Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 34 (28.8.1908)
- Date
- 1908-08-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692562-2692596--04166-2698952- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ilrankfnrter Sfrnrlilifriirs faiiiiliriililntt. i rj 1 .- ™—. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Avonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— stet ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland M. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Ml. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— i - , .— HedaKtion unb <! Srankfurt a. IR., vildelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße Tekefo« 10507. -‘HJW— Herausgeber: Sali; <|<tis. . Jnfertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile...'.. 25 Pfg. Die Reklamezeile.100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis, nach Uebereinkunst. 6. Jahrgang. Freitag, den 1. Ellul 5668 (28. August 1908). Ro. 34 Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Liberale Juden Und liberales Judentum. — Brief aus Ungarn. — Aus aller Welt — Personalien. — Feuilleton: Aufrichtige Reue. — Kunst und Literatur. — Wochen- Kalender. —VunteChronik. —Familiennachrichten. Liberale Juden und liberales Judentum. (Schluß). Und nicht nur, daß man in dem begangenen Fehler beharrte, — der Irrt u m wurde nach und nach zur Tugend erhoben, das liberale Judentum wurde das Panier, auf das man schwur. Was ist nun das Positive, ivelches ist die Lehre dieses neuen Judentums? Ein Wesen ohne Körper und ohne Gestalt, so stellte das neue Judentum sich dar. Vergeblich fragte man nach dein positiven Gehalt, nach den Grundsätzen dieses Judentumes; das einzige Bejahende war: die Anerkennung des einz i g e n Gottes . Doch von einem einzigen Gotte sprechen ja auch Leute, die keine Juden sind! Bleibt noch die Frage nach der praktischen, religiösen Betätigung. Rund hundert Jahre verhielten sich die liberalen Juden zur Tradition vollkommen negativ. Sie entschuldigten ihr Verhalten mit dem Abfall der Massen voni jüdischen Gesetze, als ob der Abfall vom Gesetz ein Grund für dessen. Aufhebung sei. Ist denn die Gemeinde dazu da, die Pflichtverletzung der einzelnen noch dankend zu quittieren, dem Abfall die Krone aufzusetzcu? Das wird doch kein Vernünftiger behaupten »vollen! Gewiß ist die Lage des jüdischen Volkes innerhalb der Völker für die Ausübung oer Gebote nicht sonderlich angetan; allein es ist, ivie wir bereits ausgesührt haben, die Beobachtung des Gesetzes auch in der Diaspora möglich; Beweis: die Orthodoxie, die auch vermögende und unabhängige Leute in ihrer Mitte hat und nicht, wie Herr Karpeles zu behaupten beliebt, aus lauter Schnorrern und Beamten besteht. Wohl verlangt die Beobachtung der Gebote Opfer; aber — wo Begeisterung, dort auch der Wille zum Judentum — und wo ein guter Wille dort auch Opferwilligkeit. Und Begeisterung für das Judentum ist es, die man bei den liberalen Massen oder vielmehr Indifferentem — denn von Liberalismus kann man bei Menschen, die keine Llhnung von dem Judentum haben, nicht gut reden — vermißt. Da wäre es nun die Pflicht der Vorsteher dieser Massen, ihnen anstatt eines liberalen Judentunis Begeisterung einzuimpfen, damit sie die Gebote zu respektieren lernen. Doch noch ein zweiter Grund wird für die Berechtigung des liberalen Judentums angegeben. Ws moderne Menschen, sagen die liberalen Juden, können sie unmöglich an das alte Judentum gebunden sein, vielmehr benötigen sie ein modernes Judentum, das sich in keiner Weise mit der neuesten Wissenschaft in Widerspruch setzt. „Wahrhaftigkeit!" ist eine schöne Tugend, — aber weshalb sind die liberalen Juden gerade aus dem Gebiete der Religion so eifrig bestrebt, wahrhaftig zu sein? „Religion im Einklang mit dem letzte n W o r t e der Wissensch aft — >vie sonderbar! Das liberale Judentum fußt auf dem konfessionellen Atomcut im Judentum, — und die Wissenschaft gibt z. B. nichts auf das menschliche Beten; demnach müßte das liberale Judentum das Beten aufhebeu. Das Judentum in Einklang mit der Wissenschaft bringen zu »vollen, würde nur dann Sinn gehabt haben, »venn das liberale Judentum sich ausschließlich auf das Soziale n»id Nationale im Judentmn stiitzte. Ist doch der Nationalsimus als Kulturfaktor ersten Ranges für den menschlichen Fortschritt längst anerkannt Ivnrdeu, und daß das Sozialethische im Judentum noch bis auf den heutigen Tag unübertroffen ist, braucht gar nicht erst gesagt zu werden. „Die jüoische Religion im Einklang n»it der Wissenschaft"; — also die jüdische Religion soll m o d c r n »verden, sie soll mit her modernen Kultur ganz übereinstiinmen. Wie »nerkwürdig! Zeiten der Dekadence kennt die Geschichte zur Genüge; in solchen Zeiten heißt eben das Dekadente „modern"; Kultur, also freie Liebe u. d. n». könne»; unter Umständen als etwas Ideales, Fortschrittliches angesehen »verden, — und mithin lvird alsdann die jüdische Religion, »oie die jüdischen Moral- und Sittlichkeitsgesetzc, ein Korrektivnrn erleiden müssen, damit das Judentum sich nicht in Widerspruch zur Moderne setzt. Auch Zeiten der Reaktion, in der die Macht das Recht ausniacht und der Schtvache vogelfrei ist, können „modern" sein; dann muß an dem Judentum tviedcrum eine Korrektur vorgcnommen werden, der jüdische Grundsatz „Ein Recht für Alle", ebenso das Gebot „Du sollst nicht morden" müßten dann ausgemcrzt »verden. — Also, die Frage bleibt noch innner unbcanttvortet: wozu das Negieren? Wozu das Reformieren? * Doch siehe! man spricht jetzt im Lager der Liberalen von einer neuen Aera; ein Jahrhundert lang habe man im liberalen Lager nur negativ gearbeitet, — und die Resultate »varen Masscntaufen einerseits, Jndifferentisnrus anderseits. Die Führer der Reform sahen die Frucht ihres Werkes und erschraken, man suchte nach Abhilfe, und nian berief eine liberale Tagung, die Wortführer des liberalen Judentums kamen hin, und man erklärte: fortan solle die Arbeit nicht rein negativ, sondern auch positiv gestaltet werden. „Niederreißen und aufbauen" — so sagte auf der Versammlung Prof. Blaschke — „wird jetzt als Parole von den Liberalen ausgegeben." Man konnte sich anscheinend — dachten wir — anfänglich vom Mederreißen nicht so leicht trennen und daher auch jetzt noch die Rede vom Niederreißen, obgleich man schon längst fast alles niesergerissen hat. Wie dem auch sei; man tvar sich jedenfalls klar, daß endlich mit dem Bauen begonnen werden müsse. Aber, »vas war die erste Tat der neu entstandenen Organisation? Eine Versammlung von liberalen Rabbinern, die daraus getagt hat, faßte eine Resolution, das geheiligte jüdische Ehegesetz aufzuheben. Also, der jüdische „Get", das „Sefer kerisus" der Thauro, das den jüdischen Gatten vor unüberlegten Schritten behütet hat, ist nicht mehr da! Ist nicht mehr da? O ja! Das traditionelle Judentum behält dieses Gesetz auch fernerhin, die traditionell gesinnte jüdische Welt lacht ja über diese Beschlüsse, und die liberal denkenden Juden lachen dreifach, da doch der liberale Jude sich auch ohnedies um dieses Gesetz nicht geküinmcrt hat. Jedoch, der Beschluß zeigt, was man von der neuen Organisation zu erlvarten hat und tvie die Art des Bauens sich gestalten wird. Wir führten die Rabbinerresolution über den „Get" als Exempel an, denn leider sind wir auch jetzt nach der Gründung der neuen Organisation immer noch auf Verinutungen angewiesen; ein genau umschriebenes Programm liegt auch jetzt nicht vor. Von dem Programm, das die Siebener- Koinmission entworfen hat, entnehmen wir: „Die jüdische Religion verniag, sich »nit den Zertanschauungen fortznentwickeln", woraus sich tlach der Ansicht der Liberalen „die Berechtigung und sogar die Notwendigkeit, oen Gehalt der jüdischen Religion in Erscheinungsformen zum Ausdruck zu bringen, die unserer Zeit angemessen sind, damit kein Gegensatz zwischen Lehre und Leben entsteht", ergibt. Die Form kann also je- »veilig geändert werden, und zivar in einer solchen Weise, daß es mit den Sitten und Anschauungen der Zeit übereinstimmt. Allein, was verstehen die Liberalen unter Form? Sind Beschneidung, Sabbat Form oder nicht? wenn ja, dann müssen sie tvegfallen, denn die moderne christliche Welt hält auf Beschneidung und Sabbat nichts und auch die liberale jüdische Welt gibt auf diese Einrichtungen nichts. Und Versöhnungstag, Befreiungsfeste, und rituelle Speisen — sind diese Form? Die christliche wie die liberale jüdische Welt halten auch darauf nichts, — und deshalb müßten auch diese verschwinden. Was bleibt nun vom „ewigen Gehalte" des Judentums übrig? Ettva der Glaube an einen einzigen Gott? Dieser allein kann soch un- »nöglich als das „historische" Judentum hingestellt werden! „Die jüdische Religion vermag sich den Zeitanschauungen entsprechend fortzuent»vickeln." Um dies zu betveisen, beruft Ihr Euch auf die Reform des „Prusbel" seitens Hillels. Es ist hier nicht der Ort, des Näheren auf diese Anordnung einzugehen, »mr eins wollen wir hier aussprechcn: Der Prusbel entstand im Zentrum des jüdischen Landes und durch den Nasi im Einverständnis mit dem Sanhedrin, und Ihr? Habt Ihr die Autorität eines Sanhedrin? Herrschen nicht selbst in Eurem Lager Meinungsverschiedenheiten? Ist das Judentum Claude Montefiores das des Rabbiners Goldschmidt? Beruhen Eure Re-