Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 6 (1908)
- Issue
- Heft 30 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Artikel: Unsere Trauer. — Hinter den Perioden. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der zionistischen Bewegung — Aus der Lehrerwelt. — Feuilleton: Zwei Schnorrer oder Montecchi und Capulrtti. — Kunst und Literatur. — Wo chen-Kalender. — Fa m i l i e n n a ch r i ch t e n. Unsere Trauer. Von Jacob b. Elijah. Mit dem 9. Ab beginnt für uns eine lleue Zeitrechnung, die Zeitrechnung des Golus. Und wir zählen bereits 1839 Golusjahre. Mit dem 9. Ab, mit dieser doppelten Zeitrechnung, entstand das Doppelt um im Judentum. Wir „haben ein Vaterland und ein Land der Väter — doch keine Heimat. Und wir haben Pflichten beiden gegenüber — und gehen an den Doppelten Pflichten ebenso zugrunde, wie an der doppelten Rechtslosigkeit. .... Wir haben unsere Landessprache und j»ie Sprache unserer Väter. — doch ist weder die eine noch die andere unsere Volkssprache. . Die eine ist es nicht, da wir von einem Volke zum anderen wandern müssen; die andere ist cs daher auch nicht — und fo(£ es erst werden. Doppelt und daher nichts Ganzes. Wir suchten den jüdischen Geist in uns zu töten, um im Geiste unserer Wirtsvölker leben zil können — doch haben wir unsern Geist ebensowenig zu vernichten vermocht, wie den srcnrden Geist uns eigen zu machen. Und wir leiden nun an einem Doppel-Jch. So entstanden nun Inden ohne Judentum, jüdische Tempel ohne jüdischen Geist, jüdische Rabbiner mit nnjüdischen Predigten. So zählen wir gar viele Stammesgenossen, deren Judenheit nur ausreicht, um als Objekt für den Antisemitismus dienen zu können, — doch nicht, unc die jüdische Volksehre nicht zu schänden. * * * Mit dem 9. Ab beginnt unsere Golusgeschichte. Wir wanderten von .Land zu Land, und schlugen unsere Zelte auf, um weiter zu wandern. Oft wurden wir von einem Reich nach dem ander«: importiert, um eine Mission zu erfiillen. Hier sollten wir Barbaren zur Kultur erziehen, dort Handel und Industrie entwickeln. . . Und wir.hausierten ehrlich mit unserer Mission. Und war unsere Aufgabe erfüllt — - Da gab man uns den Wink: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen." * * ' - ' * Lange wiegten wir uns in Hoffnung auf den Fortschritt der Menschheit. Nun ist er bereits mächtig — «vir noch iminer ohnniächtig. Wir zählen schon das XX. Jahrhundert — und zählen jedes Jahr neue Judenmetzeleien, Schandtaten au unseren Töchtern, Plünderungen unseres Gutes, Vertreibung unserer Greise und Jünglinge. So bleibt das alte Judcnleid immer neu und jedes Jahr schlägt uns neue Wunden. Der 9. Ab ruft uns daher" zu: Los vom altneucn Judenleid, durch in altneues Judenlaud. Hinter den Periode«. Von M a x i m e L e M a i t r e. Nicht nur die Kulissen des Theaters, sondern auch die Perioden der Weltgeschichte bergen ihre Geheiinnisse. Was hinter den Kulissen räumlich vorgcht, vollzieht sich hinter den Perioden zeitlich. Und lvenil die Geheimnisse, die hinter und zwischen den Perioden der Weltgeschichte ruhen, «veniger bekannt «verden als das dunkle Treiben hinter den Kulissen, so ist es auf das Jneinandcr-Verschlungenscin des historischen Gewebes und aus die Windungen und Krümmungen des Zentralstranges des Geschehens zurückzuführcn. Das geschichtliche Werden vollzieht sich nicht nach p h t) s i k a l i s ch c n und in athematischen Gesetzen, und es ist heute überhaupt eine vielumstrittene Frage, ob geschichtliches Werden in Gesetze sich Pressen läßt. Auch der Bcgrisf Periode für die Ab- und Umgrenzung im Strome der Ereignisse ist nur menschliche Satzung. Sie ist Thesis, nicht Physis; denn ohne diese Setzung tvürde uns die Menschheitsgeschichte als ein Chaos im Reiche des Geschehens erscheinen. Wo setzt eine Periode der Weltgeschichte ein, «vie ist ihr Beginn und ihr Finale zu bestimmen? Durch die Zahl ivohl schwerlich, denn das Chronos, die Zahl, ist nur ein Notbehelf, nur ein Orientierungsmittel. Gilt es, die Tatsache des Werdens historisch zu stylisieren, d. h. das Faktum in ei» Abstraktum umzuwandeln, so müssen alle Windungei« und Kreuzungen im Reiche des Geschehens von einem zentralen Punkte aus betrachtet werden. Ter zentrale.Punkt, von dem aus wir alle Ereignisse und Erscheinungen in der Geschichte und im Leben zu betrachten haben, ist das jüdische Kulturbelvußtsein. Ich kann die Weltgeschichte nur alsJudebetrachtenund nur als Jude. Und lvenn ich durch das Prisma eines kollektiven Kulturbetvußtseins den Periodenbau der Weltgeschichte und was hinter und zivischen diesem Periodenbau liegt, betrachte, so offenbart sich meinem geistigen Blscke die Welt hinter mir in einer originalen Gestalt. Urchristentum, Mittelalter, Reforination, Renaissance und Humanismus, das XVUl. Jahrhundert alles Perioden der Weltgeschichte. Vom Urchristentum und Christentum sagen die Lauscher der Bergpredigt, es tväre Beginn und Fortsetzung der Offenbarung, der Religion, ja der modernen Kultur schlechthin. Vorn Mittelalter erzählt Frater Jose, es wäre das goldene Zeitalter der Christenheit, und jeder Vertteter irgend einer Wcltansicht tvciß einen Dithyrambus auf diese oder jene Periode der Weltgeschichte zu singen. Betrachten wir aber als Juden den Periodcnbmr der Weltgeschichte und alles, «vas hinter und zroischen den Perioden liegt, da nehmen wir nur eine Tatsache wahr: Jede Periode der Weltgeschichte zeigt in dieser oder jener Form die Tendenz, das Judentum und seine Fortdauer aus dem Leben und der Geschichte zu eliminieren. Als der hellenische Kulturgeist in einer dekadente«« Gestalt sich anschickte, sich imperalistisch auszubreiten, und ein dekadentes, sieches Rom die monströse Idee des Imperii Romani zu ver- «virklichen im Begriffe war, und als sich diese zwei großen Kulturideen des schon kranken Älltertums zufamnientrafen, schwoll der Haß gegen Juden und Judentum turmhoch an. Man hat nirgends so viel antisemitelt als im stoischen Rom, im Rom des milden Seneca. Es galt, einen gefürchteten Gegner aus der Welt zu schassen: das Judentum. Und das Christenttim in seiner pscudophilosvphischen Urgestalt «var noch mehr als eine Verdichtung von Grabes- und Friedhofsstimmuiigcu, die den Menschen des ausgehenden Altertuins gepackt, mehr als eine Vermählung zwischen Hellas und Ron«. Es «var vielmehr unter anderem und vielleicht hauptsächlich ein gemeinsamer, feindlicher Schritt, ein feindseliges Unterfangen gegen Juden und Judentum. Und das erste Zucken des Christentums «var auch das erste Zücken des Damoklesschtvertes gege«« ein Volk und seine Kulturgüter, das das heidnische Rom übcrivunden und das christliche Rom über«vindcn sollte: gegen die Juden. Dieses feindselige Unterfangen des vereinten Feindes gegen uns verdient schon deshalb geschichtsphilosophisch stylisiert zu «verden, «veil es eine neue Methode in« Kampf gegen das Judenttrm darstellt. Was das echte Heldenschwert des Röiners und die Lanze des angerömelten Barbaren, was Tigersraß und Städtebrand nicht ausgerichtet, nämlich «insere Vertilgung, sollte eine Idee ausrichten. Direkt ausrotten ko««nte man uns nicht, und nun sollten wir indirekt eliminiert werden. Die Methode war einfach: Uns überflüssig machen. Sie entnahmen unserer Lehre wichttge Bestandteile, formten sie in ihrem Geiste um, sie glaubten, den Inhalt des Judentuins ummodcln zu können, um ih«« da«m in ihre Lehren einzufügen. So den Gottesgedanken, die Messiasidee, den Dekalog usw. Dann steltten sie sich als die echten Vertteter des Judentums hin und erklärten das jüdische Volk für überflüssig. Ein überflüssiges Volk hat auch keine Existenzberechtigung, und wem die Natur keine Rechte gibt, den brauchen auch die Menschen nicht zu schonen: Als»