Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 33 (21.8.1908)
- Date
- 1908-08-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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&tan&fuxtex ZstiklltWs fmilicntilitt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— Redaktion nnd Geschäftsstelle: Srankfurl a. m.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße ‘geZef on 10507. Hevansgever: OalZ Gels. , Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petttzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz» und Daten-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 6. Jahrgang. Freitag, de» 24. Aw 5668 (21. August 1908). Ro. 33. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Holländische Reiseeindrücke. — Liberale Juden und liberales Judentum. — Die türkische Verfassung und der Zionismus. — Aus allerWelt. — Aus der Lehrerwelt. — Aus denBereinen. — Personalien. — Feuilleton: Zwei Schnorrer oder Montccchi und Capuletti. — Wo ch en-Kalend er. — Brieflasten. — Vereins-Kalender. — Familiennachrichten. Holländische Reiseeiudrncke. Von Dr. Gustav Löffler. (Schluß). Bei meinen stundenlangen Rundgängen durch die reichen, herrlichen Gemäldegalerien in dem Haag und Amsterdam erlebte ich noch manche Momente, da der 'Jude in mir wach und stolz war. Die Judenheit Hollands hat früher Passiv und in neuerer Zeit auch aktiv teilgenommen an den unvergänglichen Ruhmestaten der holländischen Malerei. Verknüpft doch jeder, der nur einigermaßen auf dem Gebiete der Farbenkunst bewandert ist, den großen Rembrandt in seinem Geiste ohne weiteres mit den Gestalten der Amsterdamer Jndengasse. Dort hat er Jahre lang gelebt und gedarbt, und unter den armseligen, aber für sein Malerauge schönen Gestalten der ihm täglich begegnenden Juden wählte er sich viele seiner Modelle. Des sah ich manch Zeugnis im Maurits-Huis, jener weltbekannten Galerie im Haag, und später im Reichsmuseum zu Amsterdam. Im Maurits-Huis — jener Kunststätte, die Rembrandts Meisterwerk, die unvergleichliche „Anatomie des Dr. Tulp", birgt — sind es vor allem zwei Gemälde, die des Sujets halber uns Juden besonders interessieren (während sie im künstlerischen Werte hinter manchen anderen Arbeiten des Meisters der lichtreichen Bilder zurückstehen). „Simson im Tempel", bei dem uns die ehrwürdige, weißhaarige Gestalt des Hohenpriesters besonders sympathisch berührt und „David, vor Saul die Harfe spielend". Weit eindringlicher indes als diese beiden Gemälde zeigt sein imposanter „Homer", welche malerischen Reize er unter den ehrwürdigen Greisen der Judenheit Amsterdams fand; es unterliegt doch wohl kaum einem Zweifel, daß wir in einem Juden seiner Umgebung das Vorbild zu dem ehrfurchtgebietenden griechischen Dichterfürsten mit seinem seherhaften Blick, dem wallenden Barte und der mächtigen, mit einer Binde geschmückten Stirn zu suchen haben. Im Reichsmuseum zu Amsterdam war es ein Kunstprodukt aus 'Rembrandts letzter Schaffenszeit, das mich als Kunstfreund und Juden in gleichem Maße bannte; es ist das „Die Judenbraut" betitelte Gemälde; daraus leuchten uns die Gestalten eines holdseligen Mädchens und eines stattlichen, die Braut liebend umfangenden Mannes entgegen, wie man annimmt, die biblischen Figuren „Ruth und Boas". Aus der gleichen, an kostbaren Bildnissen überreichen Sammlung will ich nur noch ein Gemälde anführen, das sich mir ebensowohl wegen seines jüdischen Stoffes, wie dessen kraftvoller Ausführung einprägte, „Jsak, seinen Sohn Jakob segnend", von Flinck. Doch als das erhebendste, beglückendste künstlerische Erlebnis, das mir in Amsterdani beschieden war, muß ich die Sabbat- Nachmittag-Stunde bezeichnen, die ich in der Galerie moderner holländischer Meister vor den Bildwerken Joseph Israels weilen durfte. Joseph Israels ist einer der Unseren mit Leib und Seele — das bezeugen alle seine Werke, die ich sah. Er offenbart sich uns als Jude, aber nicht etwa durch eine besondere, jüdische Malweise; in der Art der Farbenauftragung und -Mischung ähnelt Israels manchem unserer deutschen Meister moderner Schule, vor allem llhde. Man sollte sich m. E. überhaupt nicht daran gewöhnen, von „jüdischer Kunst" zu sprechen; die Kunst — die malerische, wie die musikalische nnd Plastische — besitzt eine allen Konfessionen und Nationen gemeinsame Ausdrucksweise und Formengebung. Der Inhalt eines Kunstwerks ist es, das Gedankliche in ihm, was ihm individuelle Färbung verleihen kann. In diesem Sinne sollte man von germanischen, romanischen, jüdischen, slavischen Künstlern, nicht von germanischer, jüdischer ustv. Kunst reden. Und so dürfen wir auch Israels als einen jüdische Gedanken und Empfindungen äußernden Künstler, und nicht als einen Vertreter einer „jüdischen Kunst" für uns in Anspruch nchnien. Das Eigenarttge, Jüdische in seinen Gemälden ist eine seltene, tief zu Herzen gehende Gcmütsricse. Der tief in die menschliche Seele ülickcitde, ihr Leid und ihre Freude mitempfindenoe große Mensch und Jude ist's, der uns zu geradezu andächttger Bewunderung zwingt, ob er nun seinen Stosf unter den Gestalten der alten jüdischen Geschichte oder der heutigen Judengasse wählt, oder ob er eine Episode aus dem allgemeinen Leben aus die Leinwand zaubert. Ja, geradezu zauberhaft dünkt mich dies glänzende Vermögen, die verschiedensten Stimmungen im Bilde festzuhaltcn. Es fällt mir schwer, ein oder das andere Werk des Meisters scheinbar geringer zu bewerten, indem ich es nicht namentlich erwähne. Bon allen möchte ich gern begeistert reden; da ich aber mit meinem Berichte auch einmal zu Ende kommen muß, so mögen nur die drei Werke besprochen sein, die auf mich am ergreifendsten, wuchtigsten wirkten. Das war am meisten der Fall bei dem „Die Heimkehr" genmmten Bilde: Ein wetterfester, junger Fischer kehrt vom Grabe der Lebensgefährtin heim, einen etwa 4jährigen Knaben an der Hand führend und ein kleines, unschuldiges Kind auf dem linken Arme tragend; der traurige Ernst auf dem Antlitz des sehnigen Mannes, der fragende, ahnende Angcnauffchlag des neben ihm schreitenden Sohnes und die rührende Unschuld des Jüngsten reden, im Verein mit dem Grabhügel und dem Kreuze zu Füßen des Fischers, eine ganze, tragische Geschichte. Ein Stück jüdischer Vergangenheit tritt uns auf dem großen, von poetischem Glanze überhauchten Gemälde entgegen, das uns den „König Saul" vor Augen führt, wie er schwermütig auf dem Diwan liegt, das Haupt auf die Hand gestützt, neben ihm, zu seinen Häupten, eine liebliche Frauengestalt und ihm gegenüber der sangcsfrohe, schöne Jüngling David, die Harfe spielend und dabei den Blick verzückt gen Himmel wendend, der, durch den Spalt einer zurückgeschlagenen schweren Portiere sichtbar, von magischem, silberhellem Lichte überflutet erscheint und Strahlen dieses Lichtes auf das Antlitz Davids reflektiert. Ein Vergleich mit dem das gleiche Sujet behandelnden Bilde Rembrandts liegt nur zu nahe und läßt Jos. Israels Größe besonders deutlich in die Augen springen. Wesentlich kleiner im Format als die beiden genannten Gemälde, in der die Details mit breiten Strichen> mehr skizzenhaft behandelnden Malweise echt modern, aber in seiner Sprache nicht minder eindringlich und am meisten von jüdischem Geiste erfüllt ist das dritte der Bilder, „Ein Sohn des alten Volkes". Ein Jude mit rötlichem Haupt- und Barthaaren, intelligenten sympathischen Gesichtszügen und bekleidet mit einem schwarzen, von den Jahren „glänzend" gewordenen Anzuge, sitzt aus der Schwelle seines Trödelladens, umgebe:: von seinen Gütern — alten Kleidern über seinen: Haupte hängend, Tellern und Leuchtern auf Stühlen ihm zur Seite. Sinnend sitzt er da, als wollt' er sich sammeln zu einer langen Geschichte von seines Volkes Leiden und Dulden. Ein großflächiges nnd doch nur flüchttges Spiegelbild von den Eindrücken, die Natur, Kunst und Menschen des meerumschlungenen, tristereichen! Hollands bei mir hinterließen, habe ich im Vorstehenden entworfen. Vielleicht habe ich aber doch meine Absicht erreicht, in manch' einem die Sehnsucht zu wecken, all' das Geschilderte mit eigenem Augen zu sehen und in sich aufzunehmen. Liberale Jude» und liberales Judentum. (Fortsetzung). Die Assimilation ist — wird mancher Eiferer als Erklärung geben — die Sucht nach dem Aufgehen unter den Völkern, damit endlich das tausendjährige Leid aufhört. Wlein dem ist nicht so. Denn abgesehen davon, daß man ernsten Männern eine solche Feigheit und bewußte Irreführung der Massen nicht gut nachsagen kann, wäre dies ein unnützes Unterfangen; ein Volk läßt sich für die Dauer nicht überrumpeln, und ein Volk, wie das jüdische, das so außerordentlich am Leben hängt und seit tausenden von Jahren den erbfttertsten, hartnäckigsten Kampf ums Sein führt, wird doch zweifelsohne auf die Spuren von Verrätern, die seinen Untergang vorbereiten und betreiben, kommen und mit Verachtung sich von diesen Männern wegwenden. Gewiß wird es Manche geben, die unbewußt oder bewußt der Assimilation in der Absicht, dem ewigen Judenleid ein Ende zu bereiten, zusteuern; ebenso wie es manchen Streber gibt, der um schnöden Vor-