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Neue jüdische Presse · 1908-08-28 · Heft 34 (28.8.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 34 (28.8.1908)
Date
1908-08-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nk 34. Seite 3. Weise kundgcgcben. Zum Schluß wünschte ihnen der Zar eine fruchtbare und friedliche Wirksamkeit in der Zukunft. Von der „friedlichen Wirksamkeit" des Verbandes ist jedock) vorläufig nichts zu merken. Es mehren sich im Gegenteil die Anzeichen, daß diese Gesellschaft nach irgend einer Gelegenheit zu aktivem Vorgehen sucht. Bald sind es einzelne Verbändler, bald sind cs ganze Gruppen, die wiederum zum Schrecken ganzer Stadtbevölkerungcn werden. So kommen ans einigen Orten Mitteilungen über lügenhafte und hetzerische Gerüchte, die sie verbreiten, um Exzesse hervorzurufen. Aus Kiew wird gar gemeldet, daß es bald nrit Odessa zu wetteifern beginnt, Am 10. August spielten sich daselbst Szenen ab, die ganz und gar an Odessa gemahnten. Die Verbändler gaben so gut wie eine Probe zu einem Pogrom, und ein zugereistes Individuum hatte auf dem Trödelmärkte mehrere hundert Leute um sich gesammelt und sic also aufgehetzt: „Bald werden wir hier die Juden hauen. Bei uns in Odessa haben wir Ordnung geschaffen — jetzt sind wir zu euch gekommen." Nach diesen Worten wurden alle jüdische Passanten überfallen und verprügelt. Aehnliche Szenen spielten sich im Kiewer Vorort Slobodka ab. Aus einem anderen Ort, aus Pvnewcsch, koinmt die Nachricht, daß ein Verbändler daselbst ohne irgend welchen Anlaß den ehemaligen Wahlmann Dr. Hnrwitz getötet hat. Doch verwundern solche Vorfälle niemand mehr, da die PogromPropaganda jetzt von keiner Seite beanstandet wird. So wird aus Nowgorod berichtet, daß der Inspektor der Lehrer« furfe, die am dortigen geistlichen Seminar abgehalten' wurden, Spaßky, diese Kurse hauptsächlich zu hetzerischen Agitationsztvccken ausgenutzt hat. Radoniisel (Äouv. Kiew). Warum haben unsere Brüder inl Westen kein Mitleid mit uns, deren ganzes Leben durch Chikanen vergällt, ja durch die willkürlichsten und grausamsten Verordnungen häufig zerstört wird? Kann etwas teuflischer ausgcdacht sein als z. B. die Tatsache, daß man ein jüdisches Mädchen ein Gymnasium absolviere» läßt und ihr nachher, weil sie Jüdin ist, den Aufenthalt in einer Universitätsstadt verwehrt? Es ist wirklich ein Jammer, zu sehen, wie solch' ein armes Mädchen, das im Schweiße seines Angesichts das Examen bestanden hat, von dem Universitätsrektor mit den Worten: „Wir können Judcnmädchen, die das Wohnrecht in Kiew nicht haben, nicht aufnehmen" abgewiesen wird. Bataillone von Kämpfern stehen stets bereit» das Judentum zu zerschmettern. Es fehlt nicht an Zeichen dafür, daß lvir uns zur Auswanderung vorbereiten müssen, denn die Leiden haben den Höhepunkt erreicht; die Frage ist nur, wohin wir auswanderu sollen. Bis dahin aber gehört für uns wahrlich eine fast übermenschliche Ausdauer dazu, bei einem solchen Dasein den Kopf oben zu behalten. Schreiber dieses fiel in Ohnmacht, als er aus dem Munde des Kiewer Univcrsitätsrektors vernahm, daß er die Aufnahme seiner Tochter. wegen ihres Glaubensbekenntnisses verweigere, denn seine gesamten Ersparnisse hatte er daran gewandt, seine Tochter so weit zu bringen, — und woher nun die Mittel für eine ausländische Universität? Möchten sich doch bald die 'Ziele des Zionismus verwirklichen, damit wir erlöst werden! Lehrer I. I. Braun. Bulgarien. Philippopel. Bon dem Antisemitismus in Bulgarien. — Der Rabbiner von Nustschuk erhielt vor kurzem von dem slavisch-antijüdischen Vereine einen Brief ohne Namensunterschrift, in welchem er aufgefordert wird, den vermögenden Juden Rustschuks ans Herz zu legen, binnen vierzehn Tagen Bulgarien zu verlassen. Andernfalls werden ihre Häuser und Geschäfte mit Dynamit gesprengt werden, ebenso werde man vor keiner Grausamkeit zurückschrecken. Die Juden Rustschuks gerieten in Angst und Schrecken, viele von ihnen flüchteten sich nach Sofia und erregten auch unter deir dortigen Juden große Furcht. Eine vom Großrabbiner unterstützte jüd. Deputation bewirkte beim Minister des Innern, daß der Polizei die strengsten Befehle zum Schutze der Juden erteilt wurden, Dessenungeachtet herrschte unter den Juden in Rustschuk am 6./19. August die größte Panik, da es schon lange vorher verlautete, daß an diesem Tage ein Pogrom stattfinden werde. Dank den wirklich von der Regierung ergriffenen Maßregeln hat sich dieser Schrecken als unbegründet erwiesen. Man ist schließlich auch auf die Spur gekommen, wer der Autor des ebengenannten Briefes war — ein stellenloser Antisemit, der dadurch von den Juden Geld zu erpressen hoffte. Ja, auch so äußert sich der Kampf ums Leben! Ben Haamitti. Personalien. Berlin. Im Älter von 81 Jahren verschied der Bildhauer - Professor Louis Sußmanritz ellborn, gewesener Direktor der Königl. Porzellan-Manufaktur. fjwuptx90t gwnamvissL Berlin. Dr. Alfred Schiff und Dr. Robert Davidsohn, der Verfasser der Geschichte von Florenz, erhielterr den Titel Professor. — Dr. Friedrich Behrend, Dr^ Eduard Löwenthal, Dr. Alfred Rosenbaum, Dr. Viktor Bock, Dr. Samuel Fränkel, Dr. Paul Kronthal, Dr. Julius Mosler, Dr. Eugen Pick, Dr. Siegsr. Roseuberg und Dr. Jacob R u h e m a n n erhielten den Titel Sanitätsrat. — Porträtmaler Emanuel Großer wurde mit der kobnrgischen Medaille für Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet. Karlsruhe. Wie das neueste Verordnungsblatt des Gr. Obcrrats der Israeliten bekanntmacht, hat die israelitische Landessynode vor dem Schlüsse ihrer Tagung zu Mitgliedern des Synodalausschusses gewählt die Abgeordneten: Sigm. Kassewitz in Freiburg, Dr. Herm. Pinkuß in Heidelberg, Louis Ai a r x in Bruchsal, Eduard Bauer in Mannheim, ferner als Ersatzmänner in nachstehender Reihenfolge die Abgeordneten: Em. Rothschild in Konstanz, Jos. Zimmern in Mannheim, E. C a r l e b a ch in Heidelberg, Dr. A r t h u r L e v i s in Karlsruhe. Breslau. Dr. Dav'.d Gräupner-Ratibor, Dr. M a x W e i l - Kulmsee, Dr. E m a n n e l S a ch s - Pollnow, Dr. Hermann Elkeles- Posen, Dr. Julius W o l s s o h u - Schwerin a. W., Dr. Set» thold Riesen selb- Breslau, Dr. M. Bloch- Beuthen und Dr. Richard Rubin- Georgenberg erhielten den Titel Sanitätsrat. (L.) Posen. Das Kaufmann Moritz S ch e r k' sche Ehepaar feierte am vergangenen Sonnabend das Fest der goldenen Hochzeit. Die zehn Kinder des Jubelpaars waren von nah und fern herbeigeeilt, um gemeinsam mit den Eltern das seltene Fest zu begehen. Auch viele Bürger der Stadt zeigten ihre herzliche Teilnahme und in der Synagoge hielt Herr Rabbiner Dr. Blum eine tiefempfundene Ansprache und wies ans das glückliche Familienleben und den Wohltätigkeitssinn der Gefeierten hin. Das Jubelpaar spendete für die Synagoge wertvolle Geschenke. Herr Schert hat das 80. Lebensjahr überschritten, seine Frau ist 76 Jahre alt. — Vor kurzein feierte ein alter Posener Bürger, Herr Raphael Jessel, seinen 90. Geburtstag. Herr Jessel, ein geborener Posener, erfreut sich noch heute bester Gesundheit und liest noch, wie man uns versichert, ohne Brille die Zeitung. Besonders interessant ist es, hierbei festzustellen, daß Herr Jessel, ein früherer Lehrer, wegen eines Lungenleidens schon vor vielen Jahrzehnten seine Lehrtätigkeit aufgeben mußte; er wurde dann Kaufmann. Herr Jessel hat im Jahre 1815 in Schildberg geheiratet; im Jahre 1895 konnte er mit seiner treuen Lebensgefährtin noch das Fest der goldenen Hochzeit begehen, aus welchem Anlaß ihm die Ehejubiläumsmedaille verliehen wurde. Bei der Gebetvcrrichtung im Temvel richtete Herr Rabbiner Caro an den Jubilar herzliche Worte und dankte ihm Namens des Vorstandes für den gespendeten Thoraschmuck. — Wreschen. Durch den Weggang des Königlichen Kreisarztes Mediziualrat Dr. Michael so hn von hier nach dem Kreise Meseritz verliert unsere jüdische Gemeinde ein bedeutsames Mitglied. Herr Dr. Wichaelsohn war hier ca. 20 Jahre tätig und bekleidete mehrere Ehrenämter in der Stadt. Czernowitz (Bukowina). Dem Postenführer Titularwachtmeister Josef Hersch Schwarz wurde das silberne Verdien st kreuz verliehen. Stratzuitz Mähren). Der 80 jährige Gabriel H ä u t l e r erhielt als Radetzky - Veteran das V erbte n st k r e u z. London. In Manchester verschied im Alter von 76 Jahren William Aronsberg, Gründer und Präsident der Neuen Synagoge und des Bes- Hamidrasch, eine bei Juden und Christen hochangesehene Persönlichkeit. Hier verstarb 73 Jahre alt GeorgeBendon, Mitglied' des Board of Deputies. Philadelphia. Der Philanthrop Arnold K o h n (geb. in Buchau in Württemberg) feierte seinen 70. Geburtstag. Aufrichtige Reue. Erzählung von Samuel Gordon. Frei übersetzt von M. P u l v e r m a n n. „Bertha, soll denn dieses wirklich Dein letztes Wort sein? Ist denn nichts vorhmiden, das Dein Herz erweichen. Deinen Sinn ändern könnte?" Der Mann, der diese Worte sprach, sah flehend und durchdringend das Mädchen an, das ablehnend und kopfschüttelnd vor ihm stand. „Weißt Du, Gedalje, Du sängst nachgerade an, lästig und aufdringlich zu werden. Wenn Dir meine Antwort so sehr schmerzlich und peinlich ist, warum quälst Du mich denn, daß ich sie Dir fortwährend wiederholen soll? Ich habe es Dir doch schon oft genug gesagt, daß es nicht sein kann." „lind warum kann es nicht sein?" drang er weiter in sie. „Weil — weil — die Leute sagen, daß Du ein Posche - Jisroel, ein ganz schlechter Mensch bist, daß Du am Sabbat Zigarren rauchst, daß Du ein Trinker und Spieler bist — und einem solchen Manne will ich nicht meine Zukunft anvertrauen." Beschämt ließ er den Kopf sinken und blickte schweigend zur Erde. Endlich sprach er wieder init leiser Stimme: „Du, Bertha, könntest mich wieder gut machen; durch Dich könte ich wieder fromm lverden." „Durch mich?" rief sie verwundert. „Gott soll »rich beschützen und bclvahren, eine solche Aufgabe, eine solche Verantwortung auf mich zu laden! Ich bin ja nur ein schwaches, unwissendes Mädchen und verstehe nur das, was nottvendig ist, um Haus und Küche in Ordnung;u halten; allenfalls kann ich mich noch einen Rock ausbessern, daß er wieder wie neu aussieht; allein — — —" „Eine schadhaft gewordene Seele, wie die weinige, geht nicht mehr zusammenzuflicken, willst Du wohl sagen," unterbrach er sie bitter. „Nein, das wollte ich nicht sagen," war ihre schnelle Antwort. „Jedem Menschen ist es gegeben, seine Leidenschaften zu überwinden, daß sie ihn nicht zur Sünde verführen. Und auch Du vermagst es. Aber Du darfst Dich dabei nicht erst auf andere stützen wollen; aus Dir selbst muß die Kraft kommen; in Deinem eigenen Innern muß der Wille zum Guten leben! Und solltest Du doch noch einen Halt bedürfen, dann kannst Du Beispiele und Vorbilder genug finden: geh' in das Gotteshaus, sei ehrlich und redlich in Deinem Beruse, suche die Gesellschaft guter Menschen, dann wirst auch Du, wie schon so viele vor Dir, den rechten Weg zum wahren Glück wieder finden." „Und wenn ich alles tue, was Du mir sagst — wie steht es dann zwischen uns beiden?" „Genau so wie heute;- in dieser Hinsicht kann nichts geändert werden, denn — denn — ich liebe Dich nicht." Gedalje holte tief Mein; man hätte meinen können, es sei ein Seufzer. — Doch wer hat je Gedalje seufzen hören!? Auch seine nächsten Worte ließen keinen solchen Gedanken auskommen; denn mit scheinbarer Ruhe, die Hände in den Hosentaschen, sprach er spöttisch: „Wenn nicht, dann nicht." Ohne das Mädchen noch eines Blickes zu würdigen, verließ er das Haus, chp diese Unterhaltung stattgefunden. -I- Die Gründe, die Bertha veranlaßt, Gedalje'» Antrag schlankweg abzulehnen, waren jedoch nicht allein die angeführten, sondern noch eine ganze Zahl anderer. Erstens war er ein „Luttwak", über den der „Pollak" sich hocherhaben dünkt; — sodann aber hatte Gedalje einen steifen Fuß, weil eine russische Flintenkugel ihm das Schienbein zerschmetterte, — und das bedeutete, daß er ein Schmuggler war. Das Gewerbe eines Schmugglers ist durchaus kein Zuckerlecken, und am allerwenigsten das eines russischen. Man muß früh aufstehen, um den Grenzjägern ein Schnippchen zu schlagen; man muß tief in die Schluchten eindringen, um den Späherblicken des russischen Adlers zu entgehen, und man muß eine gehörige Portion von Schlauheit und Courage besitzen, um nicht von den Bluthunden in Stücke gerissen zu werden. Aber die tausendfachen Gefahren werfen auch einen reichlichen Lohn ab, und wem es gelingt, eine Zeitlang von keinem bleiernen Vogel heimgesucht zu werden, der kann sich bald der Gesellschaft einer Anzahl Goldfüchse erfreuen. Und Gedalje war in der letzten Zeit, abgesehen von der häßlichen Zugabe am Bein, sehr glücklich in seinen Unternehmungen gewesen, und daher glaubte er, mit seinen gefüllten Taschen den gewünschten Eindruck auf Bertha zu machen. Doch Bertha ließ sich nicht blenden, denn sie hatte noch einen weit triftigern Grund, seine Bewerbungen abzulehnen, der weder in seinem lockern Lebenswandel, noch in der Gefährlichkeit seines Berufes lag; — es war ein ganz, ganz anderer, den aber weder Gedalje, noch sonst jemand zu wissen braucht. Denn wen ging es wohl etwas an, daß sie schon seit Monaten mit Arje, dem Lederhändler, über ihre beiderseitigen Herzensangelegenheiten ins Reine gekommen war? Sie hatten alles allein zwischen sich abgemacht, sie hatten das Rosenband selbst geflochten, und kein dritter braucht ihnen den Bindfaden dazu zu geben. Es würde auch schwerlich sich einer gefunden haben, es für sie zu besorgen. — Bon der Mitgift, die Bertha ihrem zukünftigen Gatten in die Ehe brachte, würde sich ein echter und rechter Schadchen kaum satt essen können. Beide hatten sie keine Eltern mehr, und auch sonst kümmerte sich kein Mensch um sie. Arje war in einem Waifenhause erzogen worden, und Bertha mußte sich seit ihrer frühesten Jugend mit einer Großmutter begnügen, die, selbst krank und altersschwach, die Erziehung ihrer Enkeltochter dieser selbst überließ. Es war daher vielleicht die Gleichheit der Schicksale, die Bertha und Arge zusammengeführt. Und jetzt waren sie auch einig geworden und warteten nur noch darauf, bis Arje noch mehr Bauern zu dem Glauben beschwätzt, daß

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