Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 33 (21.8.1908)
- Date
- 1908-08-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692562-2692595--04155-2698939- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2. Nr. 33 teils willen in Assimilation arbeitet; allein die Zahl dieser ist nicht allzu groß. Die Frage bleibt also noch immer: wozu das Negieren, wozu das Verleugnen des Volkstums? * Es ist eine komische Erscheinung, doch ist es geschichtlich wahr, schon deshalb wahr, well es nicht neu ist: hier haben wir nämlich mit einer Erscheinung zu tun, in der die Mittel zu einem bestimmten Zwecke nach ' und nach Selbstzweck wurden. Die Reform, die einst politischer Natur war — lediglich zum Zwecke der Erlangung von Rechten —, ist allmählich zum Prinzip erhoben worden. Ein Novum kam, ein noch nie dagewesenes Gebilde, das „liberale Judentum", wurde geschaffen. Jahrtausende hindurch, seit dem Bestehen des Judentums, gab es — Sektierer abgesehen —. ein einziges Judentum, das Judentum: das traditionele, geoffenbarte Judentum. In diesem einen Judentum war Raum für die Aufgeklärtesten, ja für alle, auch für Männer wie Mai-, monides, Jbn-Esra, Mendelssohn, Krochmal und Luzato u. d. m.; ein jeder befruchtete das Judentum auf seine Weise. Das Judentum wurde somit vielseitig, und jeden einem bot es reichliche Nahrung; es war ein lebendiger Quell für Me. Und auch in den Zeiten, da die Massen, durch gewisse Umstände veranlaßt, mehr Nahrung für das Gefühl benötigten und sie durch die Kurzsichtigkell gewisser Lehrer in Israel vergebens suchten und Männer sich einstellten, dem Bedürfnisse der Masse mit demselben Stoffe, nur in anderer Weise, zu genügen, — auch dann blieb das Judentum unangetastet. Es ist hier die Rede vom Chassidismus, und der Chassidismus weicht in keiner Weise vom traditionellen Judentum ab. Wir führten hier einen Fall aus unserer Geschichte an, bei dem man von einem nicht befriedigten Bedürfnis der Massen sprechen kann — manche stellen sogar dies in Abrede und nicht vhne triftigen Grund —, und doch bedurfte das Judentum der Reform nicht, es genügte die Vornahme einer bloßen Aenderung in der Form der Verwertung des reichhaltigen Stoffes, um das erwünschte Resultat zu erzielen. Das Judentum ist ein Lebensquell für alle Ewigkellen, und treten geänderte Umstände und Zeiten ein, so bedarfs bloß einer geänderten Form in der Unterbrellung des Stoffes, Hilfsmittel zur Verbreitung des Judentums gibts genug, versagt die starre Logik, so kommt das Gefühl, versagt der Glaube, so kommt das nationale Moment in den Vordergrund. Und doch! doch zogen die Väter der Reform vor, den Stoff selbst umzumodcln, ja ganz Neues zu schaffen und ein zweites Judentum an die Seite des bis dahin einzigen Judentums zu stellen. Man schuf Neues ohne jegliches Bedürfnis, und anstatt einzugestehen, daß man sich geirrt habe — da doch die Reform sich zur Erlangung der Menschenrechte als nutzlos erwiesen —, statt dessen beharrte man in dem gemachten Fehler. (Schluß folgt.) Die türkische Verfassung und der Zionismus. . Von M. S.. Soden a. T. n. Die zionistische Politik muß jetzt die ökonomische und kulturelle Eroberung des Landes und die Schaffung einer philozionistischen Bewegung im Reiche betreiben. Die Vergrößerung des. jüd. Bodenbesitzes ist von größter Wichtigkeit; außer privaten, sollen dazu auch die Nationalfonds-Gelder verwendet werden. Bei dem sicheren Steigen der Bodenprcise nach Reformierung des türkischen Bodengrundrechts tonn der Nationalfonds dabei auch ein gutes Geschäft machen. In Bezug auf Handel und Industrie soll die Organisation nur anregend und informativ wirken. Menschen und Kapitalien brauchen wir, um im Lande mehr Boden zu fassen, unsere Positionen zu vermehren und zu verstärken. Die Gesellschaften Stein, Ätid usw. zeigen uns den bedeutenden Erfolg der privaten Initiative. gflutffrufts LffmSMM» SaMSfeftNatt Nicht minder nötig und viel leichter ist die innere Kulturarbeit unter der jüdischen Bevölkerung. Der Staatsstreich wird wie Schofarschall auch die zwei Millionen Juden der türkischen Länder, aus ihrer Apathie wecken; — und. da muß dann verhütet werden, daß die Kultivierung nicht, wie in Europa, eine Assimilation zur Folge hat. Wohl sollen die Juden gebildet sein, am allgemeinen Leben und am Aufblühen des Landes teilnehmen — aber dies ohne das Verwischen ihrer jüdischen Eigenart, vielmehr mit sorgsamer Pflege alles Jüdischen. Die Türkei hat zwei Millionen Juden, Palästina Hunderttausend. Sie könnten 20 jüdische Abgeordnete ins türkische Parlament schicken. Wie günstig für die jüdische Sache wäre es, wenn im ottomanischen Parlamente 20 jüdische Juden säßen, die gemeinsam arbeiten würden. Ein jüdischer Klub! Die türkische Judenheit besteht aber größtenteils aus ungebildeten und zum lleineren Teile aus mit französischer Kultur übertünchtem Menschenmaterial, von welch' letzterem wir noch viel weniger als von ersterein eine würdige jüdische Repräsentanz erwarten können. Die geeigneten Personen fehlen. Wie oft bei uns, könnten wir vieles, können aber sehr we nig. Hier muß der Zionismus zu Hilfe kommen und für die kulturelle Hebung und Organisation anregend und beispielgebend Sorge tragen. Die äußere, speziell politische Arbeit besteht in der Bekanntmachung der Ottomanen mit unseren Besttebungen und prattischen Plänen; Regierung, Masse und Intelligenz sollen sie aus richtiger Quelle in klarer Darstellung kennen lernen. Es muß aber weniger gesprochen und mehr gearbeitet werden. Wir dürfen unsere ehrlichen Wünsche ganz offen kund tun, aber großmäuliges Geschwätz ohne Arbeit kann der guten Sache nur schaden. „Polittk und Diplomatie" sind nur dann wertvoll, wenn wir im Lande sind und dort arbeiten. Bleiben wir aber in der Minorität, so kann das Politisieren nichts nützen. Die Politik muß deshalb neben und nach der wirtschaftlich-kulturellen Arbeit geführt werden. Es wird den Zionisten nicht an Gegnern fehlen — insbesondere unter der christlichen Bevölkerung —, aber die unvoreingenommene und sreihellliche Majorität wird aus ihrer Seite sein. Es ist in hebräischer Presse von einem außerordentlichen Kongresse die Rede gewesen. Wir sehen dafür keine Notwendigkeit, denn die türkischen Ereignisse sind ja erst der Beginn eines neuen Lebens, dessen weitere Entwicklung eine zeitlang ruhig verfolgt werden muß. Die zionisttschen Leiter werden inzwischen die Verhältnisse ruhig studieren können und dem nächsten Kongreß Ergebnis und Pläne vorlegen. Wir kommen oft zu spät; wir sollen uns .aber deshalb auch nicht übereilen. Es ist zu erwarten, daß viele frühere ehrliche Gegner des Zionismus, besonders diejenigen, die die „barbarische" Türkei abgeschreckt hat, jetzt unter seine Fahne kommen und mithelfen werden. Auch die Territorialisten, unsere „achim senissrokchu" werden jetzt den Rückweg nach Palästina leichter finden. Jedenfalls können doch jetzt Kleinasien oder Mesopotainien ebenso kolonisiert werden, wie Texas! Abgesehen von allen zionistischen nationalen Besttebungen, wird dem erwachenden Orient noch eine wichtige Rolle in der jüdischen Oekonomie zukommen. Wenn die europäischen Großmächte in der Kolonisation des Orients wetteifern, desto mehr soll der immer zunehmende Strom der jüdischen Emigration, vor welchem Amerika und England ihre Tore schließen, nach dem Orient seinen Lauf nehmen. Der dünnbevölkerte Orient wird für den jüdischen Auswanderer das werden, was. für ihn his zur letzten Zeit Amerika war. Und noch viel mehr. Er kann auch das werden, was Amerika nicht war und nicht werben konnte, das, was' er schon einst war, vor 400 Jahren, nach der großen Verbannung aus Spanien im Jahre der Entdeckung Amerikas. Das christliche Europa hatte vor dem gehetzten Wanderer seine Grenzen geschlossen, nur im Osmanen gleiche fand er Obdach und Ruhe für seinen müden Körper, — und auch für seinen — Geist. Es ist kein Zufall, daß die jüdische Kultur (die Rede ist hier von der Nachbiblischen) nur im Orient und im arabischen Spanien ihre höchste Entwicklung erreicht hat. Hier, auf dem historischen Boden, durch Rassen- und Kulturverwandtschaft unterstützt, kann der jüdische Geist mehr Boden gewinnen, den Äußeren Einflüssen ttotzen und sich konservieren. Hier läßt er sich schwerer verwischen und verdrängen als in Amerika, wo er niemals festen Boden fassen konnte. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Berlin. Die „Jüdische Tunizeitung" veröffentlicht nachfolgenden Aufruf: „Die Kölner Vorturnerstunde hat das Gefühl der Sicherheit gestärkt: Wir sind auf dem rechten Wege; unser Werk, organisch aus einem in uns allen lebendig wirksamen Kern hervorgewachsen, ist selber ein wurzelechtes, kerngesundes Gebilde. Aber mit seinem Wachstume ist es wie bei einem Baume, alle feinsten Wurzeln und . Fäserchen müssen aus der Weite und Tiefe des Bodens, von überall her, den Zusttom der nährenden Säfte vermitteln, damit der Stamm stark und stolz in Wind und Wetter stehen kann. . Ihr alle, die Ihr da und dort uns Freund seid, ohne das Glück zu haben, in festgefügtem Verein Euren Willen und Eure Kraft für unsere Sache betätigen zu können, Ihr in München und F r e i - bürg, in Königsberg und Frankfurt, Fürth und Magdeburg, und all den anderen Gemeinwesenwo unsere Arbeit offene Herzen und bereite Armen gefunden hat, — Ihr alle bedeutet, vereinzelt und zersplittert, so gut wie nichts für die Sache, zusammen aber seid Ihr eine Macht, nach der unsere Bewegung dringend verlangt. Gründet Wandertlubs, zieht hinaus zu ftischer, froher Turnfahrt, zu Turnspicl und jeglichem volkstümlichen Turnen, so erzieht Ihr Euch und Eure Freunde in turnerischem Geist und sammelt um Euch den Kern einer disziplinierten, zielbewußten Mannschaft. Geht es später einmal an Turnhallenbeschaffung und schulgerechten Betrieb, so wird sie alle Schwierigkeiten getreu mit Euch durchkämpfen. Lebt in Euch echter Turncrsinn und ein fester Wille, so gibt es keinen Genreindegewaltigen, der Euch hindern kann, sogleich ans Werk zu gehen. Eure Halle ist das weite Himmelszelt, Eure Schulung besorgen Eure gesunden Sinne. Euren Willen und Eure Kraft aber beschwinge unser Aller gemeinsames Ziel." Auskunft über Gründung und Organisation von Wanderklubs erteilt die Redaktion der „Jüd. Turnzeitung", Berlin HW. Rathenowstt. 25. Berlin. Seit einem Jahre hatte der Auswanderer-Verkehr, der über Ruhleben geleitet wird, sehr nachgelassen. Jetzt ist wieder ein Umschwung eingetteten. Täglich treffen in Ruhleben 500 bis 600 russische Juden ein, deren Reiseziel die Vereinigten Staaten sind. Darunter befinden sich auch verschiedene Rückwanderer, die sich von neuem nach Aknerika begeben. Während so der Auswanderersttom wieder in Bewegung gekommen ist, hat die Rückwanderung von Amerika noch nicht aufgehört. Breslau. Die hiesige jüd. Gemeinde erhebt für die Etatsperiode 1908—10 als Steuer von den in Breslau wohnenden Mitgliedern %°/o — 60 Pfg. und von den im Landkreise wohnenden Mitgliedern % °/o — 40 Pfg. von je 100 JL des der Staatseinkommensteuer zugrunde gelegten Einkommens. Beuthen. Auf der Chauffee nach Sieminnowitz spielte sich ein Kampf mit Straßenräubern ab. Drei Burschen im Mter von 25 Jahren hatten erfahren, daß die Gebrüder Schmiergodt, jüdische Pferdehändler, gegen Abend nach ihrer Heimat in Russisch-Polen ausbrechen würden und etwa 6000 M bei sich führen sollten. Die Burschen legten sich an einer geeigneten Stelle auf die Lauer. Als der Wagen der drei Brüder in gewünschter Nähe war, stürzte sich die Bande auf die Juden. Die Angegrisffenen wehrten sich aber verzweifelt, sodaß es den Sttaßenränbern trotz Messer und Knüppeln nicht gelang, sich des Geldes zu bemächtigen. Oesterreich-Ungar«. Wien. Die jüngst erfolgte Taufe des Baurates Heinrich von Kuh und seiner Frau Felicia geb. Rappoport von Porada möge deshalb in einem jüdischen Blatte erwähnt werden, weil die Frau Baurat Tochter des jüngst verstorbenen Reichsratsabgeordneten Dr. Arnold von Rappoport und Urenkelin des berühmten Prager Oberrabbiners ist. Schweiz. Zürich. Die freie Schweiz sieht am 20. August auf 15 Jahre Sch ächtverbot zurück. Mit 191527 Ja gegen 127101 Nein und mit 10% Ständen gegen 9% wurde damals zum Gesetz erhoben, daß das Schlachten der Tiere ohne vorherige Betäubung verboten ist. lieber die Geschichte dieses Schächtverbotes schreibt das ,Jsr. Wochenbl.": ,-Kaum war das Bundesgesetz vom 27. Januar 1892 über das Verfahren bei Volksbegehren und Abstimmungen betr. Revision der Bundesverfassung erlassen, als auch schon die Agitation gegen das ./Schächten" kräftig 'einsetzte. Am 20. August 1892 wurden der Bundeskanzlei Bogen mit über 70000 Unterschriften eingereicht, welche für diese Jnittattve einttaten, und im Laufe der nächsten zwei Monate wuchsen die Unterschriften auf 87 268 an, von welchen 4109 ungültig waren. Bundesrat und Bundesversammlung unterließen es leider, dem Volke einen Gegenantrag zu unterbreiten und beantragten nur Verwerfung des Vorschlages. Die Abstimmung erfolgte, wie erwähnt, am 20. August