Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 30 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Nr. 30. schlagt auf die Jiü>en los! Und so ist cs verständlich, wenn der große französische Kanzelredner Bossuet in seinen geschichtsphilosophischen Konstruktionen, die durchaus augustinisch-papistischen Charakter haben, immer vom Christentum als von einer „Histoire de fraternite" spricht, die Juden aber außerhalb der fraternitären Betätigung im Umkreise christlichen Handelns stellt. Was die Christen seit zwei Jahrtausenden an Juden verübt haben, ist ihm zwar nicht unbekannt, aber er findet für die Handlung seiner Glaubensbrüder weder Bedauern noch einen Vorwurf. „Was? Die Christen haben die Juden unticrisch gequält — die Juden, überflüssige Menschen, die keine Existenzberechtigung haben. Tenn die Idee des Judentums haben wir schon längst popularisiert." So dachte der große Bossuet. Aber so sieht das Christentum aus, wenn wir sein Verhältnis zum Judentum geschichtsphilosophisch denken. Das Christentum sollte das konkrete Imperium Uowauum „umhimmeln", das war eine schwere Aufgabe. Der antike Mensch krankte noch zuviel an dem naturwüchsigen Individualismus, als daß er sich gleich einer Nummer in das Weltreich, das alle persönliche Momente nivelliert, hätte cinreihen lassen wollen. Wo die Kaserne beginnt, hört die Persönlichkeit auf. An dieser Macht der antiken Jnvidualität mußte das universalisierende Christentum scheiten:, wie die Meereswellen an einem Felsblock zerschellen. Und doch mußte das Christentum Trumpf bleiben — so wollten cs seine Träger. Aber wie sollte der Prozeß vor sich gehen? Der heilige Augustinus hat den Weg gewiesen: Das Christentum lehrte Himmelreich, der hl. Augustinus Gottcsherrschast. Das Himnrelreich war ein nmgcchristeltcs Imperium Komanum. Die Gottesherrschaft des Augustinus eine theologische Verunstaltung des jüdischen Slaatsbegriffcs. Die jüdische Staatsidcc des „Mamlechet Kohanim w'goi kodosch" hat Augustin in ein „civitate Del" umgewandclt. Nicht nur Juden sind ein Priestervolk und ein heiliges Volk, sondern alle Menschen siird es, sofern sic nicht zur Sünde und ewigen Verdammnis prädestiniert sind. Die Juden stellen also kein Spezifikum dar, sic sind vielmehr durch die augnstinische Ummodelung ihres Staatsbcgrisss als ein idealtragendcs Gebllde der Weltgeschichte überflüssig gemacht worden. Ein überflüssiges Volk hat keine Existenzberechtigung; wen die Natur nicht schont, den brauchen die Menschen nicht zu schonen. „Also schlagt aus die Juden los!" Und nicht mit Unrecht macht Houston Stewart Chamberlain den hl. Augustinus für die Formen der christlichen Nächstenliebe im Mittelalter verantwortlich; er hält ihn für den moralischen Begründer der Inquisition. Im übrigen tritt bei keinem Kirchenvater die Verunstaltung jüdischer Kulturelemcnte so kraß zu Tage, wie bei Augustinus. Die Bibel lehrt das radikal Böse der Mcnschennatur; allein sie lehrt den Menschen die Frecheit seines Wlllens und lehrt ihn auch dadurch die sittliche Ueberwindung aus eigener Kraft. Den Satz „Ki jezer lew hoodom ra minurow" übernimmt auch Augustinus, allein — statt die Frecheit des Willens und die sittliche Ueberwindung — lehrt er die Prädestinatoin und - den pessimistisch-cheologischen Individualismus, die mit dem Mythos und dem Fatum sehr verwandt sind. Wie die Träger des ganzen mittelalterlichen Christentums davon überzeugt waren, daß sie auch die Erben der großen Idee des Judentums waren, daß sie die Nachfolger der Propheten sind, und daß die Auserwähllheit von den Juden auf sie übergegangen wäre, ist aus den Episteln der Päpste zu ersehen, aus jeder größeren päpstlichen Bulle zu erkennen. Jmwcenz III. z. B. schreibt an August Phllipp, König von Frankreich, der sich geweigert, auf Geheiß des Papstes sich aus der Normandie zurückzuziehen: „Hat nicht Gott den Propheten zugerufen „ich habe dich über die Völker eingesetzt, zu bauen und zu zerstören"? Jnnocenz DI. hielt sich also für einen Jeremia. Keine andere Meinung hatte von sich Gregor VII. Die Christenheit wäre das hellige Volk, das auserwählte Volk, die Päpste die Fortsetzer der alten jüdischen Prophetie, und die Juden sind einfach ausgeschaltet und eliminiert. Sie haben keine Exitenzbcrechtigung, denn sie sind nicht mehr heilig und haben auch keine Propheten mehr. Also darf man sie schlagen! Sie sind überflüssig, haut auf sie ein! So bilden, die Perioden: Urchristentum, Früh- und Spät-Mittelalter, wenn man sie von einem gewissen zentralen Punkt betrachtet, Uebergänge, Phasen und Formationen des Judenhasses und Rechtfertigung des Judcnnwrdes und — was noch mehr ist -• das unaufhörliche Streben, unsere Existenz als überflüssig darznstelten, was nattirlich nur durch geistige Entwendungen aus unseren großen Kulluiarscnalcn möglich war. (Schluß folgt.) Aus aller Welt. Deutsches Reich. Berlin. Als nach den Oktober-Pogromen vom „Hilfsvercin der Deutschen Juden" und von der „Großloge für Deutschland" die unglücklichen Kinder, die infolge der Pogrome verwaist waren, zur Versorgung übernommen wurden, mußten 27 Waisen aus den verschiedensten Gründen in Odessa Zurückbleiben. Nunmehr sind auch diese Kinder versorgt worden; zehn von ihnen wurden bereits vor mehreren Wochen nach Amerika befördert und 17 trafen Mittwoch, den 22. Juli, hier ein. Zehn Knaben und sieben Mädchen im Alter von 3—11 Jahren — nur ein Knabe ist 15 Jahre alt — kamen in direkter Fahrt aus Odessa über Alexandrowo auf dem Bahnhof Friedrichstraße hier an. Zwei Damen führten die kleine Karawane. Die Kinder sind samt und sonders elternlos; entweder haben sie bei den russischen Massakres beide Eltern verloren, oder sie hatten nur noch Mutter oder Vater zur Zeit der Pogrome und diese letzte Stütze ist ihnen alsdann durch Mord entrissen worden. Von einem Mädchen lebt freilich noch die Mutter. Sie ist aber infolge des Pogroms wahnsinnig geworden. Nett gekleidet und gut ausschcnd — ein Zeichen der trefflichen Fürsorge des Odessaer Komitees, an dessen Spitze Frau Dr. Lubow Driso stxht — trafen die Kinder in Berlin ein. Während ihres mehrtägigen Aufenthaltes, der nötig wurde, uiit die persönlichen Angelegenheiten der Kinder, ihre Papiere usw. in Ordnung zu bringen, nahmen sich die Vertreter des Hilfsvereins und der Großloge der Kinder in der liebevollsten Weise an. Am Montag Wcnd reisten 5 Kinder in Begleitung nach Brüssel, wo dank der Bemühungen des Herrn Konsuls Franz Philippson für die Erziehung der Knrdcr in bester Weise Vorsorge getroffen ist. Auch für die übrigen Kinder hat der Hilfsvercin und die Großloge gute Pflegcstrllen besorgt. Es ist daher zu erwarten, daß alle diese Kinder ebenso wie die Waisenkinder, die vor 2 Jahren übernommen wurden, sich in - bester Weise entwickeln werden und daß ihnen nach den trüben Tagen eine hellere Zukunft bejchieden sein wird. Dresden. Der Jahresbericht der hiesigen israel. Religionsgcmeinde gibt einen Ueberblick über die Seelenzahl der jüdischen Bevölkerung im Königreich Sachsen. Danach haben jüdische Seelen: Leipzig 7938, Dresden 3931, Chemnitz 1569, Plauen 609, Zwickau 231, Zittau 197, Annaberg 147, Bautzen 75, in Summa 14 697 (— 0,32o/o der Gcsamtbevölkcrung). Durch Gesetz von 1904 sind die Verhältnisse der jüd. Gemeinden Sachsens auf eine gcineinsaine gesetzliche Grundlage gestellt und die jüd. Gemeinden als öffentlich - rechtliche Korporationen mit dem Recht der Steuererhebung anerkannt worden. Der Kultussteuerbedarf der Dresdner jüd. Gemeinde betrug 1907 61380 Jk und beträgt nach denr von der Kreishauptmannschaft genehmigten Haushaltungsplan für 1908 60830 Jk Kissingen. Die hiesige „Israelit. Kinderheilstätte" erhielt eine Spende von 1000 Jk. von einem Kürgast aus Hamburg. Schweinfurt. Den vereinten Mühen des Rabbinats und der Vorstandschaft ist es nach langen, Mif fast 12 Jahre sich erstreckenden Versuchen endlich gelungen, die im Jahre 1878 innerhalb des allgemeinen Friedhofs zur Benutzung zunächst auf 90 Jahre erworbene' israelitische Friedhofs-Abteilung von der hiesigen Stadtgemeinde käuflich zu erwerben. Dieses Resultat ist neben dem liberalen Entgegenkommen der beiden städtischen Kollegien vor allem dem wirksamen Eintreten des 1. Kultusvör« standes Kommerzienrat Heimann zu verdanken, der zugleich Mitglied des Magistrats ist. Das Abkommen zwischen der Stadt, Gemeinde und Kultusgemeinde hat bereits die Genehmigung der königl. Kreisregierung erhalten. Oesterreich-Ungar«. Wien. Einem Artikel der „Arbeiter-Ztg." betitelt: ' Ans dem Lande der Naphthagruben, entnehmen wir folgende Stelle: „Drohobycz hat ungefähr 15000 Einwohner, davon gut drei Viertel Juden. Von diesen verkommen leben Achtel in Elend und Schmutz, während ein Achtel ein üppiges Dasein führt, dessen Kosten zum größten Teil das Naphtha — wie das Rohöl hier allgemein genannt wird — bestreitet. Diese Entdeckung konnte ich schoil in den ersten Stunden nach meiner Ankunft machen. Der Ostteil der Stadt ist ein Whitechapel ins Kleinstädtische übersetzt; auf einer weiten Strecke drängt sich eine jäminerliche, dem Einsturz inehr oder weniger nahe Holzbude an die andere. Die Türen schief in den Angeln, die Fenster klein mit zerbrochenen Scheiben, die einen direkten Blick in fürchterlich unsaubere Räume gestatten. Grundloser Schlamin, selbst bei trockenem Wetter, auf dein Fahrweg, stinkende Jauche in den den Häusern entlang sich ziehenden Gräben und überall ein Gewimmel bleicher Weiber, Männer, Kinder, alle entsetzlich verioahrlost, alle init Zügen, aus denen der Hunger spricht. Das ist das Viertel, in dem die arme /irdische Bevöllernng haust. Einige hundert Schritte weiter durch die innere Stadt mit ihrem obligaten Ringplatz in den nördlich gelegenen Teil, und ein ganz anderes Bild zeigt sich unseren Blicken. Niedliche Cottagehäuschcn und Villen zwischen lachenden Gärten, dann wieder schloßähnliche Gebäude im französischen Renaissancestil mit weitläufigen Parkanlagen hinter kunstvoll geschmiedeten Gittern. Hier hausen die Naphthamagnaten: die Grubenbesitzer und Oelspekulanten, und beweisen, daß es eine Zeit gad, wo man Rohöl noch mit schönem Prosit handeln konnte. Womit beileibe nicht gesagt sein soll, daß heute nichts mehr daran verdient wird." Prag. Gelegentlich seines hiesigen Aufenthaltes besuchte Erzherzog Leopold Salvator auch die Altneu-Synagoge und den alten jüdischen Friedhof. Wir lesen hierüber im „Montagsblatt": „Sodann begab er sich in die Altneu-Synagoge, wo er längere Zeit verweilte und großes Interesse für dieses Altertumsdenkmal an den Tag legte. Von Hier begab sich der Erzherzog auf den alten jüdischen Friedhof, den er über eine halbe Stunde in Augenschein nahm und sich besonders anerkenn e n d ü b e r d i e st i l g e m ä ß e A n o r d n u n g der alten, von dem abgetrennten Friedhof s t e i l e stammenden Grabsteine au ß e r t e." Den „Bohemia" schreibt: „Erzherzog Leopold Salvator hat gestern, wie angekündigt, die Sehenswürdigkeiten Prags in Augenschein genommen. Kurz nach 10 Uhr vormittags hielt der erzherzogliche Wagen vor dem alten Judcnfriedhose in der Hampasgasse, an dessen Eingänge Herr David Lieben, der Obmann der Israelitischen Beerdigungsbrüderschaft und sein Stellvertreter Herr Max Hirsch den Erzherzog begrüßten. Dieser ließ sich darauf die Herren Vorsteher vorstellen, und unter Führung des Herrn David Lieben traten der Erzherzog und seine Suite den Rundgang an. Seine besondere Aufmerksamkeit erregten die Grabmäler Meisls, Baschewis, des Rabbi Löw, Awigdor Karos, die Aufstellung der Fragmente aus dem Jndengarten nsw. Bor dem Verlassen des Friedhofes trug der Erzherzog seinen Nanien in das Ehrenbuch ein, in welchem die Unterschriften Kaiser Franz Josefs, weiland Kronprinz Rudolf, Kaiser Wilhelms usw. eingetragen sind. Der Vorstand überreichte dem Erzherzog und seiner Suite Photographien und Broschüren und geleitete dann den Erzherzog zur Altneusynagoge. Hier übernahm abermals Herr Lieben das Führeramt und schilderte in kurzen Zügen die Geschichte dieser, einer der ältesten Synagogen der Welt. Mit Dankesworten an jeden einzelnen Herrn des Vorstandes verabschiedete sich der Erzherzog, der mehr als Vs Stunde den Sehenswürdigkeiten widmete." Budapest. Rabbiner Dr. Simon Hebest fordert zur Gründung eines „Ungar.-Jüd. Kultur- Vereins" auf, welcher Verein den durch die Landesgefetze gewährleisteten Rechten der ungarischen Juden Geltung perschaffen, dieselben verteidigen, innere Mängel beheben und die durch die Zeitverhältnisse verursachten Schäden sanieren soll. Als erste Aufgabe soll der Verein die Erhaltung der durch das Gesetz über den unentgeltlichen Volksschulunterricht in ihrer Existenz bedrohten jüd. Volksschulen, sowie die Erteilung von Religionsunterricht in jüdischen Zwerggemeinden bewirken. Lemberg. Der Soldat in der 3. Batterie des 11. Artillerieregiments Nuchmann Sandberg verübte einen Selbstmordversuch infolge schlechter Behandlung. Der aus Przemyslany gebürttge Sandberg trat vor 10 Monaten als Freiwilliger ein, hatte also Lust zum Militärdienst. Vor Wochen beklagte er sich schon bei Bekannten über den Antisemitismus, der in