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Neue jüdische Presse · 1908-08-28 · Heft 34 (28.8.1908) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 34 (28.8.1908)
Date
1908-08-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Nr. 34 formen auf der Tradition? Und wer bedarf Ihrer? Glaubt Ihr denn ernsthaft, daß Eure Reformen dem Abfall einen Damm setzen werden? Wollt Ihr etwa mit einer Ausmerzung eines Ausdruckes im Gebetbuchc oder Aufhebung des „Get" der indifferenten Masse ihren Mangel an jüdischem Wissen, an Literatur und Sprache, und ihre Hoffnungslosigkeit am Judentum ersetzen? Weg mit Eueren lleinlichen Reformen! Gebet der Masse, was sie dank Euerer falschen Politik und verkehrten Erziehung, die Ihr der Masse gegeben habt, verloren hat. Kenntnisse, Glaube an die Zukunft des jüdischen Volkes, Liebe zum angestammten Volke, habt Ihr ihnen genommen; gebt es ihnen wrcker, — und Ihr werdet sehen, wie schnell der Jndifserentisnms, über den Ihr Euch so sehr bellaget, verschwindet, und wie die Religion, für deren Hebung Ihr angeblich so sehr besorgt seid, sich ausbreiten wird! Nein! Nicht das Judentum — mit Zunz zu sprechen — bedarf der Reform, sondern Euch müsset Ihr reformieren! Brief aus Ungar«. Die drückende Hitze hat alles, was noch Nanien hat und auf geschäftliche Reputation nicht verzichten will, aufs Land gepeitscht. Der Sonnenbrand regiert absolut. Sein Szepter hat selbst die Majestät des Volkes, das Parlament, auseinander gepeitscht. Die Vollstribünen dreschen statt im Unterhause unter dem Hause ihr leeres Stroh. Sie sammeln frische Kräfte, neue Schlagworte, um ihre jüdischen Sitznachbarn gehörig anzuflegeln. Sonst ist es still und schwül, wie vor grollendem Sturm; nur brennt uns der Boden buchstäblich unter den Füßen. Von allen Ecken und Enden schlagen die züngelnden Flammen empor, die cs auf unser Gut und Blut abgesehen haben. Die teuflische Hand der schwärzesten Reaktion, die unter dem schützenden Mantel der koalierten Parteien bei hellem Tage brandschatzen kann, hat ihre Minen mit weiser Vorbedacht zerstreut; die Lunten rauchen und riechen. In allen Winkeln, wo wir nur gehen und stehen, blitzt es und kracht es. Eine Explosion, Finsternis, und wir sind an die Lust gesetzt. Für diesmal hat es der christlichsoziale Generalstab auf die Preßkampagne abgesehen. Ein ganzer Blätterwald von Hetzaposteln in der Kutte inspiriert, rauscht seine Flüche gegen uns. In der „Ryitrai Szemle" doziert der Pfarrer Kassala Antiscmitica. Seine Methode baut sich auf praktische Experimente: „jüdische Vivisektion" auf. Als ers zu arg trieb, und der Neutraer Staatsanwall nicht mehr beide Augen zudrücken konnte, mußte ihm der Prozeß gemacht werden. Die P r e ß - burger Geschworenen haben aber den geifernden Talarträger freigesprochen. Ihm zur Seite leitartikelt der Gymnasiallehrer in Buda, Gaspar Larko, der nebenbei 57°/o jüdische Schüler erzieht, gegen die Verjudung der ungarischen Kultur. (?) „Man müsse mit einer Patentierten Kulturbremse den Juden an den Leib rücken." Im Süden wieder, in Szegedin, der zweftgrößten Stadt Ungarns, besudelt der Präsident der dortigen „liberalen" Unabhängigkeitspartei, der von der Koalftion „tollerierte" Pfarrer Wassorhely, alle leeren Wände mft seinen ellenlangen bunten Affichen, die mit faustdicken Buchstaben „Tod den Juden" verkünden! Und die Bestie im Volke mordet. Alexander Weiß, David Fromm, Chajim Diamant und noch einige Genossen von der Metzgerzunst wurden vom verhetzten Mob in Neupest, nur weil sie Juden sind, aus dem Extempore niedergestoßen!!! Die Antwort, die die „berufenen" Lenker unserer Geschichte all diesem Geschehn entgegenstellen, ist depremierend. Ihre Wege sind — da es zwei Jüdentümer bei uns gibt — verschieden; beide treffen das Problem, das Judentum, ins Herz! Neologerseits hat man jetzt nichts besseres zu tun, als für den Kränzckultus auf jüdischen Gräbern bei der Regierung zu intervenieren und es hohen Orts durchzusetzen, daß die ung arischen Gr ab¬ Frankfurt« FsraÄitffches FamilierHlstt. aufschriften bei uns obligatorisch gemacht werden. Die orthodoxe Zentrale wieder läßt auf der ganzen Linie zum Rückzug blasen. In ihrem Organ läßt sie von einem Dr. K. gegen jeden politischen Liberalisinus eine Lanze brechen. Der Kampf gegen die aufstrebende Sozialdemokratie und den Zionismus muß alle patriotisch konservativen Elemente in ein Lager vereinigen. Alle verwandten Seelen werden znm Zusammenschluß aufgefordert, damit der liberale Geist, der der Feind jeden Fortschritts ist, vertilgt werde usw. Dieser Artikel, vom Geiste der reaktionären Luftrichtung dirigiert, wurde an alle Vertreter des lichtscheuen Gelichters expediert und hatte zur Folge, daß das Uebel nur noch schwoll. Das „Stuhlweißenburger Tageblatt", ein Preßwisch pöbelhaft antisemitischen Kalibers, veröffentlichte die ihm zugeschickte Aufforderung des orth. israel. Zentralorgans und sagte sich gerne bereit, Bruderschaft mit dem Erbfeind zu trinken, vorausgesetzt, daß dieser einwillige, daß der Talmud und die mystische Tradition vertilgt werde! Das Fiasko war also vollständig! Dabei steht dem befreienden Erwecker, der nicht ausbleiben darf, ein Mcnschenmaterial zu Gebote, das in der Diaspora seines gleichen sucht. Denn ungarische Zedoko und Ginilus-Chessed werden von keinem andern übcrboten. Wo ist denn sonst das Land, das bei solchem Tiefstand zehntausend Bachurim erhält und alljährlich 2 Millionen für Las Kaulcl opfert? Und ist es nicht charakteristisch, daß unsere Presse es fast totschweigt, daß Frau Berta Deutsch in Nassod mit Gefährdung ihres eigenen Lebens, sic ist Mutter von sieben Kindern, drei Sifre Tauraus aus dem brennenden Tempel in Naszod rettete. Für so selbstverständlich lebt diese Johanna Sebus-Tat bei unseren Leuten. Einzig der sich ins Fäustchen lachende sogenannte Chassidismus steht bei uns auf der Höhe der Zeit und seiner Aufgabe. Er arbeftet an dem Werke der optimistischen Weltbeglückung mit Volldampf und dabei recht amerikanisch. Schon vier Wochen, bevor der heilige Ueberjude, der Chassid von Cheanow, de» ungarischen Kurort Vorjöde besucht, läßt er in die Blätter, 20 Kr. die Petitzeile, schmettern, daß er gerne bereit ist, jedem zu helfen, vorausgesetzt, daß man ihm hilft. Und es wird geholfen. Zioni. Aus «Mer Welt. Deutsches Reich. Berlin. Die „Großloge für Deutschland", die dem „Hilfsverein der Deutschen Juden" bereits auf so vielen Gebieten ihre wertvolle Unterstützung geliehen hat, hat demselben als Beitrag zu der gemeinsamen Hilfsaktion sür die Opfer der Brandkatastrophe" in Telschi 1500 JL überwiesen. Bad Ems. Das Kuratorium des hiesigen israel. Zentral - Waisen- und Mädchenheim beabsichtigt einen großen und architektonisch schönen Neubau. Im Frühjahr nächsten Jahres soll damit begonnen werden. Namhafte Summen sind schon gespendet worden. — Am 10. d. Mts. traf unter Begleitung des Lehrers Jacob y eine Ferienkolonie aus Cöln a. Rh. — bestehend aus 37 Kindern — zu fast 4 wöchentlichem Aufenthalt hier ein. Die Aufsicht und Verpflegung ist Herrn Lehrer Ucko-Ems übertragen worden. Täglich werben Spaziergänge auf die umliegenden Berge unternommen. Die Direktion der Malbergbahu gewährte den Kindern 3 mal wöchentlich fteie Fahrt. Herr Dr. med. Samter hat bereftwilligst die Behandlung der Kinder übernommen. Diesem verdankt die Ferienkolonie auch freies Baden im „Römerbad". Breslau. Man ist an der Arbeit, den am Fränkelplatz gelegenen Teil des alten jüdischen Friedhofes, der von der Stadt erworben worden ist, für die Durchlegung der Bahnhofsftraße herzurichten. Es werden gegenwärtig die Gräber geöffnet und ihr Inhalt sorgfältig gesammelt. In Frage kommen etwa 800 Beerdigungsstätten, die alle über 100 Jahre alt sind. Die Särge sind längst vermorscht, nur die Skelette find noch vorhanden. Sie liegen zum Tell nur in geringer Tiefe etwa dreiviertel Meter unter der Erdoberfläche, da das Grundwasser dieses Teiles des Fränkelplatzes — auf dessen Gelände sich früher ein Mühlteich befand — berells in lYa Meter angetroffen wird. Die Skelettreste werden, soweit es sich um einzelne, durch Grabsteine erkenntliche Gräber handelt, in Keine Särge gelegt und mit dem dazu gehörigen Steine auf einer anderen Stelle des Friedhofes beigesetzt werden, während die Skelette, deren Identität durch Gedenksteine nicht festgestellt werden kann, in Massengräber kommen. Die Oeffnung der Gräber hat außer den Skeletten auch verschiedene andere Gegenstände zutage gefördert, so einen alten rostzerfressenen Reitersporn, die noch gut erhaltenen Metallteile eines Eimers u. a. m. Man nimmt an, daß diese Gegenstände aus der Zeit vor hundert Jahren herrühren, zu welcher Zeit die Franzosen auf einem Teile des jetzt etwa 150 Jahre alten Friedhofs gelagert haben sollen. Man glaubt, jene Stelle noch heute daran zu erkennen, daß in der Mitte des Friedhofes, der sonst ziemlich dicht mit Gräbern besetzt ist, ein Platz von Denkmälern frei ist. Kitzinge«. In der h'esigen Synagoge, die gegenwärtig renoviert wird, hat sich ein gräßlicher Unfall - ereignet. Das Gerüst stürzte plötzlich ein, ein Lehrling blieb tot am Platze, ein Geselle erlitt einen Arm-, ein anderer einen Beinbruch und der Meister einen Nasenbeinbruch. Der große Leuchter und ein Kandelaber sind vollständig zertrümmert. Westerland. Der Student Kohnberger aus Prag ist vor einigen Tagen hier abgereist, nachdem er als Folge seiner heldenmütigen Tat eine Zeitlang sehr krank im Hospital gelegen hatte. Mit dieser Rettungsgeschichte war noch eine Liebesgeschichte verbunden. Kohnberger hat ein armes — jüdisches — Mädchen gern, aber seine Mutter widersetzte sich der Heirat. Als K. die Krisis seiner Krankheit überschritten hatte, schrieb ein Freund von ihm seiner Mutter, er glaube, daß K. nur dann wieder ganz gesund werde, wenn sie ihm die Heiratseinwilligung gebe. Frau K. gab keine Antwort/ sondern reiste mit dem jungen Mädchen zusammen nach hier. Das Ende war eine feierliche Verlobung. Oesterreich-Ungarn. Wien. In der .Wiener Mg. Ztg." lesen wir: Ein höherer Ministcrialbeamter reiste kürzlich von Gmunden nach Wien. Als er, mit einer Fahrkarte erster Klasse versehen, in Ginundcn den Zug bestieg, machte ihm der Kondukteur die unliebsame Eröffnung, daß er in der zweiten Klasse Platz nehmen müsse, da sämtliche Kupees erster Klasse vollständig besetzt seien. Der Beamte, dem das nicht recht einleuchten wollte, machte sich nun selbst auf die Suche nach einem Platz und fand richtig ein Kupee erster Klasse, in dem zwar nur zwei Damen saßen, vor dessen Tür aber ein Herr breitbeinig Wache stand imd dem Fremden mft der bündigen Erllärnng, das Kupee sei reserviert, den Eintritt verwehrte. Auch der um seine Intervention ersuchte Kondukteur erklärte achselzuckend, nichts machen zu können. Das Kupee sei reserviert — obzwar die Herrschaften nur Karten zweiter Klasse besäßen. Der Gewährsmann hatte natürlich keine Lust, mit einer Karte erster Klasse in der vollgepfropften zweiten zu fahren, weil es drei Personen, die nur zweite Klasse bezahlt haben, beliebt, es sich in der „Ersten" bequem zu machen. Er griff also zur Selbsthilfe, schob mit einem höflichen „Pardon!" die Schildwache sanft beiseite und nahm Platz. Darob erhoben sich die beiden Damen mit allen Anzeichen höchster Indignation und verließe»», sorgsam ihre Kleider raffend, um den Eindringling ja nicht zu berühren, das. Abteil. Eine der beiden Damen konnte es sich nicht versagen, ihren Auszug »nit den Worten zu begleiten: „So etwas kann einem doch nur mit einem Juden passieren!" Der Ministerialbeamte, der Sohn eines k. u. k. Feldmarschalleutnants, der als waschechter Arier diese „Kritik" vollkommen unberechtigt fand, zerbrach sich »mn während der Fahrt den Kopf, was denn eine „jüdische Frechheit" sei: Erste Klasse zu zahlen und zu fahren, oder mit Billetts zweiter Klasse ein ganzes Abteil erster Klasse zu okkupieren. Wir überlassen — so schließt die „Wr. Allg. Ztg."" ihre Mitteilung — die Beantwortung dieser Frage unseren Lesern und bemerken nur, daß der Reisepraktiker, der zweite Klasse zahlt und sich ttotzdem ein K»»pee erster Klasse reserviert, kein anderer ist, als der Landeshauptmann-Stellvertreter von Oberösterreich, Herr Dr. Jäger. Czernowitz. Der Beginn der Jüd. Sprachkonferenz ist für den 30. Aug., 10 Uhr vormittags, festgesetzt. Samstag, den 29. d. M. veranstaltet das vorbereitende Komitee einen Begrüßungsabend für die Teilnehmer der Konferenz. Dienstag, den 1. September veranstaltet der Wiener akad. Verein „Jüdische Kultur" einen Festkommers zu Ehren der ersten jüd. Sprachkonferenz. Sonntag Nachmittag findet eine große Volksversammlung statt, wobei mehrere hervorragende jüdische Literaten über den Zweck und die Ziele der Konferenz referieren werden. Zu dem großen Literarischen Abend haben bereits Morris Rosenfeld und Schälom Asch ihre Mitwirkung zugesagt. Rußland. Petersburg. Neuerdings hat der Zar Vertreter des „Verbandes des russische»» Volkes" entpsangen »md ihnen seine Huld in auffälliger

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