Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 31 (7.8.1908)
- Date
- 1908-08-07
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692562-2692593--04137-2698915- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Leite 10. Nr. 31. stimmlich besonders .Befähigte wurden von Oberkantor Cerini geleitet. Bon den Teilnehmern selbst wurden über besonders interessierende Fragen Referate gehalten. So hielt Kollege Stern ein Referat über „Vernunft und Glaube", Falkenstein und Haase über jüd. Eherecht und Wechsler-Aschbach über den Schiur. Die mit großem Fleiße zusammengestclltcn Arbeiten fanden allgemeinen Beifall; die Kollegen wurden ersucht, ihre Referate einem größeren Kollegcnkreisc zugänglich zu machen. Nicht unerwähnt sei an dieser Stelle, daß Herr Dr. Phil. Behrens die Liebenswürdigkeit hatte, einen Vortrag über das „Semitische im deutschen Wortschatz" zu halten. Ferner sei mit Dank der freunolichen Einladung des Theol. liier. Vereins gedacht, der die Teilnehmer zu einem Vortragsabend eingeladcn hatte, an welchem das Thema „das Problem der Willensfreiheit in der modernen Philosophie" von stud. Lewkowitz erörtert wurde. An den freien Nachmittagen wurden die Sehenswürdigkeiten unserer Stadt und die Wohlsahrtseinrichtungen unserer Gemeinde in Augenschein genommen. Ganz besonderes Interesse fanden bei den Teilnehmern die Einrichtungen unseres Krankenhauses, welches wohl das zweckmäßigste in der Art auf dem Kontinent sein dürfte und vornehmlich der hingcbenden Arbeitskraft eines Mannes, des Vorstehers Herrn Eduard Sachs, sein Entstehen zu verdanken hat. Die Teilnehmer waren über das im Kursus Gebotene voll befriedigt; dies war besonders aus den Worten der Kollegen aus Oesterreich zu vernehmen, die sehnlichst wünschten, eine ähnliche Einrichtung dort ins Leben treten zu sehen. Unserer Gemeinde gebührt das große Verdienst allein, den Lehrern die Möglichkeit nach Fortbildung in Religionswissenschaften durch Männer von Ruf und Bedeutung gegeben zu haben. Dank und Anerkennung de» Männern daher, welche das Werk so unablässig gefördert haben, vor allem dem verdienstvollen Vorsitzenden des Vereins isr. Lehrer in Schlesien und Posen, Prof. Dr. Badt, den Herren Dozenten, dem gelehrten Seminarrabbiner Prof. Dr. Lcwy, Dr. Braun und Dr. Horovitz, wie den Herren Rabbiner Dr. Zuckermandel und Dr. Deutsch, die ihre Kräfte uneigennützig in den Dienst der Sache gestellt haben. Dank sei auch dem Vorstande unserer Gemeinde, dem D. I. G. B., den Vorstehern von Verbänden und einigen Provinzialgemeindcn wie Liegnitz, Beuthen und Kattowitz ferner Privaten, so den Herren Louis Burgfeld, Eduard Sachs, Simon Scheye und Karl Leipziger. Gens (Schweiz) Zur Probrpredigt sind nach hier berufen worden: Rabbiner Mathieu Wolf-Sedan und Rabbiner Ernst Ginsburger-Paris. Allava (Ungarn>. Rabbiner David Lewin ist im Alter von 69 Jahren verschieden. Biokovce (Kroatien). Rabbiner Dr. A. Marmorstein ist zum hiesigen Bezirksrabbiner gewählt worden. Rew-Aork. Die 6. Jahresversammlung der Vereinigung der orthod. Rabbiner der Bereinigten Staaten und Kanadas, welche Vereinigung etwa 100 Mitglieder zählt, findet in den letzten Tagen des Juli in Paterson statt. Die Tagesordnung lautet: Förderung der Sabbat- Beobachtung — Entwurf für eine jüdische Elementar- Erziehung — Reorganisation und Kräftigung der Jeschiwa „Jsaac Elchanon" — Durchführung der strengen Beobachtung der rituellen Speisegesetze — Regelung von Heirat und Ehescheidung >n Uebereinstimmung mit den talmudischcn Forderungen. Jerusalem. Unsere heilige Stadt Jerusalem hat einen schweren Verlust zu beklagen. In der Sabbatnacht des 12. Tamus verschied hierselbst der Vorsitzende des Jerusalemer Gerichtshanses (Ilb-Bcth- Din), Rabbiner R. Chaim Jacob Schapiro, nachdem er nahezu 18 Jahre dieses ehrenvolle Amt bekleidet hatte. Rabbi Chaim Jacob Schapiro war einer der .angesehensten Rabbiner. Er war der Sprößling einer sehr ehrwürdigen, von berühmten Größen gekrönten alten Familie; sein Großvater war der allbekannte Gaon Rabbi Löb Schapiro aus Kowno, die Leuchte seiner Zeit, der in direkter Linie vom berühmten Verfasser des kabbalistischen Buches „Megalle Amukoth", Rabbi Nathan Schapiro, abstammte. Als neunjähriger Knabe wurde er von seinem genialen, aber leider sehr jung verstorbenen Vater verwaist und erhielt seine weitere Erziehung im Hause seines Großvaters. Die geistigen Kräfte des Knaben nahmen gleich den größten Aufschwung, und in kurzer Zeit eignete er sich die umfassendsten Kenntnisse des Talmuds an, sodaß er schon als kaum Achtzehnjähriger die wohlwollendste Anerkennung der bedeutendsten talmudischen Autoritäten seiner Zeit erhielt, als Rabbiner und Gesetzeslehrer fungieren zu dürfen, und gleich darauf bezog er eine ehrende Rabbinerstelle. Nach mehrjähriger Tätigkeit als Rabbiner an verschiedenen Orten berief ihn der Kownoer Gaon Rabbi Isaak Elchanan, dessen Liebe und Wertschätzung er im vollen Maße genoß, ins Kownoer Beth-Din, in welcher Stellung er zwanzig Jahre verblieb und gleichzeitig Maure-Hauroo in einer Vorstadt war, bis er nach Palästina auszog. Der Verstorbene war von friedlichem Charakter und tiefem Gemüt. Er fand seine innerliche Zu- Frankfurter Israelitisches Familienblatt. friedenheit in der genauen und freudigen Ausübung eines heiligen Amtes, als Hüter des Rechtes und Interweiser des Volkes in der Lehre Gottes. Vom öffentlichen Leben und dessen Gewogc und Getriebe zog er sich möglichst zurück; dagegen scheute er nicht der Lasten und Pflichten, die sein Amt ihm auferlegte. Es fehlte ihm aber auch nicht an der nötigen Strenge, wo es sich um die Wahrung der ihm teueren Prinzipien handelte. Seine reichen Tugenden niachten ihn bei allen beliebt und geachtet. Von der frühesten Jugend an beseelte ihn der heißeste Wunsch, nach dem heiligen Lande zu ziehen. Vor etwa fünfzig Jahren begab er sich auf den weite» Weg Nach seinem Schusuchtslande, wurde jedoch durch die Umstände gezwungen, von Odessa aus zurückzukehren. Er gab aber sein Streben nicht auf und wartete den Augenblick der Möglichkeit geduldig ab. Als die „Chibas - Zion" - Bewegung in Erscheinung trat, war er einer der ersten, die daran lebhaftes Interesse fanden, und er beteiligte sich an einen: größeren Landankauf in Palästina. Schließlich teigerte sich seine Zionssehnsucht so sehr, daß keine Hindernisse ihn mehr zurückzuhalten vermochten, und vor achtzehn Jahren siedelte er nach Erez Jisroel über. Kurz nach seiner Ankunft in Jerusalem Ivurde er zum ersten Dajan des aschkenasischcn Beth-Din und Manre-Hauroo ernannt. Er erwarb sich schnell das größte Ansehen und die ihm gebührende Verehrung. Auch hier blieb er, wie es seiner schlichten, naiven und friedliebenden Natur entsprach, von den allgemeinen Angelegenheiten, sofern sie nicht in seinen Tätigkeitsbereich hineingehörtcn, und dem öffentlichen Getue, das ihn gar oft anwidertc, fern, und widmete sich voll und ganz den Lasten seines Amtes, mit denen er überbürdet wurde. Im 75. Lebensjahre beschloß er nach einer chweren, fast ein Jahr andauernde Krankheit sein wirkungsvolles und segensreiches Leben auf dem heiligen Boden, nach dem er sein ganzes Leben lang gestrebt hatte, unter der Trauerteilnahine und den Ehrenbezeugungen der gesamten Bevölkerung Jerusalems und weiterer Kreise. Friede sei deinem Staube und ewiges Andenken deinem Namen, ehrwürdiger Rabbi! L. S. Aus -er zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Im Bureau des Jüdischen Nationalfonds Grünestr. 29 gingen ein von: Frau Elise Fiebermann, Obermain- Anlagc 1 je einen Oelbaum in den Herzl- Wald für Frau Elise Fiebermann und für Herrn Dr. Josef Fiebermann 12.— JL Von Herrn Jul. Oberuzenner, hier 5,— „ Von Herr» S. Weil, Pestalozzistraße 0,55 „ Von Hotel Ullmann, hier 2,25 „ Ferner an Materialien von Frl. Eugenie Löwengardt, Frl. Sophie und Grete Landsberger, Heilbronn und Frl. Joh. Fränkel, hier. Frankfurt a. M. Bei der Geschäftsstelle dieses Blattes gingen zu Gunsten des Nationalfonds ein: Moritz Plaut, Saly Geis, Selmar Geis statt Depesche zur Hochzeit Bertha Birnbaum / Dr. Siegfried Schwarzschild ä 30 Pfg. 0,90 JL Köln a. Rh. Vom 10. bis 13. ds. Mts. finden hier die z i o n. I a h r c s k o n f e r e n z, sowie die Generalversammlung der „Jüdischen Kolonialbank" und der Genossenschaft „Jüdischer Nationalfonds" statt. Die Jahreskonfercnz, die in kongreßlosen Jahren abgehalten wird, hat dieselben Befugnisse >vie der Kongreß, außer dem Recht der Abänderung des Organisationsstatnts und der Neuwahl des Aktionskomitees und der übrigen Körperschaften. — In Anbetracht der Reise des Präsidenten Wolsssohn nach Ztußland und der jüngsten Ereignisse in der Türkei sicht man den Beratungen der Jahreskoiiscrenz mit großem Interesse entgegen. Odessa. In den letzten 3 Monaten sind an 200 Familien kaukasischer Bergjuden nach Palästina ausgewandert. Die ineisten von ihnen sind in der Landwirtschaft bewandert. Radomisel (Rußland). Die Trauer des 9. Aw sollte in uns den Gedanken erwecken, wie sehr nötig uns Juden heute vor allem die Einigung ist, denn nur durch die Einigung können wir wieder zu neuem Leben erstehen. Das Band der Einigung ist der Zionismus, unv es ist deshalb sehr erfreulich, daß der zion. Gedanke auch im Kiewer Gouvernement, deni Sitze der Chassidini, trotz der leider stark obwaltenden Assimilationsbestrebungen an Zlusdehnung gewinnt. Es haben sich in letzter Zeit — besonders durch Professor Mandelstamms Bemühungen — in einer Anzahl kleinerer Orte unseres Gouvernements zionistische Vereine gebildet. Niemand hätte cs noch vor wenigen Jahren für möglich gehalten, daß der Zionisnms in den chassidischen Städten Fuß fassen werde. I. I. Braun. Bukarest. Unser alter Gesinnungsgenosse Dr. Lippe wird in „Virchows Jahresbericht der gesamten Medizin" auf den Seiten 430—436 von Professor Pagel als Arzt und Gelehrter gewürdigt. Auch verehrte ihm die rumänische Kolonie in New- Dork wegen seiner Verdienste um dieselbe jüngst ein Bild. H—r. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Dem 54. Bericht des B e rerns zur Beförderung der Handwerke unter den jüdischen Glaubensgenossen Vorsitzender: Stadtrat Emil Stiebel) entnehmen wir: Unterstützt wurden 1906 249 Personen (Lehrlinge und Meister), 1907 168 Personen. Herr I. K. Marx, der ans Gesundheitsrücksichten aus dem Vorlaube schied, wurde, zum Ehrenmitgliede des Vorlandes ernannt. Die Herren Heinrich Bauer und Eduard Cohen traten in den Vorstand. Der Bericht betont die Notwendigkeit eines Lchrlingshcinics und spricht den Wunsch aus, daß Mciischcnfreiiude den Verein in die Lage setzen mögen, dieses soziale Werk auszuführen. Marburg a. L., 29. Juli. Mit dem heutigen Tag beschließt die „Vereinigung Jüdischer A k a d c m i k e r" das dritte Semester ihres Bestehens. Die Hoffnungen ans Vergrößerung der Mitgliederzahl bestätigten sich, indem der Verein während des Semesters 15 ordentliche Mitglieder zählte. Eine reiche wissenschaftliche Arbeit gab den. Mitgliedern geistige Anregung auf den verschiedensten Gebieten. Es wurde» 7 Vorträge gehalten, an die sich immer eine rege und lehrreiche Diskussion schloß. Die Themata lauteten: „Rabbi Jomtof Lippmann Heller" Herr Dr. Schlesinger); „Ueber die Entstehung der Schemauno Esrci" (stud. med. Michael); „Leben und Wirken S. R. Hirschs" (Herr Oberlehrer I. Kaufmann-Frankfurt); „Ein Blatt ans der jüdischen Sozialgesetzgebung" (sind. med. Lcvy); „Auswüchse des Antisemitismns" (sind. med. Frank); „Zedokoh- ^flicht und Gemilus Chassodim im Talmud" (stud. med. Dzialowski); „Religion und Zionismus" (stud. med. dent. Zuntz). Auch wurde ein Lektüre- und Diskussionsabend über den 17. Thamus veranstaltet. Außerdem trat mit diesem Semester zum ersten Male die Institution des Fuchscnunterrichts in Kraft, der, für die jüngeren Mitglieder bestimmt, diese u. a. mit der jüdischen Welt- und Lebensanschauung und jüdischen Zeitfragen vertraut machte. Ferner fanden regelmäßig Gcmoro-, Mischnarc.-Schiurim statt. Außer dieser wissenschaftlichen Betätigung lvurde durch gemütliche Zusammenkünfte, gemeinschaftliche Ausflüge und gemeinsames Jiudern die Geselligkeit gepflegt, wodurch sich ein enges Freundschastsbgnd um die Mitglieder schloß. Für das nächste Semester wurden in den Vorstand gewählt: stud. med. dent. H. Zuntz (Vorsitzender), stud. med. P. Frank (Schriftführer), stud. med. H. Bähr (Kassenwart). (Während der akademischen Ferien sind Zuschriften zu senden an Herrn stud. med. dent. H. Zuntz, Marburg a. d. Lahn, Elisabethstraße 10.) Nauheim. Israelit. Frauenheim. Das Heim verpflegte im abgelaufenen Rechnungsjahre 50 Personen und verausgabte 9200 JL, denen 10 400 Mark Einnahmen gegenüberstehen. Der Vorstand besteht aus den Herren: Dr. F. Kaufmann, Michael M. Mainz, Arthur Oppenheimer, Max Schott, Jakob Schwarzschild, sämtlich in Frankfurt, und Frau H. Grünbauni, Nauheim. Dortmund. Das Israelit. Altersheim in Westfalen in Unna beherbergt gegenwärtig 26 Personen. Seine Einnahmen betrugen im Geschäftsjahre 1907/08 27 600 JL, denen 19 700 JL Ausgaben gegenüberstandcn. Die Anstalt hat ein Vermögen von 188000 JL Kunst und Literatur. Der Weg ins Freie. Roman von Artur Schnitzler, 4. Ausl., 1908. S. Fischers Verlag, Berlin, (brosch. JL 5, geb. JL 6). Der erste große Roman von Artur Schnitzler und zudem ein „Wiener Juden- und Zionistcnroman" — wie es in der Ankündigung hieß — ist ein literarisches Ereignis. Und so hat auch das Buch in den ersten Wochen schon vier Auflagen erlebt. Den Inhalt des Buches bildet der Liebesroman eines adeligen Wiener Künstlers und eines Bürgermädchens, das sich ihm in reiner Liebe ganz hingibt. Sie ist überzeugt, daß er sie auch ohne besonderes Versprechen doch später heiraten wird. Der Künstler kämpft einen Kampf mit sich. Eine Stimme in seinem Innern rät 'ihm, das Mädchen, das er wirklich liebt, zu ehelichen; die andere dagegen warnt ihn, sich frühzeitig zu binden; sie stellt ihm vor, daß er nicht für ein ruhiges, bürgerliches Leben, das er dann nach der Heirat führen müßte, geschaffen sei, daß er iii der Enge bürgerlicher Verhältnisse zu Grunde gehen würde aus Mangel an Lust und Licht, gleich einem gefangenen Vogel, der stets in Freiheit gelebt und den man dann in einen Käfig gesteckt. Die zweite Stimme wird immer stärker in ihm. Als dann die Frucht ihrer Liebe tot zur Welt kommt und ihm eine Stelle als Kapellmeister an einer deutschen Bühne angeboten wird, da löst er die Fesseln, die ihn binden und geht — mit des Mädchens Zustimmung — hinaus in die Welt, ins Freie. Stärker vielleicht als diese Liebesgeschichte nimmt die Diskussion über die Judenfrage, von der das Buch voll ist, das Interesse des Lesers.in Anspruch. Anhänger aller Lösungen — 'von' dem Zionisten, der