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Neue jüdische Presse · 1908-08-07 · Heft 31 (7.8.1908) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
6 (1908)
Issue
Heft 31 (7.8.1908)
Date
1908-08-07
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 31. Türkei. Koustantinopel. Die Gleichberechtigung, welche die wieder ein geführte 1876 er Verfassung allen Angehörigen des ottomanischcn Reiches gewährt, ist auch für die Juden, die sich bisher schon einer bevorzugten Stellung erfreuten, sehr wesentlich. Die Aufhebung der Zensur, die Freiheit der Presse^ das Versammtuiigsuild Petitionsrecht, die versaftungsinäßigcu Garantien des Eigentums und die gleichmäßige und gesetzliche Verteilung der Steuern dürften auch die Entwicklung der jüdischen Ansiedlungen in Palästina aufs günstigste beeinflussen. Wenn das jüdische Volk die neue Situation zu würdigen und zu benutzen versteht, dann hat es in absehbarer Zeit ein geistig und materiell imponierendes jüdisches Zentrum im Lande seiner Väter. Amerika. Ncw-Nork. Wie das religiöse Leben der amerikanischen Juden in einem, man könnte beinahe sagen embryonischen Zustand im allgemeinen sich befindet, so stellt auch der Religionsunterricht, den die jüdisch-amerikanische Jugend in den sogenannten „Talmudthoras" genießt, das Bild des Unentwickelte» und Unvollendeten dar. Die Talmudthora soll &cjt unter den orthodoxen Juden in Rußland und Galizien üblichen „Chcdcr" ersetzen, ist aber von diesem völlig verschieden; denn während' dort der ganze Tag ausschließlich mit dem Lesen und Ucbcrsctzen der Bibel verbracht wird, ist hier die tägliche Lehrzeit auf nur zwei Nachmittagsstunden bemessen. — Gemäß den Unterrichtstagen in den „Public-Schools" sür die jüd. Jugend, die am Sabbat vom Besuche der Schule befreit ist, ist auch der Lehrplan der Talmudthora im Durchschnitt ans fünf Tage in der Woche berechnet. Die einzige Gemeinschaft, die beide, ^.aluiudthora und Cheder, auswciscn, ist ihre Plan- und S y st e m l o s i g k c i t. Dieses GemeinguO hat hier seine Ursache darin, daß der Unterricht oft jungen Männern anvertraut wird, die selbst keinen systematischen Religionsunterricht genossen haben und völlig ungeschult sind. Ein jüdisches Lehrerseminar existiert meines Wissens in ganz Amerika nicht. Was Wunder also, wenn der Lchrinhalt, den die Jugend von der jüdischen Religion empfängt, sich äußerst dürftig gestaltet und wenn die Unordnung um» die Disziplinlosigkeit in den Räumen der Talmudthora als spezifische Begleiterscheinungen derselben allgemein gelten. Von allen Seiten hört man über die fast zur Gewohnheit gelvordene Respektlosigkeit der Schüler ihren jüdischen Lehrern gegenüber klagen; man ichersieht aber dabei, daß die Schuld nicht den Kindern, sondern den Lehrern, die jeder pädagogischen Kenntnisse bar sind, zugcschrieben werden muß. Ein weiterer Uebelstand, der sich besonders in den orthodoxen Kreisen bemerkbar macht, ist der v ö l l i g e M a n g e l a n s y st c m a t i s ch e n S ch u lbüchern; ein Uebcl, dessen Begründung in dein Umstand zu suchen ist, daß der orthodoxe Jude in Amerika, zwischen Tradition und modernen Anschauungen schwebend, über Umfang und Gehalt seines religiösen Vorstcllungskrciscs selbst nicht im klaren ist. G. S. -!ew-Nork. Das Staatsdepartement für öffentliche Erziehung erwähnt in seinein Jahresberichte die jüdische „National Farm Scherl" in Doylestown und die „Baron Hirsch'schc landwirtschaftliche Schule" in Woodbine rühmend. Die Eignung der Juden für die Landwirtschaft c sei durch diese Schule», deren Absolventen tüchtige Landwirte geworden sind, bewiese» worden. — Rabbiner Dr. M e n d e s veröffentlicht einen offenen Brief, in dem er das große jüdische Mustcrhospital „Mount Sinai" deswegen anklagt, weil seine Beköstigung nicht rituell ist. Die Direktion der Anstalt habe ihm '-merkwürdigerweise erwidert, daß „eine rituelle Küche Mehrmislagen erfordere." Palästina. Jerusalem. Ueber die Leistungen des Vereins „Lcmaan - Zio »" im 2. Quartal 1908 ist zu berichten: Die Pollklinik behandelte 5556 Kranke und gab ihnen die nötigen Medikamente und das Verbandzeug. In der Apotheke wurden 3875 Rezepte teils gratis, teils zum Preise zwischen 20 und 30 Pfg. abgegeben. Für 2 Lehrlinge wurde das Lehrgeld bezahlt. 91 Personell wurden mit Brillen, Bruchbändern ic. gralls versehen und 110 Personen die Krankenutensilien leihweise iiberlassen. 10 Personen erhielten durch entsprechende Beiträge Gelegenheit, Arbeiten übernehmen zu können. Von russischen Emigranten wurden 10 mit Werkzeugen versehen. Bei der Mazzcsverteilung zu Pessach konnten nur die Aermstcn der Armen berücksichtigt werden, d. h. solche, die ani Erew Pessach noch nicht im Besitz von Mazzes Ware». Im ganzen waren es 2500 Kilo, die zur Verteilung .kamen; außerdem ließ der. Verein in 9 verschiedenen Stadtteilen Jcxu- FÄmkfurker FfrveMWK Fümilidnblatt. salems gutes Mehl zu reduzierten Preisen verkaufen, um 'auf diese Weise die Not, die durch die Teuerung entstanden war, einigermaßen zu mildern. — lieber die Tätigkeit des Herrn Dr. Erlanger ist mitznteilcn, daß er im Juni 2352 Fälle in der Augenklinik behandelte und 15 Operationen ausführte. Zwei Schnorrer oder Montecchi und Capuletti. Eine Erzählung von I. Herzb erg-Dromberg. (Fortsetzung). Herr Raphael Blütenstiel war inzwischen beim Bankhausc angclangt. Er betrat den Geschäftsranm und auf seine Frage nach dem Chef wurde ihm mitgeteilt, daß dieser verreist sei, daß er aber dessen Vertreter sprechen könne. Blüthcnsticl wurde alsbald in das Arbeitszimmer des Bankiers geleitet, wo er von einem jungen Manne empfangen wurde, der kein anderer war, als Oskar Stcrnscld. Dieser war nicht wenig überrascht, den Vater Sidoniens vor sich zu sehen, der ihn persönlich gar nicht kannte und der nicht ahnte, mit wem er cs zu tun habe. „Mein Name ist Raphael Blütcnstiel," begann der Eingctretene. „Ich beabsichtige, ein Kapital sicher anznlegen und möchte hierzu Ihren Beistand mir erbitten. Mir wurden von Freunden die .1-Dorfer- Jndnstricpapiere als besonders sicher und nutzbringend empfohlen." Oskar Sternfeld war nicht wenig überrascht, als er die Worte Blülcnsticls hörte. Mit lebhaftem Interesse hatte er die Anrede desselben vernommen und war erstaunt darüber, daß Blütcnstiel über ein größeres Kapital verfüge. Er hütete sich wohl, ihm irgend welche Andcntnngen über seine Person zu machen. Es war dieses auch durchaus nicht erforderlich. Er wollte nur geschäftlich mit ihin unterhandeln. Daher entgegncte er kühl, aber höflich: „Die L'-Dorser-Jndustriepapicrc haben sich als nutzbringend bewährt, doch muß zugegeben werden, daß sie in letzter Zeit einigen Schwankungen ausgesetzt sind infolge der wechselnden Konjuiikturcii. Ich werde mit meinem Chef, der morgen wieder anwesend sein wird, Rücksprache nehmen und Ihnen dann Bescheid geben." „Ich danke Ihnen, mein Herr," erwiderte Herr Blütensticl, dessen Augen sichtlich mit Wolilgcfallcn auf Oskar Sternfeld ruhten, der ihm sehr sympathisch erschien, „ich möchte Sie daraus aufmerksam machen, daß ich neben einem hohen Zinsertrag auf absolute Sicherheit Wert lege, denn das anznlegendc Kapital, das freilich als ein ziemlich bescheidenes Ihnen erscheinen wird, soll die Mitgift meiner einzigen Tochter Sidonie bilden." - Die letzten Worte hatte Herr Blüteustiel mit vor Freude strahlenden Augen gesprochen. Auch -Oskar Sternseld hatte mit angenehmen Gefühlen diese letzte Mitteilung vernommen. Herr Blütensticl nahm ivahr, daß Oskar seinen Mitteilungen ein besonders lebhaftes Interesse entgegcnzu bringen schien; diese Tatsache machte den glücklichen Vater gesprächiger, und dieser fuhr fort: „Sie müßten nur meine Tochter, meine Sidonie, sehen; sie ist eine Perle ihres Geschlechts!" — Mit einem verstohlenen Lächeln sah Oskar den Vater Sidoniens an, und er bestätigte dessen Behauptung mit den Worten: „Das, mein Herr, glaube ich Ihnen gern; ich bin sogar davon überzeugt." „O, mein Herr," fuhr darauf Blütcnstiel mit einem gewissen Pathos fort, „Sie müßten mein Kind persönlich kennen lernen. Da sic nun das erforderliche Alter hat, um in den Ehestand treten zu können, habe ich mich auch schon nach einem passenden jungen Manne umgesehen." Bei diesen Worten schwand allmählich das Lächeln von dem Gesichte Oskars, und eine ausfallende Spannung, gepaart mit großer Unruhe, prägte sich in seinen Gcsichtszügen aus. „Und haben Sie einen solchen gefunden?" wagte er mit zitternder Stimme zn fragen. Blütcnstiel war bald die plötzliche Unruhe Oskar Sternfelds ausgefallen, und er fragte: „Ist Ihnen nicht wohl?" „Ich befinde mich ganz wohl, nur eine plötzliche Schwäche infolge angestrengter Arbeit überfiel nrich," entgegncte stotternd Oskar. „Das wird schon vorübcrgehcn," fuhr nun Herr Blütenstiel fort, der wieder aus das eben abgebrochene Thema zurückgriff. „Sic fragten eben, ob ich einen passenden jungen Mann gefunden habe? Zn meiner größten Freude kann ich Ihnen diese Frage bejahen. Ick) bin in der angenehmen Lage, meiner Tochter einen Mann zuführen zn können, der sie gewiß glücklich machen kann und wird. In wenigen Tagen wird er hier eintreffcn, um die persönlichen Beziehungen anzubahnen. Doch nun genug von meinen privaten Angelegenheiten. Ich befürchte, Sie schon damit sehr gelangweilt zn haben, da sie Ihnen doch wenig Interesse bieten." „O, da sind Sie im Irrtum," entgegncte Oskar mit besonderer Betonung, „Ihre Mitteilungen haben mich ganz besonders interessiert!" „So will ich mich denn empfehlen und Sie nur noch bitten, die Sache mit Ihrem Herrn Chef näher zn besprechen und mir dann recht bald Bescheid zugchen zu lassen." Sodann cntseriitc sich Herr Raphael Blütcnstiel. — Oskar Sternseld aber sah dem sich Entfcriienden gedankenvoll nach. Ernste Sorge war bei ihm eingekchrt, und die Worte Blütensticls hatten ihn mehr beunruhigt, als er diesen hatte merken lassen. Auch er hatte gleich Sidonie von Anfang an die Hemmnisse wohl.gekannt, die seiner Verbindung mit dieser entgcgenstandcn; ebenso hatte er bisher gehofft, diese Heinmnisse im Lause der Zeit besiegen zu können. Jetzt war er zn der Erkenntnis gelangt, daß dies wohl nicht zn ermöglichen sein werde. Sidoniens Vater war nach dessen eigener Versicherung schon zn weit gegangen, als daß ein Kampf um sein Liebesglück Aussicht ans Erfolg haben könnte. Unruhig ging er in seinem Arbeitszimmer, das er heute als Vertreter seines Chefs ganz allein inuehatte, auf und ab. Unablässig saun er darüber nach, was zn tun sei; er zermarterte sein Gehirn, um einen Ausweg ans dieser fatalen Situation zn entdecken. Er war zu dem Aeutzersteii bereit und entschlossen, wenn er dadurch nur an sein Ziel gelangen konnte. Wenn er nur mit Sidonie hätte sprechen können! Mer dies war, solange deren Vater im Hause weilte, ganz unmöglich. sie verließ nie allein das Hans, die Eltern bewachten sie mit Argusangen, sodaß in diesen Tagen eine Annäherung unmöglich war. Aber auch brieflich vermochte er nicht mit ihr zn verkehren, da alle Briese, die etwa an Sidonie gerichtet würden, zunächst in die Hände der Eltern derselben gelangten. Oskar Sternseld schlug sich mit der Rechten vor die Stirne. „Was beginne ich nun," sprach er zn sich selbst, „um den fremden Eindringling von meiner Sidonie fern zu halten? Es muß etwas geschehen, ich muß einen entscheidenden Schritt wagen, ich muß-! Doch setze ich vieles ans das Spiel, wenn ich das Aeußerstc wage. — Sei ihm, wie ihm wolle. Ich will die morgen stattfindendc Unterredung mit meinem Herrn Chef abwarten, dann werde ich handeln!" — * Oskar stand noch lange an seinem Schreibpulte, ohne zn arbeiten. — 5. In der dritten Nachmittagsstnnde des nächsten Tages war es, da ging Herr Raphael Blütenstiel aufgeregt in seinem Zimmer ans und ab. Seine Augen funkelten, seine Arme gestikulierten aufs lebhafteste, und seine Lippen bewegte sich unausgesetzt, ohne daß irgend ein hörbarer Laut über dieselben kam. Seine schwarze Hanskappe tanzte förmlich auf seinem Kopfe, bald jag sie tief im Nacken, bald auf der Stirne, bald ans dem rechten, bald auf dem linken Ohre. Kaum hatten seine beweglichen Hände das Käppchen in die gehörige Lage gebracht, da hatte es sich auch schon störrischer Weise wieder bald nach vorn, bald nach hinten, bald nach rechts, bald nach links geschoben. Am Fenster saß Frau Zicrel Blütenstiel. Sie war, beiläufig sei es bemerkt, trotz ihrer fünfundvicrzig Jahre eine noch recht stattliche Erscheinung, und sie konnte heute noch als schön gelten. Sie war als sorgsame und tätige Hausfrau mit dem Stricken eines Strumpfes beschäftigt, und das weit vernehmliche Geklapper der Stricknadeln ließ erkennen, daß es in ihr arg tobte. Herr und Frau Blütcnstiel fochten in diesem Augenblicke einen heißen Streit aus. Sie stimmten heute mit ihren Ansichten nicht überein, eine Tatsache, die sonst im Blütcnstielschen Hause selten vorzukommen Pflegte, obwohl sie, wie man sich erzählt, in den meisten anderen Häusern weit häufiger anzntrcffen sein solle. Aufs eifrigste waren die beiden Eheleute bemüht, mit dem Aufgebote all ihrer Ucbcrreduugskunst einander von der Stichhaltigkeit ihrer Meinungen zn überzeugen, doch keiner von beiden zeigte irgend Neigung, sich zn ergeben und die Waffen zn strecken. Wohl trat zeitweilig ein kurzer Waffenstillstand ein, doch geschah dies nicht aus Mangel an Kampfeslust, sondern nur zu dem Zwecke, neue Kräfte zn neuem Streite zn sammeln und neue Kampfmittel in geschickter Weise ins Feld zn führen. Eben war ein solch kurzer Waffenstillstand eingetreten. Frau Blütensllel ließ die Strickiicideln gewaltig klappern, und ihr Antlitz war ihrem auf und ab wandelnden Ehemanne herausfordernd zugewandt. Da stellte sich dieser Plötzlich vor seine Frau, die Linke in seinen Busen schiebend, die Rechte aber wie zum Schwure erhebend und sprach: „Und Du magst reden, was Du willst, unsere Sidonie wird nie und nimmer jene» Oskar heiraten. Das fehlte mir grade noch! Dazu habe ich gespart, während der langen Jahre, um mein schönes Geld so mir nichts dir nichts geradezu aus dem Fenster chinausznwerfen? Zudem ist er der Sohn meines Erzfeindes! Jeder andere wäre mir vielleicht unter gewissen Umständen willkommen und

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