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Neue jüdische Presse · 1908-08-14 · Heft 32 (14.8.1908) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 32 (14.8.1908)
Date
1908-08-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 52. Frankfurter WraMifMK FamÜteuVlatt. Nr. 32 mußte an das Wort denken, das sich in. W. bei Chamberlain findet: „Die portugiesischen Juden sind die Aristokratie der Judenheit". Es sind fast durchweg vornehme Erscheinungen, zum Teile mit geistvollem Gesichtsausdruck und ruhigen, gemessenen Bewegungen. So, dachte ich einige Male, mag Baruch Spinoza ausgesehen haben, der ja dem Schoße der portugiesischen Juden entstammte, und dessen geistvolle- Erschenmng wir begreiflicherweise in diesem Milieu vor das geistige Auge trat. Ein Oelgemälde dieses berühmten Philosophen sah ich iui Haag'schcn Städtischen Museum — ein blasser Kopf mit hoher Denkerstirne uno einem tiesichwarzen, durchdringenden Augenpaare. (Schluß folgt). Liberale Juden und liberales Judentum. Unter Liberalen versteht man gewöhnlich Leute, die ein bestimmtes, genau umschriebenes Prograinm sowohl auf den Gebieten der Polisik und der sozialen Gesetzgebung, wie auch auf den Gebieten der individuellen Freiheit und der Religion besitzen. Recht, Freiheit und Humanität sollen die Handlungen der Liberalen leiten, während ihre Antipoden, die Konservativen, sich auf Macht uno Egoismus stützen. Einig sind beide nur im Betonen ihrer nationalen Gesinnung. Anders aber wie die Liberalen im landläufigen Sinne wollen die liberalen Juden bewertet werden. Kein Programm — weder ein bestimmtes noch ein unbestimmtes — nennen sie ihr eigen- Und in der Praxis? Fußt etwa eine Gemeindeverwaltung liberaler Juden auf mehr Gleichheit und Billigkeit, als die der konservativen rekte orthodoxen Juden? Keineswegs' Der Grundsatz der Thauro „Gleiches Recht für Alle (Mischpot cchod lalaul)" ist eher in der Verwaltungs- Praxis der orthodoxen Gemeinden, für die das demokratische jüdische Gesetz für alle Zeiten verbindlich ist, anzutrcffen; die liberalen Gemeinden werden meist autokratifch geleitet. Sozial und politisch sind also die liberalen Juden innerhalb der jüdischen Welt eher rückschrittlich als fortschrittlich zu nennen, — und in Wirklichkeit machen sie auch nur Anspruch darauf, in ihrem Verhältnis zur Religion liberal genamit zu werden. Sie haben sich vom jüdischen Religionsgcsetz fast völlig frei gemacht; wir wüßten kein Gesetz — sofern es spezifisch jüdisch ist — das sie für sich als verbindlich erachten; weder der Sabbat-Heiligung noch den Speiscngcsetzen, nicht den Gebet-Vorschriften, ja nicht einmal der Beschneidung gewähren sic Immunität. Wie diese Loslösung vom jüdischen Gesetze zu erklären ist? Die Gemeinde-Leitung ist cs. die die Verantwortung für diesen Llbfall trägt. Jahrzehntelang hat man von den liberalen Gemeinde-Institutionen aus — der Prediger von der Kanzel, der Lehrer vom Katheder — Unverbindlichkeit des Religionsgesetzes verkündet, ist für das Verneinende eingctreten. Und nicht genug damit:' man verminderte auch noch der Jugend den jüdi-> scheu Unterricht auf ein unbedeutendes, wirkungsloses Minimum, sodaß die Massen ohne jüdisches Wissen, ohne Kenntnisse in der hebräischen Sprache, Geschichte und Literatur vom Gesetze abfallcn mußten. Wir sagen: abfallen; doch ist dieser Ausdruck unzutreffend, denn man kann nicht von etwas abfallen, tvas man überhaupt nicht kennt. Tie Nichtbeachtung des jüdischen Gesetzes von seiten des einzelnert Juden ist leicht verständlich, schon die Bequemlichkeit ist da genügend Grund; — aber wie ist es zu verstehen, daß sich die Gemeinde zu diesem' Abfall hergab? Die Gemeinde als die Gesamtheit trägt doch eine viel zu große Verantwortung, als daß man ihr leichtwertige und leichtsinnige Motive ohne stichhaltige Beweise nachsagen dürfte! Zu Ehren der Gemeinden wollen wir daher Gründe, und zwar aus der Gesamtheit für die Gesamtheit, suchen. * Der jüdisch-religiöse Liberalismus äußert sich von jeher in der Reform des sinaischcn Gesetzes. Das jüdische Gesetz — sagen die Liberalen — lastet drückend auf seinen Angehörigen und macht ihnen das Leben unerträglich. Allein, abgesehen davon, daß durchaus die Möglichkeit vorhanden ist, das jüdische Gesetz im Leben zu betätigen — kann von einem lastenden Drucke nicht gut gesprochen werden, da der Gesamtheit keinerlei Machtbefugnisse zustchen und cs dem Willen des Einzelnen überlassen ist, die Gesetze der Väter zu beobachten oder zu unterlassen. Wozu also die Reform, wozu das Aufheben der Gebote? Wußten denn die ersten Rcformatoren nicht, daß das einzige, was das jüdische Volk in der Diaspora stets geeinigt hat, sein Gesetz ist? Gewiß wußten sic es, aber sie waren es müde geworden, noch länger das Joch der Völker zu tragen, wollten unter allen Umständen Rechte erlangen — und da sie die Gegner ihrer Gleichberechtigung sagen hörten: „Die Juden sind eine Nation, ein geeintes Volk, geeint durch ein Gesetz, durch eine Vergangenheit und eine Zukunft," so antworteten sie: „Was ihr da sagt, trifft für unsere Eltern zu; sie waren unaufgeklärte, gläubige Träumer, wir aber sind es nicht; weder erklären wir uns solidarisch mit unseren Ahnen noch mit unseren unaufgeklärten Brüdern, ihr Gesetz ist veraltet und für uns unverbindlich. Auch ist nicht Zion unsere Hoffnung, sondern unser Geburtsland, denn wir sind keine Nation, vielmehr eine Glaubensgemeinschaft." So sprachen die Väter der Reforni und suchten mit Taten diese ihre Worte zu bekräftigen. Das tvar ein schweres Unrecht und unsinnig dazu. Ein schweres Unrecht, weil sic wegen schnöden Vorteils ein durch seinen Schöpfer, Gott, und durch Jahrtausende geheiligtes Gesetz verwarfen und weil sie ihr ruhmreiches Märtyrcrvolk verlcugneten, unsinnig, iveil die Völker auf Halbheiten nicht cingchen wollten, und mit Recht, denn ihr Gebühren sagte, daß sie nur durch Ausgehen und gänzliche Selbstverleugnung der Menschenrechte würdig seien. Die ganze jüdische Reformbcivegung ist einzigartig in der Geschichte der Völker. Die Reformbcwcguugc» bei anderen Völkern waren entweder von innen bedingt zum Wohl des eigenen Volkes, oder sie kamen von außen, durch den Z w a n g eines Eroberers. Doch die jüdische Resvrmbcwegung war weder ein inneres Bedürfnis noch von außen veranlaßt! Das Volk verlangte keine Reformen, da Tauroh sich mit Dercch-Ercz sehr gut vereint, und seine Führer — darunter Mendelssohn, Wessely, Rappaport und Luzatio — die den Rcformmachern geistig mindestens ebenbürtig ivarcn, widersetztcn sich entschieden der' Rcförmmachcrei. (Die Reform — sagt man — ist dazu da, den Leuten, die nichts vom Gesetze wissen ivollen, etwas zu bieten, d. h. mit anderen Worten: man modernisiert die Religion für Die modern gewordenen Juden. Allein zur Zeit, als die Reform einsetztc, war die Zahl der modernen Juden gleich Null, also konnte dieser Grund damals doch schwerlich vorhanden gewesen sein.) Und die Völker? Auch die Völker ivollten nichts von der Reform wissen, denn sie begnügten sich nicht mit der Annäherung auf halbeni Wege, verlangten vielmehr die Taufe selbst. Doch wie dem auch sei! Die Väter der Reform taten jedenfalls, was sie taten, im guten Glauben: sie glaubten, durch die freiwillige Entmannung, durch die Entnationalisierung des Volkes und die Verstümmelung der Religion würden sie sich- Menschenrechte erkaufen. Das ändert jedoch nichts an der traurigen, ihnen nicht zu verzeihenden Tatsache, daß sie in die Reihen ihres Volkes, des ruhmreichsten Volkes der Weltgeschichte, die Fahnenflucht brachten! Jahrzehnte sind inzwischen verstrichen, und heute ist aus unwiderleglichen Tatsachen klar bewiesen, das; der Gedanke der Reformer durchaus irrig war. Die Gewährung der Gleichberechtigung an die Juden hat mit dem Festhalten des jüdischen Volkes an Tradition und Volkstuni nicht das geringste zu tun gehabt, vielmehr war diese Gewährung einzig und allein bedingt von dem Verwaltungssystem eines jeden Landes: wo Verfassung dort auch Rechte, wo unvollständige Verfassung dort unvollständige Rechte und wo Autokratie dort Rechtlosigkeit. Daß die Völker keinen Unterschied zwischen orthodoxen und liberalen Juden machen und die letzteren in keiner Weise — auch nicht in deit demokratisch regierten Ländern — bevorzugen, ist bekannt; nieniandem fällt es ein, den orthodox oder den zionistisch gesinnten Juden wegen ihres Festhaltens am jüdischen Volkstuni Mangel an Patriotismus vorzuwerfen — nur Juden haben es fertig gebracht, diese Beschuldigung gegen ihre Brüder zu erheben. Es bleibt also noch immer die Frage bestehen: wozu das Negieren der Tradition? wozu das Verleugnen des Volkstums? (Schluß folgt.) Die türkische Verfassung und der Zionismus. Von M. S.. Soden a. T. I. Die Sympathien des jüdischen Volkes, das schon vor viertausend Jahren die Grundprinzipien jeder Konstitution proklamiert hatte, sind immer auf der Seite der Kämpfer für Freiheit »nd Recht. Der Umstand, daß es selbst auf seinem zweitausendjährigen Dornenweg von Unfreiheit und Unrecht beispiellos viel zu dulden hatte, konnte diese Sympathien nur verstärken. Und so begrüßt es auch mit Freude das Getingen der friedlichen Revolution in der mit Juden und Judentum so eng verbundenen Türkei, jenem Lande, das in der Vergangenheit fast das einzige Land war, in welchem der müde jüdische Wanderer zu allen Zeiten Ruhe und Schutz vor der liebevollen Behanolung des christlichen. Europas finden konnte, und mit dem in der Gegenwart die zionistischen H o f f n u n gen untrennbar verwachsen sind. Es ist klar, daß die Aenderung des türkischen Regime auch für den Zionismus andere Bedingungen geschaffen hat, und cs sei deshalb die Aufgabe dieser Zeilen, sich mit den veränderten Verhältnissen zu beschäftigen. — Der Zionismus als eine auf Freiheit, Recht und Fortschritt basierende Bewegung durfte auch seitens der ftciheitlichcn Jnngtürken auf Entgegenkommen und Unterstützung rechnen. Die zionistische Sache ist aber mit der Türkei so innig verbunden, daß sie für die Jungtürken mehr als eine auswärtige Volksbewegung, neutral für die Türkei, ist, welcher man Zuneigung schenken kann. Der Zionismus ist eine wichtige innere Frage für das ottomanische Reich, und in inneren Fragen werden oft Recht und Fortschritt bei Seite gestellt und Nutzen und eigene Interessen kommen zur Geltung. Ist der Zionismus im türkischen Staatsinteresse, dann ivird er unterstützt und berücksichtigt; im anderen Fall — unterdrückt und zurückgewiescn. Was bringt der Zionismus der Türkei? DaS ist die Frage. Mit dieser Frage hat man sich aber schon zu Anfang der zionistischen Bewegung beschäftigt — denn von ihrer günstigen Beantwortung hängt ja die Durchführbarkeit der zionistischen Bestrebungen ab —, und man hat längst nachgewiese», daß die Türkei nur Vorteile von den Bestrebungen der Zionisten haben kann. - Wie sich die Dinge entwickeln mögen — ob sich die Theorie mit der Praxis vollständig oder unvollständig decken ivird —, es ist klar, daß in der Türkei ein neues Leben beginnt. Der Uebergang vom Absolutismus zu einem geordneten konstitutionellen Regime vollzieht sich natürlich nicht so schnell, tote die Proklamiernng einer Verfassung; doch schon die vollständig friedlich verlaufene Umwälzung bürgt für eine weitere ruhige fortschrittliche Entwicklung des ganzen ottomanischen Reiches. Freiheit, Ordnung und Recht werden sicher eine Auflebung des Landes herbeiführen, werben Verkehr, Handel und Industrie zu einem bedeutenden Aufschwung bringen, — und dazu bedarf die dünnbevölkerte Türkei des Zuflusses fleißiger, strebsamer Kräfte von außen. Fremde Kräfte und Kapitalien werden im neuen osmanischen Reiche ebenso gesucht sein, wie dieselben in ihm ein dankbares Arbeitsfeld finden werden. Daß dann eine jüdische Kolonisation, die rein ökonomische und keine separatistischen Missions- und Eroberungszwecke verfolgt, hinter der keine Kriegsflotte und Großmacht steht, der Türkei wünschenswerter als eine andere europäische Immigration sein muß, erscheint naheliegend. Und so ist die Mitteilung aus Paris nicht erstaunlich, daß die Leiter der Jungtürken sürdie zionistischen Bestrebungen eingenommen sind. Nicht nur während der ersten Kongresse, sondern auch in den letzten Tagen haben

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