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Neue jüdische Presse · 1908-08-14 · Heft 32 (14.8.1908) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 32 (14.8.1908)
Date
1908-08-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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,»ti' -1 .yra-ffgl»- SfranUfinlc* Ifraclilifdifs familiralilatt. I" - ' Diese Zeitung erscheint wöchentlich. I ALonnementspreis pro Viertelsahr: In Frank- | furt o. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post I abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (ein- I schließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: I Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, I sonstige Länder Mk. 2.— I I -- 9 MedaKtion und Geschäftsstelle: Srsnkfurr 2. M.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße Herefo« 10507. -S-X-g Herausgeber: Aalg chet^s. " Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. _ Freitag, de« 17. Aw 5668 (14. August 1908). 6. Jahrgang. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Holländische Reiseeindrücke. — Liberale Juden und liberales Judentum. — Die türkische Verfassung und der Zionismus. — Aus aller Welt — Personalien. — Feuilleton: Zwei Schnorrer oder Montecchi und Capuletti. — Wochen» Kalender. — Familiennachrichten. Holländische Reiseeindrucke. Von Dr. Gustav Löffler. Tie Ferien nahen ihrem Ende, und nun kommen sie alle wieder heim, die Kleinen und Großen, die vor wenigen Wochen dem Getriebe der Großstadt entflohen, um in Gottes freier Natur, in der Kuhle des Waldes, auf stolzer Bergeshöh' oder am Strande des Meeres dem von der Jahresarbeit erschlafften Körper neue Spannkräfte zuzuführen. Menthalben sieht man jetzt wettergebräunte Gesichter. Ueberall hört man gegenseitiges Fragen nach all' dem Schönen und Imposanten, das man auf ragender Höh', inmitten gewaltiger Gletschermassen, in der lauschigen Stille dee Waldes oder am Gestade des »veiten Meeres gesehen und empfunden. Und unermüdlich und freudig »vird von den Heiingekehrten geantivoriet; durchläuft man doch dabei im Geiste nochmals die nur zu rasch entschwundenen Stmrden der Erholung und Muße. Wohl zu keiner anderen Zeit im Laufe des Jahres birgt die Welt so viele zufriedene Menschen »vie »nährend und am Ende der Sommerfericn. Schade nur, daß Schule oder berufliches Leben bei den meisten gar rasch diese harmonische Stimmung verscheuchen. Die dürften sie am längsten »vahren und oft einen Abglanz davon mit durch ihr treiteres Leben nehmen, die nebeir mächtigen Aaturcindrücken auch noch eine Bereicherung ihres seelischen und geistigen Lebens erfuhren; mag diese nun in der Knüpfung neuer Freundschaften oder gar noch „herzlicherer" Beziehungen bcstandeir haben oder aber in der Kenntnisnahme von Großtaten der Kunst und anderer Aeußcrungen menschlicher Kultur! Zu den Glücklichen, denen die diesjährige Erholungsreise gerade infolge solcher innerer Erlebnisse unauslöschliche Erinnerungsbilder einprägte, darf auch ich mich rechnen. Gin nicht geringer Teil der empfangenen Eindrücke trug zur .Hebung meines jüdischen Selbstgefühles bei, und just von diesen möchte ich hier einiges erzählen. Holland, dessen berühmtes Seebad Schevcningen das Ziel meiner Sommerreise war, gehört z»i den »venigcn Ländern, in denen man den Juden, unbeschadet seines Glaubensbekenntnisses, rein nach seiner Fähigkeit bewertet und ihni »vahrhafte, bürgerliche Gleichberechtigung cinräumt. Letzteres dokumentiert sich nun nicht et»va durch die Tatsache, daß ini holländischen Ministerium auch ein Jude sitzt; das könnte Folge einer Ausnahme sein, die nian. bei einem besonders fähigen Manne jüdischen Glaubens machte. Daß ich aber aus der Elektrischen ztvischen Scheveningen und dciil Haag, der prächtigen holländischen Residenzstadt, mit einem jüdischen Schaffner fuhr, daß ich holländische Polizisten mit unverkennbar jüdischem Gesichtstypus sah, daß also die Juden in Holland Subalternbeamte »verden können, — das dünkt mich ein Beweis dafür, daß die Juden Hollands durch ihren Glaube»! nicht zu Staatsbürgern zlveiter Ordnung herabgewürdigt »verden. Will man des Volkes Sinn verstehen. Muß man auf seine Lenker sehen. Das in Holland herrschende Haus der Dränier »var seinen Untertanen stets ein Vorbild in der Betätigung von Toleranz und Freundlichkeit den Inden gegenüber. Dieser Umstand erklärt es auch, ivarum einst aus Spanien zahllose Juden, vor den Schrecken der Inquisition flüchtend, dem gastlichen Holland zueiltcn; die vielen portugiesischen Juden, die niir in Amsterdam begegneten, gemahnten mich lebhaft an diese ernste Periode in der jüdischen Geschichte. Als ein Beispiel der judenfreundlichen Gesinnung des verstorbenen Königs von Holland und der edlen Tradition im .Hause Oranien erzählte mir ein holländischer Jude folgende kleine Episode: Es sei eines Tages eine jüdische Deputation vor deni Könige erschienen, ihnr die Huldigung der holländischen Juden zu entbieten und seine Wohlgcneigtheit für diese zu erflehen. Da habe der König die erhabene Aeußerung getan: „So lange ein Dränier auf Hollands Thron regiert, soll einem Juden um seines Glaubens willen kein Haar gekrümmt »verden!" Und nun gar von der jetzigen Leiterin von Hollands Geschicken, der gütigen, liebevollen König Wilhelmine, von „uns Wilhelniintje", »vie sie die Holländer stolz nennen, hörte ich soviel Rühmliches, »vie sie rührende Zeichen von »vahrer Menschenfreundlichkeit und auch von Liebe zu ihren jüdischen Untertanen gegeben habe, — daß ich die gcradezri schwärmcrische Verehrung der Holländer für ihre Fürstin vollauf begreifen lernte. Fast »vie ein Märchen klang »nir's, als man mir sagte, die Königin, bezlv. ihre Hofhaltung im Haag, beziehe das Fleisch aus einer dortigen jüdischen Metzgerei, und da diese am Sabbat geschlossen sei, so nehme auch der Hof seinen Bedarf für den Sanistag schon Tags zuvor! Wahrlich, ein rührendes, gerade für unsere Zeit vorbildliches Zeichen von Vorurteilslosigkeit! Kein Wunder, das; unsere Glaubensbrüder in einem solchen Lande sclbstbeivußt, »vie wahrhaft Freie, erhobenen .Hauptes dahinschrcitcn und von ihrer Freizügigkeit ergiebigen Gebrauch machen. Unvergeßlich »vird mir in dieser Hinsicht das Stroßenbild bleiben, das sich mir am Freitag Nachmittag in der Jodebrcestrat zu Amsterdam bot. Es »var etlva 1 Stunde vor Sabbat-Eingang, als ich dahin kam. Schon aus der Ferne hörte ich lautes- Rufen und Lärmen, und als ich näher kam, fand ich, daß etiva 100—150 Ro. 32. Männer und Frauen, hinter Karren oder Bretterbuden anf dem Fußsteige stehend, ihre Eßwaren, vor allem Obst, feilboten und durch die Macht der Stimme oder eigenartig singenden Tonfall der Worte einander zu überbieten und die Käufer anznlocken suchten. Unter den Händlern schienen mir, dem Gesichtschpus und der Aussprache nach zu schließen, viele Galizier und Russen zu sein. Und vor den Verkaufsständen, auf der Fahrstraße, ein dichter Strom von sich drängenden und schiebenden Juden und Jüdinnen des verschiedensten Gepräges. Hier einige kräftige Männer in oer Arbeitsbluse, augenscheinlich vom Hafen heimkehrcnd, »vo viele Juden als Träger tätig sind, dort eine junge, dürftig genährte Galizierin, das armselig gekleidete Kindchen auf dem Arme, neben mir zivei junge Burschen, singend und pfeifend den mit Körben bepackten Karren nach Hause schiebend, dazwischen Käufer und Käuferinnen, feilschend und scheltend und müßige Spaziergänger, die gleich uns zum Schauen gekommen waren. Nur schwer konnte ich mich von diesem, nns Deutschen unge»vohnten Schauspiele trennen. Doch es inußte sein, da ich der Begrüßung des hlg. Sabbat in der berühmten portugiesischen Synagoge beiwohnen »vollte. Was ich da zu hören und zu sehen bekam, »var nicht minder fesselnd, anfangs ftemdartig anmutend, allmählich aber doch anheimelnd. Zunächst der Raum selbst — einfach und doch vornehm, iveit und luftig, vortrefflich ventiliert. Die Wandungen haben einen geheimnisvollen, dunklen Farbenton, die gewölbte Decke wird von mehreren mächtigen, stilreinen, dorischen Säulen getragen; von ihr hängen goldene Leuchter hernieder, in denen einfache Stearinkerzen Licht spenden, geiviß ein beredtes Zeichen für den „konservativen" Sinn dieser Geineinde. Die Bänke mit den aitdächtigen Betern sind quadratisch unr den Almemor angeordnet. Der Gottesdienst macht auf unser, in den deutschen Synagogen durch »nelodiösen Gesang verivöhntcs Ohr einen monotonen Eindruck. Wohl sang ein frischer Knabenchor viele Gebete abwechselnd mit dem (nicht sonderlich stimmgcwandten) Kantor, aber es »var mehr ein Sprechgesang, ein Rezitativ als harmonisierte Melodiccu. Und doch, fragte ich »nich hernach im Stillen, sollte nicht diese Art des synagogalen Gesanges die ursprüngliche, echt jüdische sein, »vährend »vir uns daran geivöhnt haben, die Kirchcnchöre zu imitieren? Tie vielen Verzierungen und Wiederholungen in den Gesängen unserer Vorbcter und Ehöre haben sich jedenfalls »vcit entfernt von der gesunden Naivität, ohne die eine wahrhafte Andacht nicht möglich ist. Wir müssen den Gottesdienst, »vie ich ihn in der portugiesischen Synagsge zu Anisterdam hörte, nicht direkt imitieren, aber seine Einfachheit beachten, zumal er auf die 'Andächtigen eine unverkennbare Wirkung ausübt. Lange habe ich mir »vährend dieses Gottesdienstes und nach seiner Beendigung die Gesichtszüge und die ganze Gestalt dieser portugiesischen Juden angesehen und ich ....

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