging zeitig zn Bett. (Fortsetzung folgt). Kunst und Literatur. Landhaus und Villa. Illustrierte Zeitschrift für Einzelwohnhauskultur und Wohnuugsknnst. Unter Mitwirkung führender Männer heransgegcben von Emil Abigt, Wiesbaden. Heft 6. Einzelpreis 75 Pfg., bei Jahrcsbezug nur 50 Pfg. pro Heft. Verlag der Westdeutschen Verlagsgesellschaft m. b. H. in Wiesbaden 35, Bülvwstraße l. Tragödien des Ghetto von Israel Z a n g w i l l, nach dem englischen Original deutsch von Dr. Hanns Heinz Ewers, autorisierte Ausgabe, Berlin 1907, Verlag Siegfried Cronbach. Preis: brosch. Jk 5. Tragödien des Ghetto, das doch schon selbst eine Tragödie ist, glso eine Schilderung des höchsten menschlichen Elends, des Unglücks der Unglücklichsten. Die meisten der in diesem Buch vorkommenden Erzählungen spielen in dem Londoner Ghetto. Zumeist sind es Geschichten von stillen Helden, die, von allen verkannt, sich manchmal unter Vernichtung ihres eigen Glücks, für das Wohl der anderen aufopfern. So die junge Lehrerin, die alles daran setzt, ihre Familie glücklich zu machen, von der sie aber dennoch für alles Unglück verantwortlich gemacht wird. Und die welche Tragik, grade tot zusammengebrochen ist, als man ihr mitteilen wollte, daß sie das große Los gewonnen habe. Oder lvie die kranke Frau, die ihren Mann freigibt, damit er die Jüngere, Gesunde heiraten kann. Oder lvie der alte Jude, der aus Liebe zn seiner Tochter einwilligt, daß diese einen Christen heiratet, die aber dann auf diese Heirat verzichtet, als sie sieht, daß die Hochzeit ihrem Vater das Herz brechen würde. In anderen Erzählungen ist der Streit zwischen den am Judentume festhaltenden Alten und den Jungen, die kaum von der Kultur beleckt, sich ihres Judentums schämen, das Motiv. Reich an Poesie ist die Geschichte von B e t h u l a, der Tochter des Wunderrabbis von Zloczszol, der von ihrem Vater prophezeit wird, daß sie jungfräulich einst den Messias gebären würde die deshalb auf Liebe verzichtet und auf das Wunder wartet und wartet und darüber zur Greisin wird und auch da noch besttmmt hofft, daß aus ihrem Schoß her Befreier des jüdischen Volkes kommen würde: Dieses Buch des besten aller Ghettoschilberer enthält inchr als Geschichten von den Leiden einzelner Personen, es redet in einer wunderbaren Sprache, wie es nicht besser geschehen kann, von der Tragödie des ganzen jüdischen Volkes. B. St. Aus Vergangeitheit und Gegenwart der Inden und der jüdischen Gemeinden in den Posen er Landen von Dr. A Heppner, Rabbiner in Koschmin und I. Herzberg, Lehrer in Bromberg. Selbstverlag der Verfasser. Heft 14. Das jüngst erschienene .14. Heft dieses hoche bedeutjamen Werkes behandelt die Gemeinden Kempen, Klatzko, Kobylagora, Kvbylia, Kolmar, Koschmin, Kosten, Kostschin, Kriewcn und Kröben. All denjenigen Glaubensgenossen, die in der Provinz Posen leben oder ihr entstammen, kann diese Schrift aufs wärmste empfohlen werden. Aber auch weiteren Kreisen bietet ihr Inhalt ein besonderes Interesse, da er einen Einblick in das Leben und Treiben der Juden Poscns von den ältesten Zeiten an gewährt und von dein so wechselvollen Geschicke derselbei: in den verschiedensten Jahrhunderten Kunde gibt. Während der erste Teil eine „Geschichte der Juden in der Provinz Posen" darbietet, enthält der zweite Teil illustrierte „Gemeindebilder". Es ist zn Pünschen, daß die Herausgeber bei ihrer mühseligen Arbeit die wirksamste Unterstützung finden. N. N e tt c Preußische Iagdordnung vom 15. Juli 1907 nebst Äusführuugsbestimmuugen. Amtliche Fassung. 112 Seiten (1 Jk). L. Schwarz u. Comp., Berlin 8., Dresdenerstr. 80. Ein Kind. Gegenseitige Rechte und Pflichten zwischen Eltern und Kindern. Das Erbrecht des Kindes.. Die Rechte der unehelichen Kinder. Ein Ratgeber für Eltern und Kinder, sowie für Mütter, Väter und Vormünder von außerehelichen Kindern. Von Rechtsanwalt Dr. Rudolph. (Band VII der Praktischen Bibliothek „Im Kampf ums Dasein"). 78 Seiten. (1 Jk) Hermann Schneider Nachf., Pößneck. D e r o s ch a u s lechoI S ch a b o s a n s h a - Hasch o n o h we-ha-Mauabim von Rabbiner Isaak Nissenbaum. '264 Seiten. 5668. Wilna. Von glühender Liebe für Judentum und jüdisches Volk beseelt, in klassischer hebräischer Sprache und moderner Form geben sich diese Predigten, deren Erscheinen ein Ereignis in der jüdischen Predigt- Literattir genannt iverden darf. Tehilaus Jisroel 6 Morceaux religieux par M. Cohen-Linarn (Jk 5). Leipzig, M. W. Kaufmann, Brühl 65. Vieles in diesen Gesängen scheint mehr vom Verstand diktiert, als aus wahrer Schöpferkraft und innigen religiösen Gefühlen geflossen zu sein. Am meisten kommt noch das erste der 6 Stücke, „L'cho doudi", den Forderungen nach, die inan an derartige Gesänge stellen tnuß: melodisch und harmonisch, nicht gesucht und in der Stimmung als Eingang zum Sabbat gut getroffen, hat es besonders eine gute Chorbchandlung und einen feierlich effektvollen Schluß. Als originelles Stück ist der erste „Jigbal" anzulehen, der sich auf eine orientalische Originalmelodie hin aufbaut und in seinem % Takt mit kontinuierlichem Baß (3stimm. Chor) nicht gerade sehr fröhlich, aber doch lebendig dahinschreitet. Der zweite „Jigdal" verliert durch den 6/g Takt die richtige Haltung; doch sind seine Melodien — abgesehen von den vielen verbotenen Quintenfortschreitungen (in Baß und Oberstimme) — recht sanglich und beim Zusammentvirken von Kantor ptii> Chor jedenfalls ganz wirkungsvoll. Von den anderen Stücken läßt sich nichts besonderes sagen. Frankfurt a. M. I. Neumann. Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. M. ■ Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt. Bad Harzbnrg TC PenBionParkhauB 53 Salons u. Familien-Dependance Schloss Prinzenhof mit 28 Salons. Streng rituelle Häuser I. Ranges unter Rabbinats- Aufsicht an schönst. Waldlage. Geöff.l.Mai-l.Okt. Prosp.gratis. Max Hecht Wochen-Kaleirder. (Zeitangaben nach dem Luacb.) SamStag, den 29. August (= 2. EIIuI): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 45 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 8 Uhr 05 Min, in Berlin 7 Uhr 50 Min. Wochenabschnitt: S ch a u f t i m. Zunächst wirb die Einsetzung gerechter Richter gefordert, die -einerlei Bestechungsversuchen zugänglich sind. (Aehnliches im 2. Bch At., Kap. 22.) Kein göttlicher Verehrung geweihter Baum soll angepflanzt werden. (Astardc) Verbot, Tiere mit Leibesfehlern zum Opsrr zu bringen. Bestrafung von Götzendienern, ebenso von deren Verlcitern. Gerichtsverfahren mit solche». Einsetzen des höchsten Gerichtshofes in der „auserwählten Stadt". (Jerusalem.) Einsetzung eines Königs in Israel. Dessen Rechte und heilige. Pflichten als Vater des Volkes. Besondere Vorschriften für sein Verhalten überhaupt. Diverse Wgaben an Priester, als von Opfern, Feldfrüchten. und Schaf- Sur. Heidnische Bräuche und Unsitten aus Israels itte sernzuhalten. Verhalten gegenüber^den wahren und falschen Propheten. Wiederholt ist die Vor-

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