Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 31 (7.8.1908)
- Date
- 1908-08-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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NL 31. «eite 3. gebe der Hoffnung Ausdruck, daß die jüdisch-nationalen Körperschaften gegen die ihnen zugefügte Beleidigung ■ gebührenden Protest erheben mögen.*)' Ferner erlaube ich mir im Namen mehrerer Förderer des Zentralisationsprojckts die Erklärung abzugeben, daß wir auch fortan bestrebt sind, eine berufene Vereinigung der jüdischen Organisationen zu schaffen. Folgende Thesen mögen hier zur Diskussion gestellt werden: 1. lieber die mannigfachen Divergenzen hinaus haben die philanthropischen und politischen Organisationen der Judenheit auf vielen Gebieten international-jüdischer Interessen bestimmte nnd bestimmbare Verbindungspunkte. Diese Verbindnngspunkte sollen die Basis für einen Verband der jüdischen Organisationen bilden. 2. Die Zerstreuung der Juden in allen Weltteilen befindet sich in einem verhängnisvollen Widerspruche zur Jnteressencinheit der Gesamtjudenheit. Der Zerstreuung soll ein Gegengewicht in — solange uns eine andere adäquate Form versagt bleibt — der Form einer Konzentration der repräsentativen Körperschaften des jüdischen Volkes geschaffen werden. 3. Die Notwendigkeit einer solchen Vereinigung tritt besonders augenscheinlich in Momenten folgenschwerer Katastrophen hervor, wie sie oft die östlichen Inden heimzusuchen pflegen. Die letzten Pogromjahre haben uns gezeigt: a. Der Mangel an einer Zentralisation des Hilfsiverks verursacht Mißtrauen nnd Verwirrung in Bezug ans Geldsammlung und Geldverteilnng; b. eine gemeinsame Arbeit der Organisationen erhöht sowohl den materielle» als moralischen Wert der Hilfeleistung; c. ein gemeinsames Vorgehen der jüdischen Organisationen vermag auch vorbeugend zu wirken. Jndesssen darf die Existenzberechtigung des besagten Verbandes nicht von der Eintrittsmöglichkeit solcher Katastrophen hergeleitet oder abhängig gemacht werden; ebensowenig dürfen sie seinen Charakter bestimnien, geschweige seinen Inhalt erschöpfen. Dieser Verband soll eine permanente Institution sein die ihr Wirkungsterrain nach Möglichkeit und Notwendigkeit zu erweitern hat. Sein Gesichtspunkt ist mithin: Das Maximum einer erreichbaren Verständigung unter den jüdischen Organisationen auf all den Gebieten, wo eine gemeinsame Arbeit der verschiedenen Körperschaften möglich und. zweckmäßig ist. 4. Die gefährdeten Interessen der Judenheit, die materiellen und moralischen, machen eine Vertretung der Inden nach außen hin erforderlich. Es ist dies auch ein moralisches Postulat, welches dem Bedürfnisse entspricht, das Ansehen der jüdischen Gesamtheit als solcher würdig zu wahren. (In vielen Kreisen begegnet man der Ansicht, die „Alliance Jsraelite Universelle" hätte, indem sie als eine Repräsentanz der Judenheit auftrat nnd den Glauben an einen jüdischen Universalbund erweckte,' dem Antisemitismus Nahrung zugeführt und somit schädlich gewirkt. Diese Ansicht kann nur auf mangelhaftem Sinn für Volkswürde und irriger Ausfassung der jüdischen Volksinteressen beruhen. Es gehört vielmehr zu den großen Verdiensten der Alliance, das Ansehen der Gesamtjudenheit in den Augen der Völker und Mächte durch ihren stolz klingenden Namen erhöht zu haben; die wiederholten erbitterten Ausfälle des Antisemitismus gegen die Alliance legen gerade ein beredtes Zeugnis davon ab.. Leider aber fehlt diesein herrlichen Namen der entsprechende Inhalt. Die Alliance hat daher den Nachteil einer fingierten Repräsentanz der Juden, wenn sie auch schon als Fiktion einen nicht zu unterschätzenden moralischen Wert hat.) 5. Als Repräsentanz der Juden nach außen hin muß der Verband bestrebt sein, sich das Vertrauen des Volkes zu sichern. Es soll daher dem Gesichtspunkte der Popularität Rechnung getragen werden. 6. Religiöse und kulturelle Fragen sind ihrem Charakter nach nicht geeignet, eine gemeinsame Plattform für alle Organisationen zu bilden; sie sind daher aus dem Programm des Verbandes ausgeschlossen. *) Nach der letzten Nummer des „Jew. Chronicle" haben bereits angesehene russische Juden gegen die Ignorierung der jüd. volkstümlichen Körperschaften, Protest erhoben. Wir schließen uns der Ansicht des Herr Dr. K l a tz k i n bezüglich der Illegitimität des in der letzten. Sitzung der „Anglo Jewish Association" unter dem Einfluß der Jca und Alliance beschlossenen „International-jüdischen Komitees" an und hoffen, daß alle jene jüdischen Organisationen, die, wenn auch nicht ausgesprochen national, mit der alten Methode des bureaukratischen Absolutismus gebrochen und den Bolkswillen -zu respektieren gelernt haben — wie z. B. der „Hilfsverein der Deutschen Juden" —, den besagten Beschluß nicht anerkennen und bestrebt sein werden, eine gerechte und b e\ rufe ne „Vereinigung oer jüdischen Organisation^ zu bilden, D. Redakt. Frsuffuri« 8s««KÜWS FamilieublaL. 7. Die Kompetenz des Verbandes darf nicht die Kompetenz der Einzelorganisationen einschränken. Jede Einzelorganisation bleibt in ihrer lokalen Autonomie unversehrt. Berlin. Dr. Jacob Klatzkin. Aus aller Meü. Deutsches Reich. Frankfurt a. M., 3. August. Aus dem Bureau der „Freien Vereinigung für die Inte ressen des orthodoxen Judentums" wird uns geschrieben: Durch eine Mitteilung in der jüd. Presse war die Oeffentlichkeit Ende Mai davon unterrichtet worden, daß seitens des Proviantamtes zu Coblenz der Bezug des Fleisches geschachteter Tiere fortan abgelehnt werde, weil das Schächten „festgestelltermaßen eine unerwünschte Tierquälerei" bedinge und daher „auf Anregung der Königlichen Regierung zu Coblenz für den Bereich der Militärverwaltung verboten worden sei." Im Hinblick ans die prinzipielle Bedeutung, welche dieser Verfügung, namentlich durch ihre Begründung, innewohnt, hat sich die „Freie Bereinigung" veranlaßt gesehen, sofort durch persönliche Vorstellungen und schriftliche Eingaben bei sämtlichen beteiligten Behörden gegen diese sachlich unberechtigte nnd die Gewissensfreiheit beeinträchtigende Disqualifikation einer jüdisch - religiösen Einrichtung Verwahrung einznlegen. Der Herr Regierungspräsident zu Coblenz erklärte sofort mündlich nnd alsdann schriftlich, daß es ihni völlig fern liege in dem ihm unterstellten Verwaltungsbezirke die Befugnisse der jüdischen Bevölkerung in Bezug auf das Schächten nach jüdischem Ritus zn beeinträchtigen oder eine Aufhebung der in dieser Bo ziehung geltenden Bcstiminnngen vorzubereiten. Nunmehr geht uns telegraphisch die erfreu liche Nachricht zu, daß die M i l i t ä r - I n t e n ■ dantnr zn Coblenz dem von uns gestellten Antrag stattgegeben und unter Zustimmung des Regierungspräsidenten, sowie nach ein geholter Genehmigung des Kriegsministeriums die beanstandete Verfügung aufgehoben hat. — Die Nachricht wird in allen Kreisen der deutschen Judcnheit mit Genugtuung ausgenommen werden. Berlin. Die «Alliance Jsraeltte Universelle" hat für die Feuerbeschädigten in Telschi (Gouvern. Kowno) eine Unterstützung von 5000 Fr. bewilligt. Gedern (Obcrhessen). Vergangenen Samstag hatte unsere Synagoge fürstlichen Besuch. Die hier zurzeit weilende fürstliche Faniilie S t o l berg-Wernigerode wohnte nämlich dem Morgengottesdienst von Anfang bis Ende bei. Mit lebhaftem Interesse folgten die Herrschaften den gesanglichen Vorträgen der üblichen Gebete, sowie den Gesängen des hier schon fast 50 Jahre bestehen den Mannerchores. Beim Verlassen des Gotteshauses sprachen sie wiederholt ihre hohe Befriedig ung über die empfundenen Eindrücke aus. Köln a. Rh. Der kürzlich verstorbene Philantrop Friedrich Drucker hinterließ eine Reihe von Legaten, denen sein Sohn, Amtsgerichtsrat Carl Drucker, noch bedeutende Beträge hinzufügte. Es erhielten u. a.: „Israel. Asyl für Kranke und Altersschwache" 20 000 Jk Legat nnd 5000 Jk Geschenk des Amtsgerichtsrats Drucker — „Israel. Lehrlingsheim" 15 000 Jk und 3000 Jk — „I Waisenstist" 15 000 Jk und 3000 Jk — „I Unterstützungsverein" 10000 Jk und 2000 Jk Mommenheim i. Elsaß. Auf dem hiesigen jüd. Friedhofe wurden 41 Grabsteine mit Gewalt nmgeworfen und zum Teil zerstört. Für die Ermittlung der Täter hat die jüdische Gemeinde eine Belohnung von. 100 Mark ausgesetzt. Oesterreich-Ungar«. Wien. Die Mehrheit des reichsrätlichen Rumänenklubs hat sich gegen ein Zusammengehen mit den Christlichsozialen ausgesprochen, da diese, wie mehrere Vorgänge der letzten bewiesen, der griechisch-orientalisZM. Kirche^femdlich gesinnt sind. ~~~——' X /"ralen. Die hiesige jüdische Gemeinde hat, nachdem sich jetzt der Sohn des Vorstehers Dr. Adolf Stein, um an einer Schweizer Universität eine Professur zu erlangem hat taufen lassen, 6 Vorsteher, die Väter getaufter Kinder sind. Die Namen dieser Vorsteher, die sich nicht scheuen, ungeniert weiter die jüdischen Interessen einer jüdischen Gemeinde zu leiten, sind: David Ritter von Gutmann, Leopold von Lieben, Hofrat Dr. Benno Rappaport, Wilhelm Kusfner, Dr. Arthur Kuranda und Dr. Adolf Stein. Gntmann und Stein sind außerdem Mitglieder des Kuratoriums der „Israel. - theolog. Lehranstalt". J „Jedes Volk hat die Regierung, die es werk ist", jagt ein alter Erfahrungssatz; — was muß ^ie Wiener Judenheit wert sein? rael. rael. Prag. Wir lelen in der hiesigen «Selbstwehr" unter der Ueberschrift: „Ein Wort an die Juden" . folgendes bezüglich des Testamentes des jüngst verstorbenen christlichen Gymnasialprofessors Dr. Franz Süß: Ein echter Arier, ein reiner Deutscher, hat da in seinem Testamente — die Mitwelt hört es und glaubts kaum — der Juden gedacht, er hat der jüdischen Kultusgemeinde in Baden einen Betrag vermacht nnd ihrem Borbeter einen Einsluß gewahrt ans die Verwendung des der Stadt Baden gestifteten Kapitals, ja er hat alle seine Legate unter der Bedingung verliehen, daß die bedachten Schulen und Vereine nichtantisemitisch sind nnd bleiben. Dieser Mann hat den Mut einer Ueberzeugung gehabt. Wieviele Inden gibt es, die es nicht wagen, ihres bedrängten, von allen Seiten verfolgten Volksgenossen in ihrem Testamente zn gedenken, die so chönc interkonfessionelle Stiftungen hinterlasseu, raß sie binnen kurz oder lang via facti Juden auschließen .... Man untersuche nur die zahlreichen und hohen Stiftungen von Juden an die Wiener Gemeinde! Hat es da ein Jude für nötig gefunden, die Gemeinde unter der Bedingung zu bedenken, daß sie nichtantisemitisch ist? Nein! Daran haben weder das Fräulein Werthcimstcin bei ihrem Parke, noch die anderen „Seligen" gedacht. Wozu denn auch? Ihnen schadet ja der Antisemitismus nicht mehr! Und überhaupt vertragen sich die reichen Juden auch bei Lebzeiten gar gut mit den Antisemiten, unterstützen „nur" den deutschen Schulverein, dessen Präsidenten zum Dank für die „nur" prozentuelle Zulassung der Juden zum Mittel- und Hochschulstudium stimmen, und bekleben ihre Schriftstücke mit den Stempeln des ,,Bundes der Deutschen in Böhmen" — welche Ironie! . . . Der verstorbene Gelehrte ist unseres Wissens seit lange, lange der erste hier, ja der erste überhaupt, der seine Legate in so llarem Freisinn vermacht (der „Freisinn" der „Israeliten" kehrt sich dagegen immer gegen das jüdische Volk), daß selbst ein stolzer Jude ohne Gewissensbisse sich darum bewerben könnte. Und nicht aus Demonstrationsabsicht, aus einem leeren Wortgeklingelfreisinn heraus, der bei den „Israeliten" gewöhnlich mit Flucht ans dem jüdischen Volke, mit Verrat zusammenfällt, hat er der Juden gedacht, sondern aus einer tiefen, eingewurzelten Dichtung vor dem allseits geschmähten jüd. Volke. Tesche». Der inzwischen bei allen christliche» Völkern heimisch gewordene Antisemitismus ist eine deutsche Erfindung, und es ist selbstverständlich, daß seine Erfinder ihn immer mehr ausbauen. Die „liberale" deutsche Stadt Teschen hat wahrscheinlich Neid auf die antisemitischen Heldentaten unseres gemütlichen Wiens bekommen, hat daher auf etwas ganz Apartes gesonnen — und hat es auch gefunden; man höre: Juden ist der Eintritt in die städtische Badeanstalt verboten. Jndischerseits beim Bürgermeister. sofort erhobene Proteste sind erfolglos geblieben! Rußland. Tels bei Libau. Eine furchtbare Feuersdrunst hat den größten Teil unserer Stadt in Asche gelegt. 5000 Seelen — bis auf 15 christliche Familien alles Juden — lagern unter freiem Himmel. TelS, 1. Aug. Es läßt sich jetzt der Schaden des furchtbaren Brandes überblicken. Etwa 500 Häuser — darunter 7 Botei- Midroschim, die Jeschiwa, die jüd. Schulen — liegen in Asche. Etwa 1000 Familien sind brot- und obdachlos geworden. Der Materialschaden wird auf lVa Millionen Rubel geschätzt. Als Ursache des Brandes wird Brandstiftung seitens antisemitischer Bauern vermutet. Radomisel. Zur Erlangung des Wohnrecht e s in der Universitätsstadt Kiew haben mehrere jüd. Mädchen, die das Schitomirer Mariengymnasium absolvierten, sich als Prostituierte angemeldet. I. I. Braun. Wilna. No. 158 der hebräischen Tageszeitung ,Hed-Hasmann" ist konfisziert worden. Ursache: eine aus dem russischen Buche uDer russische Hof vor 100 Jahren" abgedruäte Stelle. Rumänien. Bukarest. Rumänisches Allerlei. In Ploesti würzte Gymnaiialprosessor Gr. Niculescu seine Abschiedsrede an die Abiturienten mit antisemitischen Gemeinheiten, und die Folge davon war, daß die jungen Herren ihren jüdischen Kollegen Marautz verprügelten. — Handelsminister Djuvara sprach sich dafür aus, daß die jüdischen Handwerker bei Staatsarbeiten ausgeschlossen werden. — Die Behörde ließ den Agenten Jon Bodiacu verhaften, weil er Lipowaner (Russen) zur Auswanderung zu veranlassen suchte; — hätte er seine Mühe an-, Juden angewandt, so hätte man ihn nicht verhaftet, sondern eher belohnt.