Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 32 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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vrSe 4» Fvanffürker FfraÄWM FcünTienAaL Nr. 32. E- Basch, der gleichzeitig Präsident der jüd. Kultusgomeinde ist, empfangen. Als er von diesem erfuhr, daß es in der Stockt eine antijüdische Bewegung gebe, gab der Staatssekretär seiner Verwunderung darüber Ausdruck: „Ich dachte, daß dieses Ding schon längst ausgestorben ist. Ich selbst stamme ja auch von Juden ab!" Rußland. Petersburg. Der Stadthauptmann hat im Juni insgesamt 107 jüdische Handwerker ausgewLesen, trotzdem die jüd. Handwerker in Petersburg das Wohnrecht haben. Die Ausweisung erfolgte lediglich mit der Begründung, cs sei festgestellt, daß oie Betreffenden ihr Handwerk tatsächlich nicht ausüben.. Natürlich wird inan sich dabei aus allzu peinliche Untersuchungen, warum die ausgewiciencn Handwerker ihr Handwert vielleicht zeitweise nicht ausübten, kaum eingelassen haben. Auch dürften die Feststellungen selbst nicht in allen Fälle» ganz einwandfrei sein, da bekannt geworden ist, daß auch Handwerker, die tatsächlich zur Zeit der Ausweisung ihrem Berufe oblagen, gleichwohl nicht die Zurücknahme der Ausweisung erwirken konnten. — Diese Ausweisungen erinnern lebhaft an die Fälle jener Mädchen, die, um in Moskau studieren zu können, die „g e l b e K a r t e" der Prostituierten bei der Polizei nahmen, wodurch sie das Wohnrecht im heiligen" Dtoskau erhielten, die dann aber ausgcwiesen wurden, weil sie „nachweislich ihren Beruf nicht ausubten". Moskau. In Petersburg dürfen sich durchreisende Juden 24 Stunden aufhalten, in dem heiligen" Moskau aber duldet man jetzt nicht einmal, daß sie die Stadt betreten; sogar der Aufe n t h al t au s d e m B a h n h o f e i,st dnr ch - reisenden Juden verboten, und Gefängnisstrafen sind auf die Uebcrtretung des Verbotes gesetzt. Da Moskau ein Hauptknotenpunkt der Eisenbahn ist, so ist es nicht verständlich, wie das Verbot durchgeführt werden soll. Kischinew. Der berüchtigte antisemitische Volksaufwiegler Kruschewan, dessen finanzielle Verhältnisse es ihm nicht erlaubten, seine Zeitung „Drug" weiter erscheinen zu lassen, erhielt, damit dies verhütet werde, aus Petersburg 10,000 Rubel. Personalien. Frankfurt a. M. Rechtsanwalt Dr. Ludwig Bruck erhielt den Titel Justizrat.— Jakob L. Posen, Teilhaber der Silberwarcnfabrik Lazarus Posen Wwc., wurde zum Hoflieferanten des Königs von Rumänien ernannt. Berlin. Die Rechtsanwälte Max Frankel, H. H ö n i g e r, R. tz.o r w i tz, D r. M. H i r s ch c l, 28. Leys^r, Dr. E. Ball, B. Paköcher, H. Rosenberg, Dr. N. Danziger, B. Liebrecht und M. Jacobsohn erhielten den Titel Justizrat. — Die Oberlehrer Richard C o h n, D r. Rosenberg und F. Samuel erhielten den Titel'Professor. Berli«. Im 78. Lebensjahre verschied die Witwe des Geheimen Kommerzienrates Meyer Cohn Jenny geb. Heymann. - Breslau. Dem Lanügerichtsrat Dr. Weil wurde anläßlich seines Uebertritts in den Ruhestand der Titel Geheimer Justizrat verliehen. Köln a. Rh. Am 3. ds. Mts. verschied hier die Schriftstellerin BcrtaLeiser geb. Grünebaum im Alter von nur 44 Jahren. In einem überaus indifferenten Milieu geboren nick erzogen, hatte sie sich, wovon ihre Novellen und Skizzen Zeugnis ablegen, gleichwohl zu einer begeisterten nick opferfreudigen Jüdin ausgelebt. Die Besucher des Frankfurter Delegiertentages des Jüd. Frauenbundes werden sich der Verstorbenen, die damals das Referat über ,^>üd. Stellenvermittlung" hielt, erinnern.*) Schotten. Der älteste Einwohner unserer Stadt, Herr Jacob Bauer, ist gestorben; er wäre in wenigen Wochen 100 Jahre alt geworden. Lauvsberg Ö.-S. Gotthold Wongtschowski, der langjährige Vorsteher der Chewra Kachischaw, ist, 55 Jahre alt, verschieoen. Budapest. Der Vorsteher der hiesigen orthodoxen israel. Gemeinde I s r a c l A b e l e s ist in: Alter von 65 Jahren verschieden. Mährlfch-Weitzkircheu. Stephanie Pollak, Abiturientin des Staats-Obergymnasiums, rettete mit eigener Lebensgefahr zwei christliche junge Mädchen, die sich beim Schwimmen zu weit von der Badeanstalt entfernt hatten. Teplitz (Böhmen). Der Geheime Sanitätsrat Dr. Ignaz Hirsch ist im 74. Lebensjahre verschieden. Der Verblichene, welcher 30 Jahre ununterbrochen dem Stadtverordnetenkollegium und 25 Jahre dem Stadtrat angchörte, war einer der verdienstvollsten Männer der Stadt; er hat sich besonders nm die Ausgestaltung des Kurortes große Verdienste erworben, die auch bei seinem Heuer er¬ *) Auch unsere Zeitung betrauert durch das Hinjecken Frau Leisers den Verlust einer geschätzten iitarbeiterin. D. Redakt. folgten Ausscheiden aus dem Stadtverordnetenkollegium durch einstimmige Wahl zum Ehrenbürger gewürdigt wurden. Als Arzt und Mensch genoß der Verblichene eine seltene Anerkennung und Liebe in der ganzen Bewohnerschaft wegen seines Wohltätigkeitssinnes und seiner Hilfsbereitschaft für alle Kranke und Bedürftige. Er widmete auch 40 Jahre hindurch seine Dienste als Ordinarius dem israelitischen Badchospital in selbstloser Weise. Der Verblichene Ivar Ritter des Franz Josephs-Ordens und Besitzer des preußischen Kroncnordens dritter Klasse. Paris. »Die Akademie der Wissenschaften und der schönen Künste" hat ihren diesjährigen Preis für das beste Werl über den Orient M o i s e S ch w a b für seine Arbeit „Hebräische Inschriften in Spanien" verliehen. Lolldon. 78 Jahre alt, verschied der Advokat Alfred Guttercs Hcnriques, Vizepräsident der Anglo- Pewish Association. Er war Deputicrtcn- Stellvertreter der City und Stadtrat in East Sussex. Sein Sohn ist mit einer Tochter Sir Georg Faudel- Phillips vermählt. In der Wcst-London-Synagoge wurde unter Antvesenheit zahlreicher Mitglieder der jüdischen Aristokratie Londons Lydia S a s s o o n mit Gustav W e i s - weiller -Wien getraut. Algier. Blanche Azoulah leistete als die erste Rechtsanwältin in Algier den Advokateneid. New»Aork. Der 26 jährige Maurice B- M i tz m a i n , ein Zögling der jüdischen National- Farm-Schule, bisher Assistent in der Abteilung für Bakteriologie und Zoologie an der Universität California, ist für einige Monate in das öffentliche Gesundheitsamt der Vereinigten Staaten und das Marine-Hospitalamt in San Francisco berufen worden, um in seiner Eigenschaft als Jnscktenkenner mehrere Missionen auszuführen. 0 leutlMm. 0 Zwei Schnorrer oder Montecchi und Capuletti. Eine Erzählung von I. H erzb erg-Dromberg. (Fortsetzung). Oskar Sternfeld hatte an diesem Nachmittage mit seinem Chef eine Unterredung betreffs der von Blütenstiel zu erwerbenden Wertpapiere gehabt. Der Bankier hatte anfangs keinerlei Bedenken gehegt, zu dem Erwerbe dieser Papiere zu raten, da dieselben sich seit Langer Zeit als sicher und nutzenbringend erwiesen hatten. Da traf aber unerwartet ein Telegramm ein, das meldete, die L-Dorfer-Jndustrie-Papiere seien Plötzlich infolge entdeckter bedeutender Defraudationen von Seiten Angestellter der Jndustriewerke um zehn Prozent gefallen. Infolge dieser Meckung mußte von einem Erwerb jener Papiere entschieden abgeraten werden. Oskar Sternfeld wurde beauftragt, Herrn Blütenstiel hiervon in Kenntnis zu setzen, und er entschloß sich, die Meldung persönlich zu erstatten. Er dankte dem Schicksal, daß dieses es so gefügt. Er hatte nun Grund, den Vater Sidoniens auszusuchen, konnte Demselben den Beweis liefern, daß er ihm einen großen Dienst erwiesen hatte. Denn nur eine Folge seiner Vorsicht war es gewesen, daß Blütenstiel jetzt .nicht von einem solch großen Verluste betroffen wurde, was gewiß geschehen wäre, hätte er sofort zum Ankauf jener Papiere geraten. Der Vater Sidoniens mußte ihm dankbar sein, mußte sich ihm gegenüber für verpflichtet halten, und diese Tatsache gab ihm wieder den Mut, zu ihm von seiner Liebe zu dessen Tochter zu reden. — Oskar eilte alsbald nach dem Blütcnstiel'schen Hause. Er langte dort in dem Momente an, als der Kampf der beiden Eheleute am heftigsten wütete. Jnr Hauseingange wurde er von Sidonie empfangen, die ihm bleichen Antlitzes entgegengeeilt war, als sie ihn vom Fenster ihres Zimmers aus hatte herankommen sehen. „Oskar, um Gotteswillen, Du hier?" rief sie, die Hände zusammenschlagend, mit leiser, bebenoer Stimme. „Laß Dich in diesem Augenblicke nicht vor dem Vater sehen, es wäre alles, alles verloren. Er geriet vor Zorn außer sich, als ihm die Mutter unser Verhältnis bekannt gab. Er ist unerbittlich, und denke Dir, er hat bereits über meine Hand verfügt." Zur Werwunderung Sidoniens waren diese Worte keineswegs im Stande gewesen, Oskar aus seiner Ruhe und Fassung zu bringen. Vielmehr entgegnete er lächelnd: „Sei ruhig, liebe Sidonie, und rege Dich nicht so sehr auf. Ich weiß alles!" „Wie, Du weißt schon alles?" ftagte Sidonie, in: höchsten Grade verändert. „Wer teilte es Dir mit?" „Nun, Dein Vater selbst war so freundlich, mir hochbeglückt von dem seltenen Glücke zu erzählen, das seiner einzigen Tochter wckerfahren sei." Verständnislos starrte Sidonie den Sprechenden an, und erst nach einer Weile sprach sie: „Wie, der Vater? Höre ich recht, oder träume ich?" „Nein, liebe Sidonie, Du träumst durchaus nicht, und Du hörst auch recht. Dein Vater erzählte mir gestern alles, als er in unserem Kontor war, um über den Ankauf von Wertpapieren Erkundigungen einzuziehcn. Ich glaube, ihm hierbei nun einen sehr wichtigen Dienst erwiesen zu haben, und hoffe darum auch, ihn unseren: Wunsche geneigter zu machen." „O, wenn Dir das doch gelingen möchte," erwiderte Sidonie. „Ach, Oskar, ich habe die scharfen Worte des Vaters vernommen, und ich war schon ganz verzweifelt." „So will ich denn den großen Schritt unternehmen, will mich in „die Höhle des Löwen" wagen." — Mit diesen Worten nahte sich Oskar der Türe desjenigen Zimmers, aus welchem dumpf die Stimme der streitenden Eheleute an sein Ohr drangen. Er klopfte und aus das überlaute „Herein" des Herrn Blütenstiel öffnete er die Türe nick trat ein. — Angstvolle Bestürzung und freudige Ucbcrraschung zugleich rief das plötzliche und unerviartcte Erscheinen Oskar Stern>clds ber oen beiden Blütenstiel'schen Eheleuten hervor. Als Frau Zierel den jungen Mann iin Eingänge des Ziinmers erblickte, fuhr ein jäher Schreck durch ihre Glieder, der Strickstrumpf glitt auf ihren Schoß, die Stricknadel, mittels derer sie eben eine Masche aufnehmen wollte, fiel zur Erve. Frau Blütenstiel blickte, beide Hände wie abwehrend ausstreckcud, mit offenem Munde und starren Auges auf den Eintrctciiden, durch dessen Erscheinen in diesem kritischen Momente, da die Erregung ihres Mannes den höchsten Grad erreicht hatte, sie ihre übernonnnene Mission als völlig gescheitert ansehen nlußte. Wie konnte er, für den sie jetzt so vcrzweiflungsvoll kämpfte, um dessentwillen sic ihres Gatten ganzen Zorn auf sich geladen, es wagen, jetzt auf dem Kanipsplatze zu erscheinen, da der Kampf am heißesten tobte und die Entscheidung noch, keineswegs herbeigeführt war? Er war am allerwenigsten dazu geeignet, sic in ihrem Ringen nm den Erfolg zu unterstützen, vielmehr konnte er den Zorn des unerbittlichen Gegners nur noch steigern, wenn dieser Zorn überhaupt noch einer Steigerung fähig gewesen wäre. Ihrem Erschrecken folgte jedoch ein höchstes Erstaunen, als sie wahrnatzm, welche Wirkung das Erscheinen Oskars auf ihren Mann ausübte. Hatte sie doch im ersten Augenblicke die nun etwa folgende Szene in ihrem Geiste sich schnell ansgemalt. Sie hatte erwartet, Oskar werde sich zunächst ihrem Manne vorstellen und ihn: dann seine Bitte um die Hand Sidonsinvortragen. Dann hatte sie die harten Worte vernommen, unter welchen eine Abweisung erfolgte. Aber seltsam, nichts von all diesem geschah! Vielmehr nahmen die Gesichtszüge ihres Mannes sofort einen anderen Ausdruck an, als er des Eintretcnden ansichtig wurde. Hatte der eben getobte Kampf ans seinem Antlitze Herbheit ruck Bitterkeit ausgeprägt, so überzog dieses Antlitz plötzlich ein heller Freudenschein; die eben noch gefurchte Stirne glättete sich, die zusammengezogenen Augenbrauen hoben sich, und mit wiederholten Verbeugungen eilte der sichtlich überraschte Herr Blütenstiel in die Nähe der Türe mit den Worten: „Ah, was sehe ich? Sie hier, verehrter Herr? Was verschafft mir die hohe Ehre und das große. Vergnügen, Sie in meiner bescheidenen Behausung begrüßen zu dürfen?" Frau Blütenstiel >var fassungslos. Hatte das eben wahrgenommene Verhalten ihres Gatten ihre Verwunderung erweckt, so erschienen ihr jetzt die Worte desselben als ein völlig unlösbares Rätsel. Wenn sie geglaubt hatte, Oskar sei ihrem Manne völlig fremd, so mußte sie aus den eben vernommenen Worten schließen, daß dies nicht der Fall sei. Vergebens suchte sie nach einer Lösung dieses Rätsels, und mit Spannung sah sie der Entwicklung der Dinge entgegen, die nun folgen mußten. Oskar beantwortete die mehrfachen Fragen Blütenstiels mit folgenden Worten: „Eine Mitteilung von hoher Wichtigkeit ist es, die ich Ihnen zu machen habe, Herr Blütenstiel." Erwartungsvoll hingen die Augen Blütenstiels an den Lippen des Sprechenden, der fortsuhr: „Es betrifft die von Ihnen erwähnten Industrie- Papiere. Dieselben haben einen jähen Kurssturz erfahren, und wir können nur von einem Erwerb derselben abraten. Es ist ein Glück, daß Sie nicht gestern schon auf den Ankauf drangen, vielmehr meinen Rat befolgten, zuvor die Meinung meines Chefs zu hören." Herr Blütenstiel erbleichte^ als er diese Mitteilung vernahm. Eine tiefe Erregung beniächtigte sich seiner. Nur mühsam vermochte er die Worte zu sprechen: ,/D, wie danke ich Ihnen, mein Herr, für Ihre große Liebenswürdigkeit. Sie haben eine große Gefahr von mir abgewehrt und mich vor großem Schaden bewahrt. Wie sehr fühle ich mich dafür Ihnen gegenüber verpflichtet!"