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Neue jüdische Presse · 1908-08-14 · Heft 32 (14.8.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 32 (14.8.1908)
Date
1908-08-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. Sk. 32. frankfurter Asraelitisches FamÄenblatt. sie offen erklärt, daß die Rückkehr der Juden nach Palästina von sehr großer Bedeutung für die Entwicklung des ganzen Reiches sein wird. Aber auch die Autonomie Palästinas liegt in der natürlichen Entwicklung der Türkei. Ein Religionen- und Nationenstaat wie der ottomanische muß bei konstitutionellem "Regime zur Autonomie aller Provinzen kommen. Schon die christlichen Nationalitäteil bürgen dafür. Wenn die Jungtürken (oder die „Jungen" einer anderen starten Nationalität) anfangs chauvinistisch sein (bis jetzt, zu ihrer Ehre gesagt, ist davon nichts bemerkt wordeil) und die kleineren Nationalitäten ü tu Oesterreich unterdrücken wollten, sie müßten am Ende doch die gerechten Forderungen der Autonomie für jede Provinz anuchmeil, — und dann ist Palästina die autonome arabisch-jüdische Provinz im ottomanischcn Reiche. Die Einwendung, die Türken t' ö n n e lt doch nicht wollen, in ihrem nationenreichen Staate eine neue Nationalität zu sch a f feil, entbehrt jeder Berechtigung. Hat doch die Türkei schon jetzt gegen 2 Millionen Juden, die ans ihre Nationalikät nicht verzichteil wollen und nicht könne n. Das Beispiel Oesterreichs sollte uns deutlich genug zeigen, daß im Nativnalitätenstreite auch Leute „j ü bischen Glaubens" notwendigerweise gegen ihren Wille:: „I n d e ir" werdeil müssen. Die Türkei schafft sich also mit der jüdischen Immigration keine neue Nation, sondern verleiht mehr Kraft und Ansehen einer schon existierenden Nation, die im Nationalitätenkampfe viel zur Erhaltung des politischen Gleichgeivichts beitragen kann. Wir sehen, daß die t ü r k i s ch e Verfass u n g einen Schritt vorwärts in der En tw i ckl n n g des Zionismus bedeutet, indem sie viele äußere Hindernisse beseitigt. Bis jetzt war die Rechtlosigkeit und die Paschawillkür das größte Hindernis der jüd. Kolonisation. Außerdem blieben fast alle eingeivanderten Juden ausländische Untertanen, da sie bei den herrschenden Zuständen sich nicht trauten, türkische Bürger zil werden, was natürlich ihre Leistungsfähigkeit, besonders die politische, sehr stark beeinträchtigte, sowie die Jmmigrntion im allgemeinen störte. Ist aber die Türkei ein konstitutioneller Staat, fallen all diese Störungen weg und einer geordneten jüdischen Immigration und ihrer Konzentration in Palästina stehen weder ökonomische noch politische Hindernisse im Wege. Als freie türkische Staatsbürger kann die jüd. Bevölkerung auch an der Landcsvcrwaltnng tcilnehmcn. Eine jüd. Einwanderung »ach den anderen Teilen des Reiches, sowie die autochtonen Juden können das Ansehen rrnd den Einfluß der Juden in Palästina nur vergrößern und rmterstützen. Das „S ein und 3t i ch t s e i n" des ZionisniriS hängt jetzt hauptsächlich von den Zionisten selbst ab. „Wenn ihr jetzt wollt, ist's kein Märchen" . . . lieber die jetzt einznschlagcnde zionistische Politik sowie über die Bedeutung des regenerierenden Orients für die jüdische Not und Emigration im allgemeinen — im zweiten Kapitel. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Die in Frankfurt bereits cingeführte I a r g o n - T h e a t e r g e s e l l s ch a f t Fischer wird Samstag — nach Sabbat-Ausgang — im ehemaligen Kaufmännischen Verein, Langcstraße, und Sonntag — abends 8 Uhr — im Hotel du 'Nord, Gr. Gallusstraße, Vorstellungen geben. — Da vor einiger Zeit in Straßburg ein Jargon-Schauspieler Billete verkaufte und dann keine Vorstellung gab, so sei hier bemerkt, daß die Jargon-Theatergesellschaft Fischer diesem Manne fern steht. Berlin. Die landesherrliche Genehmigung erhielten solgende Stiftungen von Inden an n i ch tj üd i sch e I n st i t u t i o n e n: Kommerzienrat Joseph Pinkuß 20,000 JL sür die Berliner Feuerwehr, Dr. Lewinsohn 40,000 JL an den Erziehungsbeirat für schulentlassene Waisen, Frau Zerline Helfft 24,000 JL. an den Letteverein, Fabrikbesitzer Netter dem Fronnnclheim und dein Verein zur Fortbildung schwacher Töchter je 10,000 JL, in Summa 104,000 JL Berlin. Hiesige Zeitungen berichten über ein Aorkomninis, das man zu glauben sich scheut. Es handelt sich um die A u s l i e f e r u ir g eines russischen Juden an die russische Polizei. Der Fall wird wie folgt geschildert: Der Bügler Abraham Katz kanr in den letzten Tagen des Juni nach Berlin, wo es ihm nach langem Bemühen gelang, Arbeit und Logis in der Dieffenbachstraße zu finden. Gelegentlich seiner Anmeldung auf dem Polizeirevier wurde ihm hier sein Paß mit dem Bemerket: znrückbchalten, daß er ihn in 14 Tagen wiederbekomnren würde. Ans unbekannten Gründen wurde Katz jedoch am 8. Juli nachts um 12 Uhr in seiner Wohnung verhaftet und in das Polizeigesängnis am Alexanderplatz abgeführt, wo ihm am 24. Juli von einem Kriminalbeamten der siebenten Mieilung ein Telegramm des russischen Ministers des Aeußeren vorgclesen wurde, das seine Auslieferung ai: die russische Behörde „anordnete". Der Protest des Verhafteten tvnrde nicht beachtet und am 25. wurde er gefesselt und in Begleitung einiger Krinlinalbeamten nach denl Bahnhof Alexanderplatz geleitet, von wo ans man ihn unter Geleit zweier Beamten nach Wirballen in Rußland transportierte. "Alle Gesuche, ihm wenigstens einen Rechtsanwalt zu stellen, wurden zurückgewiesen. In Wirballen wurde der Gesangenc in Ketten geschmiedet und in das Gefängnis in Kowno übergeführt, von wo es ihm gelang, an einige Berliner Freunde einen Brief zu richten, in dem er sich bitter über die ihn: zu Unrecht widerfahrene Gewalt beklagt und sie bittet, zu seinen Gunsten für ihn zu wirken. Bon Kowno soll er nach der Zitadelle in Warschau gebracht werden. Dazu beiuerkt der ,,Vorwärts": Wir zögerten mit der Wiedergabe, weil selbst nach unseren Erfahrungen der Fall unglaublich schien. Nähere Erkundigungen haben ergeben, daß in der Tat Katz in dieser Weise den Henkern des Zaren überliefert worden zu sein behauptet. Irgend ein Dementi ist bisher nicht erfolgt. Trotzdem können wir uns schwer entschließe», an eine Tat zu glauben, die beweisen würde, daß die .Berliner Polizei nicht nur dem preußischen, sondern auch den: russischen Ministerinn: unterstellt ist. "Aber wir denken, daß es an der Zeit wäre, schleunigst eine amtliche "Ausklärnng dieses Falles zu geben. Berlin. Um der großen Nor zu sreuern, irr der sich die 4000 durch den furchtbaren Brand in der russischen Stadt T e l s ch i obdachlos Gewordenen befinden, hat der Hilfsverein der Deutschen Juden gemeinsam mit dem „Frankfurter Komitee sür die osteuropäischen Juden" 5000 Ai a r k z n r Verfügung g e st e l l t. Gleichzeitig hat der Hrlfsvercin in Verbindung mit der Großlvge sür Dcntschlaud eine weitere Hilfsaktion eiugeleitet. München. Auf eine Beschwerde wegen des R e l i g i o n s v e r m e r k e s auf den P ä s s e n n a ch Rußt a n d erwiederte das bayerische Ministerium deS Aeußern: „Das Königliche StaatSmiuisterium des Königlichen Hauses und des "Aeußeren hat veranlaßt, daß die ReligioirSarrgehörigkeit deS Paßiuhabcrs in den zur Reise nach Rußland bestimmten Pässen von den bayrischen Paßbehörde» nicht angegeben wird. Hiervon wird Euer Hochwohlgeboren in Erwiderung aus die Eingabe vom 23. v. Mts. in Kenntnis gesetzt." (b.) Straßburg i. Elf. Seit kurzer Zeit haben wir hier ein jüdisches Muse u m. Seine Entstehung verdankt es der „Gesellschaft für Geschichte der Israeliten in Elsaß-Lothringen", an deren Spitze Herr Charles Levy-Colmar steht. Das Museum befindet sich nn essäßischen Museum, das einen Saal dazu eingeräumt hat. ES )inb_ schon 140 Gegenstände vorhanden, von denen eine Sammlung geschnitzter Holzdeuter und eine Sammlung Schabbos- und Chauukalampen hervorgehoben seien, welche wirklich hübsche und seltene Exemplare enthalten. Der größte Teil der Gegenstände wurden dem Vereine geschenkt. Die Einweihung des MuseumS findet voraussichtlich am 0. September statt. — In der Bürgerzeituug erschien kürzlich ein "Artikel, welcher, ein Gemisch von Wahrem und linwahrem, gegen die Schcchita gerichtet war. llcberhaupt scheint in letzter Zeit auch Jjicv eine gewisse Agitation gegen das Schächten Platz zu greifen. Wir glauben aber nicht, daß die Herren Antisemiten in unserem Straßburg geeigneten Boden finden. Heute erschien in derselben Zeitung ein vorzüglicher, wissenschaftlich geschriebener "Artikel als Erwiderung ans den Angriff. — Auch dieses Jahr hat wieder der F e r i e n k o l o n i e v e r e i n einer stattlichen Reihe Kinder die Wohltat angedeihcn lassen, die Ferien in einem Badeorte zubringcn zu können. Es konnte leider blos die Hälfte, ca. 50 Kinder, berücksichtigt werden. Es wurden nun diese Woche die ersten Abteilungen, unter Aufsicht je einer erwachsenen Person, abgeschickt und zwar ca. 14 nach Nauheim und ebensoviel nach Diersburg. Später gehen nochmals zwei Kolonnen ab. Westerland. Die hiesigen Badegäste haben Herrn Leo Koh nberger ans Prag — die antisemitischen Blätter verwandeln seinen Namen in Kronberger — für seine heroische Tat, die er mit dem Versuche, dem Bankier Daniel ans Berlin das Leben zu retten, bewies, eine Ledermappe mit folgender Widmung überreicht: „Herrn Leo Kohnberger in aufrichtiger Verehrung für seine heldenmütige Tat. Das Bewußtsein, eine Mite Tat vollbracht zu haben, ist Lohn genug. Trotzdem drängt es uns. Ihnen ein Wort des Dankes für das heldenmütige Rettungs- Werk zu sagen, das sie mit Einsetzung ihres Lebens unternommen haben. Ihr edler Eifer, ein Menschenleben vor dem Untergänge in wilder Meeresbrandung zu bewahren, fordert unsere höchste Bewunderung aus. Die wärmsten Empfindungen der Sympathie vereinigen uns in unserer Dankbarkeit, Ihnen dieses schlichte Zeichen der Verehrung darzubringen. Es soll Ihnen immer und ewig vergegenwärtigen, wie das Gefühl der Zusammengehörigkeit zum Ausdrucke gelangt, wenn es gilt, die Tat eines mutigen edlen Mannes zu feiern. Diese Tat ist die Ihrige — unser ist der Dank." Die folgenden Blätter enthalten Unterschriften der Badegäste Westerlands. Oesterreich-Ungar». Wien. Abba Goldfeld, ein arnier galizischer Jude, hat ohne technische Borkenntnisse eine U »f a l lv e r h ü t n ii g s - L o r r i ch t u n g f ü r T r a m - b a h n e n e r f u ii d e n und bereits das österr. und das deutsche Rcichspatent erwirkt. Die Vorrichtung hat das Besondere, daß sie den gefährdeten Menschen stehend greis t und daß sie sehr wenig Raum benötigt. Zur "Nutzbarmachung seiner Erfindung bedarf Goldfeld einiger hnnderl Mark, damit er ein Stück dieser Vorrichuing in natürlicher Größe Herstellen lassen kann. Zn einer Zeit, da von Inden Tausende für das Zeppeliusche Luftschiff gespendet werden, darf man wohl hoffen, daß sie einige Hunderte sür einen jüdischen Bruder übrig haben. Etwaige Spenden wolle man „Abba Goldfeld, Wien XX, Othmargasse 4011" adressieren. Budapest. Die Veröffentlichung des Entwurfes der "N e n r e g e l u u g der gesetzlichen S v n n - tags r n ü e ist nunmehr erfolgt. Wird das Gesetz so angenommen, wie der Entwurj es vorsieht, dann wird die Sabbat- Entweihung unter der ungarischen Judenheit noch rapidere Fortschritte machen, wie bisher. Der Entwurf enthält folgende Verschärfiingcii: Abgesehen vom Warenverkauf in der gesetzlich gestatteten Zeit darf der ikaufmann geschäftliche Arbeiten nur in seiner Privatwohnuiig vornehmen. Auch die "Ausübung einer "Agentur-Tätigkeit ist nur in der K'ivativohniing gestattet. Personal darf überhaupt licht beschästigt werden. Dieselben Bestimmungen gelten auch sür Handwerk und Industrie. Ein Schuster z. B. darf am Sonntag nicht in ferner Werkstütte arbeiten, auch darf er von einem Lehrling vder einem Gesellen nicht die geringste "Arbeit anssühren lassen. Branntweinjchenken fdie Inhaber derselben sind fast ausschließlich Juden) müssen am Sonntag bereits 10 llhr vormittags geschlossen werden. Gegen all' diese Verschärsnngen enthält der Entwurf nur eine Erleichterung: Der Schluß der Verkaufszeit wird — ausgenommen in der Hauptstadt — von 10 llhr auf 12 Uhr mittags ausgedehnt. Diese Erleichterung ist der Bemühung der orthodoxen jüdischen Kaiiilcute zu verdanken. Czernowitz. Zur Hebung des Jüdischen, des sogenannten Jargon, und der Lage seiner geistigen Vertreter wird hier im „Jüdischen Hause" vom 30. "August bis 3. September ein I ü d i s ch e r S p r a ch k o n g r e ß stattfinden. Die "Notwendigkeit eines jüdischen Wörterbuches, die jüdische Bühne, die Lage der jüdischen Schauspieler und Journalisten sind u. a. Gegenstand der Tagesordnung. Scholnum Asch wird über die lleberjetzimg der Bibel ins Jüdische referieren. Morris Rosenseld, Perez, Scholanm "Alcichem, "Abraham Reisen und andere werden hier gelegentlich des Kongresses litterarifchc Abende veranstalten. Lemberg. In dem Dorfe Naszcszowa bei Neu- Sandez arbeitet in der Ziegelei des Juden Wols Reichschcid ein Bauer, der auch Wohnung in der Ziegelei hat. Vorige Woche verschwand nun plötzlich daS neunjährige Kind des Bauern, und ohne viel Ucberlegeu machte dieser bei der Gendarmerie gegen Reichschcid die "Anzeige wegen R i t u a l in o r d c s. Tatsächlich erschienen auch bald ein Gendarm und ein Polizist, hielten in der ganzen Wohnung strenge Haussuchung, warsen alles durcheinander und zogen die Hausbewohner in ein hochnotpeinliches Kreuzverhör. Herr "Reichscheid, der natürlich von nichts wußte, beklagte sich dem Gendarm gegenüber: „Ich selbst wollte bei der Gendarmerie die Anzeige, erstatten, daß der Bauer mir grundlos die Fenster zertrümmerte und fast die Wohnung demolierte." Der Postcnführer antwortete hierauf barsch: „Ich hätte es an seiner Stelle auch nicht besser gemacht!" Als der Gendarm ans dem Tische ein scharfgeschlissenes Taschenmesser liegen sah, schrie er die Hausleute an: „Wozu braucht Ihr denn ein so scharfes Messer?" (!!) Während der Haussuchung meldete sich eine Bäuerin, die ans der Stadt gekommen war und erzählte, daß sie das Kind am selben Tage in der Stadt gesehen habe. Der Postcnfiihrer wies jedoch die Frau mit der Bemerkung zurück, daß sie wahrscheinlich von dem Juden bestochen worden sei, um günstig auszusagen. Inzwischen hatte sich im ganzen Dorfe die Nachricht verbreitet. die Inden hätten ein Christenkind umgcbracht. Zum Glücke wurde das Kind noch am selben Tage aus einem "Nachbardorf unversehrt nach Hause gebracht und den Eltern übergeben. Der Gendarm zvg „unverrichteter Dinge" ab. Wegen des Benehmens des Postensührcrs hat Herr Reichscheid Klage geführt. Großbritannien. London. Dem „Jewish Chronicle" wird aus Bulowayo, Südafrika, geschrieben: Der deutsche Staatssekretär D er n bürg wurde bei seiner Ankunft hier vom Bürgermeister

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